Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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worden ſind; oder vielmehr der mit ſolcher erbitterten Parteilichkeit verurtheilt worden iſt, ohne daß die, welche ſich zu ſeinen Richtern aufwarfen, ſich die Mühe gegeben hätten, irgend einen Grund ſeines Thuns und Handelns von ihm perſönlich zu erfahren.

Doch war mein Unternehmen der Leſer wird mir beiſtimmen ſehr delicater Natur, und ich verhehlte es mir nicht im geringſten. Der Schriftſteller, welcher preußiſche Siege feierte, preußiſchen Er⸗ folgen in all ſeinen Schriften huldigte, dem preußiſche Generale in denkwürdigen Unterhaltungen ſo viel aus ihrem Heldenleben anver⸗ traut war der wohl geeignet, zu dem Beſiegten zu gehen? war es nicht ſchon ein undelicater Gedanke, daß derſelbe Mann, welcher ſich den Hiſtoriographen der Sieger nannte, vor den Beſiegten treten ſollte, um ihn zu veranlaſſen, ihm gerade ihm ſeine Mißerfolge zu geſtehen und zu erläutern? Mußte beim General von der Tann der Gedanke nicht auf der Hand liegen, daß es eine bittre Ironie wäre, die Schwelle des Generals von Goeben zu verlaſſen, um zu ihm zu kommen, und daß der eigentliche Zweck meines Beſuches der wäre, den preußiſchen Siegen im Auge der Leſer noch mehr Relief zu geben, durch die Erzählung ſeiner Niederlagen? Das alles geſtand ich mir, und was ich in München hörte, war nicht im geringſten dazu geeignet, mich in meinem Vorhaben zu beſtärken. Man erzählte mir, daß der von der bairiſchen und ſüddeutſchen Preſſe ſo hart angegriffene General voller Erbitterung wäre, daß er wie der Prinz Karl zu thun und ſeine Entlaſſung zu nehmen gedächte daß... Gott weiß, was man mir alles erzählte, und was alles geeignet war, mich in meinem Vorhaben ſchwankend zu machen. Und dennoch ſah ich immer mehr ein, daß, um eine Geſchichte des Mainfeldzuges zu ſchreiben, es unumgänglich nothwendig wäre, daß ich mit dem General von der Tann ſpräche, damit er mir über einige mir unklare Punkte den nöthigen Aufſchluß gäbe, damit er mir ſage, was Recht und Un⸗ recht, wahr und unwahr in der Unzahl von Gerüchten, die mein Hirn verwirrten, wäre. Ich ſah ein, daß das Daheim Recht habe, wenn es mir als eine Pflicht der Gerechtigkeit die Aufgabe ſtellte, in ſeine Porträtgallerie deutſcher Feldherrn auch das Charakterbild von der Tanns einzureihen.

Ich mußte es wagen, mußte auf mein gutes Glück vertrauen, das, wie der Leſer weiß, mir bei allen den Beſuchen, die ich ihm mit⸗ getheilt, ſo hold war, und mußte von vorneherein mich ſelbſt zu über⸗ zeugen verſuchen, daß der General von der Tann in dem Schritte, den ich bei ihm that, nur den wirklichen Zweck ſah... die Wahr⸗ heit zu Ehren zu bringen! Ich vertraute auf die Loyalität des Generals, deſſen Geiſt in einem offenen Entgegentreten keine klein⸗ lichen Nebenzwecke argwöhnen konnte und man wird ſehen, daß ich mich nicht getäuſcht hatte.

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Ich wurde mit kaltem und mißvergnügtem Geſichte vom General von der Tann, welchen ich vorher ſchon von meinem Kommen benach⸗ richtigt hatte, empfangen. Er wäre, ſagte er ſehr beſchäftigt, habe die Briefe, die mich bei ihm einführten, geleſen habe auch er⸗ fahren, daß ich dieangenehme Aufgabe hätte, den Mainfeldzug zu beſchreiben, wiſſe auch, wie mich General von Falckenſtein und Goeben empfangen... und ſtände zu meiner Dispoſition über etwaige Details, die mir zu meinem Werke über die bairiſche Armee noth⸗ wendig wären!

Das war ein ſchlimmerer Empfang, als ich ihn mir gedacht hatte! Solch kaltes Geſicht mit kurzen und höflichen Worten, das iſt für einen Berichterſtatter meiner Art einem vollſtändigen Miß⸗ erfolge gleich zu achten! Doch glücklicherweiſe dachte ich in dem Augenblicke ſelbſt nicht daran ich betrachtete ſtumm den Mann, vor dem ich ſtand, und dem ich inmitten des Schlachtengewühls vor ſechs⸗ zehn Jahren begeiſtert zugejauchzt hatte! Noch immer dieſe ſchöne, ſtattliche Figur, in der die Eleganz des Wuchſes ſich mit einer unge⸗ wöhnlichen Kraft ſo ſeltſam vollkommen paart noch immer dieſes gutmüthige, ja faſt ſanfte Geſicht, von hellblauen Augen matt be⸗ leuchtet, das durch einen Säbelhieb zerſchnitten, und auf dem man mit Erſtaunen den Ausdruck ſo eiſerner Energie beobachtet!...

Ich bewundere, Excellenz, ſagte ich nach einigen Augen⸗ blicken,wie Sie ſich ſeit ſechszehn Jahren ſo außerordentlich con⸗ ſervirt haben; ich ſah Sie bei Idſtedt...

