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„Ich danke Ihnen nochmals für das Intereſſe, welches Sie mir und meiner Familie bezeugt,“— ſagte er—„ich hoffe, daß alles gut ablaufen wird, doch wenn nicht... nun, Gott ſchütze Sie und meine Lieben!“...
Er wandte ſich von mir ab, ohne meine Antwort zu erwarten, hob den Kopf mit einem Ausdruck von Ruhe und Würde, wie ich es ähnlich nie geſehen, in die Höhe und gab dem Fürſten ein Zeichen, daß er bereit ſei.
Einer der Secundanten des Cavaliere, welcher der älteſte von den Zeugen des Kampfes zu ſein ſchien— warf einen Blick auf die beiden Duellanten, rief:„attenti signori!“— und nachdem er ſich nochmals überzeugt, daß beide vollſtändig vorbereitet waren, klatſchte er drei Mal in die Hände— und langſam, aber feſten Schrittes gingen die Gegner auf einander los.
Das Drama, welches ich hier dem Leſer beſchreiben werde, hat bis zu ſeiner ſchaudervollen Endkataſtrophe nur einige Minuten ge⸗ dauert, und obgleich dieſe kurze Spanne Zeit uns allen ein Jahr⸗ hundert zu währen ſchien,— ſo wird man doch leicht begreifen, daß keiner von denen, die das Unglück hatten, ihm beizuwohnen, fähig ſein würde, eine detaillirte Beſchreibung deſſelben zu geben.
Ich ſah, wie beide die Grenze der zehn Schritte überſchritten hatten— ich ſah, wie beide ihre Waffe erhoben,— und einer dem andern immer näher kam— ich ſah, wie ſie ſich mit den Augen maßen, Salviati mit düſter ſtrahlendem Blicke— Camillo ruhig, er⸗ haben.— Da ſehe ich eine Rauchwolke vor Salviatis Piſtole... ich ſchloß die Augen, mein Herz hörte auf zu ſchlagen... der Schuß krachte,.... bebend öffnete ich die Augen!— O, Gott im Himmel ſei Dank... Camillo ſtand aufrecht... ein leiſes Schwanken... und dann ſchritt er eben ſo ruhig wie vordem auf den Cavaliere zu.
Dieſer zeigte in den erſten Secunden den Ausdruck des höchſten Erſtaunens auf ſeinem bleichen Geſichte,— es ſchien ihm unbegreif— bar zu ſein, nicht getroffen zu haben!— Bald jedoch wurde er blaß
immer bleicher— je näher Camillo mit erhobener Waffe... das heißt, je näher ihm ein ſicherer, unvermeidlicher Tod kam, je erd⸗ farbener wurde ſein Geſicht... doch plötzlich nahm daſſelbe einen hämiſchen Ausdruck an, wie ich einen ſolchen noch nie geſehen— er ſchien ein Dämon, deſſen verzerrte Züge ein teufliſches Lachen nur mühſam unterdrückten....
Und immer näher kam Camillo, immer näher... nur noch einige Schritte... das Blut gerann in meinen Adern... o, ich glaube, ich wäre ruhiger geweſen, wenn ich an Salviatis Stelle ge⸗ ſtanden..... jede Secunde bis zur Kataſtrophe war ja eine Ewig⸗ keit.... jetzt ſtand er ihm ganz nahe, noch einen Druck... eine
Binderhemegan und ein Schurke— nein, ein Menſch ſtand vor Gott!
..o ich werde den Anblick nie vergeſſen.... da ſenkte Enmillo plötzlich ſeine Waffe,— nahm ſie in die linke Hand und— ſtreckte die Rechte dem Cavaliere entgegen.
„Willſt Du mir verzeihen, Carlo, daß ich Dich geſtern beleidigt habe?“— ſagte er,—„komm, gib mir Deine Hand, damit ich Dir meinen Tod verzeihe!— Sei meinem armen verlaſſenen Vater ein Sohn— Saſbi Verlaſſe Du ihn mie. börf Du?— Denk an Gott—. Gott... Deine Hand.. Deine Hand...
.Jeſus Men. Nimm, meine e Seele, 0 Herr!“—
ſn⸗ Wahnſinnige ſtürzten wir alle hinzu.... ich fing den Major in meinen Armen auf.... der Arzt beugte ſich über ihn.... einige Augenblicke tödtlicher Angſt...
„Nulla da fare!— es iſt nichts zu machen“— ſagte dieſer, indem er den Kopf wieder erhob....„er iſt todt!“
Ein einziger Schrei entfuhr unſer aller Bruſt... Ohnmacht nahe....
ich war einer
Wir ſtanden regungslos um den Leichnam Camillos,— den man unter einen Baum getragen hatte. Noch einmal hatte der Arzt ihn unterſucht und uns die ſchaudervolle Gewißheit beſtitizi
Sin Pairiſcher General.
Lebensſkizze vom Verfaſſer des„Deutſchen Officiers“.
