„Theilweiſe ja! theilweiſe nein! Unſer alleiniger Erwerbs⸗ zweig, die Weinproduction, weiſt uns auf ein inniges Zuſammengehen mit Preußen hin. Der von Preußen zu Stande gebrachte deutſch⸗ franzöſiſche Handelsvertrag, dem ſich unſere ehemalige Regierung nur widerwillig und erſt nach mehrjährigem Andrängen der liberalen Partei anſchloß, dann die Aufhebung der Weinübergangsſteuer ſeit dem 1. Juli 1865, die wir gleichfalls Preußen verdanken— waren für uns Lebensfragen; beides hat erſt dem Weinhandel die Wege gebahnt und wegen der ſeitdem ungemein in die Höhe gegangenen Weinpreiſe den Wohlſtand im Rheingau weſentlich verbeſſert, was auch der ein⸗ fachſte Winzer und Tagelöhner begriffen hat. Ebenſowenig haben wir von dem preußiſchen Regiment eine Erhöhung der Abgaben zu befürchten. Dr. Braun hat in einer im Jahre 1865 gehaltenen Kammerrede nachgewieſen, daß die Grundſteuer in Naſſau per Kopf 2 Fl. 16 Kr., in Preußen nur 59 Kr. per Kopf beträgt; daß die directen Steuern in Naſſau per Kopf 3 Fl. 19 Kr., in Preußen nur 2 Fl. 49 Kr. per Kopf ausmachen; daß wir Naſſauer mit indirecten Steuern, wie Bier⸗ und Branntweinſteuer, Octrois, Acciſen ꝛc., weit höher belaſtet ſind, als die bisherigen preußiſchen Unterthanen; daß die directen und indirecten Steuern zuſammen in Naſſau per Kopf 7 Fl. 58 Kr., in Preußen nur 7 Fl. 3 Kr. per Kopf betragen; daß wir alſo per Kopf 55 Kr. jährlich mehr zahlen als Preußen, trotz ſeiner Militär⸗Reorganiſation.“
„Dennoch hat der Rheingau die letzten Ereigniſſe und gewal⸗ tigen Umwälzungen nicht ohne große Erbitterung geſchehen ſehen. Mir ſelber hat man die Fenſter eingeworfen und den nächſten Weg⸗ weiſer von der Landſtraße in der Nacht gegen die Hausthüre geſtell, daß er einen meiner Leute, als er morgens öffnen wollte, auf ein Haar erſchlagen hätte.“
„Wie es einem, Namens Weißkirch in Rauenthal ergangen. haben Sie vielleicht ſchon gehört?— Nicht?!— Nun, man hatte dem Manne mit großen Buchſtaben„Bismärcker“ ans Haus ge⸗ ſchrieben. Als die Preußen einrückten, wollte es der Bürgermeiſter auslöſchen, aber Weißkirch verweigerte es. Jener drohte mit Exe⸗ cution, doch dieſer führte bei dem inzwiſchen eingeſetzten Civil⸗Com⸗ miſſar Beſchwerde, und er erhielt ſein Recht. Noch heute ſteht auf Weißkirchs Hauſe„Bismärcker“ zu leſen. Graf Bismarck, der von dem Vorfall hörte, ließ dem Dulder ſein lithographirtes Bildniß zu⸗ gehen, und Weißkirch erwiderte das Geſchenk durch eine Sendung ſeines Weines, der unter den Rheingauern Gewächſen gegenwärtig faſt die erſte Stelle einnimmt und an Blume, Gewürz und Kräuter⸗ geſchmack wohl auf der ganzen Erde ſeines Gleichen ſucht.
„Was die Rheingauer gegenwärtig wohl noch allein gegen die Annexion einnimmt, iſt aber die allgemeine Wehrpflicht. Von den Landſchaften des Herzogthums hatte der Rheingau bisher die we⸗ nigſten Soldaten geliefert. Auch der kleinſte Winzer, wenn er's irgend erſchwingen konnte, kaufte ſeinem Sohne einen Erſatzmann. Nun ſoll plötzlich Jedermann den Kuhfuß tragen, und nichts iſt dem Rhein⸗ gauer widerlicher, als militäriſche Zucht und Ordnung. Das ſah ich heute bei dem Conſcriptionsgeſchäft in Geiſenheim, wo ich als Beiſitzer fungirte, um über die perſönlichen Verhältniſſe der Geladenen Auskunft zu geben. Unſere jungen Burſchen rückten ſchon halbbe⸗ trunken und wüſt lärmend an und ſtellten ſich trotzig und ungeberdig. Aber mit den Preußen iſt nicht gut ſpaßen, es war ein Commando Soldaten requirirt, das die Widerſpenſtigen gleich in Verwahrſam nahm. Im übrigen verfuhr man mit Umſicht und möglichſter Schonung; nur daß diejenigen, die ſich unter der früheren Regierung
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bereits auf ſeinem Poſten, ohne Verzug wurden die Rekruten vorge⸗ führt, und das währte ohne Unterbrechung bis gegen 4 Uhr Nach⸗ mittags, niemand gönnte ſich eine Raſt oder einen Imbiß, bis das ganze Aushebungsgeſchäft beendigt war. Daher wurden ſie auch in einem Tage fertig, während die Unſrigen ſtets mehrere brauchten.“
Schon längere Zeit hatte ich von den Gaſſen her ein fernes dumpfes Singen und Rufen vernommen, jetzt kam es immer näher und ſchwoll immer ſtärker an, bis es endlich vor unſerem Hauſe an⸗ langte und hier förmlich Halt machte.
