Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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düſteren Schleier, in Grabesnacht und in Dunkel der Kirchengewölbe; er hatte keine Gelegenheit gehabt, mit Henning Ringwald darüber zu ſprechen, auch fürchtete er ſich, die Ereigniſſe jemandem anzuvertrauen. Wenn eine Thüre ging, fuhr er zuſammen, obwohl er ſonſt immer ſehr keck und zuverſichtlich dreinſchauete, und heute war nun erſt recht eine ſonderbare Bewegung in der Kanzlei bemerkbar. Die Räthe waren auf den Beinen, fortwährend tönte die Klingel in dem Zimmer des Kammerrathes von Danckelmann, dann flüſterten die Räthe mit einander, dann die Oberſchreiber, dann die Unterſchreiber, und es war Oelven ſtets, als ſei er der Gegenſtand dieſer halblauten Mitthei⸗ lungen; nun ward ſeine Unruhe noch geſteigert, als gegen zehn Uhr der gefürchtete und gefeierte Rath in eigener Perſon in die Kanzlei trat, einige Acten nachſah, dann hinausging, ſich in den Wagen warf,

aus dem Schloßhofe fuhr, dann wieder anlangte, aufs neue in die

Kanzlei kam und längere Zeit daſelbſt verweilte. Oelven beſchloß, ſo emſig als möglich zu arbeiten und vertiefte ſich in ſeine Rechnungen; doch konnte er es nicht unterlaſſen, ſeitwärts über das Papier hinweg nach Danckelmann zu ſchielen, der mit den Räthen ſprach. Bei dieſen Seitenblicken glaubte er denn wirklich zu bemerken, daß der Rath ihn ebenfalls verſtohlen fixirte. Der Schreiber wurde unruhiger. Es war keine Einbildung Danckelmann richtete die Augen auf ihn, und es ſchien ſogar, als erkundige er ſich bei den Räthen nach dem Schreiber. Oelven ließ ſeine Feder über das Papier gleiten, ohne die Schriftzüge zu erkennen. Er dachte ſich, daß der Rath etwas von ihm haben wolle, oder daß eine Sache vorgebracht werden müſſe, die mit den nächtlichen Ereigniſſen im Zuſammenhang ſtehe aber konnte dies nicht auch etwas Gutes ſein? konnte man ihn nicht zu irgend einer beſonderen Miſſion gebrauchen? Oelven war durchaus nicht feig. Er beſchloß alſo abzuwarten, aber die Stunden krochen langſam dahin, und als es zwölf Uhr ſchlug, ſchien es dem jungen Schreiber, als habe er eine Woche hinter ſich. Mit dem letzten Schlage trat Danckel⸗ mann wieder in das Zimmer. Jetzt mußte es ſich entſcheiden. Oelven wiſchte ſeine Feder aus, legte die Papiere zuſammen, pfropfte ſein Tintenfaß zu, nahm dann vom Nagel neben ſeinem Platze den Hut, wobei er ſtets bemüht war, dem Rathe den Rücken zuzukehren. Danckel⸗ mann ſtand unbeweglich auf der Schwelle. Die Räthe empfahlen ſich, dann empfahlen ſich die Oberſchreiber, dann kam der älteſte Unter⸗ ſchreiber noch immer war der Rath da, er hatte noch nie dem Auf⸗ bruche der Beamten zugeſehen er mußte etwas beabſichtigen. Oelven war der letzte, ſeine Beine waren ein wenig ſchwer, aber er nahmn ſich zuſammen, drückte ſeinen Hut mit der Rechten gegen die Hüfte und wollte, mit tiefer Verbeugung bei dem Rathe vorüber, als Danckelmann plötzlich mit ſonorer Stimme ſagte:Schreiber Oelven! Ihr ſollt noch einen Augenblick hier bleiben. Trotz ſeines Muthes und der Keckheit des Berliners fuhr Oelven dennoch zuſammen, aber ſeine gute Dreiſtigkeit gewann bald die Oberhand. Er dachte ſich, daß das Schlimmſte etwa in einem Verweiſe beſtehen könne, den er ſich vielleicht durch ſeine Prahlerei mit dem TitelSecretär zugezogen hätte. Er ſagte ganz feſt im ToneZu Befehl und blieb. Danckelmann riegelte die Thüre zu und ließ ſich auf einen der Lederſtühle nieder, dann ſagte er zu Oelven:Geborner Berliner? Zu Befehl, gnädiger Herr.Kurfürſt iſt gnädiger Herr, ſagte Danckelmann mit kurzem Tone.Mich titulirt Kammerrath. Alſo weiter. Euch ſind wohl alle Straßen, alle Winkel in der Stadt bekannt?Zu Befehl. Ich kenne mich in finſtrer Macht überall in Berlin aus, ſagte Oelven und dachte dabei: Er ſpielt auf den Spaziergang im Grabgewölbe der Nicolaikirche an.Ihr ſeid von Herrn von Schlözer an die Canzlei empfohlen, ſagte Danckel⸗ mann.Ihr waret mit ihm im Haag bei der Ambaſſade?Ich hatte die Ehre, dazu befohlen zu werden, da mein nun ſeliger Vater Secretarius bei Herrn von Schlözer geweſen.Ihr ſollt ein guter Kopf ſein, fuhr Danckelmann fort.Oh ich Herr Rath, ſagte ſchmunzelnd der Schreiber.Ich höre das ſo. Was könnt Ihr denn, außer Eurem Schreiben? Ich dichte und treibe Schriftſtellerei?Das ſind Dummheiten, ſagte Danckelmann, für einen Canzeliſten. Oelven zuckte die Achſeln.Habt Ihr Kenntniſſe in der Hiſtoria?Allerdings, Herr Kammerrath. Gut, ſo werdet Ihr wohl Beiſpiele kennen von Leuten, die hoch ge⸗ ſtiegen ſind, weil ſie ſchweigen konnten.Wo will das hinaus? ſagte ſich Oelven.Es iſt die Kirchenſcene. Er neigte ſich ſtumm. Könnt Ihr ſchweigen?Gewiß, wenn es ſein muß. Danckel⸗ mann trat zu den Karten und Plänen, welche an den Wänden hingen,

