Seine damalige Erſcheinung ſchildert Profeſſor R. Haym mit dieſen Worten: 3
„Ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre iſt Vincke von großer und ſtarker Statur, der Kepf feſt und kurz auf die breiten Schultern geſetzt, die Haltung edel ohne fein, beweglich ohne läſſig, feſt ohne ſteif zu ſein. Das friſche, volle Antlitz mit rothem Backen⸗ bart, nicht ohne die Spuren ritterlicher Uebung, zeigt Kraft und Ge⸗
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ſundheit. In den weicheren fleiſchigen Unterpartien liegt ein ſpötti⸗ ſches Lächeln, die Naſe iſt unſchön und etwas gedrückt, die Augen mit hohen Brauen klar, klug und liſtig, die Stirn gradlinig, feſt und frei. Der Eindruck behaglichen Lebensgenuſſes, den dieſe Phyſiognomie machen kann, wird überwogen durch den Ausdruck geiſtiger Zuverſicht und gefaßter Kraft.“— Vergleichen wir dieſes Portrait mit dem jetzt zwanzig Jahre älteren Original.
Das Bild des Königs.
Hiſtoriſche Skizze von Georg Hiltl.
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Ein ſchneidender Wind pfiff durch die Straßen Londons und jagte Wolken von Schneeflocken vor ſich her, die in dichten Maſſen aus dem aſchgraufarbigen Himmel herniederſanken. Die Leute rannten in dieſem Schneetreiben ſchnell aneinander vorüber, und nur ſelten blieben einige Gruppen beiſammen ſtehen, um flüchtige Worte mit einander zu wechſeln. Je weiter nach Weſtminſter hinauf, deſto zahl⸗ reicher wurden die Scharen, es ſchien, als zögen alle, die weiter unten nur wie Gaffer oder Pflaſtertreter in dem Gewimmel der Schneeflocken ſich umhergetrieben hatten, nach einem gewiſſen Punkte hin. Es war auch in der That alſo. Die Menge ſammelte ſich in der Nähe des St. James Palaſtes, dann zog ſie durch den Park und ballte ſich wieder auf dem Platze vor einem großen viereckigen Ge⸗ bäude zuſammen, welches zwar nicht beſonders anſehnlich durch ſeine Bauart oder ſonſtige Vorzüge, wohl aber durch ſeine Größe und durch die Erinnerungen, die ſich an ſeine Mauern knüpfen, berühmt ge⸗ worden iſt. Dieſes Gebäude iſt der Whitehall Palaſt.
Die Menge verharrte hier am 27. Januar des Jahres 1649 in einem dumpfen, erwartungsvollen Schweigen, das nur durch halb⸗ laute, gleich dem Brauſen der See erſchallenden Geſpräche, durch ein⸗ zelne gellende Rufe unterbrochen ward. Von Zeit zu Zeit blickte alles in die auf den Platz mündenden Straßen, bis endlich einige Stimmen verkündeten:„Sie kommen! ſie kommen!“— Auf dieſe Benachrichtigung drängte die ganze Maſſe bis an den Eingang der Straße, aus welcher jedenfalls Perſonen kommen mußten, die von ſämmtlichen Neugierigen mit Sehnſucht erwartet wurden und deren Erſcheinen durch verſchiedene Gaffer verkündet ward, welche ſich mit großer Gewandtheit auf die Eckſteine der Häuſer geſchwungen hatten. Es währte auch nicht lange, ſo ſah man einen Trupp Reiter erſcheinen. Die aus der wogenden Menge hervorſchauenden Geſtalten und die Köpfe der Pferde ſchienen in dieſem Menſchenſtrome zu ſchwimmen. Als die Reiter auf dem Platze vor Whitehall anlangten, verwandelte ich das ſummende Geſpräch in einen plötzlichen Ausbruch von Geheul und Geſchrei.„Gericht! Gericht! Gerechtigkeit! es leben die Gene⸗ ale! nieder mit dem Erzfeind!“ tönte es aus dem Haufen, Mützen logen in die Luft, Tücher wurden geſchwenkt, und man drängte ſich un die Reiter. Dieſe parirten ruhig ihre Pferde, gelangten bis an has Hauptthor des Palaſtes und ſchwangen ſich hier, durch eine Ab⸗ heilung Bewaffneter gedeckt, aus ihren Sätteln.
Die Bewaffneten waren Geharniſchte auf ſtarken Pferden. Sie rugen gelblederne Koller von Elennshaut, mächtige Stiefel mit ſchweren Sporen, auf den Häuptern hatten ſie blanke Sturmhauben mit langen, jierfach gegliederten Nackendeckeln, ſchwere Harniſche und Beinſchienen umgaben ihre plumpen Geſtalten, und auch die Arme waren bis zu zen Fingerſpitzen in Eiſen gehüllt, die alſo bedeckten Fäuſte hielten blitzende Schwerter mit breiten Handkörben. Es waren Reiter von
em furchtbaren Küraſſierregimente des Lord Generals Oliver Crom⸗ well, welches man die„Eiſenſeiten“ nannte.
