„Er kann es auch,“ ſagte Danckelmann.
iſt gut— es iſt trefflich— wo iſt Danckelmann?“ rief der Kurfürſt. „Der Herr Kammerrath wartet mit dem Angekommenen in dem kleinen Cabinette des hochſeligen Herrn auf Euer kurfürſtliche Gnaden.“ Ohne zu zaudern eilte der Kurfürſt mit den beiden Räthen vorwärts. Er war genau mit der Localität vertraut und ſtand bald vor der Thüre des ihm von Seydel bezeichneten Gemaches; mit ſchneller Be⸗ wegung öffnete er die Thüre, und ein lauter Freudenruf entfuhr ſeiner Bruſt. In der Mitte des Zimmers ſtand Danckelmann neben einem Fremden. Dieſer war von hohem Wuchſe, hatte ein ſehr edles und kluges Geſicht, blitzende und doch ſanfte Augen. Er trug ein zimmet⸗ braunes Wamms mit gelben Meſſingknöpfen auf allen Nähten und an den Taſchen überſäet, hohe Reitſtiefel und einen ſchweren Degen an breitem Gehenk.„Ihr ſeid es alſo wirklich“— rief Friedrich. „Noch kann ich kaum an ſo eine angenehme Wirklichkeit glauben. Mein Bruder Wilhelm iſt wohlauf?— wir wollen gemeinſchaftlich berathen— ſchnell— ich muß Eure Sendung— Eure Botſchaft vernehmen, ehe es in die Oeffentlichkeit gelangt.“—„Gnädigſter Herr,“ ſagte der Fremde,„ich bin mit allem verſehen, die Vollmacht, welche ich mitbringe, lautet auf„Unbeſchränktheit,“ wir werden ſchnell einig ſein und ich bin glücklich darüber, denn es gilt zu eilen.“ Der Kur⸗ fürſt ſchob die Riegel vor die Thüre des Zimmers, Danckelmann brachte Stühle herbei, und die Unterhandlung mit dem Fremden be⸗ gann. Seydel figurirte als Protocollführer, Friedbert ſtand an der Thüre, um zu wachen———
Unterdeſſen war im Saale die Vorleſung, die Trauercantate weiter gegangen, die Verſammlung hatte die Rückkehr des Kurfürſten vergeblich erwartet; jedenfalls hinderte ihn ein großes Ereigniß; da er durch einen ſeiner Kammerherren den Befehl ertheilt hatte, fortzu⸗ fahren und auf ſeine Perſon nicht zu warten, ging alles ſeinen ruhi⸗ gen Gang bis zum Schluſſe. Jetzt aber ſtrömten die Feinde des Kammerrathes in dem Mittelgange zuſammen, wie ein Bergſtrom brauſten die Verwünſchungen gegen ihn, das Ereigniß ward beſpro⸗ chen, erläutert. Dequede erhitzte ſich und die anderen, Wittgenſtein ſchürte das Feuer, Münchhauſen nahm keine Rückſicht auf Ort und Zeit, ſondern erklärte laut, daß der Kammerrath fallen müſſe; ver⸗ gebens ſuchten einige der Beſonnenen den Ausbruch zu verhüten— es war vergeblich, und als Herr von Dequede rief:„Wohlan, wer die Bahn frei machen will, der folge mir,“ traten die meiſten der jüngeren Cavaliere auf ſeine Seite, umringten ihn, und dann eilte der ganze Trupp aus dem Saale; an der Spitze des Zuges, neben Dequede ging der Freiherr von Kolbe. Man ſuchte Danckelmann. „Es wird heute ein großes Rencontre geben,“ ſagte der alte Herr von Printzen zu dem Freiherrn von Tettau.„Was iſt denn nur vorgefallen?“ ſagte dieſer.„Je ne sais pas— aber ich glaube, ſie wollen Monſieur Danckelmann zu Leibe, der ihnen im Wege ſteht und ſie durch Inſolence beleidigt hat.“—„Dieſe jungen Herren ſind toll,“ ſagte Tettau.„Sie werden ſich an des Kurfürſten Willen die Köpfe einrennen. Danckelmann kann kein Günſtling ſtürzen— er müßte denn Frauenkleider tragen.“ Die Schar der Wüthenden hatte ſchon einige Corridore durchſtreift, ohne den Rath gefunden zu haben. Endlich vermochte ein Kammerdiener beſtimmte Nachricht zu geben. Der Rath befand ſich im Cabinette mit Seiner kurfürſtlichen Gnaden.„Es iſt eine ſchlimme Zeit,“ ſagte Kolbe,„wir müſſen eine günſtigere wählen, meine Herren.“—„Nichts da,“ eiferte Dequede, „jetzt oder nie. Wenn der Kurfürſt neben ihm ſteht, ſo klagen wir den Kammerrath nur an— tritt er allein uns gegenüber, dann bringe ich ihm meine Herausforderung entgegen.“
Sie ſtellten ſich in einiger Entfernung von der Thüre zum Cabinette auf, welche jetzt von zwei Trabanten bewacht wurde. Aus dieſer Thüre mußte der Mann kommen, deſſen Sturz heute eine That⸗ ſache werden, von deſſen Tyrannei der junge Hof befreit werden ſollte.