Gefährtinnen überſtrahlt. Chauſſee, und viele Vorübergehende haben hier ihren Namen in die Rinde geſchnitten. kann man röthlich⸗friſche Buchſtaben ſehen, die erſt vom vergangenen
.... Auf dem Wege von Kiſſingen nach dem Dorfe Winkels— kurz vor dem ſogenannten Hain⸗Hölzchen, welches die Mulde zwiſchen dem Sinn⸗ und Oſterberge bedeckt, ſteht am Rande der Chauſſee, öne ſchlanke Pappel, deren üppiger Wuchs alle ihre
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„Es iſt kaum glaublich,“ ſagte er,„mit ſolch einer Wunde noch zehn Schritte zu gehen und zwanzig Worte zu ſprechen!—— O, es könnte einem Menſchen, der dieſe Wunde ſieht,— ſchwindeln— alle Wiſſenſchaft iſt über den Haufen geworfen— dieſe Wunde war auf der Stelle tödtlich.... der Major war meiner vollſtändigen Ueber⸗ zeugung nach todt, als er noch ging.. und ſprach!—— Eine ſolche V Energie... meine Herren... wir haben es alle geſehen,— und niemand wird es uns glauben— und beſonders die Sachverſtändigen nicht!“
Mein Kopf drehte ſich im Kreiſe, ich begriff das teufliſche Lächeln Salviatis— er allein hatte geſehen, daß das Blut ſtromweiſe aus Camillos Bruſt quoll, als er auf ihn zuſchritt, und wahrſcheinlich hatte er berechnet, daß es unmöglich mit einer ſolchen Wunde wäre, daß er bis zu ihm heran käme— und wenn dies auch wirklich ge⸗. ſchehe, würde ſeine Hand beim Abdrücken zittern.... und wenn er 7 auch unkerliehe ſo war doch ſeine Rache erfüllt. V
O, ich bebte am ganzen Körper, wenn ich an dieſen Menſchen dachte, der einige Schritte vor uns ſtand und die Blätter eines Oliven⸗ zweiges, den er von einem Baume gebrochen, eins nach dem andern — langſam— als wenn nichts— gar nichts vorgefallen wäre, zerpflückte.—
Cibo nahete ſich ihm endlich.„Signor Cavaliere,“ ſagte er mit V ernſter Stimme,—„der Major Camillo Ginozzi, Ihr Vetter,— iſt von Ihrer Hand getödtet worden— beliebt es Ihnen, Ihre weiteren Beſtimmungen über das nachfolgende Duell uns mitzutheilen?“
„Ich bedauere unendlich,“— verſetzte Salviati,—„ſolchen unglücklichen Schuß gethan zu haben, aber ein Duell iſt ein Duell, und die, welche es provociren, ſollten an alle möglichen Folgen im voraus denken.— Ich muß heute noch abreiſen— ſehe keinen Grund, die andere Affaire nicht gleich zu erledigen und bin nicht willens, dieſes zweite Duell aufzuſchieben,— es wäre denn, daß dieſer Deutſche mir genügende Satisfaction gäbe, mich um Verzeihung bäte, wenn ihn der Anblick des ſo eben Geſchehenen zu ſehr angegriffen hat!“
Der Fürſt überbrachte mir den Antrag des Cavaliere— und ich ging dem Orte zu, wo die Degen niedergelegt waren und ergriff den erſten beſten.
„Bitte,“ ſagte ich zum Fürſten,—„beſchleunigen Sie die Vor⸗ bereitungen ſo viel wie möglich— ich bin in einer ſolchen Aufregung, daß ich fähig wäre, die Scene von geſtern Abend zu wiederholen.“
„Beruhigen Sie ſich,— um Gottes Willen—“„ſagte Palla Caſſotti,—„wenn er ſo geſchickt ſticht wie ſchießt.
„Schnell,... ſchnell...,“ unterbrach ich, indem ich mit der Waffe durch die Luft hieb,...„ich kann nicht warten!“ 1
Zufälliger Weiſe hob ich den Kopf in die Höhe, und mein Blick traf den Cavaliere.... O ich mußte mich mit aller Gewalt be⸗ zwingen, um nicht auf dieſen Menſchen loszuſtürzen und.... jenes Lächeln.... jenes dämoniſche Grinſen, das ich bemerkt, als Camillo auf ihn zuſchritt.
da war es wieder, als er meine unſinnige Luft⸗
fechterei beobachtete. 8
Es war wirklich ein Glück, daß die Secundanten in wenigen Alune dati Minuten ihre Vorbereitungen beendet hatten— ich weiß nich— n Juli. was ſonſt geſchehen wäre— denn als ich mich endlich, die Waffe in benden R. der Hand, meinem Feinde gegenüber befand, zeigte ſich bei mir eine nder Nek Erſcheinung, die ich ſpäter auch bei anderen eigenthümlichen Geiſtes⸗ organiſationen Gelegenheit zu beobachten hatte, nämlich außerordent- I Pand liche Aufregung vor und nach der Gefahr und vollſtändige Geiſtes⸗s Brrühen ruhe, während man dieſelbe zu vermeiden oder zu beſiegen ſucht. Zol
Als mein Degen ſich mit dem des Cavaliere kreuzte,— war ich wie durch einen Zauberſchlag— vollſtändig ruhig geworden, ſogar dermaßen ruhig, daß ich gleich im erſten Augenblick begriff, daß ich mich in der größten Gefahr befände, und all meinen 2 Muth, Kraft und Geſchicklichkeit aufzubieten hätte, wenn ich nicht in wenigen Mi⸗ nuten das Loos des armen Majors theilen wollte.
(Fortſetzung folgt.)
Es iſt der ſchönſte Baum der ganzen
Etwas tief, rechts unter den obigen Einſchnitten
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