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die Gunſt der ganzen königlichen Partei. Doch plötzlich macht er Volteface, greift den Hof leidenſchaftlich an,— das Blatt wird confiscirt.... und er gewinnt neue dreitauſend Abonnenten.
Da bricht der Sturm von 1830 aus, und mit ihm kömmt die Bourgeoiſie ans Staatsruder. Mit ſeltener Einſicht begreift er, daß er mit ſeiner eigenen Vergangenheit brechen müſſe— verkauft ſeinen Antheil am„Voleur“ für 100,000 Franken, die„Mode“ für 15,000 Franken,— iſt auf dieſe Weiſe beinahe reich— unab⸗ hängig, hat eine Unmaſſe von Verbindungen und Bekanntſchaften, große techniſche Kenntniſſe des Journalismus und.... iſt erſt 25 Jahre alt!
Der Parlamentarismus bringt das Wort:„Erſparniſſe“ in die Mode. Der Staat will ſparen— und der Bürger will ver⸗ ſuchen, es ihm nachzumachen. Wie beide unter der Regierung Louis Philippes reuſſirt haben,— weiß der Leſer. Jedoch Hr. v. Girardin, welcher dieſe Caprice des Publicums kennt, ſchmeichelt ihr und erfindet: „Die billigen Journale“, welche der alten journaliſtiſchen Rou⸗ tine den Todesſtoß geben und ihrem Erfinder Goldberge einbringen. Das„Journal des connaissances utiles“— jährlich 4 Franken— hat nach 6 Monaten Beſtehens einhundertzwanzigtauſend Abonnenten; — das„Schullehrerjournal“, welches 1 ½ Franken(12 Groſchen) jähr⸗ lich koſtet, hat im erſten Monate ſchon 50,000 Abonnenten, und endlich das allbekannte„Musée des familles“, welches 8 Franken koſtet und 80,000 Abonnenten hat! Eilf Zeitſchriften beſitzt Herr v. Girardin im Jahre 1834; da gibt er noch außerdem den„Almanach de France“ heraus, von welchem, wie officiell in einem Proceſſe nachgewieſen worden iſt, eine Million zweimalhunderttauſend Exemplare gedruckt, und ſämmtlich— ſage ſämmtlich verkauft wurden! In dieſem Jahre wurde nachgewieſen, daß die Zeitſchriften, welche Herr von Girardin beſaß, oder an denen er einen Hauptantheil hatte, über eine Million Abonnenten hatten... und es waren nur Zeitſchriften literariſchen oder gemeinnützigen Inhalts; die Idee einer politiſchen Zeitſchrift ſollte ihm erſt ſpäter kommen.
Herr von Girardin war 29 Jahre alt und beſaß ein Vermögen von einer halben Million Franken,... hatte viele Bewunderer, Neider, Feinde, nach tauſenden zu zählen... und eine Frau— die größte Dichterin, das ſchönſte, reinſte Talent ihrer Zeit— die fromme Verfaſſerin des Epos:„Madeleine“— die ſich des Verlaſſenen, Familienloſen angenommen hatte und es verſuchen wollte, dieſem aller wahren Herzensgefühle Unkundigen einen Begriff von dem zu geben, was Glaube, was Liebe vermag.
Delphine Gay— die zehnte Muſe, wie man ſie nannte,— war jung, blendend ſchön— ziemlich reich und hatte ſich durch ihr außergewöhnliches Dichtergenie die Huldigungen ganz Frankreichs er⸗ worben. Chateaubriand, Lamartine, Victor Hugo, Muſſet, Vigny, ſowie Beranger ſchwärmten für die jugendliche Muſe. Grafen, Fürſten, Millionäre buhlten um ihre Gunſt, legten ihr alle weltlichen Genüſſe— Titel, Reichthümer, hohe Stellungen zu Füßen, um ſie zu bewegen, ihren Dichternamen mit dem ihren zu vertauſchen. Nie⸗ mandem gelang es, ſie dazu zu bewegen... Niemandem als dem ärmſten, häßlichſten, unliebenswürdigſten von allen... Emil von Girardin, von allen verachtet, von allen wie die Peſt geflohen... und den ſie vielleicht am wenigſten von allen liebte!
Das Herz der Frauen iſt eine Meerestiefe, in welcher das all⸗ ſehende Auge Gottes allein die Perle erblickt, die allen anderen Augen ver⸗ borgen iſt. Delphine Gay ſagte ſich, daß dieſer Mann vor allen andern eines liebenden, frommen Weſens bedürfe, das ihm zur Seite ſtände und ihm den Weg des Guten zeigte, ihm, der nie die Liebko⸗ ſungen einer Mutter gekannt, dem das ſüße Familienleben nie Kraft und neue Energie gegeben— ihm, der nie die Namen Vater, Bruder, Mutter, Schweſter geſagt und ſich an ihrem Klange getröſtet; dieſem dennoch geiſtig ſo reichbegabten Manne wollte ſie das ganze Eldorado des Herzenslebens mit ſeinen unermeßlichen Schätzen eröffnen,— wollte jenen nüchternen, materiellen Geiſt in das Heiligthum der Poeſie, der Religion einführen... in einem Worte— ſie wollte eine ... Seele retten.
