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Profeſſor der Geſchichte und Philoſophie am katholiſchen Lyceum zu Braunsberg in Oſtpreußen.
Schon im Abgeordnetenhauſe war Dr. Michelis eine bekannte, weil meiſt etwas komiſche Figur; wegen der Naturwüchſigkeit, mit welcher er ſich über die Geſetze der Logik und Dialektik hinwegzuſetzen liebte; wegen der barocken Einfälle und kühnen Behauptungen, womit er ſeine Reden zu würzen pflegte, jedesmal homeriſche Heiterkeit her⸗ vorrufend. Allmählich hatte er ſich mehr in die parlamentariſchen Formen und Uſancen gefunden, und im übrigen fehlt es, ihm keines⸗ wegs an naivem Witz und derber Laune, ſo daß man ihn ſtets gern und mit vergnüglicher Erwartung hörte. Schon im Abgeordneten⸗ hauſe ſtimmte er, der katholiſche Geiſtliche, mit der äußerſten Linken; eine merkwürdige Erſcheinung, die wieder Graf Bismarck auf dem Gewiſſen hat, inſofern dieſer Mann durch ſeine überraſchenden Er⸗ folge eine vollſtändige Zerſetzung der alten Parteien herbeiführte, die heterogenſten Elemente ſich plötzlich nähern und miteinander ver⸗ miſchen ließ, namentlich aber vielen Geiſtern den gewohnten Halt entzog, indem er ſie in den Strudel einer widerſtrebenden Begriffs⸗ wandlung und unheimlichen Vegriffsverwirrung warf.
Auch im Reichstag, wohin er durch Nachwahl für den Kreis Kempen gelangte, ſaß Dr. Michelis auf der äußerſten Linken unmit⸗ telbar vor den Polen, für gewöhnlich mit der Lectüre eines ultra⸗ demokratiſchen Blattes, wie der„Rheiniſchen Zeitung“ und der von Johann Jacoby neuerdings begründeten„Zukunft“ beſchäftigt; und ſchon am erſten Tage ſeines Eintritts brachte ihn das Loos auf die Rednertribüne, wo er in gewohnter Weiſe gegen den Verfaſſungsent⸗ wurf perorirte und die Verſammlung bei ihrem Seelenheil beſchwor, dieſen nicht anzunehmen. Später machte er gegen den Abgeordneten Dr. Köſter die witzige Gegenbemerkung, daß dieſer, indem er ſeine „Gewiſſensbedenken“ mit Teufelskrallen verglichen, die ihm aus der preußiſchen Verfaſſung entgegenſchauten, ſeine(Köſters) ſonſt unge⸗ ſalzene Rede mit einem Körnchen Salz gewürzt habe.
Dr. Michelis iſt ein großer, ſtarkknochiger, maſſiv gebauter Mann von wohlgenährtem und kräftig⸗geſundem Ausſehen, der ſtatt ſeiner 52 Jahre erſt 42 zu zählen ſcheint. Dieſe Figur würde auch einem Reiter⸗ hauptmann gut anſtehen; in den langen Prieſterrock gehüllt, erinnert ſie an einen Geiſtlichen des Mittelalters, wo die Streiter der Kirche zugleich Streiter im Felde waren. Das Geſicht iſt voll und rund, die Naſe lang und ſtark, alle Bewegungen raſch und entſchieden, das volle dunkle Haar läßt die Tonſur kaum entdecken. Seine Stimme iſt laut und dröhnend, als ob er auf der Kanzel ſtände, der Geſichtsaus⸗ druck ernſt und ingrimmig, auch bei den originellſten und poſſirlich⸗ ſten Wendungen ſeiner Rede, deren er ſich gar nicht bewußt zu ſein ſcheint. Er beginnt ſogleich mit der offenen Erklärung, daß er ſich genöthigt ſehe, auf die Generaldebatte zurückzugreifen und läßt ſich durch das widerſpruchsvolle„Oho!“ des Hauſes davon nicht abhal⸗ ten, ſondern wendet ſich gegen eine Aeußerung des Miniſterpräſiden⸗ ten und ſucht ſeine Stellung als katholiſcher Geiſtlicher einerſeits und als Volksvertreter andererſeits zu erklären.—„Zur Sache! Zur Sache!