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unterbrechen ihn die ſächſiſchen Abgeordneten, und bald darauf tönt ihm dieſer Zuruf auch von anderen Seiten entgegen. Er ſtutzt und hält inne, während Vicepräſident von Bennigſen ſich erhebend ſpricht: „Ich bitte die Verſammlung, den Redner noch etwas anhören zu wollen, denn ich vermuthe, daß er dieſes Factum nur vorangeſchickt hat, um es für ſeine ſpäteren Ausführungen zu benutzen.“ Nach dieſen zartſinnigen Worten tritt wieder Ruhe ein, zumal Dr. Frey⸗ tag verſichert,„daß er wirklich zur Sache ſpreche“; aber er recht⸗ fertigt und befürwortet nur die Petition und ruft die Ungeduld des Hauſes von neuem hervor. Jetzt Herr von Bennigſen:„Ich be⸗ kenne, mich in meiner Vorausſetzung doch geirrt zu haben, der Herr Redner ſcheint es wirklich nur mit der Petition zu thun zu haben—2“ Guſtav Freytag erklärt zur allgemeinen Ueberraſchung, daß er in
verſtattet ſei, um Entſchuldigung bitte und ſich begnüge, das Schrift⸗ ſtück zu überreichen. Der Präſident antwortet ihm,nauch das ſei zur
47 der That nur für ſeine Petition ſprechen wolle und falls das nicht
Stunde unzuläſſig, es werde ſich dafür aber wol ſpäter eine Gelegen⸗ heit finden, worauf der Redner etwas verlegen abtritt.
Dieſe Unkenntniß der Geſchäftsordnung mußte allgemein be⸗ fremden. Ob der Dichter, wiewohl er bekanntlich ſeit Jahren die „Grenzboten“, das literariſch⸗politiſche Organ der altliberalen Partei redigirt, zum praktiſchen Politiker und Parlamentsmitglied überhaupt Beruf hat, iſt nach ſeinem Debüt mindeſtens zweifelhaft. Man kann in heutiger Zeit eben nicht zweien Herren dienen, der ganze Mann iſt erforderlich, nur um eines zu ſein, nirgends mehr, als wo es ſich um, Politik oder— Poeſie handelt.
Am Jamilientiſche.
Ein früher Tod im Meer.
Ein dichter Nebel deckt Weiden und Wieſen der Nordſeeküſte, und ſpät erſt weicht er der Winterſonne matter Kraft. Denn wir ſchreiben den 23. December 1866, und übermorgen iſt Weihnachten.
Es iſt Sonutag. Ein junger Mann ſchreitet rüſtigen Fußes durch die noch dunkle Nacht. Kein Mondſtrahl beleuchtet die ſchweigende Erde, ein dichter Seenebel, wie ihn oft die Küſte zeigt, läßt ſogar das Licht der Sterne verſchwinden. Der Wanderer kümmert ſich nicht darum. Weg und Steg ſind ihm bekannt, und er eilt ja heim, auf dem kleinen Eiland Baltrum mit den Seinen die Geburt des Herrn und den Eintritt des neuen Jahres zu feiern. Es iſt ein junger Seemann, hübſch und ſchlank gewachſen, mit blondem Haar und blauen Augen, einer der gelehrigſten und ſtrebſamſten Schüler der Seemannsſchule zu Timmel in Oſtfriesland; dabei iſt er gut und bieder und voll echt ſeemänniſchen Humors.
Endlich iſt der Deich erreicht, und vor ihm liegt das Meer, welches ihn von der Heimatſcholle trennt. Mit Jubel begrüßt er das ſalzige Waſſer, und ſein adlerſcharfes Auge verſucht den feindlichen Nebel zu durchdringen, um die Dünen der Heimat zu erkennen. Vergebens! Die nächſte Dorfuhr ver⸗ kündete erſt eben die ſechste Stunde, und es iſt noch völlig Nacht.
Bald iſt ein Boot gefunden, und zwei rüſtige Schiffer liegen auf den Rudern, den Ungeſtümen ans Ziel ſeiner Wünſche zu führen. Jeder Ruder⸗ ſchlag bringt ihn demſelben näher; höher klopft ſeine Bruſt, freudiger blitzt
ſein Auge, und ſie wandeln an ſeinem geiſtigen Auge vorbei, alle, die er liebt
und die ihn in ihr Herz eingeſchloſſen haben. Er drückt dem treuen Vater die nervige Hand; er ruht am Buſen der ſorgſamen Mutter; er eilt mit den Brüdern von Nachbar zu Nachbar; er neckt die treue Schweſter und tändelt mit deren holden Kleinen; heim muß er, heim, aber bald, recht bald! Iſt doch heute Sonntag, wenn auch kein ſonniger Tag und um die Stunde, wenn die Gemeinde ins ſchmuckloſe Inſelkirchlein wandert, dann darf auch er nicht ſehlen, wenn’s der Mutter wohl ſein ſoll.