Wie es ihr ergangen, weiß der Leſer ſicherlich— ſie hat ihre
eigene Seele bei dem gewagten Spiele verloren; die fromme Dichterin
iſt ein Freigeiſt, eine Feuilletoniſtin geworden,— und die Frau...
ward die Verfaſſerin von„Lady Tartuffe!“
Doch im Anfange ihrer Ehe war ſie nahe daran, den erwünſchten Emil von Girardin war wie berauſcht von dem
Erfolg zu erzielen. ihm neuen Gefühle einer Häuslichkeit, eines Lebens, das ihm ebenſo
unbekanntwar, wieden Begleitern des kühnen Genueſen die neu entdeckten Inſeln, die ſein Genie wie Traumbilder aus unbekannten Oceanen
hervortauchen ſah!— doch nach und nach brach ſich der ſpeculative Geiſt in dem jungen Manne eine gewaltſame Bahn— er konnte nicht ruhig leben, ſich einem Studium, der Vervollkommnung ſeiner
ſo ſehr vernachläſſigten Bildung widmen— unwiderſtehlich zog es
ihn an— er mußte ſchaffen— gründen, ſpeculiren. Noch aber war ihre Macht über ihn ſo groß, daß ſie dieſen Drang, wenn auch nicht beherrſchen, ſo doch leiten konnte,— und ſie leitete ihn dahin, wo ihr Herz ihr ein großes und ſchönes Ziel zeigte— der Wohl⸗ thätigkeit zu.
Es war die Zeit, wo die erſte Idee der Sparcaſſen in Frank⸗ reich auftauchte und, wie gewöhnlich alle neuen Ideen, auf großen Widerſtand ſtieß. Girardin folgte dem Wunſche ſeiner jungen Frau, fing eine Art Kreuzzug zu Gunſten dieſer ſo heilbringenden Inſtitution an, bezahlte aus eigenen Mitteln die Einrichtungen mehrerer Caſſen, wendete 50,000 Franken an, um zu ſeinem Ziele zu gelangen und hatte die Freude, ſchon im nächſten Jahre ein Dutzend ſolcher Eta⸗ bliſſements durch ſeine Energie und Wohlthätigkeit blühen zu ſehen. Sie wollte das ſo angefachte Feuer nicht erlöſchen laſſen und bewog ihn, in der Bretagne ein Aſyl zu gründen, wo 100 junge Leute, meiſtentheils Waiſen, unentgeltlich aufgenommen, erzogen und in der Landwirthſchaft unterrichtet werden ſollten. Das Geld fehlte natürlich zu einem ſo immenſen Unternehmen, aber der ſpeculative Geiſt Girar⸗ dins fand Mittel zu allem. Nachdem er noch einmal 50,000 Franken aus ſeiner eigenen Taſche gegeben, erhöhte er den Abonnementspreis des„Journal des connaissances utiles“, von 4 auf 5 Franken, mit
dem Bemerken, daß dieſer Zuſchuß für die Gründung des„Institut
agricole des orphelins“ beſtimmt ſei und daß ſomit jeder Abonnent ein Wohlthäter der Waiſen der Bretagne werde. Nicht allein, daß keiner der Abonnenten zurücktrat,—— die freiwilligen Gaben ſtrömten ſo zahlreich ein, daß im nächſtfolgenden Jahre dieſes Inſtitut, eines der zweckmäßigſten Frankreichs, in voller Blüthe daſtand.
Wir haben uns abſichtlich ſo lange bei dieſen beiden Epiſoden aus dem Leben Herrn von Girardins aufgehalten, weil ſie wie eine Oaſe in ſeinem Leben ſind— ein Ruhepuntt ſeines materiellen Geiſtes, der einzige Anlauf, den er je verſucht, um einem edlen Streben ſich
von der Bahn abzubringen, die er einmal betreten.
Die Dankbarkeit des Volkes war die erſte Veranlaſſung, daß mußiſh
Girardin ſich der Politik zuwandte— eine Thätigkeit, durch die er in einer gewiſſen Art zwar berühmt geworden, aber durch die er auch
Die dankbaren Wähler von Bourgneuf ernannten ihn nämlich zu ihrem Abgeordneten, und die Oppoſition, welche ſeine Perſönlichkeit, ihrer Vergangenheit halber, in der Kammer hervorrief, veranlaßte ihn im Jahre 1836, ein politiſches... natürlich billiges— Journal zu gründen, in welchem er als Journaliſt ſich an denen rächen konnte,
die ihn in der Kammer ſo mitleidslos verhöhnten und zurückſetzten.
So entſtand die„Preſſe“, das berühmteſte franzöſiſche Journal, dem Girardin ſeine großen Reichthümer und ſeine Berühmtheit auch außer⸗
halb der Grenzen Frankreichs zu danken hat— die„Preſſe“, welche
1836, auf beſtem Papier gedruckt, die beſten Artikel, die beſten
Feuilletons— doppelt ſo viel Lectüre wie alle andern politiſchen
Journale brachte und— um die Hälfte billiger war.
Auflöſung der Räthſel in No. 20. I. Achſelträger. II. Bergmann.
Inhalt: Das Geheimniß des Fürſtenhauſes.(Fortſ.) Nov. von
auſchende ſehen, und
zuzuwenden, und deſſen Gelingen dennoch nicht im Stande war, ih nuth get
auf, wenn ließen. I
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1. vären. jegliche Sympathie verſcherzt und ſeinem Lande viel Leid bereitet hat. n h— u wenn ſie ſo Große u
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Diriſche Ir Jahr rton D. ausriefen lnupte,
G. Hiltl.— Junker Jörg und die Wartburg. Von E. Frommel. Mitun
Illuſtr.— Fürſt Kanonendonner. Elbe bis zur Tauber. Von unſerm Pariſer Correſpondenten.
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klafing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig Verlag der Vaheim⸗Expeditian von Velhagen 2 Klaſing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Liſcher a Wittig in Leipzig.
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(Schluß.) Von A. Wellmer.— Von der Mit 4 IJlluſtr.— Der König der Journaliſten.


