—
Beweis, daß die Buchhändler auch Menſchen ſind.
Ein deutſch⸗amerikaniſcher Buchhändler von ſeltener Intelligenz und Energie, Herr E. Steiger in New⸗York, der auch für das Daheim unter unſern Landsleuten jenſeits des„großen Baches“ ſchöne Erfolge erzielte, hat an ſeine Geſchäftsfreunde in Deutſchland ein als Manuſcript gedrucktes Büchelchen verſandt, in welchem er ſich über den deutſchen Nachdruck in Nord⸗ amerika und über ſein Wirken als Buchhändler ausſpricht. Seine Darlegungen über die allmähliche Ausbreitung des deutſchen Buchhandels in Amerika, ſeine gepfefferten und geſalzenen Philippiken gegen die philiſtröſen Verleger in Deutſchland, die ſich drüben nicht nachdrucken laſſen wollen, ſind höchſt in⸗ tereſſant uud werden uns vielleicht ein andermal beſchäftigen;— heute wollen wir unſeren Leſern einen nicht buchhändleriſchen, ſondern menſchlichen Zug mittheilen, der den Beweis unſerer Ueberſchrift führen ſoll.
Herr Steiger erzählt alſo:——„Seitdem ich ſelbſtändig bin, habe ich geſehen, wie viele Freunde— und Freundinnen— ich mir, der ich „mutterſeelenallein“ hier ſtehe, durch allerhand kleine Aufmerkſamkeiten erwor⸗ ben, habe aber beſonders zu bemerken Gelegenheit gehabt, wie es dabei gar nicht auf die Größe der Gabe ankommt. So habe ich jetzt beinahe 80 Kinder, Freunde und Freundinnen auf meiner Liſte; ſie alle haben ſich meine Auf⸗ merkſamkeiten gern gefallen laſſen, und wehren mir auch in Zukunft nicht— und das iſt alles, was ich wünſche, damit bin ich zufrieden. Dank erwarte ich nicht; wenn er ausbleibt, ſo iſt's mir auch recht. Ich erinnere mich aber nicht, daß ich je Undank dafür geerntet habe.
Kinder haben von jeher meine beſondere Zuneigung gehabt; aber jetzt finde ich gar keine Zeit mehr, befreundete Familien zu beſuchen, wo deren ſind. Darum lade ich ſie zu mir ein. Es war ein guter Gedanke, der mir vor 4 oder 5 Wochen kam, eines Sonnabends zwiſchen 11 und 12 Uhr die Kinder von Freunden ſammt Begleitung zu mir in den Laden kommen zu laſſen.
Hier war eine Ausſtellung von Bilderbüchern gemacht worden; den Kleinen ſagte ich, daß ſie alle durchſehen dürften, und daß eine jede, reſp. ein jeder überdies das ſchönſte für ſich behalten könne. Die freundlichen Geſichter der glücklichen Kinder werde ich nicht vergeſſen. Dieſes Vergnügen, für mich das einzige in der ganzen Woche, war mir ſehr viel werth, ich hatte es in dem Maße nicht erwartet. Daß ich, um mit meinen Arbeiten fertig zu werden, an dieſem Sonnabende bis nach Mitternacht an meinem Pulte blieb, war nichts Ungewöhnliches. Aber noch nie zuvor war ich zu ſpäter Stunde ſo munter nach Hauſe gegangen, wie in der Nacht. Wie froh war ich darüber, daß ich Gelegenheit gehabt, zum erſten Male in meinem Leben„bei mir“ andere vergnügt zu macheu.
