Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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niederſtößt. Und auch die Thürſteher warnen die Abgeordneten, nicht hineinzugehen, da Herr Groote noch immer rede. Im Saale ſelber herrſcht, trotz der gelichteten Reihen, die größte noch beſtändig wach⸗ ſende Unruhe; in kurzen Zwiſchenräumen ertönt die Glocke des Prä⸗ ſidenten, und da dies nicht helfen will, immer wieder ſeine Mahnung: Ich bitte um Ruhe, meine Herren, der Redner kann ſich ſonſt nicht verſtändlich machen. Vergeblich, die Ruhe tritt nur für den Augen⸗ blick ein, und die Unruhe kehrt ſofort wieder; Herr Groote droht, nicht weiter ſprechen zu wollen, läßt dieſe Drohung aber unausge⸗ führt und ſchließt erſt nach einer ſtarken Stunde, worauf ſich der Saal alsbald wieder füllt.

Wenn die Sitzung, die um 10 Uhr zu beginnen pflegt, mehrere Stunden gewährt hat, denkt der Präſident Dr. Simſon, deſſen Auf⸗ merkſamkeit nnd Gedächtniß auf das höchſte angeſpannt worden, an eine Ablöſung. Er winkt einem der zahlreichen Diener, die in Schuhen mit Schnallen, ſchwarzen Strümpfen und Kniehoſen, blauem Leibrock mit rothbordirtem Kragen den Saal auf und abgehen, indem ſie den Abgeordneten Briefe, Zeitungen und Waſſer zutragen, oder hier und dort einen Auftrag entgegennehmen; Dr. Simſon winkt einem Diener, übergibt ihm einen Zettel und läßt ihn damit nach der äußerſten Rechten gehen, wo auf der dritten Bank der Herzog von Ujeſt ſeinen Platz hat. Dieſer iſt bekanntlich der erſte Vicepräſident des Hauſes und erſcheint nunmehr in der Thür der Präſidentenloge, worauf er den Vorſitz einnimmt und Dr. Simſon ſich in ſeine Ap⸗ partements zurückzieht die Amtswohnung des Präſidenten befindet ſich in der Beletage des Vordergebäudes oder er ſteigt in den Saal hinab und miſcht ſich unter die Mitglieder.

Hugo, Herzog von Ujeſt, Fürſt zu Hohenlohe⸗Oehringen, ſoll um 1816 zu Stuttgart geboren ſein, ſieht aber nicht älter als etwa 40 Jahre aus. Am 1. Januar 1849 kam er auf Grund der Abtretungsurkunde ſeines Vaters und eines Familienvertrags in den Beſitz des Fürſtenthums Hohenlohe⸗Oehringen, in Württemberg ge⸗ legen, und der Majoratsherrſchaften. Seine Beſitzungen in Schle⸗ ſien(Kreis Koſel) erhob König Wilhelm bei ſeiner Krönung am 18. October 1861 zu Königsberg i. Pr. zum Herzogthum Ujeſt und den Fürſten, der in der württembergiſchen Armee den Rang eines Ge⸗ neralmajors, in der preußiſchen Armee den eines Generallieutenants à la suite bekleidet, zum Herzog. Ein oberſchleſiſcher Wahlkreis hat den Herzog ins Parlament geſandt, und dieſer ſich hier der Freien Conſervativen Vereinigung angeſchloſſen. Wenn man früher be⸗ zweifeln wollte, daß es auch in Preußen einen hohen reichen Adel von ausgedehnten Beſitzungen gebe, ſo darf man nur auf die jetzt dem Reichstage angehörigen Herzoge von Ujeſt und von Ratibor, den Fürſten Pleß und den Grafen Renard verweiſen.

Der Herzog von Ujeſt iſt von mittelgroßer, kräftiger und doch ſchlanker und feiner Geſtalt, der Kopf ein ausdrucksvolles Oval, die Stirne gewölbt und glatt, das dunkelblonde Haar geſcheitelt und hintenübergekämmt, die Naſe leicht gebogen und weder zu lang, noch zu kurz, darunter ein ſtarker wohlgepflegter Schnauzbart. Er zeigt in Kleidung, Haltung und Weſen einfache Vornehmheit, die Stimme iſt etwas ſchnarrend und das Auge kurzſichtig, weshalb er es beim Präſidiren mit einem Kneifer bewaffnet.