Land! Endlich, endlich! Das Boot legt an, der Jüngling ſpringt an den Strand, ein kurzes kräftiges, aus reinſter Seele ſprudelndes Abſchieds⸗ wort, ein kräftiger Händedruck, und das Fahrzeug lenkt wieder ſeinen Lauf der Küſte, der Jüngling eilt raſchen Schrittes dem Dorfe zu. Aber ſiehe da— was iſt das? Ein breites Waſſer hemmt ſeine Schritte. Hinein! um es zu durchwaten. Was kümmert ihn Kälte und Näſſe, davor fürchten ſich nur die Landratten. Aber bald ſtellt ſich die Unmöglichkeit heraus. Vielleicht hat er einen falſchen Weg eingeſchlagen. Er will die„Hieſel“(Einſenkung des Strandes, in der auch bei der Ebbe das Waſſer ſtehen bleibt) umgehen, aber links und rechts kein Ausweg. Da ſteigt eine ſchreckliche Ahnung in ihm auf, die gar bald zur fürchterlichen Gewißheit wird. Er iſt nicht auf der Inſel. Er befindet ſich mitten im Watt auf einer Plate, einer Sand⸗ bank, die jetzt zur Ebbezeit trocken liegt, bei eintretender Flut aber tief unter Waſſer geſetzt wird. Irregeleitet von dem noch immer dichten Nebel haben ſie das für die Stätte ſeiner Wiege gehalten, wo er jetzt ſeine ewige Ruhe⸗ ſtätte finden ſoll..
Vielleicht iſt das Boot noch nahe! Er ruft mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte. Horch! hört er nicht Ruderſchläge, kommen ſie nicht zurück, ihn weiter zu bringen, ſein junges Blut zu retten? Täuſchung, nichts als Täuſchung! Nur die Wogen rollen heran.— Vtelleicht iſt ein anderes Fahrzeug in der Nähe, vielleicht er dem Strande ſo nahe, daß man ſeinen Hilferuf vernehmen kann. Aber wie laut er auch die Stimme ertönen läßt, e ſtößet kein Nachen vom Strand,— mutterſeelenallein ſteht er mitten im Meere, auf einer ſchmalen Sandbank, die von Minute zu Minute an Umfang verliert, da die Flut bereits längſt eingetreten. Noch kurze Zeit, und ſie wird ganz unter Waſſer ſtehen, dann noch wenige Augenblicke und die Erde zählt einen Lebenden weniger. Rettung iſt nicht mehr möglich, das weiß er. Das iſt ein ſchrecklicher Gedanke für den jungen Mann von 21 Jahren, der das Leben vor kurzem noch vor ſich liegen ſah wie eine reine Sonnenbahn. Sterben müſſen, er der ſo gerne lebte; hier ſterben müſſen, ſo fern von jeder menſchlichen Seele, nicht in ſeinem Beruf, in der Nähe der Seinen, die nicht ahnen, daß ihr Tjark jetzt den Todeskampf kämpft— o das iſt ein fürchterlicher Gedanke!
Ja, es iſt wahr, im erſten Moment will ſein Muth zuſammenbrechen
über den unſäglichen Jammer. Die Verzweiflung tritt an ihn heran und will ihn niederwerfen. Aber bald fiegt der Kern, den Vater⸗ und Mutter⸗ ſorge haben reifen laſſen, und eine ſtille Ergebung in den Rath deſſen, vor dem er bald ſtehen wird, zieht in ſeine Seele ein und gibt ihm Troſt und Muth, der Todesſtunde ruhig ins Antlitz zu ſchauen.
Es heißt Abſchied nehmen, Abſchied auf ewig! Iſt's ihm ſchon ſchwer geworden, ſich ſonſt, wenn der Beruf ihn rief, loszureißen von den Lieben, ſo zog doch die Hoffnung auf eine glückliche Heimkehr durch ſeine Seele. Aber jetzt? Abſchied für hienieden auf ewig! Nein— Abſchiednehmen und heimkehren! Abſchiednehmen von allen denen, die ihm auf Erden lieb. waren, heimkehren zu Dem, dem er gläubig vertraut hat, ſo lange er denken kann, und bei dem er dann die Seinen wiederſehen wird!
