Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
324
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folgen. Er nahm ſeinen Mantel um, griff dann in die am Fenſter ſtehende Lade, zog aus derſelben ein kurzes Schwert mit breitem Handkorbe hervor und ſchob es in das Gehenk, welches über ſeine Achſel hing, dann ſetzte er den Hut auf und verließ das Zimmer. Er trat in den Hausflur und klopfte an eine Thüre, durch deren Ritzen ein ſchwacher Lichtſchimmer fiel. Ein Mann, der nur auf dieſes Klopfen gewartet zu haben ſchien, trat heraus.Iſt alles in Ordnung? fragte Wolff.Vollſtändig, antwortete der Mann.Perbom, ſagte Wolff, die Hand des Mannes ergreifend.Ihr ſeid ein getreues Werkzeug für mich geweſen bis hierher. Ihr nahmt mich in Euer Haus auf, habt mich verborgen, habt das Geheimniß meiner Anweſen⸗ heit wohl verwahrt Ihr werdet mit mir dieſen Streich heute Abend ausführen, der das gelobe ich Euch nur im Dienſte der Kirche geführt werden ſoll, die Euch in ihren Schoß aufgenommen hat, ſeit Ihr das Licht der Welt erblickt habt. Ablaß für Euch, reiche Be⸗ lohnung ſoll Euch werden, aber ewiges Schweigen. Wenn der Plan uns mißglücken, wenn ich gefährdet werden ſollte fragt nicht nach mir, ſondern rettet Euch, und wenn Ihr ankommt in dieſem Hauſe nach unſerm gefährlichen Gange, dann verbrennt, ſobald Ihr hört, daß ich ergriffen oder getödtet bin, alles, was Ihr in meinem Zimmer droben an Kleidern, Wäſche und Papieren findet. Leſet keines der Papiere, vergrabt das Geld, welches Ihr findet, und ſprecht nie davon, daß Ihr etwas wußtet. Gebt mir die Hand darauf. Der alſo Ge⸗ warnte reichte dem Pater die Hand.Ich ſchwöre es Euch, ſagte er.Aber Ihr könnt unbeſorgt ſein. Meine beiden Burſche ſind erprobte, liſtige Kerle. Sie werden gut ſtehen, wenn der Mann ſich zur Wehr ſetzen ſollte, und wenn Ihr dann als der Retter des Ange⸗ griffenen erſcheint, wechſeln ſie ein Paar Stöße mit Euch und nehmen Reißaus. Ich habe ihnen alles erklärt: daß es ſich darum handle, einen Menſchen anzufallen, deſſen Retter Ihr ſpielen wollt; ſie ſollen ihm nicht ernſtlich zu Leibe gehen, ſondern nur ſo thun, dann aber die Flucht ergreifen, wenn Ihr ihnen entgegenſtürzt. Ich gehe mit bis zur Ecke der Grünſtraße, wo der Tanz beginnen ſoll, von weitem will ich zuſchauen, wie es abläuft, auch muß ich von Anfang an dabei ſein, denn Biedekap iſt nur mir bekannt, und er ſoll ja den bewußten Mann führen. Bleibt wider Erwarten einer meiner Burſchen auf

2 dem Platze, ſo bin ich noch als Succurs in der Nähe Ihr ſeht, es

iſt alles gut vorbereitet.Trefflich, trefflich, lobte der Pater. Ich bin beſſer bedient, als der Kurfürſt. Hoffentlich geht der ganze Spektakel ohne die geringſte Verwundung ab. Es iſt eigentlich nichts als eine Komödie, ſetzte er lachend hinzu.Gehen wir. Er ging über den Vorplatz, der Mann folgte ihm. Es war ein breitſchulte⸗ riger, plumper Kerl, deſſen gemeines Geſicht durch einen großen Schnurrbart getheilt ward. Trotz ſeiner unvortheilhaften Phyſiognomie ſah man ihm doch den ehemaligen Soldaten an. Perbom war auch früher ein ſolcher geweſen. In der Nähe des Stelzenkruges wohnten allerlei abgedankte Soldaten und Invaliden, welche in jenem Wirthshauſe ſpeiſten und denen man die baufälligen oder öden Häuſer als Woh⸗ nungen verlieh, da trotz mancherlei Anſtrengungen und Verſuchen die Errichtung eines Invalidenhauſes nicht zu Stande gekommen war. Dieſe, zum Theil noch aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges übriggebliebenen Leute gehörten keineswegs zu den angenehmen und

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guten Beſtandtheilen der Bevölkerung der Vorſtädte Berlins. Die Soldaten jener Zeit, ſowie der ihr vorangegangenen, waren größten⸗ theils ein zuſammengerafftes, geworbenes Volk aus aller Herren Länder.

Ohne Anſehen der Religion, Herkunft und ſonſtigen Führung, würfelte man dieſe Menſchen durch einander, wenn ſie die Blechkappe auf dem Kopfe, die Muskete in der Hand trugen. Man reichte ihnen, ſobald ſie untauglich wurden zum Dienſte, einen ſogenanntenZehr⸗ oder Lumpengroſchen, den die Communen aufbringen mußten, wies ihnen Schlupfwinkel an, wo ſie unterkriechen konnten und kümmerte ſich nicht weiter um ſie.

