Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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welche die Ringwalds ausführten. Zwei Mal hatte Tina der Ver⸗ ſuchung widerſtanden, alles aufzubieten, um die Geſichtszüge des Fremden zu erſpähen. Wenn ſie ihn kannte, dann vermochte ſie viel⸗ leicht dem ſeltſamen Treiben der beiden näher auf die Spur zu kommen. Die weibliche Neugierde, vereint mit der verletzten Eitelkeit, ſiegte je⸗ doch über alles, und ſo arbeitete ſie ſich denn einen Plan aus, der darauf abzielte, die Perſon des Beſuchers zu erkennen. Sie lauſchte eines Abends recht geſpannt, als Henning wieder im Garten pa⸗ trouillirte und ſich trotz eines ziemlich ſtarken Regens nicht abhalten ließ, Wache zu ſtehen. Sie ſah den Unbekannten mit ihrem Vetter in das Haus treten. Tina hatte ſich für dieſen Augenblick eine wohl brennende Lampe bereitgeſtellt, aber dieſelbe dergeſtalt hinter der Thüre des Flurzimmers verborgen, daß niemand den Lichtſchein be⸗ merken konnte. Den Griff der nicht ins Schloß geworfenen Thüre in der Hand haltend, ſtand ſie nun ängſtlich und doch erwartungsvoll hinter der Pforte des Flurzimmers, als Henning mit dem Fremden durch das Hausthor trat. Sie hörte deutlich, wie der Begleiter ihres Vetters ſagte:Ein fatales Wetter.Kommt nur ſchnell, ſagte Henning.Ihr werdet ſehen, daß unſere Arbeit vorgerückt iſt.) Tina glaubte ein Geräuſch zu vernehmen, als ob jemand die Falten eines ſchweren Mantels zurückſchlage und dann freier athme, ſie hielt dieſen Augenblick für den richtigen und ſchnell die Zimmer⸗

thüre aufreißend, ergriff ſie mit der andern Hand die Lampe, trat auf

den Flur und hatte ſo glücklich manoeuvrirt, daß ſie den beiden gegenüber⸗ ſtand; die Lampe ſchnell hochhebend, ließ ſie den vollen Schein auf die

Geſichter fallen, was denn auch genügte, um in dem Begleiter des

Vetters jenen räthſelhaften Mann vom Kirchhofe zu St. Nicolai, den Retter des alten Ringwald erkennen zu laſſen. einem Fieberfroſt geſchüttelt, aber ſie faßte ſich ſchnell genug, um rufen zu können:Lieber Henning, ich glaube im Hinterhofe ſind Diebe. Es raſchelt dort verdächtig. Satze in das Dunkel des Flures zurückgewichen, Hennings Antlitz

röthete der Zorn.Was treibſt Du hier? rief er.Es ſind Poſſen,

Deine Gedanken ſind verwirrt, bleib im Zimmer. Wenn jemand im Hofe wäre, iſt der Hauswart nicht da? hinein, ſag ich, in die Stube. Tina verbiß ihren Aerger, ſie hatte genug entdeckt, deshalb ſchwieg ſie, mit dem feſten Vorſatze zu beſſerer Zeit und bei beſſerer Gelegen⸗ heit dem groben Anbeter ſeine Härte entgelten zu laſſen. Sie ſchloß die Zimmerthüre und hörte, wie beide ſchleunig in die Druckerei ſtiegen.

Am folgenden Tage ward von niemandem des Vorfalles er⸗ wähnt, aber die Ringwalds waren noch einſilbiger und mißtrauiſcher als ſonſt. Nachdem ſie fortgegangen, warf ſich Tina in den nächſt⸗ ſtehenden Seſſel, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und ſie ver⸗ mochte nicht mehr, das heftige Schluchzen zu unterdrücken; die Hände vors Geſicht gedrückt, überließ die hübſche kleine Chriſtine ſich ihrem Schmerze über das Geſchehene. Ohne einen Grund war ihr das Vertrauen entzogen, die kalte, oft harte Begegnung, die ſie ſonſt nie erfahren hatte, ſchmerzte tief, und gewiß es ging dort oben etwas Wichtiges, ohne Zweifel Gefährliches vor, man vermied ja, ſie davon zu unterrichten, und dann hatte jener geheimnißvolle Mann, der nun ſchon einige Male unter den ſeltſamſten Umſtänden in ihre Nähe ge⸗ kommen war, ſeine Hand mit im Spiele. Wer ſagte ihr, ob nicht etwa das ganze Glück des Hauſes gefährdet ſein, die ganze Ruhe ver⸗ ſchwinden und einem großen Unheile Platz machen könne? und dabei niemand, dem man ſich anvertrauen durfte konnte! Oh Tina war wirklich ſehr unglücklich. Sie blieb in den Seſſel zurückgelehnt, wie träumend liegen, ihre Gedanken verloren alle Form. Plötzlich tönte ein lautes Pochen, welches die kleine weinende Perſon erbeben machte, aber ohne länger zu zaudern, rief ſie dennoch:Herein. Die

Deutſche Aerzte.

