ſiegt und geſchlagen, daß es ſeit dieſem Tage eine däniſche und pol⸗ niſche Frage eigentlich nicht mehr gibt.
Es war ein förmliches Turnier, das am 18. März abgehalten wurde, zuerſt zwiſchen Polen und Deutſchen, und dann zwiſchen Deutſchen und Dänen. Gewiſſermaßen als Kampfrichter fungirte beide Mal— Graf Bismarck. Beim Polen⸗Turnier kämpften lauter Adelige, drei Deutſche gegen drei Polen; und der Kampf wurde auf beiden Seiten mit ritterlicher Geſchicklichkeit und leidenſchaftlicher Bravour geführt. Zuerſt trat in die Schranken: Herr von Kan⸗ tak, Rittergutsbeſiper aus Poſen und langjähriges Mitglied des Ab⸗ geordnetenhauſes. Sein Aeußeres, eine mittelgroße, gedrungene, ſchon kahlhäuptige Geſtalt, mit gewöhnlichen Geſichtszügen und einer fehlerhaften Naſenbildung, läßt weder auf einen Angehörigen jener Nation ſchließen, die wir nach ihrer eleganten Beweglichkeit und ihrem warmblütigen mouſſirenden Temperament die„Franzoſen des Oſtens“ zu nennen pflegen, noch das echtrhetoriſche Pathos, den effect⸗ vollen Schwung vermuthen, mit dem er ſein Klagelied über Polens hundertjähriges Märtyrerthum anhebt.„Meine Herren,“ ſpricht er mit rollenden, flammenden Augen,„wenn ich hier in Ihrer Mitte die Tribüne des Reichstages eines norddeutſchen Bundes betrete, dann bin ich mir der Größe der Aufgabe und der Wichtigkeit des Moments für Sie und das deutſche Volk, das hinter Ihnen ſteht, wohl bewußt.“— Er gratulirt dem norddeutſchen Bunde zu ſeiner Exi⸗ ſtenz;— doch nun folgen die Aber, eins immer proteſtirender und anklagender als das andere. Er und ſeine Landsleute wollen mit dem norddeutſchen Bunde nichts zu thun haben, denn ſie ſind zwar Preußen— leider! kann man zwiſchen den Worten des Redners heraushören— aber nie und nimmermehr werden ſie Deutſche wer⸗ den, ſondern ſie wollen bis ans Ende der Welt Polen bleiben, nur Polen! Der Deutſche hat ihnen ihr Erbe genommen, das Land ihrer Väter, er hat ſie aus Freien zu Sclaven gemacht, jetzt will er ihnen auch noch ihre Sprache, ihre Nationalität nehmen, indem er ſie einfach dem norddeutſchen Bunde einverleibt; aber ſie proteſtiren ge⸗ gen dieſe Einverleibung, die ihr angeborenes Recht und noch zu Kraft beſtehende internationale Verträge verletzt, ſie proteſtiren gegen die Competenz des Reichstages, deſſen Beſchlüſſen ſie nicht unterworfen ſind, und ſie verlangen immer wieder: eine eigene nationale Ver⸗ tretung und eigene nationale Inſtitutionen.— Keuchend, mit fliegen⸗ dem Athem, bebender Stimme und glühendem Geſicht ſchließt der Red⸗ ner, während das kleine Häuflein ſeiner Landsleute ihm ſchallenden Beifall zuruft, auf den Geſichtern der ganzen Verſammlung ſich eine gewiſſe Theilnahme, ein unbeſtimmtes Mitleid ausdrückt.
Doch dieſe halben Sympathien, dieſe ſentimentalen Regungen ſollen ſogleich verwiſcht werden. Noch ehe einer der Deutſchen gegen den Polen anzurennen vermag, erhebt ſich der Kampfrichter, Graf Bis⸗ marck und hält jene denkwürdige, wahrhaft hiſtoriſche Rede, deren Sätze wie Keulenſchläge auf die Häupter der Polen niederfallen, und vor deren unerbittlicher Beweisführung das für ſchwache Gemüther ſonſt wohl beſtechliche polniſche Phantom ſchwinden muß.
