Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
415
Einzelbild herunterladen

45

chneidiges Schwert, das all Wunden ſchlägt und

widerſtehlich. Sein Dialekt iſt wie ein zweiſ die Reihen ſeiner Gegner durchbricht, über manchen für immer vernichtet. Seine Debatte iſt von der aller⸗ perſönlichſten Art, und doch greift er nie die Perſönlichkeit ſelber an, nur ihre Meinung und ihr Thun. Er kann leidenſchaftlich, zornig, höhniſch, grob, aber nie unedel oder niedrig werden. Seine Aegide

iſt das Bann⸗ und ZauberwortParlamentariſch, zugleich ſeine Waffe und ſein Schild, womit er angreift und ſich deckt. Unter dem Schutze des Parlamentariſchen ſagt er ſeinen Gegnern die unerhör⸗ teſten Dinge, und wenn dieſe ihm das Unſchuldigſte erwidern, müſſen ſie ſich oft den Vorwurf des Unparlamentariſchen gefallen laſſen.

Seine Rede kann aber auch ſein wie die Sprache des Meeres, ernſt und brauſend, gewaltig und hinreißend. Er liebt ſein Vater⸗ land mit der edelſten, glühendſten Liebe, er ſchwärmt für die Größe und Einheit des Vaterlandes, und wenn er darauf zu ſprechen kommt, ſchwillt ſein Herz, und die Rede nimmt einen begeiſterten Flug. Eine Nation von 30 Millionen Menſchen ſoll ſich vor dem Auslande fürchten! ruft er, gegen den Abgeordneten Franz Duncker gewendet aus.Und das wagt man lauf die vor ihm ſitzenden Ge⸗ nerale weiſend) im Angeſicht der Helden von Gitſchin, Skalitz, Na⸗ chod, Königgrätz, Aſchaffenburg und Kiſſingen auszuſprechen?! Und über die angeblichen Mängel des Verfaſſungsentwurfes:Wir ſind in Deutſchland gewöhnt, auch Eichen zu pflanzen, während doch erſt unſere Nachkommen ihren Schatten genießen werden. Er ſchließt mit den eindringlichen, ſchwungvollen Worten:Wir wollen uns nach dem Beiſpiele unſerer Armee durch Hinderniſſe nicht auf⸗ halten laſſen und mit möglichſter Schnelligkeit über die untergeord⸗ neten Klippen hinwegeilen. Der allmächtige Gott, der unſere preu⸗ ßiſchen Fahnen auf den Schlachtfeldern nicht hat ſinken laſſen, wird auch das deutſche Banner hochhalten. Wir, meine Herren, wollen es 4 in beiden Händen tragen bis zum letzten Athemzuge unſeres Lebens!

Fürwahr, Herr von Vincke iſt vollkommen im Recht, wenn er dem ſchleswig⸗holſteiniſchen Abgeordneten Staatsrath Franke er⸗ widert, daß er(Vincke) noch immer derſelbe iſt, der er 1848 im Frank⸗ furter Parlamente war, und daß er noch ganz auf demſelben Stand⸗ punkte ſteht. Dieſer Standpunkt war und iſt nämlich ein breiter, unerſchütterlicher Rechtsboden mag ihn das formale Recht auch zuweilen eigenſinnig, launiſch und querköpfig erſcheinen laſſen, zu Paradoxen und Sophismen verleiten. Sein Wahlſpruch lautet noch heute wie damals:Nicht Vorſchrift, Vereinbarung der Ver⸗ faſſung mit den Regierungen.