Die ſo eben mit dem Hochrufe begrüßten Officiere ſtiegen die breite Sandſteintreppe hinan, in deren Geländer man noch die Wappen Wolſeys erblickte, der den Palaſt von Whitehall erbaut hatte; ohne zu ſprechen gingen die Männer in ein hohes, weitläufiges Gemach, deſſen Thür ſie hinter ſich ſchloſſen. Die Menſchenmenge aber draußen vor dem Palaſte tanzte wie unſinnig umher; nur einzelne Gruppen verharrten in finſterem Schweigen, man ſah inmitten derſelben viele Leute die Hände ringen, drohende Geberden machen und hörte Ver⸗ wünſchungen ausſtoßen; die Geſichter waren bleich, die Häupter beugten ſich unter der Laſt der ſchrecklichen Neuigkeit, welche ſo eben zu den
QOhren der Benölkerung Londons gedrunagen war.
Erſten beſchloſſen. Die Sentenz war unterzeichnet, und die Generale, welche hoch zu Pferde angelangt waren, hatten ihre Namen unter den Blutbefehl geſett. Von Whitehall bis zu dem Palaſte von St. James, wo der gefangene König bewacht wurde, war nicht allzuweit, die Menge ſtrömte dahinüber, ſie hofften, den Gefangenen, dem die Krone von dem Haupte geſchlagen war, am Fenſter erblicken zu können, ſie wollten— die einen ihn verhöhnen, die andern ihm womöglich einen Scheidegruß zurufen. Das Geſchrei ward immer ärger, es nahm jenen Ausdruck des Drohenden an, der bei allen furchtbaren Begebenheiten aus der erregten Maſſe ſchallt und den niemand zu deuten weiß, bis der Ausbruch erkennen läßt, was das Geheul ſagen will. Die Anhänger des Königs meinten einen Ruf der Miß⸗ billigung des Urtheils zu vernehmen, die Freunde des Parlaments hörten nur eine Verdammung des Königs in dieſem Zurufe. Unterdeſſen waren die Männer in Generalsuniform, welche das
Zimmer von Whitehall betreten hatten, durch andere empfangen
worden, die ſchon ihrer Ankunft harrten. Die Geſtalten und Ge— ſichter dieſer Leute konnten Furcht und Achtung zugleich erwecken. Man ſah kein Lächeln in all dieſen Zügen, kein freundlich blickendes Auge, keine friſche, durch Lebensgenuß oder Freude geröthete Wange,
ſelbſt den ſchönen Schmuck des Hauptes, die Haare, hatten dieſe,
Männer entfernt und einigen war es gelungen, ihrem puritaniſchen Kopfe das Anſehen eines Todtenſchädels zu geben, ſo glatt hatten ſie die Haare heruntergeſchoren. Zunächſt dem Fenſter, welches auf den Platz hinausging, ſtand mit verſchränkten Armen ein hochgewachſener, breitſchultriger Mann. Sein röthliches Haar, der ebenſo gefärbte Schnurr⸗ und Kinnbart, die buſchigen Augenbrauen deckten und theilten ein Geſicht, deſſen Härte des Ausdrucks etwas Erſchreckendes hatte. Die Augen dieſes Asceten lagen tief in den Höhlen, die ſchönen, aber wolfsartig zugeſpitzten Zähne ließ der unheimliche Mann fortwährend blicken und blitzen. Es war der Colonel John Harriſon, einer der Wüthendſten und Kühnſten unter der Schar der Puritaner. Dicht neben ihm ſtand ein noch junger Mann. Das Antlitz deſſelben überzog eine feine Bläſſe, welche hie und da gelbliche Flecken zeigte. Der blaſſe Mann hatte dunkles, kurzgeſchornes Haar, ſeive ſchönen Augen blickten düſter und trotzig zugleich, die feinen Hände befanden ſich in einer fortwährend zitternden Bewegung, unruhig warf er den Kopf, deſſen Hals eine ſchlichte, aber ſehr ſaubere Krauſe umſchloß, was eigentlich gegen alle puritaniſche Sitte war. Unter dieſer Krauſe trug der Mann einen ſtählernen Ringkragen, ſeine Geſtalt ſchlank und edel gebaut, ſchien ein wenig gebeugt— ſo ſtand Henry Ireton, der Schwiegerſohn Cromwells, neben dem plumpen Harriſon. Huncks, Axtelt, Hacker, Fleetwood, Phayre, Cobbet und andere ſtanden oder gingen in dem Gemache heftig geſtikulirend umher, zuweilen ſchlugen ſie an die Scheiden ihrer langen Degen oder auf den großen Tiſch, dann ertönte ein pſalmartiger Geſang, bis plötzlich die Thüren ſich öffneten und klirrenden Schrittes Oliver Cromwell eintrat.„Der Lord General,“ rief Harriſon laut. Es trat Schweigen ein. Der Gewaltige muſterte mit einem Blicke die Schar, dann ging er auf einen Mann, Henry Martyn zu und faßte deſſen Wehrgehenk.„Ihr habt es alſo bei Euch?“ ſagte er.„Hier iſt es,“ ſagte Martyn, ein Pergament vorziehend,„heut haben wir endlich geſiegt.“—„Die Heiden ſind gefallen in die Grube, die ſie gegraben. Iſrael bläſt die Poſaune des Sieges,“ rief Harriſon mit ſonorer Stimme.„Still,“ ſagte
Cromwell,„ich will jetzt nichts hören von Pſaltern und Harfen. 1
Wir haben Eile nöthig.“—„Es bedarf nur noch der Feſtſetzung des Tages,“ ſagte Ireton,„an welchem der Kopf Karl Stuarts fallen
ſoll.“— Moraen! moraen!“ ſchrie Harriſon. Still. ſaae ich noch
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