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Reihe hinunter und als ſie ſämmtliche Plätze beſetzt fanden, ging der eine von ihnen um die Bänke herum, ſo daß er auf die andere Seite kam. Von hier bis zu dem Sitze Danckelmanns waren noch vier Plätze, welche ſchon ihre Eigenthümer aufgenommen hatten. Der Mann, welcher ſich an das Ende der Bänke begeben hatte, war kein anderer als Danckelmann ſelbſt. Er ſchien erſt ſeinen Augen nicht zu trauen, als er auf ſeinem Platze, unter ſeinem Wappen, inmitten der älteſten Herren des höchſten brandenburgiſchen Adels, einen blutjungen Mann ſitzen ſah, der gleichgültig in die Luft ſtarrte und von dem um ſeinen Sitz gebrachten Danckelmann gar keine Notiz zu nehmen ſchien.„Herr von Grooten,“ ſagte Danckel⸗ mann zu dem am Ende der Barnk ſitzenden Herrn.„Wollen Sie die bonté haben, mir den Eingang zu geſtatten?“ Grooten erhob ſich.„Ich bitte, mich nicht in Anhörung der Muſik zu ſtören,“ ſagte der alte Herr.„Ich will nur auf meinen Platz,“ entgegnete Danckel⸗ mann, in die Reihe tretend. Er war jetzt, bei den andern Herren vorübergehend, dicht zu Herrn von Dequede gekommen, der in die Me⸗ lodie des Trauermarſches ganz verſunken ſchien und ihn nicht eher betrachtete, als bis der Kammerrath ſeinen Arm berührte.„Ich bitte, Monſieur de Dequede, dieſen Platz aufgeben zu wollen, wenden Sie ſich um, ſo werden Sie mein Wappen hinter dem Sitze erblicken.“ Dequede beachtete dieſe Rede gar nicht, ſondern fuhr fort die Muſik anzuhören.„Ich fordere Sie jetzt auf, den mir zugehören⸗ den Platz zu räumen, Herr Kammerjunker,“ ſagte Danckelmann mit ſtarker Stimme.„Ich ſitze gut,“ war die lakoniſche Antwort des jungen Mannes. Die Zunächſtſitzenden erhoben ſich. Die Töne der Muſik waren ſo ſtark ausgiebig, daß ſie dieſen Streit überſchall⸗ ten, zumal da ein ſtarker Widerhall im Saale ſeine Macht ausübte. Dennoch riefen die anweſenden älteren Leute den Herrn von Dequede zur Ruhe. Danckelmann, der durch ſeinen Eintritt in die Sitz⸗ reihen dicht an ſeinen Gegner gekommen war, ballte die Fäuſte vor Zorn, die Adern ſeiner Stirn ſchwöllen auf— er hatte die Abſicht ſofort begriffen, man wolle ihn durchaus beleidigen, dort ſtand auch in nicht allzu weiter Entfernung Herr Kolbe von Wartenberg, dem er bei ähnlicher Gelegenheit den Eintritt in den Saal verweigert hatte, da waren die ſämmtlichen Perſonen zugegen, die eine geſchloſſene Schar von Intriguanten gegen Danckelmann bildeten, ſie hatten ſich offenbar hier zuſammengerottet, um eine große, ſcandalöſe Scene herbeizufüh⸗ ren, deren Opfer Danckelmann werden ſollte. Dieſer überſchaute ſchnellen Blickes die Verſammlung.„Werden Sie nun aus dieſer Reihe weichen, mein Herr, oder nicht?“ ſagte er mit bebendem Tone. „Nein, ich habe ein größeres Recht unter den Trägern dieſer Wappen zu ſitzen, als Sie.“—„Bei Gott dem Gerechten, ich werde mich ver⸗ geſſen,“ rief Danckelmann ſo laut, daß ſeine Stimme faſt die Muſik übertönte.„Ich halte Sie in Zaum, Herr Kammerrath,“ ſagte De⸗ quede, nach dem Degen greifend. Die Verbündeten traten näher, die Beſonnenen geboten wieder Ruhe und machten auf die Gefahr auf⸗ merkſam, welche ſolche Störung herbeiziehen konnte, denn der Kur⸗ fürſt war ſtreng, wenn es ſein Anſehen zu behaupten galt, zugleich ſchwiegen die ſtarken Töne der Muſik, eine leiſere Melodie ward an⸗ geſtimmt, der Streit mußte alſo gehört werden.