In der Paulskirche war Herr von Vincke nannten Fraction vom Café Milani; einer Fra eine dictatoriſche Disciplin übte, ſ Fällen nichts weiter war als eine 40mal vervielfältigte Stimme des Häuptlings; bis auf den Geheimen Juſtizrath Grävell, der allein die Parteiſchranken mit ſeinen ewigenVerbeſſerungsanträgen durchbrach, dafür aber auch ſtets dieallgemeine Heiterkeit einern⸗

Führer der ſoge⸗ ction, über die er o daß der Club in den meiſten

tete. Während derNeuen Aera commandirte Vincke im Abge⸗ ordnetenhauſe die große Partei der Rechten oder Altliberalen, die ſich mit der Bildung der Fortſchrittspartei ſpaltete und in den ſpä⸗ teren Seſſionen auf ein kleines Häuflein zuſammenſchmolz. Im gegenwärtigen Reichstag hat er ſich nur ſchwer überreden laſſen, ſich der Fraction der Altliberalen wieder anzuſchließen, während ſein langjähriger Kamerad Graf von Schwerin zu den Nationalliberaleg übergegangen iſt. Als Parteiführer kann Herr von Vincke jetzt kaum

Ecken. Er beſitzt die natürliche Beredſamkeit und iſt ein geborener Redner, wie wieder keiner neben ihm. Er ſpricht ganz frei, ohne irgend eine Notiz mitzunehmen, er ſpricht in der ungezwungenſten Haltung und ohne jede Affectation, oft noch die eine Hand in der Hoſentaſche, bald einen Schritt zurück⸗ oder vortretend, bald die Hand, den Arm oder den ganzen Körper leicht bewegend, aber immer dieſelbe einfache, natürliche und darum wohlanſtehende Nachläſſigkeit. Die Gedanken und Begriffe, Worte und Einfälle ſtrömen ihm überreich zu, ſo daß er ſie kaum unterzubringen weiß; er hat für das, was er ſagen will, ſtets zehn verſchiedene Ausdrücke und Wendungen in Be⸗ reitſchaft, aber ſein glücklicher Inſtinct läßt ihn jederzeit den prägnan⸗ teſten und ſchlagendſten, das rechte Wort im rechten Momente greifen; man ſieht und hört es ihm an, daß er ſtets unvorbereitet ſpricht, denn er antwortet dem letzten wie dem erſten Vorredner, und jedes ſeiner dos Worte trägt den Stempel der augenblicklichen Friſche und Unmittel⸗ im 5 barkeit; und doch ſpinnt er die Gründe und Motive wie am Rädchen als ab, und wenn man glaubt, er habe ſich erſchöpft, zieht er neue Schleußen ften. Nauf, und wenn man denkt, er ſei zu Ende, macht er eine Schwenkung gkeit und beleuchtet ſeinen Gegenſtand von einer neuen Seite, nimmt er nder einen neuen Anlauf und führt andere Batterien ins Feld. Er kann Leid den Athem verlieren, aber nie wird er den Faden verlieren, den rothen ſerer Faden, der ſich durch ſeine Rede zwar in hundertfachen Krümmungen das und Verſchlingungen, aber vom erſten bis zum letzten Satze hindurch⸗ Und zieht; ſein bewunderungswürdiges Gedächtniß läßt ihn nie im Stiche, mal 1 er citirt andere Redner wörtlich und überſieht mit einem Blicke die und ganze Sachlage, ſeine Vortheile und die Blößen der Gegner; ſeine me Rede ſcheint zunächſt eine loſe Kette von allerhand Einfällen und Be⸗ ber, V merkungen, aber bald merkt man ein logiſch gegliedertes Ganzes, ein wir 4 in kunſtvoller Steigerung aufgebautes Gebäude, auf deſſen Giebel er des zum Schluſſe die Siegesfahne pflanzt. den Seine Rede iſt wie Schneegeſtöber und Blüthenregen: ſo muth⸗ ſchen willig tummelt er ſich und ſo ſchalkhaft überſchüttet er die Hörer. gen. Dem dritten Satze folgt faſt immer ein Ausbruch der Heiterkeit ſeitens des Hauſes, und doch haſcht er nie nach dem Effect, quält er ſich nie um einen Witz; wenn ihm aber ein ſolcher urplötzlich und 5 unwillkürlich entfährt und das iſt bekanntlich häufig der Fall 4 freut er ſich ſeiner unbefangen mit den andern. Zuweilen tönt ihm . auch ein beleidigtesOho! oder ein ſchroffesNein! entgegen; aber das vermag ihn nicht aufzuhalten, dann wendet er ſich direct f,e gegen die Opponenten, beweiſt ihnen das Verkehrte oder Nutzloſe ldem ihres Widerſpruches, ſchlägt ſie aus dem Felde oder bringt ſie gleich⸗ 4 falls zum Lachen.Ich hoffe, daß viele Mitglieder mir beiſtim⸗ 3ſhen men, keiner widerſprechen wird, ſagt er einmal in der Tribünen⸗ 23 ſe frage. Und dann gegen die hannoverſchen und ſächſiſchen Particula⸗ 1 n riſten gewendet:Ich freue mich der Beſtätigung ſeitens der Ge⸗ Herren, welche ich die Ehre habe, auf den letzten Bänken zu ſehen. uoͤlik Seine Rede iſt wie ein luſtig Feuerwerk; es knattert, es praſſelt el der und ziſcht, wie Raketen ſteigt es auf, und in Leuchtkugeln fällt es des nieder; ſchillernde Metaphern, ſchimmernde Hyperbeln, glänzende dden; V 1 Bonmots, blendende Impromptüs, kühne Paradoxen, überraſchende zum Apoſtrophen, ergötzliche Antitheſen und launige Citate umſchwirren doch die Ohren und berauſchen die Herzen.Was ſollte aus der deut⸗ an er ſchen Einheit werden, meint er boshaft bei der Generaldebatte über nie den Verfaſſungsentwurf,wenn die Herren alles das, was ſie bei ſich haben, nicht von ſich geben wollten! Und weiter:Ob wir allen wirklich ein Staatenbund, ein Bundesſtaat oder abſoluter Staat ſind, jede darauf laſſe ich mich nicht ein; wir haben hier in unſerer Mitte Pro⸗ Zu feſſoren genug, um dieſe Sache einmal gründlich zu unterſuchen. und Endlich ggen Dr. Michelis gewendet und dieſen parodirend:Wenn ihrte mir eees geſtellt wird, ob ich lieber ein denkender oder ein n das praktiſcher Mann ſein will, dann wähle ich entſchieden das letztere. d die Nur in einen. Punkte ſtimme ich mit ihm völlig überein, ich denke d faſt bennen wie en ih befindemich genau in der Lage, in der ier, ich in. . V Sein, Seſ wie der Bogen Apolls, ſicher⸗ und fernhin⸗ phen; treffend. Er iſt ſte in der Offenſive und ſchont weder Feind noch eſen Freund; wo er eine chwäche oder Thorheit ſieht, da geißelt er ſie,