Der Herzog pflegt nicht lange auf ſeinem Poſten zu bleiben, indem ihn der unermüdliche Dr. Simſon bald wieder ablöſt.

Zuweilen, jedoch ſchon ſeltener, gelangt der Vorſitz auch an den zweiten Vice⸗Präſidenten, Rudolf von Bennigſen, welcher aus dem 19. hannöverſchen Wahlkreis hervorgegangen iſt und der national⸗ liberalen Partei ſich angeſchloſſen hat.

Bennigſen iſt von unterſetzter corpulenter Geſtalt, ſchon mit einem Anſatz zum Bäuchlein, und ähnelt mit dem dunkeln Vollbart und den ernſten kühlen Zügen einem jüngeren Profeſſor oder dem Redacteur einer demokratiſchen Zeitung. Ernſt und kühl, aber nicht ſtrenge iſt auch der Blick der geſchlitzten Augen, die kleine Naſe ver⸗ räth eine gewiſſe Unempfindlichkeit, und der meiſt feſtgeſchloſſene Mund ſcheint gar nicht lächeln zu können. Dieſe phlegmatiſche Ruhe und Kühle liegt auch in ſeinen Bewegungen, in ſeinem ganzen Weſen. Wie er auf der Tribüne ſteht und für den Verfaſſungsentwurf plai⸗ dirt, hält er ſich durchaus bewegungslos; die Hände auf dem Rücken gefaltet und die Augen auf das Pult geheftet, von wo er ſie nur ſelten gegen die Verſammlung erhebt. Er ſpricht ganz frei und im ununterbrochenen, aber gleichmäßigen und beinahe tonloſen Fluſſe;

nur manchmal etwas zu leiſe und ein wenig zu ſchnell. Man hört ihn aufmerkſam an, und es herrſcht tiefe Stille im Hauſe, die aber auch nöthig iſt, um ihn zu verſtehen. Er ſpricht in kurzen, bündigen Sätzen mit juriſtiſcher Schärfe und Klarheit; was er ſagt, iſt oft wuchtig und einſchneidend, aber dieſe Wucht und Schärfe geht wieder theilweiſe verloren, da er alle Geſten, jedes Pathos, alle Bilder, ja jede Erwärmung und Belebung im Tonfall verſchmäht; und ſo er⸗ ſcheinen ſeine Worte von einer doctrinären Bläſſe angehaucht, wäh⸗ rend ſie thatſächlich doch praktiſch und kernig, ſchlagend und treffend ſind. Was er ſagt, ausführt und nachweiſt, iſt Recht und Bllligkeit gegen alle Parteien, Wahrheit und Aufrichtigkeit gegen Freunde wie Feinde, und doch Beſonnenheit und Schonung, Vermittelung und Ausgleichung. Er wendet ſich gegen Herrn von Münchhauſen und die anderen hannöverſchen Particulariſten, deren Charakter er doch alle Würdigung widerfahren läßt; er fordert die Regierung auf, allen Untrieben in ſeiner Heimat nach wie vor energiſch und offen entgegenzutreten und räth ihr andererſeits wieder, die Ausnahme⸗ maßregeln möglichſt bald zu beſeitigen; er empfiehlt dem Reichstag die ſchleunigſte Annahme des Verfaſſungsentwurfs im großen und ganzen und ſpricht gegen die Regierung das Erwarten aus, daß ſie die conſtitutionellen Rechte der einzelnen Landesvertretungen nicht verkümmern werde. So hat er für alle Richtungen Worte der An⸗ erkennung und der Mahnung; hier und da ſtößt er auf widerſtreben⸗ des Schweigen und gefurchte Stirnen, aber wenn er nach den ver⸗ ſchiedenen Theilen ſeiner mäßig langen Rede eine kurze Pauſe ein⸗ treten läßt, lohnt ihm jedesmal von irgend einer Seite des Hauſes ein Bravoruf, und wie er ſchließt und die Tribüne verlaſſend, an Graf Bismarck vorübergehen will, drückt ihm auch dieſer ſeine Zu⸗ ſtimmung aus, indem er ihn aufhält und mit ihm eine Priſe tauſcht.