Auch eine Schlacht, die ich verloren habe, unterbrach er

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mich mit ſcharfem Accente,General Williſen exiſtirt gar nicht; ich habe Idſtedt verloren... doch ich danke Ihnen mag mich doch wohl verändert haben, hab' wenigſtens weiße Haare bekommen! Sie haben alſo auch den Schleswig⸗Holſteinſchen Krieg mitgemacht

wahrſcheinlich den zweiten! Ich habe ſie alle drei geſehen laudt war auch bei dem letzten Düppelſturme, und hab' da viele von unſeren nicht tera früheren Schleswig⸗Holſteinſchen Officieren wiedergeſehen. Armer Pbie⸗ Major von Beeren! welch tüchtiger Mann! dem war es beſtimmt, in u Schleswig⸗Holſtein zu fallen!«.. Hm! wir haben wenig Glüch 84 wir Officiere aus dem erſten Schleswig⸗Holſteinſchen Kriege!' fiſe Aldoſſer gleich durch den erſten preußiſchen Schuß verwundet am fulie andern Tage General Fauſt bei Wieſenthal getödtet. Er comman⸗ 4 dirte eine Compagnie, als ich zum erſten Male Düppel ſtürmte, und der brer wenn ich nicht irre, war er in Schleswig ein intimer Freund des ſpäter General Wrangel, der damals noch Hauptmann war... und jetzt den bi die Preußen bei Wieſenthal führte!... Komiſch... nicht wahr?... 4 Ich allein bin mit einer leichten Halswunde bei Kiſſingen davonge⸗ die geeſ kommen... ich hab immer viel Glück;... doch... bitte, ſagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann; denn ich bin ſehr be⸗ Stmme, ſcftigt! gde Ich ſah ein, daß, wenn es mir nicht gelänge, den General aus Angriff dieſem Ton herauszubringen, meine Miſſion geſcheitert ſei, und ich heddigen faßte den Entſchluß, noch ein letztes zu wagen, um ſein Vertrauen zu Ich habe gewinnen. Soldaten Ich möchte von Ew. Excellenz gerne etwas über die Organi⸗ mein Kin ſation der bairiſchen Armee im letzten Feldzuge hören, ſagte ich, zeichneh denn nach der Meinung des Generals von Falckenſtein ſind die eeGkfetige Gründe der Mißerfolge dieſer Armee faſt nur in ihrer Organiſations nene Poß zu ſuchen. 1 Wecwiſſen Der General ſah mich ſtarr an. Ianme Und zu welcher Zeit ſagte Ihnen General von Falckenſtein ſiht das? fragte er. 1 laſſen ſanen Et

Einige Wochen nach dem Friedensſchluſſe! erwiderte ich. 1 Einen merkwürdigen Scharfblick beſitzt dieſer Nann und

kannte er die genauen Details der bairiſchen Heeresorganiſation? ung auf Ich kann es nicht behaupten. II ſnnigen! Ich glaube es nicht, ſonſt wäre er bei gewiſſen Gelegenheiten en S nicht ſo äußerſt vorſichtig geweſen. Mame v Vorſichtig? ſagte ich, indem ich unwillkürlich lächeln mußte, ration als ich daran dachte, wie General von Falckenſtein ſich einenSicher⸗ ganze H

heitscommiſſarius nannte.9

Ja, erwiderte der General,denn, wahrhaftig, wäre Ihr Ge⸗ es, wen neral nicht ſo äußerſt vorſichtig geweſen, wäre es uns ein Paar Mal ſuchen zu trotz allem gelungen, mit der bairiſchen Armee etwas, was einemD

Siege ähnlich ſieht, zu erfechten. der Geda

Dürfte ich bitten, Excellenz, mir ein Beiſpiel dieſer Vorſichtig⸗ licht ga keit des Generals von Falckenſtein anzuführen? ſagte ich,denn SieJ werden wiſſen, daß man ihn in vielen Kreiſen gerade des Gegentheils

beſchuldigt. Generale Gerne. Die ganze Affaire bei Dermbach zum Beiſpiel. Ich Idarinh

wußte, daß Goeben angreifen würde, wußte auch, daß es nur eine bairiſche

ſtarke Recognoscirung ſein ſollte. Berich

folgt aber gewöhnlich ein Angriff, und auf dieſen Angriff hatte ich

Einer ſolchen Recognoscirung mich mehr vorbereitet, als auf den Vorſtoß auf Wieſenthal und

Neithartshauſen. Es lag mir gar nichts daran, an dieſen beiden viſſe, Orten zurückgedrängt zu werden; ich hatte bei Kalten⸗Nordheim die gekomm trefflicſſten Stellungen und erwartete ſicherlich, daß General Afeire

Falckenſtein dem vordringenden Goeben mit anderen Truppen nach⸗ ſagten;

folgen würde! Er hätte unſere ganze Armee ſchlachtbereit ge⸗ und ſpr funden, und.... doch es ſteht mir wohl ſchlecht, Hypotheſen von aus, u Siegen aufzuſtellen, wenn man aber die Wahrſcheinlichkeit als augen Maßſtab aufſtellt, ſo iſt anzunehmen, daß, wäre mir Goeben gefolgt, fhren,

ich ihn geſchlagen hätte! Doch das iſt ja ganz gleichgültig, ob

der ſo man darüber noch Worte verliert oder nicht! Es iſt einmal ſo, wir

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ſind beſiegt überall beſiegt worden, und wer anders ſagt, ſagt die lenz

enem

Unwahrheit!

Ich kann dem Leſer die Verſicherung geben, daß ich es in dieſem ausſch Augenblicke bitter bereute, zum General von der Tann gegangen zu ened ſein; ich ſah, und ich fühlte es mehr, als ich es ſah, daß dieſer k Mann mit ſeinem ruhigen Geſichte unendlich litt, mir, dem Unbe⸗ f kannten gegenüber, ſo ſein Soldatenunglück zu erläutern und zu zer⸗ gliedern. Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte ich wollte