V 1 und wo er eine Blöße erdeckt, da ſitzt ſein Hieb. Seine Polemik iſt ut 1 die Hälfte ſeiner Bererſakeit, gewandt und behend und ſtark, ger⸗ inmer neu, friſch un eigehümlich, ebenſo unberechenbar wie un⸗ ecan») Ein früherer Ausſpruch dedr. Michelis.

.

noch gelten, und in der That war er immer Parteigänger, denn er kämpft nicht gerne in Reih und Glied und verabſcheut nichts mehr als Syſtematik oder Principienreiterei. Er handelt oft nach plötzlichen Eingebungen; beſchäftigt ihn ein Gegenſtand lebhaft, ſo iſt ihm jede Gelegenheit willkommen, mit ſeinen Anſichten hervorzubrechen. Da er immer bedeutend ſpricht, ſo reißt er dann die Verſammlung mit ſich auf ein Gebiet fort, welches betreten zu müſſen niemand einen Augenblick vorher ahnte. Zuweilen gewinnt er dadurch das Anſehen eines Plänklers, der aber nicht mit der Büchſe, ſondern mit der Ka⸗ none ſchießt. Aus denſelben Gründen paßt Herr von Vincke noch weniger auf den Präſidentenſitz oder gar auf die Miniſteyf r gleich es manchen verwundern mag, daß er weder dort geſeſſen. Wahrſcheinlich hat er ſelber nach dieſen Plät geringſte Sehnſucht verſpürt; er üch dort ſeines gro theils entſchlagen, ſein minentes⸗s lent mehr

feiern laſſen müſſen.

p ͥ˖ᷓ