ſchloſſen wäre, ſo würde mein Angriff die erſte Kraft einbüßen. Wagen wir es.“
„Das iſt ein ſeltſames, aber wichtiges Document,“ ſagte der, welchem der Pater eines der gedruckten Exemplare zum Leſen gereicht hatte.„Es wird ſeine Wirkung nicht verfehlen.“—„Wie viel ſolcher Blätter ſind fertig?“ fragte der Pater.„Wir haben die Hälfte gedruckt,“ entgegnete der alte Ringwald,„denn es geht lang⸗ ſam, weil wir beide allein arbeiten müſſen, des Geheimniſſes wegen. Wir können nur mit unſerer kleinen Handpreſſe drucken und müſſen jeden Verdacht meiden.“—„Es iſt gut ſo,“ ſagte der Pater.„Hier ſind in den Packeten die fertigen Blätter, ich nehme zwei Bündel mit, ſie ſollen morgen in die Welt gehen. Seid Ihr zufrieden, Herr Freiherr?“—„Vollkommen. Ich werde arbeiten in Kaiſerlicher Majeſtät Intereſſe und will auch mein Wort für Herrn Ringwald ſprechen, wenn wir ſiegen.“—„Ohne Zweifel. Kommt denn.“ Der Pater ergriff zwei der geſchnürten Packete und nahm ſie unter ſeinen Mantel, dann ſchritt er zur Thüre, der Freiherr folgte. Henning ging ihnen voran und öffnete, aber als die beiden Herren weiter ſchreiten wollten, erſchien plötzlich auf der Schwelle die Geſtalt eines Mannes, der ſeinen Degen in der Fauſt haltend, ſich ihrem Weiter⸗ gehen entgegenſtellte und mit ſtarker Stimme rief:„Im Namen des Kurfürſten nicht von der Stelle.“—„Verrath!“ rief der Pater. „Chriſtoph!“ ſchrieen die Ringwalds.„Löſcht die Lampe!“ komman⸗ dirte Wolff.„Es wäre zu ſpät, Ihr Herren,“ lachte Oelven,„denn ich habe beide erkannt: Herr Ludwig Wolff, Ordensglied der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu und Sie, Herr Freiherr von Kolbe, was treiben Sie hier?“—„Stoßt ihn nieder,“ rief der Pater.„Chriſtoph, was treibſt Du?“ rief Henning ſich ihm entgegenwerfend.„Zurück,“ donnerte der Secretär,„Ihr ſeid in höchſter Gefahr— es ſind Feinde des Kurfürſten, man treibt hier Verſchwörung, ich rufe Hilfe, wenn Ihr es wagt, Euch zu widerſetzen.“„Nun denn, vor die Klinge,“ rief der Freiherr, ſeinen Degen ziehend. Die Degen klirrten anein⸗ ander, der Fechtkunſt des Freiherrn vermochte der Sekretär nicht Stand zu halten, ſein Degen ward bei Seite geſchlagen und mit dem Rufe:„Rettet Euch, Herr Pater,“ trieb der Freiherr den Freund die Treppe hinab, die Ringwalds verſuchten die Kämpfer zu trennen, allein Oelven ließ ſich nicht halten, er hatte einen Seſſel ergriffen, mit welchem er auf den Gegner eindrang; indeſſen war, durch den Lärm tödtlich erſchreckt, die zitternde Tina herbeigeeilt, faſt wäre ſie von dem die Stufen hinabſtürzenden Pater zertreten worden, der haſtig die Hausthüre zu gewinnen ſuchte.„Hilfe, Oheim— was gibt es?“ jammerte das Mädchen.„Still,“ mahnte Henning, und der Freiherr, eine Entdeckung fürchtend, ließ von ſeinen Aus⸗ fällen gegen Oelven ab, ſprang über einige umgeworfene Seſſel und gewann ebenfalls die Treppe, während Henning dem wüthenden Secretär in den Arm fiel. Aus der Ferne ſchallte der Ruf des Paters:„Vernichtet die Blätter.“