„Alſo am zwanzigſten Tage des Junimondes,“ ſagte der Kur⸗ fürſt aufſtehend,„treffen wir uns. Sagt meinem erlauchten Bruder, daß ich mich innig freue, mit ihm vereint zu wirken zum Heile der guten Sache, ſagt ihm, daß auch hier in meiner Hauptſtadt allerlei Intriguen geſponnen werden, daß wir dem Erbfeinde, der ſich ein⸗ niſten will, auf der Spur ſind.“ Der Fremde ergriff die Hand, welche der Kurfürſt ihm reichte.„Mein gnädiger Gebieter und Freund wird dieſe Kunde mit hoher Genugthuung aufnehmen.“— „Neuntauſend branden⸗ burgiſche Soldaten aus der Schule des großen Kurfürſten und Schom⸗
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berg als Generaliſſimus, damit läßt ſich ſchon etwas Gutes aus⸗ richten.“—„Biſt Du heute zufrieden, Eberhard?“ ſagte lachend der Kurfürſt.„Du ſiehſt bleich aus, die Ankunft unſeres Freundes hat Dich ſo erregt.“—„Nein— nein,“ rief Danckelmann.„Ich habe heute wieder eine neue Niederlage erlitten, ich bin aufs neue beſchimpft, entehrt worden.“—„Geſtatten, Kurfürſtliche Gnaden, daß ich mich empfehle,“ ſagte der Fremde,„der Kammerrath hat mit Euer Gnaden allein zu ſprechen. Morgen nehme ich die Unterzeich⸗ nung des Vertrages in Empfang.“ Der Kurfürſt verabſchiedete ihn durch eine Hinterthüre, dann kam er zurück.„Um des Himmels Willen, was iſt denn ſchon wieder geſchehen?“ ſagte er zu Danckel⸗ mann tretend.„Die Attaquen hören nicht auf.“—„Was gibt es?“ Danckelmann berichtete nun den Vorfall. Während der Schilderung deſſelben zitterte der Kammerrath ſo heftig, daß er ſich ſetzen mußte; ſeine Hände vermochten nicht mehr den Hut zu halten, der ihm zu Boden ſiel.„Während ich beſchäftigt bin,“ fuhr er mit bebender Stimme fort,„für das Wohl des Landes, für Euer Durchlaucht zu arbeiten, während meine Nächte durch Sorgen und Mühſal zu den unruhigen werden, welche der Schlaf flieht, während meine Tage unter Arbeit dahinfließen, wagt es eine Rotte junger Abenteurer, ſich gegen mich zu verſchwören, mir einen Scandal zu bereiten, der mein Anſehen bei Hofe niederdrücken muß. Ich kenne ſie alle, dieſe Herr⸗ chen, und an der Spitze derſelben ſteht der Freiherr von Kolbe, Euer Durchlaucht Reiſemarſchall.“ Danckelmann lachte bitter.„Gemach Eberhardt— gemach,“ ſagte der Kurfürſt.„Es ſind Leute aus guten Häuſern, die Du angreifſt. Sie ſollen von mir ihren Verweis erhalten wegen des Attentates gegen Dein Wappen, aber ſei Du auch duldſamer gegen die jungen Leute, die oft genug nur aus Muth⸗ willen fehlen. Du verfeindeſt Dich ja mit dem ganzen Hofe,“ ſetzte er verdrießlich hinzu.„Ich weiß, daß ich in dieſem Punkte Ew. Gnaden nicht genehm bin,“ ſagte Danckelmann.