welt wird richten— für den dort iſt es zu ſpät.“ In dieſem Augen⸗ blicke ſchallten Tritte vor dem Zimmer.„Noch eine Unterredung mit dem Könige, Vater— Gnade für ihn, Gnade!“ Der Vorhang ward zurückgeſchlagen, das Dunkel des Zimmers erleuchtete der Schein einer Kerze. Auf der Schwelle ſtand, das Licht hoch empor⸗ haltend, in rothem Wammſe, die furchtbare Geſtalt Harriſons. „Die Stunde iſt da,“ ſagte er mit dumpfer Stimme.„Die Richter in Ifrael ſind verſammelt.“—„Ich komme,“ antwortete Cromwell. „Gehe nicht mit ihm,“ rief Lady Ireton.„Er ſieht dem böſen Engel gleich— ſchau ſeine Augen an, ſieh, wie er die Zähne fletſcht— es iſt Satan.“ Sie lehnte ſich ohnmächtig an Cromwells Schulter.— „Mein Weib?“ rief eine Stimme hinter Harriſon.„Ireton,“ ſagte Cromwell,„tritt näher.“ Ireton trat herbei.„Nimm Brigitten in Deine Arme. Sie hat mich angefleht, Stuart zu retten— ich bin feſt geblieben. Gib die Kerze, Harriſon.“ Harriſon reichte dem General die Kerze, der ſie auf einen Tiſch ſetzte. Ireton ließ die ohnmächtige Brigitta auf ein Polſter niedergleiten.„Laßt ſie hier ruhen, bis wir zurückkehren,“ ſagte Cromwell.„Siehſt Du jenes Bild?“ flüſterte er Ireton ins Ohr.„Sie hat es enthüllt — in meinem Geiſte wogte es wie eine Sturmflut, als ich es er⸗ ſchaute.“„Es iſt ein gefährliches Machwerk— ein Götzenbild, das uns berücken kann, es muß verſchwinden,“ ſagte Ireton,„hinweg mit Dir, Karl Stuart.“ Er ſchlug mit einer kraftvollen Bewegung den Vorhang wieder über das Bild, küßte ſeiner Gattin die Stirne und wendete ſich um.„Seid Ihr bereit?“ ſagte er.„Ich warte auf Euch,“ entgegnete Cromwell mit feſter Stimme.„Gehen wir.“—
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„So ſpricht der Herr,“ rief Harriſon.„Ich will Dich richten, wie Du verdienet haſt und Dir geben, was Deinen Greueln allen ge⸗ bührt. Vorwärts!“—„Wenn wir zurückkehren, Brigitta,“ ſagte Cromwell auf die ohnmächtige Tochter blickend,„iſt Karl Stuart ein todter Mann. Kommt— macht Eure Hände geſchmeidig, damit ſie feſt genug die Feder umklammern, wenn wir jetzt ſein Todesurtheil unterzeichnen. Gott tröſte Dich, meine Tochter!“
Sie gingen hinaus. Als die Thüre ſich ſchloß, ſchlug Lady Ireton ihre Augen auf. Ein lauter, langer Schrei entwand ſich ihrer Kehle— ſie war allein, noch bewegte ſich der Thürvorhang, den die Fortgehenden ſo eben herabgelaſſen hatten. Die Kerze kniſterte, tiefe Stille herrſchte im Zimmer. Lady Ireton wagte nicht den Vorhang des Bildes zurückzuſchlagen, ſie irrte troſtlos in dem Ge⸗ mache umher, ergriff das Licht und erblickte die offene Bibel.„Ein Troſt in dieſer ſchrecklichen Stunde,“ rief ſie, ihre Hand nach dem heiligen Buche ausſtreckend, und als die Flamme die Schrift er⸗ leuchtete, las ſie:„Das iſt die Schrift allda verzeichnet: Mene, mene, tekel, upharſin.— Und ſie bedeutet dies: Mene das iſt, Gott hat Dein Königreich gezählet und voll⸗ endet.“ Die Lady ſchreckte zuſammen— ſie wollte weiter leſen, da ſchallte ein dumpfer Wirbel an ihr Ohr— er kam von unten herauf, es waren Trommeln und Pauken, die gerührt wurden, und als ſie ſchwiegen, tönte aus rauhen Kehlen ein Geſang von ferne, der bald wie ein Choral, bald wie wildes Jauchzen anzuhören war.
„Es iſt der Jubel der Soldaten,“ flüſterte die Lady mit matter Stimme.„Sie haben den König gerichtet.“
Am Jamilientiſche.
Die Neanderskinder.