Nachdem eine kurze Pauſe eingetreten war, regte ſich zuerſt der alte Ringwald.„Oelven, was habt Ihr gethan?“ ſagte er hände⸗ ringend.„Euch vor dem Verderben bewahrt,“ antwortete der Secre⸗ tär.„Ich frage Euch: Was thatet Ihr? Henning, ſtehe nicht ſo finſter da— Ihr habt ein gefährliches Spiel geſpielt— Wißt Ihr, wer der Mann iſt, mit dem Ihr verhandelt? Es iſt der berühmte Jeſuit Pater Ludwig Wolff, der hier im Geheimen arbeitet an dem Sturz der lutheriſchen Kirche— ha— was ſehe ich! Ein Teſtaments⸗ abdruck des ſeligen Kurfürſten? Was ſoll das? Vater Ringwald— Freund Henning, Ihr ſeid verloren.“„Wenn Du den Verräther ſpielen willſt— ja,“ ſagte Henning finſter.„Gott, ich wußte es,“ weinte Tina.„Dieſer Mann war mir gleich wie ein böſer Engel.“ „Still,“ herrſchte Henning,„wir müſſen die Blätter vernichten.“ „Sie ſind Samenkörner der Zwietracht,“ rief Oelven,„es ſoll mit ihnen ein gefährliches Spiel getrieben werden— wißt Ihr, daß man auf den Jeſuiten fahndet? wißt Ihr, daß das, was hier gedruckt liegt, ein Landesverrath, eine Schändung kurfürſtlicher Hoheit iſt? wißt Ihr, daß ich beauftragt bin, den Pater zu verfolgen, zu greifen, wenn ich kann?“ Die Männer ſchwiegen.„Herr im Himmel, was ſoll das werden!“ jammerte endlich der alte Ringwald.„Was willſt Du thun? ſagte Henning näher tretend.„Warum haben wir uns dem Oelven nicht anvertraut?“ rief der Alte.„Ich wußte, daß Du, in Dienſten Danckelmanns ſtehend, nicht meine Arbeit, meinen Plan fördern konnteſt,“ verſetzte Henning.„Nein, Ihr ſeid auch auf böſen Wegen— dies hier— ich kenne den Plan noch nicht, der dem
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Ganzen zu Grunde liegt, aber ſicher iſt es ein ſchlimmer. Was ich thun will? ich nehme eines von dieſen Blättern, oder zwei— drei und reiche ſie dem Kammerrath von Danckelmann, dann wird alles klar werden.“„Das heißt uns verderben,“ rief Henning.„Nicht ſo—“ entgegnete Oelven nach einigem Sinnen,„es ſoll Euch retten. Ihr müßt aus dieſer ſchlimmen Sache zu kommen ſuchen— gehe es wie es wolle. Jener Mann, der Pater, wird ſich entſetzen, wenn ich ihm ein Wort zuraune, ein Wort, von welchem er keine Ahnung hat; er ſchadet Euch nicht mehr, und bei dem finſtern Kammerrathe laßt mich Euer Vertheidiger ſein.— Der Kurfürſt iſt mit dem Hofe in Potsdam, wo die Kurfürſtin Wittwe ſich befindet— ich eile dahin. Ihr habt ein großes Werk vollbringen wollen— ein ſchädliches, aber es kann ſich zum Guten wenden. Wollt Ihr mir trauen?“—„Ich lege es in Eure Hände, Chriſtoph— macht was Ihr wollt— rettet uns— ich weiß nichts zu ſagen.“—„Verbergt dieſe Blätter, laßt den Pater nicht mehr ein— auf Wiederſehen.“ Er war mit einigen Sätzen die Treppe hinunter.„Ich hätte ihn nicht fortlaſſen ſollen,“ rief Henning,„was wollte er uns anhaben? mit welchem Rechte dringt er hier ein? laßt mich ihm nacheilen.“—„Halt,“ ſagte Chriſtine, eine gebieteriſche Stellung annehmend,„Du bleibſt. Oelven wird Euch und uns alle retten, deß bin ich gewiß. Jetzt trete ich auf, ich, die Ihr vernachläſſigt und übel behandelt habt. Ich gebiete hier in dieſem Augenblicke, und wenn Du nicht gehorchſt, ſo werde ich— glaub es nur, zur Verrätherin, noch ehe Oelven die Sache zum Beſten lenken kann.“ Henning ſank auf einen Seſſel und ſtützte das Haupt in die Hände. Der Alte betrachtete mit furchterfüllten Blicken die am Boden umhergeſtreuten Papiere.
