Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
426
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226 4 Jagdmann macht ein Gewerbe daraus, zweifelhafte Forderungen auf⸗ Aber der Richter iſt ihm ſchon ins Wort gefallen.Angenom⸗ 4 4 zukaufen und einzuklagen, und ſpeculirt dabei auf die Unpünktlichkeit men, Hoffmann! nicht wahr? Sie hören, 15 Groſchen ſind Ihnen der Schuldner. Denn wer hier nicht prompt erſcheint, hat ſein Recht erlaſſen. Die Reſtſchuld erkennen Sie au? Sn 1 unwiederbringlich verloren.Wenn es denn nicht anders geht, Herr Präſident. g 4. Der Aufruf iſt beendet. Fünf junge Herren erheben ſich vomEs geht nicht anders. Und Sie brauchen das Geld nicht auf R Tiſch und nahen, mit dünnen Actenſtücken bewaffnet, ihren Opfern. ein Mal zu bezahlen. Nicht wahr, Herr Grätz, monatlich einen fi 21 Auf die Barriere gelehnt beginnen ſie gleichzeitig ihre Verhandlungen. Thaler? Dabei kommen Sie ſicherer zu Ihrem Gelde, als wenn Die ehrfurchtsvolle Stille von vorhin hat einem wirren Durch⸗ Sie den Verſuch machen wollten, es auf ein Mal herauszupreſſen. 4ℳ einander von lauten Stimmen Platz gemacht. Und die Sache iſt abgemacht. Nicht ohne Selbſtbewußtſein über gitt Was haben Sie auf die Klage zu erwidern? fragt ſtreng ein das gelungene, von ihm angebahnte Reſultat, ſchreibt Papinian das ſ 1 junger Papinian mit in der Mitte geſcheiteltem Haar und Kneifer Protokoll nieder. mm auf der Naſe einen trotzigen Arbeiter mit geröthetem Antlitz.Mein Gott, Zuckerſüß, ſind Sie ſchon wieder da? V und Was ich zu erwidern habe? Na, daß die ganze GeſchichteDer Herr Rath haben mich ja befohlen; der Herr Rath be⸗ hine Schwindel iſt. Ich ſoll 4 Thlr. 27 Sgr. 3 Pf. ſchuldig ſein? fehlen mich aber wirklich zu oft! grinſt der Angeredete, ein alter ſch 3 Daran iſt kein Wort wahr. Auch nicht 4 Silbergroſchen iſt die Knabe in auffallender Kleidung: Joppe mit grünem Kragen, helle, das Geſchichte werth. eng anſchließende Beinkleider, Lackſtiefel, rothſeidenes Halstuch mit Ihre Einwendungen ſind unſubſtantiirt, mein Herr, ſpricht großer Buſennadel, ziegelrothe Glacés, dazu eine leichte Reitgerte t Papinian der Jüngere mit Würde.Ich muß Sie darauf aufmerkſam mit ſilbernem Knopf und ein hellgrauer Kuppelhut. V. machen, daß es Ihre Pflicht iſt, jeden einzelnen Poſten der Klage⸗Was haben Sie denn heute? rechnung für ſich zu bemängeln.Bagatelle, verzeihen Sie, wirkliche Bagatelle. Nichts Intereſſan⸗ der Der Verklagte ſieht ihn groß an. tes. Einwand der Verjährung, weiter nichts. 1 gar Es iſt eine Klagebeantwortung bereits bei den Acten, warnt Die Forderungen der Kaufleute und Handwerker verjähren in das halblaut der Rath vom grünen Tiſch, der, ohne in ſeiner Schreiberei Preußen nämlich ſchon in zwei Jahren. innezuhalten, mit aufmerkſamem Ohr das Durcheinander der RedenAber, Zuckerſüß, Sie haben die Schuld ja noch im vorigen Jahre lun zu verfolgen ſcheint. anerkannt! meint vorwurfsvoll ſein Gläubiger, der Delicateſſen⸗ virl Ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, ſchlägt Papinian händler. zug, das bezeichnete Blatt auf und durchfliegt die von einem Winkelcon⸗Ich eine Schuld anerkannt! Wie finden Sie das, Herr Rath? Perf ſulenten verfaßten Einreden.Nun ja, Sie haben mir doch noch vergangenen März 5 Thlr. klein Eigentlich ſollte bei unſerm mündlichen Verfahren ſolch Wiſch abſchläglich bezahlt. hurt gar keine Beachtung finden, und ein vernichtender Blick trifftDas zieht ja nicht, lieber Mann, Abſchlagszahlungen ziehen den Verklagten;da die Erklärungen indeſſen ziemlich vollſtändig durchaus nicht. Fertig, Herr Rath, nicht wahr? Will durchaus der ſind, ſo wollen wir es als Theil des Protocolls gelten laſſen. Was nicht länger ſtören. Und verbindlich ſeine Kuppel ſchwenkend, ſchwebt ſagen Sie zu den Einwendungen und Gegenforderungen? der alte Adonis von dannen. Kläger, ein kleiner, jüdiſcher Händler, weiß außerordentlich gutAber, bitte, komme ich denn gar nicht an die Reihe? Ich warte Beſcheid. In ſchlagfertiger Rede hebt er das Unhaltbare der Einreden ſchon eine Viertelſtunde und muß doch noch auf den Markt! bittet hervor und ſchüttet eine ſolche Menge von Thatſachen, Eideszuſchie⸗ die kleine Frau mit dem großen Korbe.. bungen, Zeugen und Sachverſtändigen über Papinian aus, daßLiebe Frau Hurtig, lacht ein freundlicher, langer Referendar, dieſem die wortgetreue Aufzeichnung des Sermons eine etwas ſtarkewollen Sie denn mit Gewalt exmittirt ſein? Sie haben die Miethe Zumuthung dünkt. am erſten doch ſicher nicht gezahlt? Wollen Sie ſich nicht lieber vergleichen? fragt er plötzlich inNein, gewiß nicht; wovon ſollte ich ſie denn bezahlen? Ich gewinnendem Tone. habe das bischen Geld ja erſt jetzt zuſammengekriegt. Aber ſehen Ich mich vergleichen! rufen beide entrüſtet aus. Sie, da habe ich es, da, 3 Thlr. 15 Sgr. und 2 Sgr. Schornſtein⸗