Aus dem Berliner Thiergarten kehren in endloſer Reihe die tauſende von Spaziergängern zurück, welche ein ſchöner Herbſtnachmittag in das Freie gelockt hatte. An der Wache des Brandenburger Thores zieht jeder der Herren mechaniſch ein Kärtchen hervor, um daſſelbe ohne Unterbrechung des Ganges und der Geſpräche beim Vorbeipaſſiren ſehen zu laſſen; denn über Berlin war der Belagerungszuſtand verhangt, und kein erwachſenes männ⸗ liches Individuum durfte ohne Legitimationskarte in das Thor einpaſſiren. Plötzlich erſchallt das barſche Commando:„Halt! Legitimation!“
Der Zug der Spaziergänger geräth in Stockung, und es bildet ſich ein Menſchenknäuel um den Angerufenen, einen ältlichen Herren mit nach oben gerichtetem Blick, welcher von einer kleinen, ebenfalls ältlichen Dame an der Hand geführt wird, er in einem altmodiſchen, langem Ueberrock mit hohem Kragen, ſie in einem etwas bunten Gewande, beide entſchieden jüdiſcher Ab⸗ ſtammung. Eine unbeholfene Verlegenheit ſpricht ſich aus in der Haltung des alten Herren, deſſen großes, dunkeles Auge wie aus einem Traume in die Wirklichkeit zurückkehrend, erſtaunt und fragend die Menge ſtreift, während ſeine Gefährtin bereits höchſt zungenfertig mit dem geſtrengen Wächter des Thores unterhandelt, um ihm begreiflich zu machen, der alte Herr, ihr Bru⸗ der habe freilich ſeine Legitimationskarte einzuſtecken vergeſſen, aber es kenne ihn ja jedes Kiud auf der Straße.
Der Wachtpoſten bleibt taub gegen alle Vorſtellungen; der alte Herr ſoll eintreten in die Wache und ſich dort vor dem Corporal legitimiren, als ſich plötzlich in der Menge der Ruf verbreitet:„Die Neanderskinder! die Nean⸗ derskinder!“
Unſer bedrängtes Paar iſt erkannt. Ein Offſicier durchtheilt raſch deu Haufen, grüßt reſpektsvoll den alten Herrn, bietet ihm den Arm, und:
„Proofeſſor Neander!“ herrſcht er den verdutzten Wachtpoſten an. Man macht Platz: die Herren ziehen achtungsvoll den Hut; der Officier führt das Geſchwiſterpaar aus dem Gedränge; die Straßenjugend ſchreit jubelnd Hurrah! und höhnt den Poſten, daß er die„Neanderskinder“ nicht kenne; dieſe aber tragen das Privilegium davon, künftig auch während des Bela⸗ gerungszuſtandes das Thor ohne Legitimationskarte paſſiren zu dürfen.
K... r.
Räthſel. 1
Ein ſinnig Wort! Kech leuchtet's dir Aus manchem hübſchen Augenpaar, Umweht von echter Jugendzier, Von goldig reichem Lockenhaar.
Doch auch aus wettergrauer Stirn Und tiefen Furchen zuckt es kühn, Wenn drauf, wie hoch am Alpenfirn, Der Sonne Scheideſtrahlen glühn. Und von der March bis an den Rhein Hat's jüngſt noch tauſendfach geblitzt, Weil's wie der Funk im feſten Stein, Im deutſchen Heldenmarke ſitzt.
Zwei Zeichen vor! Ein Jammerbild, Hohläugig, bleich und fahl!
Du haſt wohl, Leſer, nie gefühlt
Des Wortes ganze Qual?
Ein Abgrund iſt's. Und würfeſt du Wohl Berge ſelbſt hinab,
Du füllſt es nicht, deckſt es nicht zu Das bodenloſe Grab.—
Von unten muß gar emſſglich
Der Grund gehoben ſein;
Dann gleicht ſich's aus, dann füllt es ſich Wohl auch mit Sonnenſchein!
II. Zwei Feinde weiß ich, in ewigem Krieg, So lange die Erde gegründet; Dem erſten wird jetzt, dann dem zweiten der Sieg, Bis der erſte die Kraft wiederfindet. So jagen ſie ſtets ſich; doch keinem gelingt, Daß er den andern auf immer bezwingt.
Das ſchwache Ganze, dem zweiten verwandt, Stellt doch ſich auf Feindes Seite;
Es ſchlingt mit dem erſten ein brüderlich Band, Wenn jener ſuchet das Weite.
Beim hellen Verwandten wird nie es geſehn, Mit dem düſtern Feind muß es fallen und ſtehn.
Inhalt: Das Geheimniß des Fürſtenhauſes(Fortſ.) Nov. v. G. Hiltl. — Deutſche Aerzte. II. Der Sprachmeiſter von Tübingen. Von Dr. Coſack. Mit 2 Jlluſtr.— Reichstagsbilder aus der Vogelſchau. II. Von O. Glagau. — Das Bild des Königs. Hiſtor. Skizze von G. Hiltl. Mit Illuſtr.— Am Familientiſch.—
Zur gefälligen Beachtung!
Mit det nächſten Nummer ſchließt das laufende Quartal.
Beſtellung gefälligſt rechtzeitig erneuern zu wollen.
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.
Wir erſuchen unſere Leſer, beſonders die Poſtabonnenten, ihre
Daheim-Txpedition.
Unter Verantwortlichkeit von A.
. Klafing in Lielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig Berlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen 2 Aliſing in Bielefeld nud Berlin.— Druck von Fiſcher* Wittig in Leipzis⸗.
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