Einigen gelang es wohl wie z. B. Herrn Perbom durch Nebenverdienſte aller Art ſich eine ziemliche Exiſtenz zu ſchaffen, andere aber lebten von Diebſtahl und Betrug, weshalb auch bei den meiſten großen Criminalproceſſen jener Zeit, beſonders bei den gewaltſamen Einbrüchen, Anfällen und Uebelthaten Soldaten eine Rolle ſpielten. In dergleichen Dinge findet man häufig einen Reuter, einen Mus⸗ ketier oder Pikenträger verwickelt.

Im Jahre 1688 war die Sicherheit in den Straßen Berlins und in der Umgegend der kurfürſtlichen Reſidenz eine höchſt zweifel⸗ hafte. Die Gewalt der Polizei war ſehr beſchränkt, was beſonder; darin ſeinen Grund hatte, daß die Einwohnerſchaft Berlins das Handwerk und die Stellung des Polizeimannes für entehrend hielt und die Diener der Gerechtigkeit mit Spott und Hohn ver⸗ folgte. Andererſeits ſtand die Polizei häufig mit den Verbrechern ſelbſt in ganz vertrauten Verhältniſſen, und die Soldaten ließen ſich, um das Maaß voll zu machen, gar keine Beſchränkung gefallen, ſondern widerſetzten ſich den Verhaftungen mit blanker Waffe in der Fauſt. Die Straßen Berlins waren oft genug der Schauplatz gröbſter Exceſſe, wohin namentlich die Unſitte gehörte, Duelle auf offener Gaſſe aus⸗ zufechten. So blieben zwei Unterofficiere todt einer hatte dem andern den Degen durch den Leib gerannt. Häufig wurden aus den Einzelkämpfen kleine Gefechte, indem die herbeieilenden Fre nde Partei ergriffen und auf einander losſchlugen. Die Einſankeit mancher Gegenden begünſtigte die Anfälle des Geſindels, welches den Schauplatz ſeiner Thaten gern nach ſolchen Orten verlegte, deren Umgebung nur von wenig Spaziergängern oder Geſchäftsleuten be⸗ ſucht wurde, ſobald die Dämmerung hereingebrochen war.

Pater Wolff ging den von Biedekap vorgeſchlagenen Weg. In einiger Entfernung hinter ihm folgte Perbom. Vor der Contreeſcarpe, die zwiſchen dem Georgen⸗ und Stralower Thore hinlief, angekommen, wendete ſich der Pater links. Perbom ſprang über den Graben einer kleinen Anpflanzung, die ein erbärmliches Haus umgab. Dang pfiff er laut, ſah ſich um, ob jemand dem verdächtigen Tone folge, pfiff zum zweiten Male und erblickte nun zwei Männer, welche hinter dem Hauſe hervorkamen. Der Pater ſah, wie er ſich mit den beiden unterhielt, dann kam Perbom zu ihm und ſagte:Gehen Sie nicht zu ſchnell uns voran, gnädiger Herr, damit wir Sie im Auge behalten können. Ich habe meinen beiden Kumpanen weiß gemacht, es gelte ein Liebesabenteuer zu beſtehen. Sorgen Sie nicht alles geht ſicherlich nach Wunſche.

(Fortſetzung folgt.)

Zunker Zörg und die Wartburg.

Eine Federzeichnung zu einem Holzſchnitt von Emil Frommel.

Es war im Jahre 1521 und zwar in der Kreuzwoche, das iſt: in der Woche des Feſtes der Kreuzerfindung, alſo im Monat Mai. Und Vollmond iſt's in der Woche, wie's heuer ſein wird, damals und hier im Bilde. Baum und Laube rechts und links ſind eben am Grünen, aber der Froſt ſteckt noch in der Rinde, wie den Leuten in den Gliedern. Grell fällt der Vollmondſtrahl auf Vorder⸗ und Seiten⸗ wand des Hauſes; oben der grimmige Kumpan,der Hausdrache in Geſtalt eines Waſſerſpeiers, erfreut ſich der ſchönſten Beleuchtung, aber trotzMondſchein und Maiennacht bleibt er der alte grimmige Geſelle, der den Leuten höchſtens den Regen gönnt. Durch den dunklen Thorweg hindurch ſiehſt du das Land im lichten Mondſchein liegen.

Es iſt Nachts zwiſchen elf und zwölf, vom Thurme tönt das Horn des Warts und meldet nächtliche Gäſte. Langſam zieht den

ſteilen bewaldeten Berg herauf durch die Hohlwege ein Troß Reißiger 1 in aller Stille. Die Riegel fallen, die Eiſenſtangen werden zurück⸗ geſchoben und der Thorweg öffnet ſich, der Troß iſt daheim. Wir kennen die alte Veſte im Thüringerlande, die Wart⸗ burg. Die wir im Bilde aber vor uns haben, iſt ſicher nicht 3 mehr die alte Wartburg, nicht der hohe Sitz der Landgrafen, erfüllt von Minnelied, von Sängerſtreit und Becherklang. Es iſt ſtill und öde darin. Wo die Lieder Heinrichs von Ofterdingen und Walthers von der Vogelweide klangen, ſingt ietzt der rauhe Landknecht von ſeinen Thaten und Fahrten, und auf der ſteinernen Treppe, wo die Ritter zum glänzenden Turnier hinaufſtiegen, wächſt Strauch und Moos Eliſabeth, die Landgräfin, iſt längſt bei allen Heiligen verſam umelt, i iſt nicht mehr der dunklen Veſte lichter Stern, der deutſch n Frauen Kronjuwel. Die Hohenſtaufen ſind entſchlafen und haben M We⸗

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