Abſchiednehmen! Ja ſie ſollen wiſſen, wie und wo er endete und daß er ihrer in ſeiner letzten Stunde mit alter Liebe gedenkt. Aber wer trägt ihnen ſeinen Abſchied zu? Sollte denn das Meer, ſonſt ſtets ſein treuer Freund, ihm dieſen Liebesdienſt verweigern?— Er hat ſich nicht geirrt. Das Meer hat ſeine letzten Worte neun Wochen ſpäter an den Strand zu Wangeroog geſpült, und die in tiefe Trauer verſenkte Familie hat ſie erhalten und geleſen und wieder geleſen und wird ſie aufbewahren, von Kind zu Kindeskind als eine heilige Reliquie. Denke Dir, lieber Leſer, den jungen kräftigen blühenden Mann mitten im Meere. Die Wogen umrauſchen bereits ſeine Füße, die Winde ſpielen mit ſeinen blonden Haaren und er— ſchreibt An wen? An wen wohl ſonſt, als— an ſeine Mutter!
„Liebe Mutter! Gott tröſte Dich, denn Dein Sohn Tjark iſt nicht mehr. Ich ſtehe hier und bitte Gott um Verzeihung der Sünden. Seid alle gegrüßt.“.
So ſchreibt er, und dieſe Zeilen unterzeichnet er mit ſeinem vollen Namen. — Seine Seele iſt ruhiger geworden, nachdem er von der Mutter Abſchied genommen hat. De
Wenige Secunden ſpäter ergreift er wieder den Bleiſtift und ſchreibt: Sohne ·
„Ich habe das Waſſer jetzt bis an die Knie, ich muß gleich ertrinken, n 3 denn Hilfe iſt nicht mehr da. Gott ſei mir Sünder gnädig’“ nommen
Ja, er muß gleich ertrinken. Kaum kann er noch ſtehen, die Wogen drängen und heben ihn, ſie wollen ihn niederwerfen, und nur die S.„re V ſeines Körpers hält ihn noch aufrecht.
Iſt denn wirklich keine Hilfe mehr für ihn? Als Seemann weiß er, daß erſt um 11 Uhr 30 Minuten Flut iſt; ſeine Uhr zeigt ihm bereits die 9. Stunde. Bald iſt Kirchzeit. Dann gehen Vater und Mutter, die beiden Brüder, die Schweſter mit ihren Kleinen zur Kirche, und wenn der Prediger heute wie alle Sonntage für die da draußen betet, die auf dem Meere ſchwimmen und ſie der ewigen Liebe befiehlt, dann ahnt niemand, daß An⸗ geſichts des Eilands ein kräftiges Inſelkind ſein junges Leben aushaucht.
„Es iſt 9 Uhr,“ ſchreibt er,„Ihr geht gleich zur Kirche; bittet nur für at mich Armen, daß Gott mir gnädig ſei. Amen.“
Und nun iſt der Augenblick des Scheidens gekommen; er ſchreibt:
„Liebe Eltern, Brüder und Schweſter! Ich ſtehe hier auf einer Plate und muß ertrinken, ich bekomme Euch nicht wieder zu ſehen und Ihr mich nicht! Gott erbarme ſich über mich und tröſte Euch! Ich ſtecke dieſes Buch in meine Cigarrenkiſte. Gott gebe, daß Ihr dieſe Zeilen von meiner Hand erhaltet. Ich grüße Euch zum letzten Male. Gott vergebe mir meine Sünde und nehme mich zu ſich in ſein Himmelreich. Amen.“
Und ſo hat er's gemacht. Die Cigarrenkiſte, die Backwerke für die Lieblinge der Schweſtern enthielt, wird nun gleichſam das Couvert ſeines letzten Schreibens; er umwickelt ſie mit ſeinem Tuch und gibt ſie dann den 1 Wellen preis, ſie an ein freundliches Geſtade zu tragen.
Mehr hat er nicht geſchrieben; was er ſodann gebetet, gefleht, wie die Wellen ihn umgeworfen, ihn hin⸗ und hergeſchleudert haben, wie er gerungen hat und geſtorben iſt, ob und wo ſeine Leiche an den Strand geworfen wurden ſehen 4 das iſt ein Geheimniß geblieben bis auf dieſe Stunde. Herm. Meier. ſich 4
Inhalt: Clelia. Novelle von A. Mels.— Die deutſche Winterjagt Von A. Müller. Mit Illuſtr.— Der ſchwarze Tod des Thierreiches. Vor Dr. Wald.— Studien aus den Berliner Gerichtſälen. I.— Reichstagsbilder IV. Von O. Glagau. Mit 2 Illuſtr.— Am Familientiſche.
Briefe und Sendungen ſin
d zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klafing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig
Verlag der Daheim-Expedition von Delhagen* Klaſing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Fiſcher a Wittig in Leipzig.