„Sie verlaſſen den Platz nicht, mein Herr Kammerjunker?“ ſagte Danckelmann mit ziſchender, halbleiſer Stimme.„Nein— nicht für Sie.“—„Gut denn, ich gehe, ich kehre zurück, und Sie werden mir, wie es einem Manne in untergeordneter Stellung geziemt, dieſen Platz aufheben, bis ich wiederkomme.“ Dequede zuckte vor Wuth. „Das iſt eine Beleidigung,“ ziſchelte er ebenfalls, zwiſchen den auf einander gepreßten Zähnen hervor.„Das ſoll es auch ſein,“ ent⸗ gegnete Danckelmann ſich wendend.„Ich werde Ihnen zeigen, Herr Kammerrath, für wen ich den Platz aufhebe.“ Er winkte dem Frei⸗ herrn Kolbe von Wartenberg, der ſogleich durch die Reihe ſchritt, dann ſtand er von Danckelmanns Sitz auf und ließ den her⸗ beigerufenen Freiherrn Platz nehmen, worauf er zu ſeinen Genoſſen trat, die ihn mit halblauten Beifallsbezeugungen begrüßten. Die Muſik hatte aufgehört, und Magiſter Stryck begann die Gedächtniß⸗ rede auf den hochſeligen Kurfürſten. Der furchtbar beleidigte Danckel⸗ mann entfernte ſich.
Er ging zwiſchen den Abtheilungen der Sitze nach der Ausgangs⸗ thür, einen wilden und rachedrohenden Blick auf ſeine Feinde werfend. Seine Fäuſte blieben krampfhaft geballt, die Augen ſenkte er zu Boden— denn inmitten des verſammelten Adels war ihm eine äntfiche Munde an ſeiner Ehre aeſchlaaen worden. Danckelmann
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hatte Urſache das Haupt zu ſenken.„Freiherr Kolbe iſt gerächt, die Scharte vom Condolenztage in Berlin iſt ausgewetzt,“ murmelten die Verbündeten unter einander.„In einer Stunde hat er meine Her⸗ ausforderung zum Zweikampf— er wird, muß ſie ausſchlagen, und ein ſolcher Mann iſt an dieſem Hofe unmöglich,“ ſagte Dequede dem Freiherrn Kolbe zunickend, der ſich auf dem Sitze des beleidigten Kammerrathes ſpreizte. Die andern Herren waren unruhig, man ſah das zornentbrannte Geſicht Danckelmanns, als dieſer den Saal verließ; jeder, der Zeuge des Auftrittes geweſen war, ahnte, daß eine Genugthuung von irgend einer Seite gefordert werden würde. Mit Ungeduld ſah man der Beendigung der Feierlichkeit entgegen, und niemand der Betheiligten hatte Sinn für die lange Rede, welche Herr Magiſter Stryck den Tugenden des großen Kurfürſten hielt. End⸗ lich war alles vorüber.„Bleiben wir beiſammen,“ ſagte Wittgen⸗ ſtein.„Er muß den Stoß des Ganzen aushalten, und wenn der gnädige Herr Kurfürſt ſich ſeiner annehmen ſollte, dann ſtehen wir leichter gegen deſſen Zorn, wenn wir beiſammen bleiben.“—„Ha— ſehen Sie dort. Becher naht ſich dem gnädigſten Herrn— was muß vorgefallen ſein? der Kurfürſt erhebt ſich von dem Seſſel— er verabſchiedet ſich kurz von der Kurfürſtin— er verweilt nicht länger!“ Wirklich hatte Friedrich ſchon ſeinen Seſſel verlaſſen und war zwiſchen der grüßenden Menge hindurch auf die Thüren des Saales zugeſchritten, nur von zwei Cavalieren begleitet. Jedenfalls war etwas Außerordentliches geſchehen, denn der Kurfürſt unterbrach ſonſt nie eine Feierlichkeit, ſondern wartete ſtets, bis alles vorüber war.„Sollte die fatale Geſchichte mit dem Drucke der Teſtam—— 2* ſagte Freiherr Kolbe von Wartenberg leiſe zu dem kaiſerlichen Ge⸗ ſandten.„St——“ winkte Freytag.„Ich glaube es nicht, ſonſt hätte wohl der Kurfürſt mich rufen laſſen— ich vermuthe etwas anderes, der Pater ſcheint mir eine Partie verloren zu haben.“