Es wäre wirklich das Beſte. Sie können die Schuld und Sie feger⸗ und Müllgeld. Bitte, Herr Schlinger, ſeien Sie nicht böſe. die Gegenforderung doch nicht ableugnen. Es ſcheint mir wirklich am Ich konnte nicht früher. billigſten, Sie rechnen gegen einander ab. Sie, Herr Hoffmann, zahlenDas hätten Sie mir auch heute morgen bringen und mir den

2 Thaler, und Sie ſind damit zufrieden. Bei der Menge von Zeugen würden ſonſt am Ende die Koſten die ganze Forderung verſchlingen.

Hartnäckiger Widerſtand von beiden Seiten.

Nun, überlegen Sie ſich die Sache noch einen Augenblick, ſagt der Glattgekämmte und tritt fragend zum Richter.

Sie thun dem Kläger Unrecht, Herr College, ſagt dieſer mit halber Stimme, indem er weiterſchreibt. Die Gegenforderungen ſind aus der Luft gegriffen und können die Verurtheilung nicht hemmen. Der Verklagte iſt aber ein ordentlicher Mann und ſcheint nur von andern aufgehetzt zu ſein. Wir wollen ihm Theilzahlungen zu ver⸗ ſchaffen ſuchen.

Er legt die Feder nieder und tritt zu den Streitenden.Hoff⸗ mann, hören Sie mich einmal an. Das Ding da, das Sie eingereicht haben, hat Ihnen der ehemalige Actuar Roloff geſchrieben; ich kenne

ſeine Handſchrift wohl. Sie ſollten ſich mit dem Menſchen nicht ein⸗

laſſen. Sie haben den Kattun gekauft und müſſen ihn auch bezahlen. Daß er nicht ewig gehalten hat, nun, das iſt ein Unglück, das Sie tragen müſſen, wie wir alle, wenn wir einmal einen ſchlechten Ein⸗ kauf machen.

Hoffmann, der inzwiſchen ſeinen Zorn an ſeinem Gegner gekühlt, hört verdroſſen zu. Herr Grätz aber, hocherfreut über die glückliche Wendung des Proceſſes, läßt ſich ganz gegen ſeine Gewohnheit von einer plötzlichen Großmuth hinreißen.

Nicht wahr, Herr Stadtgerichtsrath, eine ganz gerechte Sache? Doch weil der Herr Stadtgerichtsrath ſo freundlich iſt, will ich auch wohl 15 Silbergroſchen nachlaſſen; oder wenigſtens 7 Groſchen 6 Pfennige, will er zögernd verbeſſern.

Gang erſparen können.

Nein, erlauben Sie, Herr Schlinger, eifert die kleine Mie⸗ therin.Wenn ich einmal eine Vorladung bekomme, dann gehe ich auch hin. So etwas paſſirt unſer einem nicht alle Tage. Ich brauche mich nicht zu ſchämen, mich vor Gericht ſehen zu laſſen. Ich bin eine ehrliche Frau, und was ich zu zahlen habe, das zahle ich auch.

Und die Koſten?

Na! brummt Herr Schlinger, indem er den Kopf leicht hebt und wieder ſinken läßt.

Beſchloſſen, die Acten auf Koſten des Klägers wegzulegen, nickt der lange Referendar beiſtimmend und eilt zu einer neuen Sache, ohne auf die tiefe Verbeugung zu achten, die Frau Hurtig ihm macht.

Nicht alle Proceſſe finden ein ſo glückliches, ſchnelles Ende. Da ſind umſtändliche Erklärungen zu protocolliren, Zeugen zu verhören, Eide abzunehmen, Acten zu durchſtöbern. Und ehe die Hälfte der Aufgerufenen abgefertigt iſt, hört man Heins Stimme ſchon wieder auf dem Corridor, und eine neue Schar ſtrömt herein. Der ganze Raum hinter der Barriere füllt ſich, und die Thür muß offen bleiben, um keinen der Geladenen auszuſchließen. Die beiden Richter außer dem corpulenten Rath arbeitet hier ein blaſſer Aſſeſſor mit leichtgefalteter Stirn, durchdringendem Blick und langgezogenem Schnurrbart müſſen ſich gleichſam vervielfältigen. Hier eine Frage, dort eine aufklärende Bemerkung, da eine kurze Anweiſung an den Glattgekämmten, dem es wieder einmal zu bunt geworden, dort der entſcheidende Endſpruch: überall iſt ihre Gegenwart erforderlich. Die Parteien fühlen beſorgt, daß für jede nur eine Minute übrig iſt, die nicht verpaßt werden darf. Kommt dann an ſie die Reihe, ſo