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abzuwarten und mit der dieſerhalb verordneten Inhalation fort⸗ zufahren.
In dankbarer Verehrung nehmen wir von Prof. Bruns Abſchied und geleiten unſern freundlichen Beſucher ſeines laryngoſkopiſchen Cabinets hinaus. Das Vorzimmer iſt wieder ziemlich gefüllt nicht mit Kehlkopfskranken allein. Für dieſe jetzt einmal beſonders intereſſirt, haben wir das theilnehmende Auge zunächſt für ihre Leidens⸗ verwandten geöffnet. Das junge Mädchen mit dem friſchen Ange⸗ ſicht hier der Thür zunächſt, iſt aus Marſeille gekommen, um von einem Naſenpolypen befreit zu werden. Wir haben die vollkommene Befreiung in dem Zeitraum von zwanzig Minuten vor ſich gehen ſehen. Allerdings ging dabei aus dem jetzt ſo glücklich lächelnden Munde mancher Schmerzensſchrei. Sie erſcheint jetzt blos, um ſich vor der Rückreiſe ihrem Befreier zu empfehlen; den mißgeſtalteten Riegel von Zellgeweben, der ſeit Jahr und Tag ihr die Sinne des Geruchs und Geſchmacks wie die Sprache beeinträchtigte, läßt ſie fröhlich hier zurück. Neben ihr ſteht ein Kranker mit einem Rachen⸗ polypen, der zur Operation auf morgen vorbereitet wird. Doch die Heilthätigkeit in der Tübinger chirurgiſchen Klinik beſchränkt ſich na⸗ türlich nicht auf die Specialitäten der Laryngo⸗, Rhino⸗ und Pharyn⸗ goſkopie. Der Mann dort auf der Bank iſt ein Schloſſergeſell aus Klagenfurt; vor einigen Tagen kam er hier an; er hatte gehört, in Tübingen würden alte Schäden gut reparirt, und wies am unteren Arme den allerdings ſehr verrotteten Schaden eines Knochenbrandes auf, der auch ſchon der Reparatur entgegenſieht. Der junge Mann in der Ecke iſt ein Deutſcher aus Amerika, der an einer Knochenan⸗ ſchwellung am Fuße leidet. Während des amerikaniſchen Krieges hat er viel Gelegenheit gehabt, in dortigen Lazarethen chirurgiſche Operationen zu beobachten. war der Entſchluß: ſeinen kranken Fuß lieber über See hieher mit⸗ zunehmen. Die beiden Mütter mit den Kindern auf ihren Armen ſagen ſelbſt auch ohne Wort, was ſie begehren. Sie haben Kunde davon bekommen, daß Haſenſcharten hier meiſterlich geſchloſſen werden. Wir aber eilen durch dieſe Reihen hindurch. Vor der Thür des
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Das Ergebniß ſeiner Beobachtungen
Krankenhauſes ſcheiden ſich unſere Wege. Doch im Scheiden gewahren wir noch eine ſeltſame Geſtalt auf der Bank im Sonnenſchein ſitzen, einen jungen Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, von ungewöhnlicher Kleinheit, zuſammengeſchrumpft, den einen Arm als Stumpf in die Jacke zurückgezogen. Der elende Caliban würde das Mitleid ſtärker aufrufen, wenn nicht ſeine Mienen den Stempel großer Vergnüglich⸗ keit trügen, und ſo luſtig, wie die Rauchwolken aus ſeiner Duodez⸗ Tabakspfeife, die Worte aus ſeinem Munde flöſſen, von lebhaftem Lachen ſeiner Nachbarn auf der Bank begleitet. Wir hören nur, daß er auf die Frage des einen nach ſeinem Ergehen in ſchelmiſchem Tone und komiſcher Gebärde antwortet:„Ha, an ſolch Herrenleben gewöhnt unſer einer ſich bald und gern.“ Der kleine Komiker iſt eine chirur⸗ giſche Sehenswürdigkeit, und geſiſſermaßen eine kliniſche Studie. Er hat wenige, vielleicht keinen einzigen heilen Knochen an ſeinem eibe, ſondern an allen Gelenken Anſchwellungen und Auswüchſe. Wir gönnen dem armen kleinen Lazarus die Luſtigkeit ſeines „Herrenlebens“; ſein Sitzen vor der Thür ſeines Herrenhauſes im Sonnenſchein der allerbeſten Laune nimmt ſich freundlicher aus als das Vorderthürſitzen ſeines Ahnherrn, dem Hunde die Schwären leckten. Aber wer meint wohl, daß dieſer Kranke immer von ſolcher Luſtigkeit beſeelt ſei? Sollte ſie, wie aller Lazarethhumor ſich ſelbſt ironiſirender Patienten, nicht vielmehr nur eine äußere Reaction gegen tiefes Leid im Inneren dieſer Menſchenſeele ſein? Auch wir haben in unſerer Schilderung aphoniſcher Zuſtände und ihrer Heilung ein und das andere Mal einen dem Scherz naheliegenden Ton angeſchlagen. Und doch haben wir nur durch unſägliche(überſetzen wir ſo einmal das Wort aphoniſch) Traurigkeit, den ganzen Werth des freien und leichten Gebrauches der ſo oft von Geſunden misbrauchten Stimme würdigen und Gott dafür danken gelernt. In demſelben Maße aber, in dem wir die Wundergabe der freien Rede hoch halten, geben wir denn auch Ehre allen Bildnern, Erhaltern und Wiederherſtellern des klingenden Wortes, und unter ihnen nicht zulétzt dem Manne, den wir nach dieſer fragmentariſchen Umſchau in ſeinem laryngoſkopiſchen Cabinet um ſo mehr nennen— den Sprachmeiſter von Tübingen.
