Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
364
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Bei Hoſpenthal theilt ſich der Fluß und der Weg, links geht es hinauf zur Paßhöhe des Gotthard, zum ⸗Hoſpiz und hinab in den Kanton Teſſin, rechts unſer Weg, die neue Straße zur Furka.

Die Reiſezeit war vorüber, kein Wanderer kam mir entgegen von Realp bis zur Furka, ich ſchritt allein durch die unendliche Ein⸗ ſamkeit. Kein Wölkchen trübte das reine Blau des Himmels, im klarſten Sonnenſchein zeichnete ſich die fernſte Ferne gegen den Aether; kahle, öde Berge und ſchweigende Schneefelder. Als ich die Furka verließ und gegen den Rhoncgletſcher hinabſtieg, geſellten ſich zwei Schmetterlinge zu mir und begleiteten mich wohl eine Viertelſtunde; ein Citronvogel und ein kleiner Fuchs, ich kannte ſie gut, die ich als Knabe oft im Garten gejagt, über Roſenbeete und Malven. Hier war es wohl auffallend, die luſtigen Tagfalter zu ſehen, die Kinder des Lichts und der Wärme, wie ſie ſo ſorglos über den ewigen Schnee hinflatterten, 7000 Fuß über dem Meere. Das war an ſiebenten October.

Vom Gaſthof zum Rhoneggletſcher führt die breite Straße hinab in das Walliſerland. Die Steinwüſte hat ein Ende, und freudig be⸗ grüßt man die erſten verkümmerten Bäume. Anfangs nur Lärchen und Arven, bei Münſter die erſte Birke und Eſche. Von Oberwallis, ſo ſchön es iſt, darf ich heute nicht erzählen, dort in der Ferne liegt das Ziel, wo das Weißhorn in tadelloſem Schneemantel die Ausſicht begrenzt; dort zweigt ein enges Thal ſich ab bei Turtmann, da wollen wir bleiben. Zwei Sehenswürdigkeiten hat das Turtmannthal außer ſeinem bekannten und viel bewunderten Waſſerfall, ſeit wenigen Jahren beſteht die eine, ein Werk von geſchäftigen Speculanten er⸗ dacht, von armen Leuten im Schweiße ihres Angeſichts vollendet, ſehenswerth weil Menſchenhände es bauten; die andere ſtand ſchon da ſeit unvordenklichen Zeiten, ein Werk der reichen Natur, uralt und doch ſo jungfräulich, voll Narben und Wunden, und doch wie ſchön! ſehenswerth, ein Wunder weil Menſchenhände es nicht zerſtörten. Vom Urwalde gilt das zuletzt Geſagte, vom Dubenwalde im Turt⸗ mannthale. Neben ihm wird das Menſchenwerk ſo unbedeutend und winzig, daß man beide in einem Athem nicht rühmen kann; was von der Holzleitung zu erzählen iſt, die über drei Stunden weit den ſchäumenden Wildbach begleitet, bleibe ich den Leſern des Daheim für dieſes Mal ſchuldig.