Nach ſeinen An⸗ und Ausführungen, welche durch öftere„Hört! Hört!“ unterbrochen werden und im ganzen Hauſe ungemeine Sen⸗ ſation erregen,— wiewol ſie einem, der ſo glücklich geweſen, in Altpreußen ſeine Elementarbildung erhalten zu haben, aus Heinels kleinem Leitfaden der preußiſchen Geſchichte durchaus geläufig ſein müſſen; nach ſeinen ſchlagenden An⸗ und Ausführungen hatten die deutſchen Kämpen leichtes Spiel; ſie begnügten ſich, die vom Grafen Bismarck aufgeſtellten Theſen zu commentiren und, da ſie, gleich den polniſchen Abgeordneten, den Provinzen Poſen und Weſtpreußen an⸗ gehören, aus eigener Erfahrung durch Beiſpiele und Belege zu illu⸗ ſtriren; ſie wieſen vollends nach, daß die Tragödie von dem Mar⸗ tyrium Polens nichts mehr als eine allerdings ſchöne und rührende Dichtung iſt.
Das that zunächſt Herr von Sänger, Rittergutsbeſitzer auf Grabowo bei Miaſteczko, ehemaliges Mitglied des Caſino in der Paulskirche, bis in die letzte Zeit dem Abgeordnetenhauſe und noch jetzt den Altliberalen angehörig, die im gegenwärtigen Reichstag die 27 Mann ſtarke Fraction des„Centrums“ bilden. Dieſer große Herr mit der militäriſchen Haltung, dem grauen Schnurr⸗ und weißem Backenbart nebſt Adlernaſe iſt dazu vorzugsweiſe berechtigt, denn er iſt ein ergrauter Vorkämpfer des Deutſchthums in der Pro⸗ vinz Poſen. 1848 wollten die Polen ſeine Beſitzung zerſtören, er waffnete ſich dagegen, und ſeine geſammten Arbeiter polniſcher Nation
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ſcharten ſich um ihren verehrten Herrn. In trockenen aber wuch⸗ tigen Sätzen, wie es ſeine Weiſe iſt, zeigt er den Herren Polen, was ſie zu gewärtigen hätten, wenn ihrem Proteſt Folge gegeben werden ſollte: den volks⸗ und handelswirthſchaftlichen Ruin der reclamirten Provinzen.
Auch gegen dieſes Argument bleibt der nächſte polniſche Ritter, Herr Dr. jur. von Niegolewski taub. Er ſchüttelt ſein langes gelocktes Haar, das ſchon zu ergrauen anfängt, und legt in ſeine Rede noch mehr Schwung, Begeiſterung und Leidenſchaft, als Herr von Kantak, indem er Polen„ſeit Jahrhunderten die Avantgarde der Civiliſation gegen das Hereinbrechen der aſiatiſchen Barbarei“ nennt und das Haus ermahnt,„das Unglück ſeines Vaterlandes zu ehren.“ Herr von Niegolewski iſt der Stolz der polniſchen Fraction.„Laut! Lauter!“ rufen ihm ſeine Landsleute zu und äußern ihr Vergnügen über die brillanten Redewendungen ihres Führers in der überſchwäng⸗ lichſten Weiſe. Den Reden der Gegner folgen ſie mit erregteſter Aufmerkſamkeit, unterbrechen ſie häufig durch kurze Einwürfe vom Platze aus, ſtecken bei einem unerwarteten Argument die Köpfe zu⸗ ſammen, inſtruiren den nächſten ihrer Redner, kurz, ſie geben ein Bild der franzöſiſchen Kammer im kleinen. Ihre kindliche Freude, wenn ſie unter dem Vorwande einer„perſönlichen Bemerkung“ noch eine ſpitzige Redensart losgeworden ſind und ſich dann ins Fäuſtchen lachen, zeugt, daß ihnen in Wahrheit durchaus nicht ſo ernſt und traurig zu Muthe iſt, wie ſie glauben machen wollen.