I. Der Generalarzt der Armee.

2 Die Donner des Gefechtes rollen über das von kämpfenden Scharen erfüllte und durchwogte Schlachtfeld dahin. Die Colonnen dringen vorwärts! ihr Feuer knattert, die rüſtigen Kämpfer begrüßen den Feind mit lautem Hurrahrufen, und über die Ebene raſt der Sturmlauf. Je näher die Stürmenden dem Ziele kommen, an welchem

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Thüre öffnete ſich, und auf der Schwelle erſchien mit Hut und Degen Herr Chriſtoph Oelven. 8

Chriſtine ſprang ſchnell auf, fuhr mit der Hand über ihre Flechten, um ſie zu ordnen, wandte ſich dann halb⸗von dem Eintretenden fort, damit ſie Zeit g.ewinne, ihre Thränen zu trocknen und erwiderte kurz denguten Abend des von ihr nicht beſonders hochgeachteten, jungen

Tina ward von

Der Fremde war mit einem

Mannes. Oelven trat ruhig näher. Er hielt wie immer ven Hut an der rechten Seite und ſagte:O weh, ich bedauere, daß die ſchöne Chriſtine noch zur Abendſtunde den unwillkommenen Beſuch empfangen muß.

Ihr beſucht mich doch nicht, Herr Oelven nur den Oheim oder Henning alſo kann Euch meine Freude oder mein Mißbehagen

und am Schranke zu ſchaffen, um die Augen, welche ſtark geröthet waren, zu trocknen und zu bleichen. Oelven hatte jedoch ſogleich die Erregung und die verweinten Augen des jungen Mädchens be⸗ merkt. Er ſagte ſich, daß hier wieder eine jener häuslichen Scenen, von denen er oft genug Zeuge geweſen, vorgefallen ſein müſſe; da er aber ſeit geraumer Zeit das Haus nicht betreten hatte, konnte er auch ſelbſtverſtändlich dieſes Mal nicht Gegenſtand oder Urſache des Streites ſein. Er ließ ſich deshalb nicht abſchrecken, ſondern ging bis zum Tiſche, der ihn von der hübſchen Tina trennte, warf den Hut auf den Seſſel und ſagte, einen möglichſt leutſeligen, wehmüthigen Ton an⸗ ſchlagend:Sie haben gewiß Kummer, ſchönſte Tina ich ſehe es Ihnen an.Wer ſagt Euch das? wer verrieth das? ant⸗ wortete Tina mit unwilligem Schmollen.Eure ſchönen Augen, die gar nicht ſo muthwillig und heiter ſelbſt im Zorne blicken, wie ſie es ſonſt thun. Ihr habt geweint, Ihr ſeid betrübt. Tina ſchwieg, ſie ſenkte den Kopf, drehte ſich wieder von Oelven fort und fuhr mit der Hand über die Angen. Jetzt hatte der Secretär einen Eihritt vorwärts auf ſeiner Siegesbahn gemacht. dem jungen Mädchen vollſtändig und wagte es, ihren Arm zu be⸗ rühren. Tina zog ihn nicht zurück Oelven konnte ſich deſſen bisher nicht rühmen.Ihr ſeid wirklich ſchwer betrübt, gte er,was hat's denn gegeben? niemand iſt hier in der Nähe Henning nicht ſichtbar der Alte nicht da. Was iſt vorgefallen? Die Ningwalds ſind gar nicht mehr zu finden, auch in den Keller kommt der Alte nicht es iſt doch nicht ich will nicht hoffen, Jungfer Tina ein Unglück hier vorgefallen? ich habe lange das Haus nicht beſucht. Oelvens Ton hatte ſo viel von der Herzlichkeit des Freundes, daß Tinas Zorn gegen den Sauſewind nachzulaſſen begann. Außerdem öffnet ſich in trüben Stunden oft das Herz gegen Leute, die man ſonſt nicht eben mit Freundlichkeit überſchüttet, und wenn Oelven auch ein luſtiger Bruder, vielleicht ſogar ein Musje Lüderlich ſein konnte, ſo

gethan; Tinas Zorn über die Vernachläſſigung, welche ihr zu Theil geworden, that auch das ſeinige und ſo beſchloß ſie denn, dem Secretär ihr Herz auszuſchütten. ſie ſich zu Oelven, reichte beide Hände hin, die der Secretär erfaßte und ſagte zu ihm:Ich darf Euch trauen Ihr ſeid unſer Freund?Ich bin es wahrlich, Jungfer Tina! rief Oelven, wollte der Himmel, Ihr hättet mich immer dafür erkannt. Vergebt mir, wenn ich auf Euch ſchalt, ich mag dumm geweſen ſein. leicht helfen. In der Noth oder im Kummer erkennt man die Freunde.Ihr habt Recht.

Augen entſendeten reichliche Thränenſtröme. (Fortſetzung folgt.)

der erbitterte Kampf Mann gegen Mann ausgefochte r deſto heftiger wird das Feuer des Feindes, und wenn die ngende ſich auch nicht ſchrecken laſſen, wenn eine blabade G oder

Hoh geſchoß einer Raketenbatterie die Glieder anderreißt, da ſie ſich im nächſten Augenblicke wieder ſchließ nan

an dem Beſuche gleichgültig ſein. Sie machte ſich hinter dem Tiſche

Er näherte ſich

war er doch ein kluger Menſch und dem Freunde Henning ſehr zu⸗

Sie machte noch eine Pauſe, dann wendete

Ein freundlich Wort macht alles gut. Redet offen, ich kann viel

Alſo Ihr dürft mich aber nicht für närriſch oder kindiſch halten es iſt abſcheulich, wie ſie mit mir hier verfahren, ſie behandeln mich ſchlechter, als eine Magd. Tinas