Der Gedanke, daß ich, nachdem ich geſpart und gearbeitet, im Stande geweſen war, etwas zu verſchenken, entſchädigte mich wieder für Genüſſe und Vergnügen, welche ich mir ſelbſt verſagt hatte, und befeſtigte den Vorſatz, auch in Zukunft nach Kräften thätig zu ſein, damit ich noch mehr Geld für den einen Nebenzweck: andere zu erfreuen, beſtimmen könne. Von der Zeit an hat mein Eigenthum noch einen anderen Werth in meinen Augen, einen Werth, der nicht nach Dollars und Cents zu berechnen iſt. So habe ich mir das Feſt wiederholt bereitet, und werde auch bis zum Schluſſe des Jahres damit fortfahren. Denn die Sache nimmt ganz wider mein Erwarten einen anderen, einen geſchäftlichen Character an. Die Kleinen plaudern aus, wie ſie beim„Onkel Steiger“ das ſchönſte Bilderbuch erhalten haben und dann noch mit Kuchen und Wein tractirt worden ſind— und die Väter und Mütter und Schweſtern, welche mitkommen, ſprechen auch davon, aber ohne mich einen Verſchwender zu nennen, oder mir eigennützige Abſichten zuzuſchreiben. So kommt es, daß ich gebeten werde, auch da und dorthin Einladungen zu ſchicken, in Familien, an die ich ſonſt ſicher nicht zu denken gewagt hätte. Wohl, ich thue es, und der beſcheidene Buchladen in 17 North William Str. wird aufgeſucht von Leuten, denen es ſonſt nie eingefallen wäre, dahin zu gehen, bei der Gelegenheit Steigers Bücherlager anzuſehen, und in Zukunft bei ihm zu kaufen, was ſie brauchen. Theure Inſerate hätten ſicher nicht be⸗ wirkt, was ich ſchon wieder einmal erreicht habe, indem ich mir ein einfaches Vergnügen zu machen gedachte.
Es kommen zu der bekannten Stunde aber auch Freunde ohne Kinder, die ebenfalls an dem kleinen Feſte Gefallen finden, dabei Bekannte treffen, oder mit Fremden bekannt werden, und bei einem Glaſe Wein gern ein Paar Minuten dableiben.
Das laſſe ich mir vor der Hand Erſatz ſein für den Empfangsabend in meinem Hauſe, welchen meine„beſſere Hälfte“ einſt halten ſoll, d. h. ſobald ich eine Perſonification meines Ideals gefunden haben.
Der Leſer wird zugeben, daß die Sache anmuthig und originell iſt. Wohl dem, der ſo das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kalin. 4
Eine Wettfahrt von Amerika nach England⸗
320 Am Familientiſche.
Von kleineren Yachtwettfahrten auf der Themſe iſt man nun im vorigen Jahre zu großartigeren vorgeſchritten. Zuerſt unternahmen eine ſolche die im chineſiſchen Theehandel engagirten britiſchen Segelſchiffe, von denen das⸗ jenige, welches zuerſt eine Ladung neuen Thees herüberbrächte, eine Prämie von 500 Pfund erhalten ſollte. Drei Fahrzeuge ſegelten faſt gleichzeitig von China ab, und alle drei fuhren in die Themſe an dem Abende deſſelben Tages ein, nur eines erreichte das Dock etwa eine Viertelſtunde vor den beiden anderen und hatte ſo den Preis davongetragen.
Auf dieſe That waren die Amerikaner eiferſüchtig und beſchloſſen als⸗ bald ſie nachzuahmen, ja womöglich ſie zu übertreffen. Drei Mitglieder des New⸗Yorker Nachtelubs beſchloſſen, daß ihre Schiffe, die„Henrietta“, der „Fleetwing“, und die„Veſta“ eine Wettfahrt über das atlantiſche Meer im December unternehmen ſollten; jedes ſollte 30,000 Dollars(ca. 40,000 Thlr.) einſetzen, und das erſte, welches den Hafen von Cowes auf der Inſel Wight erreichte, ſollte dieſe ungeheure Summe erhalten.
Alle drei Yachten waren dem Publicum als Fahrzeuge erſten Ranges durch frühere Fahrten bekannt, und hatten ziemlich gleichen Umfang,(von 201 — 203 Tonnen= 100— 102 Laſt.)
Dienstag am 11. December v. J. um 1 Uhr No bmittags fand die Ab⸗ fahrt Statt. Ungeheure Menſchenmaſſen hatten ſich ve uielt, um die kleinen Fahrzeuge abſegeln zu ſehen hinaus auf das gewaltige Meer, das ſo oft die ſtattlichſten und größten Schiffe ſchon verſchlungen hatte. Aber an die mög⸗ liche Gefahr gedachten die Beſitzer der Schiffe und ihre Capitäne nicht; über⸗ dem waren die erfahrenſten Seeleute, die man finden konnte, zu dieſer Fahrt ausgewählt. Der Commodore des New⸗Yorker Yachtelubs, Mr. Mc. Vickar fuhr auf einem Dampfboote voraus nach England, um vor den Nachten dort anzulangen und den Ausgang der Wette zu entſcheiden.