Nun erhebt ſich in der Schriftführerloge Freiherr von Unruhe⸗ Bomſt, Landrath und Rittergutsbeſitzer aus Poſen und gleichfalls ein mehrjähriges Mitglied des Abgeordnetenhauſes, jetzt zu der Frac⸗ tion der Frei⸗Conſervativen ſich zählend. Wie auf der Kanzel ſteht er da, groß und ſtark und robuſt, von friſchgeröthetem Geſicht und vollen Wangen. So entrollt er in hohem Tenor friſch und ſieges⸗ gewiß ein Bild des fortſchreitenden Deutſchthums und des ſtetigen Ver⸗ luſtes an Terrain auf Seiten des polniſchen Elements in der Provinz Poſen; wo die Hauptſtadt nach dem Ausſpruche eines polniſchen Blattes einen„erſchreckend deutſchen Eindruck“ mache, alle Cultur und Bildung, wie es auch die formale Gewandtheit und ſchillernde Diction der polniſchen Redner bezeugen, deutſch und nur deutſch ſei.
Herr von Donimierski, der dritte im polniſchen Bunde, ein würdiger, alter Herr mit dickem, runden Kopf, hält es nicht mehr für lohnend, noch die Tribüne zu beſteigen. Er ſpricht vom Platz und muß zugeben, daß ſeine Wähler zum größten Theil Deutſche ſind, die von einer Wiedererweckung Polens nichts wiſſen wollen. Er be⸗ klagt ſich nur über manche ungeſchickte Germaniſirungsverſuche, die in ſeiner Heimat geſchehen, und ſucht ſich und ſeine Standesgenoſſen dagegen zu rechtfertigen, als ob ſie die polniſche Bewegung nur künſtlich nähren. 3
Kaum hat es Herr Stadtrath von Hennig, jener hohe, kräf⸗ tige, wohlconditionirte Vierziger mit der etwas zurücktretenden Stirn, noch nöthig, auch ſeinerſeits gegen die polniſchen Fechter einen Aus⸗ fall zu machen: ſie ſind ohnedies total geſchlagen. Da ſie das aber noch immer leugnen, zieht auch er aus ihrer Geſchichte einige Nutz⸗ anwendungen. Im altpreußiſchen Dialekt, wo die Vocale ſo breit und behäbig ſich ausrecken, und die Conſonanten ſo ſcharf und hart hervorſtürzen, mit überlauter und ſehr entſchiedener Stimme erinnert er die Herren an das Jahr 1831, wo ſie nach zeitweiliger Abſchüt⸗ telung der ruſſiſchen Herrſchaft ſich nicht entſchließen konnten, die Emancipation der Bauern auszuſprechen, weshalb dieſe fortan zu ihrem Adel kein Vertrauen mehr hatten und bei dem letzten Aufſtand ihn allein ließen.
Herr von Hennig, früher Gutsbeſitzer in Weſtpreußen und auch
jetzt im Reichstag der Vertreter eines weſtpreußiſchen Wahlkreiſes, gehört ſeit 1852 dem Abgeordnetenhauſe an. Er war es, deſſen Mißtrauensvotum den Cultusminiſter von Bethmann⸗Hollweg ſofort nach deſſen Rede für die Schulregulative zum Rücktritt bewog und damit einen neuen Riß in das Miniſterium der neuen Aera brachte. Seitdem war er ein eifriges Mitglied der gleich darauf ſich bildenden Fortſchrittspartei, und auch jetzt, wo er den Nationalliberalen ſich angeſchloſſen, kann er die alte Fehdeluſt gegen das Miniſterium nicht unterdrücken. Graf Bismarck hat vorhin bei ſeiner Perluſtration der polniſchen Geſchichte den ſogenannten Eidechſenbund der Städte und Landſtände, welche das Ordensland dem Erbfeinde Polen über⸗ geben, die damalige preußiſche Fortſchrittspartei geheißen. Herr von Hennig weiſt dieſen begreiflichermaßen ihm unbequemen Vergleich
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