Während ſich alle dieſe Scenen im Schloſſe ereigneten, trabte auf der Landſtraße von Berlin nach Potsdam ein Reiter hin; ſein Pferd war nicht beſonders ſtattlich, aber es zeigte kräftige Gliedmaßen und ſchien den Weg zu kennen, denn bei dem Anblicke der verſchie⸗ denen am⸗Wege liegenden Krüge und Wirthshäuſer wieherte es ſtets munter auf. Als der Reiter den kurfürſtlichen Hopfen⸗ und Küchen⸗ garten“) hinter ſich hatte, mäßigte er einige Augenblicke die Eile, mit welcher er von Berlin aus den nicht allgemein angebauten Weg nach Potsdam zurückgelegt hatte. Er befühlte ſeine Taſchen wie jemand, der etwas Wichtiges bei ſich führt und ſich deſſen zu verſichern ſucht. Als er ſeine anſcheinend köſtliche Baarſchaft ſicher in den Taſchen fühlte, trieb er das Pferd wieder an und erreichte bald die Höhe des kleinen Hügels, der hinter dem jetzigen Dorfe Schöneberg ſanft emporſteigt. Hier wendete er ſich um. Die Stadt konnte er in ihrer Breite faſt ganz überſchauen und die Windungen und Wege verfolgen, die ſich durch den großen mit Anpflanzungen aller Art bedeckten Raum hin⸗ zogen, der von den Befeſtigungen der Stadt an bis zur großen Landſtraße lief.„Ich habe mich nicht geirrt,“ murmelte der Reiter.„Die beiden dort unten zu Pferde ſind mir auf den Hacken. Sie haben's auf mich abgeſehen.“ Er zog aus dem Halfter ein Piſtol, deſſen Schloß er prüfte, dann gab er ſeinem Pferde durch einen kräftigen Ruck mit dem Zügel zu verſtehen, daß es ſcharf ausgreifen müſſe, welchen Wink das Roß auch gut verſtand und alſobald wie ein Pfeil über das holprige Erdreich der Straße vahinſchoß. Die Leute, welche der Mann als ſeine Verfolger bezeichnet hatte, waren ebenfalls beritten und zwar dem Anſcheine nache eſſer als der von ihnen Verfolgte. Sie ſchienen— einer wenigſtens— mit der Gegend vertraut zu ſein, denn ſtatt in gerader Linie auf ihr Ziel los zu galoppiren, ſchwenkten ſie links ab; durch eine Art von Damm waren hier die Waſſergräben mit einander dergeſtalt verbun⸗ den und durchſchnitten, daß ein des Weges Kundiger, indem er dieſen Damm paſſirte, ſchneller auf die Landſtraße kam, welche an der Seite nach Potsdam hin, bei dem Dorfe Steglitz oder Stieglitz einen Winkel bildete, auf deſſen Spitze der Damm gerade führte.„Er kommt uns nicht mehr aus, Perbom,“ ſagte der eine der Verfolger.„Wer weiß auch, mein ſchwarzer Karl? Ich denke, es iſt ein gutes Pferd, welches er reitet.“—„Es iſt aus dem Goldnen Bären— ich kenne die Stute des alten Wirthes— ſeht Ihr, es geht langſamer es wirft ſich in matten Galopp.“ redete war ein Menſch, deſſen Züge nicht zu erkennen waren, denn
Der aline kataniſche Garten bei Schönebera. 2
Der mit dem Namen„ſchwarzer Karl“ Ange⸗