Mit Ausnahme eines Unfalles auf dem Fleetwing, der ſechs Matroſen durch eine Sturzſee verlor, vollendeten alle drei Fahrzeuge glücklich ihre Fahrt. „Henrietta“ war die Siegerin, ſie vollendete die ganze Reiſe von New⸗York bis Cowes in 14 Tagen 4 Stunden und 40 Minuten und langte an ihrem Zielpunkte um 5 Uhr 40 Minuten Nachmittags des Weihnachtstages an.
Die anderen folgten innerhalb weniger Stunden ſpäter, zuerſt der„Fleetwing“,
zuletzt die„Veſta“.
Unbegreiflich war die Aufregung auf beiden Seiten des Oceans im ganzen Publicum. Sogar der atlantiſche Telegraph, der gewöhnlich nur lakoniſche Notizen über die Börſencourſe befördert, brach eines Morgens in eine längere Rede über den Aufbruch der Fahrzeuge aus. In Newyork ſprach man während der Fahrt von nichts anderem, und die Wetten auf das ſie⸗ gende Schiff nahmen kein Ende.
Seitdem hat der Beſitzer der ſiegreichen„Henrietta“ die Yachtleute von England herausgefordert, einen neuen Wettſtreit mit ihm einzugehen, und die Herausforderung wird wahrſcheinlich angenommen werden. Schon vor eini⸗ gen Jahren hatten die Vereinigten Staaten eine prächtige Clipperyacht, die„America“ herübergeſandt, um in dem alljährlichen Wettkampfe in Cowes mitzuſtreiten, und ſie hatte ihre Ueberlegenheit glänzend durch Ueber⸗ holung jeder Rivalin bewieſen. Um ſo begieriger ſind nun die engliſchen Sportfreunde, ſich aufs neue mit Amerika zu meſſen. C. F. P.
Ratyhfel.
Die erſten beiden Sylben zeigen an, Ein Doppelgliedmaß deiner Bruſt; Die beiden letzten ſind geſucht als Arbeitsmann, Wenn du das Wort nicht doppelt ſetzen mußt; Zum zweiten fähig machen dich die erſten, Doch iſt's ein Name ſchlimmer Art, Ein Vorwurf von den allerſchwerſten, Wenn ſich die vier zum Ganzen feſt gepaart. II. Ob mein zweites auch die Luft Selbſt zu ſeinem Dienſte ruft Und beflügelt aufwärts ſchwebt Ueber alles, was da lebt, Daß vor ſeinem Adlerblick Auch die erſte bleibt zurück,— Und ſich taucht in Himmelslicht, Ob's zur höchſten Höhe ſteigt: An den Himmel reicht es nicht. An den Himmel es nicht reicht. Doch mein Ganzes ſucht die Nacht, Mond und Sonne ihm nicht lacht; In die Tiefe dringt's hinab, Gräbt und gräbt ſich oft ſein Grab. Winkt ihm auch des Tages Schein, Gräbt es ſich nur tiefer ein, Denn in nächt'gem Schatten nur Leuchtet ſeines Glückes Spur.
Inhalt: Das Geheimniß des Fürſtenhauſes.(Fortſ.) Nov. von Georg Hiltl.— Der deutſche Wald in ſeinen Jahreszeiten. II. Von Hermann Wagner. Mit Illuſtration.— Fürſt Kanonendonner. Von A. Wellmer.— Die Schreckensnacht von Podol. Von G. Hiltl. Mit 3 Illuſtr.— Am Familientiſche.
Aus dem Grunde in die Höh', Aus der Tiefe in den Schnee Wächſt mein erſtes ſtill hinauf Als wollt' es zum Himmel auf; Aber wie es ſich auch ſtreckt, Hoch und immer höher reckt
———
—
III


