8 dichten Weingärten und Rebenhainen.
reichthum verweſt unbenutzt im Dubenwalde. Die Holzfäller und Flößer, deren ich oben erwähnte, arbeiten zwar jahraus, jahrein und flößen Holz aus dem Turtmannthal in die Rhone, aber der Urwald wird von ihnen nicht angetaſtet, für einige Jahre reichen die oberen Waldungen des Thales noch aus.
Nur Nadelholz wächſt im Dubenwalde, von Fichten oder Roth⸗ tannen, wohl ohne Frage die rieſigſten, welche in der Schweiz zu finden ſind, eben ſo Lärchen von ungeheurer Stärke, weiter aufwärts geſellt ſich die Edeltanne und Arve zu ihnen. Waldbrände müſſen zu verſchiedenen Zeiten hier gewüthet haben, unter den tauſenden von abgebrochenen ſilbergrauen Stämmen, die hier zu bleichen Geſpenſtern verwittern, ſtehen hunderte pechſchwarz und verkohlt. Vorzüglich Lärchenſtämme ſind es, die halb verbrannt überall verſtreut vorkommen. Ob dieſe dem Blitz eine willkommenere Beute ſind, wie die weit höheren Fichten und Tannen? Faſft ſcheint es ſo. Jedenfalls machten
„Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben, Geſegnet ſei der Rhein!
Da wachſen ſie am Ufer hin und geben
Uns dieſen Labewein.“
Alſo ſingt bekanntermaßen Matthias Claudius. Aber der biedere„Wandsbecker Bote“ ſoll den Rheinwein nur dem Namen nach gekannt haben, jedenfalls hat er nicht von der beſten Sorte ge⸗ trunken, und er ſah nie den Vater Rhein und ſeine Rebenhügelufer. Da bin ich glücklicher. Während ich mit unterdrücktem Herzens⸗ jubel jene Verſe ſummte, zog mich das feuerſchnaubende, dampfſpeiende Eiſenroß— im gewöhnlichen Leben Locomotive genannt— im brau⸗ ſenden Galopp durch den herrlichen Landſtrich, der unter den gleich geſegneten wie romantiſchen Fluren Naſſaus der geſegnetſte und ro⸗ mantiſchſte iſt, wo die Könige und Fürſten der deutſchen Weine wach⸗ ſen: Markobrunner und Johannisberger, Rothenberger und Rauen⸗ thaler, Steinberger Cabinet und Rüdesheimer Berg. Sie alle reifen an den ſonnigen Abhängen des rechten Rheinufers, auf einem ſchmalen nur ein Paar Meilen langen Erdſtreifen, der ſeit alten Zeiten der Rheingau heißt. In faſt ununterbrochener Reihe ziehen ſich hier alte Städte und ausgedehnte Ortſchaften, ſchmucke Schlöſſer und weißleuchtende Landhäuſer hin, dazwiſchen Kirchen und Kaxellen, Burg⸗ und Kloſterruinen, und alles gekrönt und umſchloſſen von Gegenwärtig war es Spät⸗ erbſt und die Natur kahl und falb, aber noch immer bot die im läulichen Abendſchimmer ſich aufrollende Landſchaft ſo viel Schön⸗ heiten und Wunder, daß mir Auge und Herz ſchier trunken wurden. So flog ich, ſtets zur Linken den ſtolzen, grünen, dumpfaufrauſchen⸗ den Strom, von Biebrich nach Oeſtrich, wo ich die Eiſenbahn verließ.
Ein junger bildhübſcher, aber, wie es ſich nachher erwies, etwas einfältiger Gepäckträger ſollte mich nach dem mir empfohlenen Gaſt⸗ hauſe eines Herrn B. führen. Schon hatte er meinen Mantelſack in der Hand, als er ihn plötzlich wieder ablegte und mit ergötzlicher Niaivetät ſagte: ich möge mich noch etwas gedulden, er müſſe zunächſt eine Herde Borſtenvieh in den Transportwagen einladen. Nach⸗ dem dieſes dringende Geſchäft, nicht ohne heftiges Sträuben und Schreien der ihr Schickſal ahnenden Gefangenen, beendigt war, traten wir unſern Weg an.
Oeſtrich bildet mit den Flecken Mittelheim und Winkel eine zu⸗ ſammenhängende, wohl über eine halbe Stunde weite Häuſerreihe. „Bis zur Ungeduld der Durchfahrenden in die Länge gezogen“ ſagt Goethe, der auf einer Rheinreiſe im Auguſt 1814 hier verweilte, bei der„geliehten wie verehrten Familie Brentano,“ die zu Winkel ein Landhaus beſaß. Auch ich verſpürte ſattſam von dieſer Ungeduld, ehe mein Führer, der mir inzwiſchen von der heurigeu ſchlechten und von der vorjährigen reichen Weinleſe erzählte, in einen dunkeln Thor⸗ weg einbog, worauf es über einen Hof in einen gleichfalls dunkeln Hausflur ging. Hier klopfte er an eine Thür, und wir traten in ein ſauberes, behaglich eingerichtetes Zimmer, wo wir indes niemanden vorfanden. Er ſetzte mein Gepäck ab und ließ mich, über den ſelt⸗
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ſamen Empfang etwas verwundert, allein. Nach einer Weile trat
die Lebenden ſchon, im Herbſtgewande, wie ich ſie ſah, ſchwefelgelb von unten bis oben, ganz den Eindruck, als harrten ſie, trocken wie Zunder, im Armenſünderkleide nur des zündenden Strahles zu bal⸗
digem Feuertode.