„Das ſind unſre von den Preußen heute ausgehobenen Rekru⸗ ten!“ ſagte mein Wirth, indem er etwas bläſſer wurde und an das Fenſter trat, wo er den Vorhang verſtohlen lüftete.
Da ertönte ein ſchrilles Pfeifen, ein wildes Kreiſchen in den widrigſten Tonarten.
„Guckt, der Bismärcker!“ ſchrie eine heiſere Stimme.
„Heraus mit dem Bismärcker!“ brüllten die andern, und dann folgte ein unheimlicher Chor von Pfeifen, Heulen und Toben, der ſich noch mehrmals erneuerte.
„Die Lumpen!“ knirſchte mein Wirth.„Thuen ſie doch in ihrer Dummheit nicht anderes, als ob ich an ihrem Schickſal ſchuld wäre.— Nun, die Preußen werden ſie ſchon Mores lehren, und wenn ſie zurückkommen, werden ſie nüchterner und artiger ſein.“
Um ſich zu beruhigen, holte er ſich einen neuen Schoppen, leerte ihn allmählich und leuchtete mir dann zu Bett.
Am andern Morgen zeigte mir mein Wirth ſein geräumiges Hausweſen, wo, wie er ſagte, ſchon der Großvater gewaltet. Eine Kelter fiel mir auf, die, wie eine ſauber geſchnitzte Inſchrift zeigte, früher im Beſitz eines Rheingauer Freiherrn geweſen und ſchon über 150 Jahre im Gebrauch war. Zum Schluß ſtiegen wir in den aus⸗ gedehnten Keller hinab. Ein feiner bläulicher Dunſt und ein ſtarker Duft ſchwammen darin umher.—„In geſegneten Weinjahren iſt er ſo dicht und ſo betäubend,“ ſagte mein Führer,„daß man ſich ohne Lebensgefahr nicht hinunterwagen darf und ein brennendes Licht ſofort erliſcht.“
Wie die Sonnenſtrahlen durch die kleinen Oeffnungen golden hereingaukelten, entdeckte ich zu beiden Seiten eine lange Reihe von ganzen und halben Stückfäſſern. Der Wirth nannte mir mit Selbſt⸗ gefühl die verſchiedenen Jahrgänge und Preiſe. In den meiſten Fäſſern brodelte und gluckte noch der junge Wein, als trieben ein Dutzend muthwilliger Dämonen darin ihr Weſen. Ich koſtete von der dickflüſſigen, trüben Maſſe, ſpie ſie aber ſchnell wieder aus.
Der Dicke lachte und führte mich zur andern Reihe von Fäſſern; in eins derſelben ließ er den Heber, zog ihn empor und füllte ein bereitſtehendes großes Kelchglas mit einer goldgelben, ſonnigklar perlenden Flüſſigkeit.—„Koſten Sie!“ ſagte er.
Ich gehorchte und brach in ein Heer von preiſenden Beiwörtern aus, das mein Wirth ſchmunzelnd in Empfang nahm.
„Und dieſer hier?“ fragte er, indem er an einem kleinen Faſſe daſſelbe Manöver machte und mich auch deſſen Inhalt erproben ließ.
„Auch nicht übel!“ meinte ich.
„Auch nicht übel!“ wiederholte er ſpöttiſch.—„Mann,“ fuhr er dann empfindlich fort;„das iſt ein 62ger; ein Wein, wie er nur alle 20 oder 30 Jahre wächſt.— Aber, Ihr Herren vom Norden habt keine Weinzunge, Ihr trinkt alles und jedes, ohne einen Un⸗ terſchied zu machen und ohne zu wiſſen, was Ihr getrunken.“
„Das hat man mir in Wiesbaden auch ſchon geſagt!“ ant⸗ wortete ich beſchämt.
„Ah, die Wiesbadener!“ meinte er geringſchätzig;„die ver⸗
bereits freigeloost hatten, jetzt nachträglich noch herangezogen wurden, kann ich nicht billigen, und das gibt auch hauptſächlich böſes Blut. Daneben habe ich die Geſchäftsroutine der preußiſchen Aushebungscommiſſare bewundert, die Sorgfalt und Ausdauer, mit der ſie einen nach dem andern bis zum letzten Mann muſterten und conſignirten. Unſere Herren pflegten ſich gegen 10 Uhr allmählich zu verſammeln, dann erſt gemüthlich zu frühſtücken und etwa um 11 Uhr das Geſchäft zu beginnen, worauf ſie nach ein Paar Stunden eine lange Mittagspauſe machten und nach dem Eſſen in der Arbeit ohne Cile fortfuhren. Die Preußen machen es anders. Präciſe 8 Uhr, um welche Zeit ich beſtellt war, fand ich jeden der Herren
ſtehen ebenſoviel davon; trinken allerhand gemanſchtes Zeug und bezahlen dafür ein unverantwortliches Geld. Nein, wenn die einen guten, reinen Wein trinken wollen, wie ihn unſer Herrgott wachſen läßt, müſſen ſie auch erſt zu uns kommen.“——
I Inhalt: Das Geheimniß des Fürſtenhauſes.(Fortſ.) Nov. von G. Hiltl. — Deutſche Aerzte. I. Der Generalarzt der Armee. Von Hiltl. Mit Illuſtr.— Eine Friedensſtätte im Schwarzwald. Von M. Reichard.— Der König der Journaliſten. II.— Verkehrs⸗ und Culturbilder aus der Schweiz. III. Im Urwald. Mit Illuſtr. von Mosengel.— Aus dem Rheingau. Von
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