“ ruft ihm die Verſammlung zu. Vicepräſident Bennigſen hat ſich erhoben und ſtreckt die Hand dreimal nach der Glocke aus, zieht ſie aber dreimal wieder zurück, indem er auf ein Einlenken des Redners zu hoffen ſcheint. Vergebens, Dr. Michelis fährt in ſei⸗ nem Hin⸗ und Herreden fort; endlich der Präſident:„Ich erinnere den Redner, daß er das Wort gegen Artikel 3 des Verfaſſungsent⸗ wurfs und für das Amendement des Dr. Schaffrath hat.“—„Ganz wohl,“ entgegnet Dr. Michelis, ſich halb gegen den Präſidenten wen⸗ dend,„aber ohne dieſe Ausführungen kann man meine Logik nicht verſtehen!“— Große Heiterkeit des Hauſes, während er unbeirrt daſſelbe Thema verfolgt.„Ich unterbreche den Redner,“ fällt Herr von Bennigſen dazwiſchen,„und erinnere ihn, daß dieſe Dinge nicht in die Specialdebatte gehören.“—„Geſtern,“ erwidert Michelis, „hat ein anderer Redner unter demſelben Herrn Präſidenten ſich in ähnlichen Aeußerungen ergangen, ohne daß ihm Einhalt gethan wor⸗ den.“—„Eine ſolche Kritik des Vorſitzenden,“ ſpricht Herr von Bennigſen ruhig wie immer,„iſt ungeziemend. Dennoch erwidere ich zu meiner Rechtfertigung, daß die Ausführungen des Abg. Scherer, der geſtern geſprochen, weil ſie ſich auf confeſſionelle Verhältniſſe be⸗ zogen, durchaus am Orte waren.“—„Habe ich das Wort, um weiter zu ſprechen, oder habe ich's nicht?“ fragt giftig Dr. Michelis. —„Noch haben Sie's,“ antwortet warnend der Präſident,„aber wenn Sie ſo fortfahren, werde ich es Ihnen entziehen müſſen.“—
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„Ich habe nur geſagt, was zu ſagen nöthig iſt, und fahre alſo fort,“ erklärt Michelis hartnäckig, und wirklich dreht er ſich nach wie vor in demſelben Kreiſe von Anklagen einerſeits und Rechtfertigungen ſeiner Perſon andererſeits. Es iſt offenbar Trotz, geradezu eine Her⸗ ausforderung, ja Verhöhnung des Präſidenten, aber während das Haus lacht und lärmt, bewahrt dieſer den gewohnten Gleichmuth, bis er endlich ſpricht:„Ich unterbreche den Redner zum dritten Male und frage nun auf Grund des Artikel 42 der Geſchäftsordnung die Verſammlung, ob ſie den Herrn Abgeordneten Dr. Michelis noch wei⸗ ter anhören will?“ Dafür erheben ſich nur etwa 50 Mitglieder, un⸗ ter ihnen auch auffälligerweiſe Dr. Simſon, der jetzt zu Füßen der Präſidentenloge ſitzt. Sonach iſt das Wort dem Redner entzogen, aber er verlangt es noch einmal zu einer perſönlichen Bemerkung.— „Die können Sie erſt am Schluſſe der Debatte machen, und ich habe Sie dazu notirt,“ beſcheidet ihn Herr von Bennigſen. Während ein anderes Mitglied die Tribüne betritt, wendet ſich Dr. Michelis mit aufgeregter Miene und Geberde zu Dr. Simſon und ſcheint ihm wegen des gegen ihn eingeſchlagenen Verfahrens erbitterte Vorſtel⸗ lungen zu machen. Dr. Simſon ſucht ihn zu beſchwichtigen und tritt ſpäter noch einmal an ihn heran, aber Dr. Michelis, jetzt auf ſeinem Platze ſitzend, antwortet mit einem entſchiedenen Kopfſchütteln und einer noch entſchiedeneren Handbewegung. Was dieſe zu bedeuten, wird dem Hauſe am Schluſſe der Debatte kund: Dr. Michelis tritt vor und erklärt, daß er ruhig und wohlüberlegt ſein Mandatniederlege und den Saal verlaſſe. Ein höh⸗ niſches Bravo der Rechten antwortet ihm, und unter dieſem Eclat geht er hinaus, um nicht mehr wiederzukommen.