Wenn der Wald ſich endlich lichtet und häufigere Lücken zwiſchen den Bäumen Durchblicke auf den Gletſcher geſtatten, ſo hebt ſich die Bruſt freier und höher, wie von ſchwerem Drucke befreit. Der Ur⸗ wald hat etwas unendlich Trauriges; trotz der überall friſch aufkei⸗ menden Pflanzenwelt ſieht er aus wie ein großes Beinhaus, die Zahl der Todten und Sterbenden kann der junge Nachwuchs nicht über⸗ wuchern und verbergen, und die bekränzten Gräber machen den Kirchhof
nimmer zum Blumengarten.
Tiefe Schwermuth athmet alles, das
dunkle Grün der Tannen und all die hängenden Zweige. Wer allein den Urwald betritt, wird ſich dieſes Gefühls nicht erwehren können,
es bewältigt den Einſamen unwiderſtehlich.
Aus dem Aheingau.
2 Reiſeplaudereien von Otto Glagau.
A. Mosengel.
aus dem Nebenzimmer, eine hellleuchtende Lampe in der Hand, eine
junge blühende Frau, die mich mit einiger Verwunderung muſterte. Ich machte mir's bequem und forderte einen Schoppen Wein. Sie ſah mich einen Augenblick wie ungewiß an, lächelte dann
ſeltſam, ging hinaus und kehrte alsbald zurück.
„Wohl bekomm's Ihnen!“ ſprach ſie nach der in Süddeutſch⸗ land allgemein üblichen, ebenſo höflichen wie zutraulichen Weiſe, indem
ſie eine Flaſche nebſt Glas vor mich hinſetzte.
Ich fand einen weit beſſeren Wein, als ich erwartet hatte, und
ſchlürfte ihn mit Behagen.
„Mein Mann iſt leider nicht zu Hauſe!“ begann ſie.
„Mir ſehr gleichgültig!“ dachte ich, gab dieſem türlich aber keine Worte. „Sie ſind erſt kürzlich verheirathet?“ fragte ich.
Gedanken na⸗
„O, nein!“ entgegnete ſie, und jetzt hüpfte ein munteres Mäd⸗ chen von etwa zehn Jahren ins Zimmer.„Meine Tochter,“ fuhr die
Frau fort,„aber ich habe noch eine ältere, die ſchon im ganzen noch 7 Kinder, 2 ſind geſtorben.“
confirmirt iſt;
Und ſo plauderten wir fort, während ich das junge friſche Aus⸗
ſehen meiner Wirthin bewunderte.
„Was koſtet der Wein?“ fragte ich, in die Taſche greifend.
„O, bitte, nichts!“ antwortete ſie. „Wie?!“ rief ich erſtaunt.
„Nichts!“ wiederholte ſie und lächelte wie vorhin.
„Ihre
Landsleute,“ fuhr ſie ſchelmiſch fort—„ich irre wol nicht, wenn ich Sie nach Ihrer Ausſprache für einen Preußen nehme— Ihre Lands⸗ leute haben es uns in dieſem Sommer ſchon gelehrt, unſern Wein
auch ohne Entgelt zu verzapfen.“
„Nun,“ ſagte ich auf den Scherz eingehend,„das Doch jetzt haben wir Frieden: zahlen, und im Gaſthaus doppelt.“
war im Kriege. da muß Jedermann ſeine Zeche be⸗
„Im Gaſthaus— mag ſein!“— erwiderte ſie;„doch wir
halten keinen Gaſthof.“
„Nicht?!“ rief ich und ſprang überraſcht von dem weichen
Sopha auf.
„Gewiß nicht!“ wiederholte ſie mit halb unterdrücktem Lächeln. „Aber wir beſitzen einen Weinberg und ziehen, wie ich hoffe, keinen
üblen Wein.“. „Das kann ich verbürgen!“ ſagte ich.
„Ach,“ meinte ſie. wieder einmal falſch verſtanden.“ weidend, brach ſie in helles, fröhliches Gelächter aus.
„Doch wie in aller Welt konnte mich der Gepäckträger zu Ihnen führen?“ „Das iſt der dumme Andres. 2 Und ſich an meiner Verlegenheit
Der hat
„Nein,“ fuhr ſie fort,„der Gaſthof iſt noch eine gute Strecke
weiter unten. Agnes ſoll Ihnen den Weg zeigen; können Sie ja ſpäter holen laſſen.“ Miit veieln Entſchuldigungen und Dankſagungen
Haus, und die kleine Agnes ſprang mir voran, indem ſie bald nach rechts, bald nach links zeigte, und mir erklärte, wer dort wohne und
wer hier.
Ihre Sachen
verließ ich das
ein ju angſt Schein Räube