Schon die Art und Weiſe, wie er ſpricht, zeugt, daß Bennigſen frei von jeder kleinlichen Eitelkeit iſt; er ſoll nicht ohne Ehrgeiz ſein; aber dann iſt es ein männlicher, ſolider und berechtigter Ehrgeiz, denn ihn zieren reiche Kenntniſſe und eine vielſeitige Bildung, eine idealiſche Geſinnung und ein nobler, makelloſer Charakter; ein Cha⸗ rakter, welcher ihm das unbegrenzte Vertrauen ſeiner Partei ſichert und ſeinen politiſchen Gegnern Reſpekt einflößt. Wie bei Vincke und Schwerin entſpricht auch bei Bennigſen der Charakter dem Talent; wie bei jenen beiden iſt auch bei ihm der Charakter zugleich ſein Talent, und er liefert den Beweis, daß der alte Satz, an den man ſo gerne glaubt, daß nämlich mit den geiſtigen Fähigkeiten eines Menſchen die ſittlichen Vorzüge parallel zu laufen pflegen, daß ein begabter Mann zugleich auch ein edler Mann zu ſein pflegt daß dieſer Satz kein verjährtes Vorurtheil iſt, ſondern auch noch heute ſeine volle Geltung hat.

Jüngſter Zeit hat er, da der erſte Vicepräſident, Herzog von Ujeſt durch Unpäßlichkeit behindert war, auch öfters präſidirt, und obgleich die vom Reichstag angenommene Geſchäftsordnung des preußiſchen Abgeordnetenhauſes ihm neu ſein mußte, dennoch in ihrer Handhabung viel Sicherheit und Tact bewieſen; was um ſo ver⸗ dienſtlicher iſt, als einige Beſtimmungen dieſer Geſchäftsordnung un⸗ beſtimmt und zweideutig lauten. Namentlich ſind es die am Schluſſe der Debatte geſtattetenperſönlichen Bemerkungen, deren Grenzen nicht leicht feſtzuſtellen ſind, daher ſie von den Rednern, ſobald dieſe einmal das Wort haben, faſt regelmäßig überſchritten werden und ein Eingreifen des Vorſitzenden nöthig machen. Aber auch bei den Rednern, welche zur Geſchäftsordnung ſprechen wollen und jederzeit und ſofort zum Worte zugelaſſen werden müſſen, finden ähnliche Ueberſchreitungen ſtatt; und endlich ſind diejenigen, welche vorher nicht zum Worte gelangen konnten und doch gewiſſe Dinge um jeden Preis loswerden möchten, gern bereit, aus der Specialdebatte in die Generaldiscuſſion zurückzufallen. Genug, das Amt des Präſidenten iſt ein überaus ſchwieriges und fordert von dem Träger die äußerſte Achtſamkeit, Unbefangenheit und Geiſtesgegenwart, Selbſtbeherr⸗ ſchung und unter Umſtänden Selbſtverleugnung. Aber all dieſe Eigenſchaften wohnen Herrn von Bennigſen in kaum minderem Grade bei als Dr. Simſon, und dazu noch viel Duldſamkeit und Nachſicht, was ſich an zwei dramatiſch bewegten, ſtürmiſchen Scenen ſogleich zeigen wird.

Dr. Simſon verläßt den Präſidentenſtuhl, und Herr von Ben⸗ nigſen nimmt darin Platz. Er trägt jetzt eine Brille, und ſeine Haltung iſt voll einfachen Anſtandes, ſonſt ernſt und kühl wie immer. Der nächſte Redner iſt, wie er aufſtehend meldet, Dr. Michelis,

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