Schon wußte ich aus den neueſten und berühmteſten Werken, welche uns in Bild und Wort die Alpenwelt zeigen, daß der Duben⸗ wald noch einer von den immer ſpärlicher werdenden Schlupfwinkeln des Luchſes iſt. Ich muß geſtehen, daß dieſe Luchsnotizen, die ich in ſeltener, faſt wörtlicher Uebereinſtimmung bei verſchiedenen Schrift⸗ ſtellern fand, von vornherein eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt hatten. Ich freute mich im voraus ungemein auf die ſchöne Staffage zu meinem Urwaldbilde. Aber hier hat der Luchs einmal wieder ſeine hinterliſtige Katzennatur bewieſen, indem er den ehrenwerthen Männern ſämmtlich eine falſche Adreſſe aufgab, und ſie über ſeine jetzigen, wirklichen Schlupfwinkel zu täuſchen wußte. So viel ſteht feſt, im Dubenwalde wohnt er nicht mehr. Die deswegen eingezogenen Erkundigungen ergaben alle daſſelbe Reſultat. Uebrigens waren dieſe mit vieler Mühe verknüpft, denn die deutſche Sprache liegt dort im Verſcheiden, und die franzöſiſche beginnt erſt drei Stunden unterhalb Turtmann bei Siders, im Thale ſelbſt aber wird noch der alte Walliſer Dialekt geſprochen. Bei dem großen Mangel an Menſchen im Turtmannthale und bei der erwähnten Sprachſchwierigkeit war mir die Bekanntſchaft des Aufſehers der Holzfäller und Flößer ſehr ſchätzenswerth, eines Mannes, der alle andern von mir ausge⸗ forſchten Perſonen an Bildung weit überragte. Leider konnte auch dieſer mir nichts Tröſtliches über die gewünſchten Thiere mittheilen. Seit acht Jahren wenigſtens, ſo hieß es, ſeit der Zeit, die er im Thale zugebracht, ſei kein Luchs dort geſehen, viel weniger denn ge⸗ ſchoſſen worden. Es war kein Grund vorhanden, die Glaubwürdigkeit dieſer Ausſage zu bezweifeln. So werden uns oft die reinſten Freuden vergällt! Mit der Luchsſtaffage war es aus, eine kaum aufdäm⸗ mernde, aber unter günſtigeren Verhältniſſen ſehr lebensfähige Jagd⸗ geſchichte wurde grauſam im Keime erſtickt, und es blieben mir von dem verrufenen Dubenwalde nur die Bäume.

Ehe wir dieſe genauer betrachten, wird es gut ſein, uns mit der Oertlichkeit im allgemeinen etwas vertrauter zu machen. Unten im breiten Rhonethal liegt das Dorf Turtmann an der Mündung des gleichbenannten Thales, zehn Minuten genügen, um den achtzig Fuß hohen Waſſerfall zu beſuchen, den der Thalbach bildet. In faſt ſenk⸗

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rechtem Falle ſtürzt ſich die Waſſermaſſe über eine Felswand, die wie ein Riegel den Eingang ins Thal verſchließt. Hier vorzudringen wäre in der That unmöglich. In weitem Bogen, bei immer noch mühevollem Steigen muß das Hinderniß umgangen werden. Dann dehnt ſich das Thal vor uns aus, eng und wild, zu beiden Seiten ſteile Felswände, im Hintergrunde vom Weißhorn auslaufende Glet⸗ ſcher. Wald genug und verwachſenes Dickicht durchſchneidet den Saumpfad, doch das iſt nur das Vorſpiel, über den eigentlichen An⸗ fang des Urwaldes bleibt dem Wanderer kein Zweifel. In dicht ge⸗ ſchloſſener Schlachtordnung rücken ſie heran; rieſengroße Fichten, in ernſten ſchwarzgrünen Gewändern; von grauen Flechten ein langes Behänge ſchimmert dazwiſchen wie zerfetzte Fahnen und Fähnlein, die ſie mit langen Armen emporhalten. Drei Schritte weit ſehen wir

den Pfad noch vor uns im Tageslicht glänzen, dann windet er

ſich durch mächtige Stämme und drängt ſich hinein in das Räth⸗

ſel; die Waldesnacht löſcht ihn aus. Adieu nun, Sonne! hier

leite der zagende Fuß ſich ſelbſt, wie eines noch Träumenden ſtarrt das geblendete Auge; wir haben die finſteren Hallen des Duben⸗

waldes betreten.