Kataſtrophe.
Das alte Schloß zu Potsdam war von einer großen Menſchen⸗ menge erfüllt, die ſich zwar ſehr gemeſſen und faſt ſtill bewegte, die aber doch den einſamen Gängen und Höfen Leben verlieh. Die Gattin und Wittwe Kurfürſt Friedrich Wilhelms des Großen reſidirte hier nach dem Tode ihres Gemahls. Sie hatte den Wunſch ausge⸗ ſprochen, nach Carlsbad reiſen zu dürfen, deſſen heilbringende Waſſer die Aerzte ihr verordnet und gerühmt hatten. Kurfürſt Friedrich, der ſogleich nach dem Tode ſeines Vaters das Werk der Ausſöhnung zwiſchen der Stiefmutter, ſeinen Stiefgeſchwiſtern und ſich angebahnt hatte, wollte durchaus die Wittwe ſeines Vaters hochgeachtet wiſſen, denn nicht nur vermochte ſein edles Herz in keine Zurückſetzung der Gattin des großen Vaters zu willigen, er geſtattete auch nicht die geringſte Verletzung des kurfürſtlichen Anſehens. Als daher die Wittwe den Wunſch geäußert hatte, den neuen Hof bei ſich in Pots⸗ dam zu ſehen, kam der Sohn dieſem Verlangen ſofort nach, und es wurde eine Cour befohlen, zu welcher alles Hoffähige in Caroſſen, auf Pferden oder zu Waſſer gen Potsdam eilte. Man hatte eine Vorſtellung bei der Wittwe Kurfürſtin, dann ſpeiſte alles ſtehend in den weiten, öden Gemächern, dann hörte man eine Trauercantate, und ſpäter ſollte noch Präſentation vor dem Kurfürſten ſtattfinden. So ernſt nun auch im ganzen dieſe Verſammlung ſchien, konnte doch der ruhige Beobachter eine tiefe Bewegung, den ſchlechtverhehlten Aus⸗ druck der Neugierde wahrnehmen, welche ſich auf allen Geſichtern aus⸗ prägten und tootz der ernſten Feierlichkeit jedes Gefühl oder jede Stimmung für die Trauer verbannten. Man hatte allerlei Neuig⸗ keiten zu erzählen, ſeit dem vergangenen Tage durchliefen ſonderbare Gerüchte die Hofkreiſe.— Einige wollten von Entdeckungen wiſſen, andere berichteten, daß eine gewiſſe hohe Perſönlichkeit eingetroffen ſei, die eine neue Geſtaltung der Dinge mit ſich bringe. Von dem großen Haufen ſonderte ſich eine Gruppe von etwa zwölf bis ſechszehn Herren ab, welche ſchon ſeit ihrem Eintreffen in Potsdam wie eine geſchloſſene Phalanx bei einander verblieben waren. Viele unter dieſen Herren hat der Leſer ſchon einmal nennen hören, die Namen Bülow, Brand, Printzen und andere waren auch hier wieder vertreten. Jedermann
ſchien mit Ungeduld den Augenblick zu erwarten, der ihn wieder nach Berlin führen ſollte, und ſo konnten die Herren, welche ſich ſo abge⸗ ſondert von den übrigen hielten, nach Belieben mit einander conferiren. „Ich wage es, trotz der ernſten Ceremonie mit ihm anzubinden,“ rief der junge Dequede halblaut,„dieſe Anmaßung iſt nicht mehr zu er⸗ tragen. 4(—„Halten wir uns feſt zuſammen,“ beorderte Wittgenſtein. „Wer wird den Streich zuerſt führen— den Ausfall wagen?“ fragte
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