„Aber ich ändere mein Weſen nicht. Ich werde die Feinde zermalmen können, ich werde ihr Treiben aufdecken. Jener Kolbe iſt ſicherlich ein Schlei⸗ cher— er ſteht in Verbindung mit Leuten, die im Geheimen wühlen.“— „Wo ſind Deine Beweiſe? bringe ſie!“ rief der Kurfürſt.„Haſt Du ſie bei der Hand?— nein. Kolbe iſt ein feiner Cavalier, wie er an guten, glänzenden Höfen ſein muß, deshalb zog ich ihn her, weiter ſoll er nichts bedeuten, aber verleumde ihn nicht. Du ſiehſt zu ſchwarz, auch mit dem Pater Welff haſt Du Geſpenſter geſehen— was ſollte da nicht alles geſchehen? Jenes unheilvolle Teſtament fürch⸗ teteſt Du in die Oeffentlichkeit kommen zu ſehen, Du wußteſt, daß es die Gemüther meines Volkes aufzuregen beſtimmt ſei. Nichts von alle dem iſt bis jetzt geſchehen, und ich bitte Dich, martere Deinen Kopf nicht mit ſolchen Dingen. Du haſt Großes für mich und das Land
gethan, haſt heute einen Triumph errungen, indem Du das Bündniß
zu Stande brachteſt— was kümmert Dich das Geſchrei einiger junger Cavaliere? ſieh nicht ſchwarz— Deine Befürchtungen ſind unnütz, Du haſſeſt den Freiherrn Kolbe, aber weshalb eigentlich?“—„Weil ich ihn für einen ſchlimmen Geſellen halte, der ſich ſo feſt in Euer Durchlaucht Buſen einniſten wird, daß er hier noch eine höchſt ver⸗ derbliche Rolle ſpielen kann— ich bin gewiß: Kolbe iſt ein Ver⸗ bündeter unſerer Feinde, wenn er durch ſie nur die Mittel erhält, ſich in den Sattel zu ſchwingen.“—„Wo ſind Deine Beweiſe?“ ſagte kalt und ruhig der Kurfürſt.„Ha— wenn ich ſie hätte!“ rief Danckelmann.„Sie ſchweben vor meinem Geiſte, ſie müſſen zu finden ſein— wenn ich ſie hätte— ich wollte den Bringer fürſtlich belohnen.“—
In dieſem Augenblicke klopfte man leiſe an die Hinterthüre des Cabinets.„Was iſt da?— öffne,“ ſagte der Kurfürſt. Danckel⸗ mann öffnete. Auf der Schwelle erſchien Biedekap bleich und zitternd, hinter ihm ein junger Mann, deſſen Anzug mit Koth beſpritzt war, deſſen Haare wie Strähnen, von Schweiß und Schaum zuſammen⸗ geklebt um das Haupt hingen; er vermochte ſich nur mühſam zu halten.„Oelven!“ rief Danckelmann, den Zerzauſten erblickend. „Er ſtürzte mit ſeinem verwundeten Pferde dicht vor dem Schloß⸗ gitter zuſammen,“ meldete Biedekap,„und wollte ſogleich zu dem Herrn Kammerrathe gebracht werden.“—„Herein mit ihm!“ rief Danckelmann.
Oelven heranziehend, ſtieß Danckelmann Biedekap zurück und ſchlug heftig die Thüre zu. Der Secretär ſtand dem Kurfürſten gegen⸗ über.„Setzt Euch, Mann— ſetzt Euch,“— rief Friedrich, einen Seſſel hinſchiebend, auf den Oelven auch ohne Umſtände ſich nieder⸗
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