Kurz vorher hatte ſich ein ähnliches Intermezzo, nur in weniger geräuſchvoller und lächerlicher Weiſe zugetragen, das mehr einen peinlichen Eindruck machte. Der Held oder Urheber war diesmal Dr. Guſtav Freytag.
Der herzoglich gothaiſche Hofrath, von Erfurt in den Reichstag entſandt, ſitzt, wie ſchon früher bemerkt, auf der dritten Bank des linken Centrums, nur durch den Conſul Meier aus Bremen von Rothſchild getrennt. Der äußere Menſch entſpricht durchaus der Vorſtellung, die über den fleißigen Dichter im Schwange iſt. Eine kaum mittelgroße, ſchmächtige und feine Geſtalt, zu welcher der ſchwarze Leibrock und die grauen Beinkleider nicht recht paſſen wollen. Der Kopf ein hübſches Oval mit blondem, geſcheiteltem und etwas langem, an den Enden lockigem Haar, blauen milden Augen, kleinem Schnurr⸗ und Stutzbart und noch ſanft gerötheten, friſchen Wangen. Etwas ungemein Keuſches und Schlichtes, Anmuthiges und Anſpruchsloſes iſt über ſein ſanftes Geſicht ausgegoſſen und drückt ſich auch in ſeinem ganzen Weſen aus. Auch er erſcheint weit jünger, als er wirklich iſt, höchſtens 40 Jahre alt, wie⸗ wohl er die Fünfzig ſchon überſchritten; nur die Falten um die läng⸗ lichen, wenn ſie ſich ſcharf auf ein Object richten, etwas zugekniffenen Augen verrathen ein höheres Alter.
Sein Erſcheinen unter den Politikern erregte im Hauſe viel Theilnahme und einige Verwunderung; kürzlich begrüßte ihn Graf Bismarck, wie es ſchien, mit einer Miſchung von Neugierde und Achtung. Guſtav Freytag hat die Flut der zu den einzelnen Ar⸗ tikeln des Verfaſſungsentwurfs geſtellten Amendements und Unter⸗ amendements noch um eins vermehrt und ſich während der General⸗ und Specialdebatte verſchiedentlich zum Wort gemeldet. Das Loos, welches bei gleichzeitiger Meldung die Reihenfolge der Redner be⸗ ſtimmt, war ihm jedoch nicht günſtig geweſen, ſondern hatte ihn ſtets ins Hintertreffen verwieſen, wo er, da man inzwiſchen den Schluß der Debatte annahm, regelmäßig um die beabſichtigte Rede kam. Das ſchien ihn ſehr zu verdrießen, man ſah ihn unruhig umherwan⸗ dern, und er ſtimmte jedesmal für Fortſetzung der Debatte, aber im⸗ mec mit der Minorität. Heute gelangte er endlich auf die Tribüne, und Jedermann im Saale— vornämlich die jungen und alten Da⸗ men auf den Zuſchauertribünen— ſchienen geſpannt, den Dichter der „Journaliſten“ und„Soll und Haben“ reden zu hören. Er ſpricht fließend und möglichſt unbefangen, mit etwas feierlich langſamem Pathos und einem Anklang an den oberſchleſiſchen Dialekt; aber er ſpricht nicht, wozu er allein das Wort hat, und trotz der kurz vorher von Dr. Michelis veranlaßten Scene, zur Specialdebatte über Ar⸗ tikel 3, ſondern von einer Petition aus Leipzig, wonach es dortigen Studenten geſtattet ſein ſoll, ihre einjährige Dienſtpflicht auch bei einem preußiſchen Regiment abzuleiſten.„Zur Sache! Zur Sache!“
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