Reichstagsbilder aus der Togelſchau.
Von Otto Glagau.
III.
. Herr von Vincke ſpaziert ſo eben zum Saale herein. Sein Schritt iſt kurz und leicht, ſtraff und nachläſſig, das heißt eine glück⸗ liche Miſchung von alle dem; friſch und munter ſchaut er um ſich, wie ein norddeutſcher heller Wintermorgen anzuſehen, nach rechts und links ſeinen zahlreichen Bekannten zunickend, andere mit einer kurzen, leichten Verbeugung begrüßend. Er verkehrt mit Mitgliedern aller Frac⸗ tionen, und Jedermann bewillkommnet ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln, denn Jedermann ſieht und hört ihn gern, ſelbſt diejenigen, die er geſtern oder vorgeſtern angegriffen oder zurechtgewieſen, ver⸗ ſpottet oder gründlich abgeführt hat. Niemand vermag ihm zu zürnen, wie er ſelber niemandem zürnt, denn er weiß jede Individualität zu würdigen, und achtet an jedem Talent oder Charakter.
Der kleine runde Kopf ſitzt ſo tief in den Schultern— ob von Natur oder durch Habitus— daß Hals und Nacken faſt ganz ver⸗ ſchwinden; die mittelgroße, wohlproportionirte Geſtalt zeigt ein kleines, rundes Bäuchlein, kräftige Arme und Beine. Das Geſicht iſt noch immer voll und friſch und roth, doch das kurzgeſchorene Haar bereits ſchneeweiß, und der dichte, aber nicht breite Backenbart weißgrau. Der Blick der runden Augen iſt durch eine goldene Brille abgeſchwächt, die kleine Naſe ſtumpf und breit; nur eine ſchmale Partie trennt ſie von dem etwas breiten zahnloſen Mund, und dieſe drei geben dem Geſicht einen Ausdruck, der äußerſt ſchwer zu definiren iſt: jedenfalls i*ſt er intereſſant und mehr anlockend als zurückweiſend.
Wie Herr von Vincke jetzt ſeinen Eckplatz, rechts auf der zweiten Bank des linken Centrums, einnimmt, ſinkt er gewiſſermaßen behag⸗ lich in ſich zuſammen. Der Kopf ſteckt womöglich noch tiefer in den Schultern, beide Hände in den Hoſentaſchen, das eine Bein iſt herauf⸗ „gezogen und über das andere gelegt. Mit ſolcher Nonchalance und Behäbigkeit iſt aber ebenſoviel queckſilberne Beweglichkeit und Rührig⸗ keit verſchmolzen. Er rückt auf ſeinem Seſſel hin und her, er wechſelt
Ohr.
mit den Beinen, er ſchultert ſich, er nickt oder ſchüttelt den Kopf, er lächelt, er lacht, er flüſtert ſeinem Nebenmann etwas zu, er wirft dem auf der Tribüne ſtehenden Redner eine Bemerkung gerade zwiſchen deſſen Worte, ſo daß dieſer verblüfft innehält; aber er thut es ſo geſchickt und ſo echt— parlamentariſch, daß der Präſident es ihm nicht verbieten kann, das Haus es ihm nicht verargen mag; im Ge⸗ gentheil, ſelbſt der ernſte würdige Präſident läßt für einen Augenblick die Amtsmiene fallen, und durch das Haus läuft ein Gemurmel der Beiſtimmung, über jedes Antlitz fliegt ein Lächeln der Luſt und des Beifalls.— Und jetzt kann er's nicht länger aushalten: er muß reden; er winkt dem Schriftführer, der die Rednerliſte führt: er hat ſich zum Wort gemeldet. Herr von Vincke ſpricht gern und häuſig, aber doch nicht zu oft, und das Haus iſt immer bereit, ihn zu hören, denn er kann— was von einem Deutſchen ſonſt unmäöglich klingt— nie langweilig werden.
Wenn der Vorſitzende ſeinen Namen nennt, quellen zu allen Thüren die etwa draußen weilenden Abgeordneten herein, ſtockt jede Unterhaltung im Saal, recken ſich alle Hälſe empor; die auf den Zu⸗ hörertribünen ſitzenden Damen nehmen ihr Lorgnon zur Hand und beugen ſich weit vor; ſelbſt die Herren Journaliſten vergeſſen ihre Beſchäftigung, ſtehen auf und legen die halbgeſchloſſene Hand an das Nur die amtlichen Stenographen erbleichen, und während die Worte des Redners dahinſprudeln, eins das andre jagend und faſt überſtürzend, ſauſen die ſcharfen Bleiſtifte über das geglättete Papier, treten den Schreibern die Schweißtropfen auf die Stirn. Heer von Vincke iſt die Freude des Hauſes, aber der Schrecken der Stenographen; wer ihm zu folgen vermag, darf ſi ter ſeinen Collegen den erſten nennen.
Herr von Vinckes Organ iſt Anſtrengung volltönend und wohlklingend, deutlich und ſcharf wie kein anderes in der ganzen Ver⸗ ſammlung; mag er von ſeinem Platze oder auf der Tribüne ſprechen, jedes Wort, jede Silbe dringt noch gleich vernehmlich in die äußerſten
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