Ein Urwald in der Ebene läßt ſich kaum ſo unzugänglich denken, wie der im Gebirge. Jedenfalls ſind die Hinderniſſe, welche das Vordringen vereiteln, anderer Art; Schlingpflanzen, Sumpf und deſſen wuchernde Pflanzenwelt ſind es dort vorzüglich. Anders im Gebirge. Seine Schlingpflanzen hat der Dubenwald auch, wenn man Brombeeren und wilde Roſen, zu einem dichten Netzwerk ver⸗ flochten, ſo nennen will, ein Sumpf aber kann ſich an den ſteilen Ab⸗ hängen nicht bilden. Waſſer rieſelt freilich aus allen Schluchten, ſickert aus den Felſen und macht die Spur des Weges oft verſchwinden, aber es drängt unaufhaltſam nach unten, um ſich mit der ſpringenden Welle des Thalbaches zu vereinigen. Wie in der Ebene die grüne ſchwankende Decke des Sumpfes dem Eindringling Halt gebietet, ſo thut es hier die wild zerklüftete Beſchaffenheit des Bodens. Unge⸗ V heure Felsblöcke, wie von Rieſenfauſt umhergeſchleudert, thürmen ſich auf, wunderbar in einander geſchoben, man begreift nicht, wie ſie ſich halten. Loſe aufgelegt, weit überragend in beängſtigender Schwebe, oder die Spitze keilförmig in eine Felſenſpalte getrieben, oben die ge⸗ wichtige Maſſe kühn hinausſtarrend, ernährt die obere Fläche noch hundertjährige Bäume. Unergründliche Löcher und Spalten da⸗ zwiſchen, halbverdeckt durch wucherndes Grün. Hier ſtürzte ein Fels- block in die Tiefe, auf dem eine Decke von alljährlich ſich erneuernden. Tannennadeln eine fußdicke Schicht gebildet hatte. Der ſie trug, iſt hinabgeſunken, verſchwunden, aber die Decke, ein feſter Filz, iſt ge⸗ blieben und verbindet noch das alte Nachbargeſtein. Ein munteres Wieſel läuft hinüber, als wäre die hängende Brücke ihm eigens ge⸗ baut. Ueberall klettert die Fichte hinauf, ein Wipfel erhebt ſich über dem andern. Mit der Wurzel umklammert ſie das Geſtein, große Blöcke hängen wie in den Umarmungen von Rieſenſchlangen, die Wurzeln weit auseinander ſtehender Bäume ſind oft ſo ineinander gewirrt, verknotet und verwachſen, daß niemand mehr zu ſagen ver⸗ möchte, weß Stammes Glieder ſie ſind. Zu Schutt und Moder zu⸗ ſammengeſunken, verfaulen hier ganze Baumgenerationen, die der Laſt der Jahre allmählich erlagen, und die in der Fülle der Kraft das Unwetter erſchlug. Furchtbare Stürme fügen den längſt Gefallenen alljährlich neue Leichen hinzu. Ich ſah die grauenhafte Verwüſtung, welche der Föhn im Dubenwalde angerichtet hatte. Derſelbe Sturm, von Regengüſſen begleitet, welcher in den letzten Tagen des Septembers das breite Rhonethal in einen See verwandelte, die Maisfelder ſtunden⸗ weit mit Schlamm und Steinen bedeckte, zwiſchen Brieg und Turt⸗ mann den Poſtwagen ereilte und die Pferde ertränkte, hatte hier ge⸗ hauſt, wie ein raſender Roland. Ein einziger ſchmaler Pfad, in der Richtung des Thales, führt zwei und eine halbe Stunde weit durch den Saum des Dubenwaldes, der in ſeiner größten Ausdehnung ſich ſeitwärts die unzugänglichen Abhänge hinanzieht. Ziemlich nahe dem Eingang des Waldes hatte der Föhn zwei mächtige Fichten an der Wurzel gebrochen, kerngeſunde Bäume von faſt gleicher Dicke, ſie lagen gleichlaufend mit dem Wege, der eine tiefe Rinne dazwiſchen bildete, zu beiden Seiten deſſelben. Dicht neben den Stämmen ſte⸗ hend, konnte man nicht darüber hinwegſehen, einer von ihnen hätte genügt, eine Karavane zu zermalmen. Durch die vielen abgebrochenen Aeſte und Aſtanſätze, welche von beiden Seiten in die Mitte ragten, glich der Weg an dieſer Stelle faſt einer hohlliegenden Leiter, über welche ziemlich beſchwerlich fortzukommen war. So viel von den