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dann winkte er Oelven zu ſich heran.Kennt Ihr dieſes hier? ſagte er, auf einen feſtungsartigen Plan deutend, deſſen Linien ſternenförmig auseinander liefen.Es iſt der Plan der Feſtung Spandau.Richtig, ſagte der Kammerrath,ſehr richtig. In die Citadelle dieſer Feſtung ſetzt man Leute, die ſich Staatsverbrechen zu Schulden kommen laſſen, und zwar ſetzt man ſie ſo lange, als man es für gut findet. Oelven erbebte.Ich weiß nicht, Herr Kammer⸗ rath begann er.Ohne Furcht, ſagte Danckelmann.Es iſt nur ein Hinweis. Zu ſolchen Leuten gehören Angeſtellte, Beamte, die nicht im Stande ſind, wichtige Geheimniſſe zu bewahren. Wer im Beſitze eines ſolchen iſt, der gehört dem Kurfürſten, und wenn er ſchwatzt, ſchließt man ihm den Mund durch einen Riegel der Citadellen⸗ gefängniſſe; iſt er verſchwiegen, handelt er klug und gewandt, ſo kann er es zu etwas bringen. Alſo könnt Ihr ſchweigen, getraut Ihr Euch zu handeln? überlegt wohl. Seid Ihr einmal im geheimen Dienſte, dann könnt Ihr nicht zurück, Ihr ſeid dann mit koſtbarem Gute be⸗ laſtet, und das muß man ſicher verſperren. Oelven dachte einige Minuten nach, dann ſagte er:Ich bitte den Herrn Kammerrath, über mich zu verfügen. Danckelmann begann.Alſo von jetzt an ſollt Ihr eine Miſſion haben.Ich ahnte es, ſagte Oelven, deſſen Eitelkeit rege wurde.Ihr ſollt wiſſen, fuhr der Rath fort,daß wir ſeit kurzer Zeit von einem Netze umſponnen werden, deſſen Fäden wir fühlen, ohne ſie zu ſehen. Wir haben eine Rotte geheimer Ar⸗ beiter und diplomatiſcher Intriganten um uns, welche jedes Mittel ergreifen, die Gemüther zu ängſtigen, die Leute hier am Hofe bis zu unſerm gnädigen Herrn hinauf, in Verwirrung zu bringen und dabei im Trüben zu fiſchen. Welches die Reſultate dieſer Arbeiten ſind, worin ſie beſtehen, bleibt Geheimniß. Für Euch aber möge der Hinweis genügen, daß Jeſuiten in Berlin thätig ſind. Oelven ward aufmerkſam.Wie viele verkappt umherſchleichen, fuhr der Rath fort,wiſſen wir noch nicht, allein es iſt gewiß, daß einer ihrer Hauptführer, der Pater Ludwig Wolff ſich in Berlin befindet. Oelvens Augen erweiterten ſich, es war ihm, als werde von ſeinem Geiſte ein dichter Schleier weggezogen. Er begriff ſogleich, daß der räthſelhafte Fremde niemand anderes als der gefürchtete Jeſuitenpater ſei.Es gilt für uns zu wiſſen, ſagte Danckelmann,mit welchen Perſonen der Mann verkehrt, ſeine Verbindungen in Berlin zu er⸗ mitteln, ihm einen unſichtbaren Lauſcher nachzuſenden. Ich habe hin und hergeſonnen, wem ich dieſen Auftrag ertheilen ſollte Ihr ſeid mir endlich eingefallen. Ihr kennt Berlin genau, das iſt nothwendig; Ihr ſeid muthig, Ihr ſeid, wie ich erfahre, klug alſo wollt Ihr die Miſſion übernehmen? Ihr ſeid einfach Spion für uns. Der Titel iſt nicht gerade ſchön, aber ſpäter wird ein beſſerer daraus. Wollt Ihr?Gewiß, Herr Kammerrath.Legt Euch denn alſo auf die Lauer. Vor allen Dingen ſucht den Pater Wolff ausfindig zu machen. Dazu ſollt Ihr dem Polizeimeiſter empfohlen werden. Der Pater iſt hier in Berlin aber ihn kennen zu lernen, iſt eine große Schwierigkeit; denn er verbirgt ſich ſorgfältig. Es wird ſchwer ſein, und das iſt der mühſame Anfang Eures neuen, geheimen Dienſtes. Auf Oelvens Antlitze ging eine Veränderung vor, welche Danckelmann natürlich nicht beachtete, die aber einem ſeiner Freunde nicht entgangen wäre, denn die Züge des Schreibers wan⸗ delten ſich von der bisher beobachteten Zurückhaltung, welche ſie aus⸗ gedrückt hatten, in eine wahrhaft leuchtende Dreiſtigkeit um. Seine Nüſtern blähten ſich auf, ein Lächeln der Eitelkeit und des Triumphes umſpielte ſeine Lippen und der bisher ſtraff angezogene Körper nahm eine nachläſſige Haltung an, die Hand drehte den ehrfurchtsvoll zer⸗ knitterten Hut, und der Schreiber wagte ſogar leicht das Haupt zu ſchütteln. Oelven fühlte, daß der Augenblick gekommen ſei, wo er dem großen Rathe, dem berühmten Danckelmann einigermaßen imponiren könne. Er hatte während der Auseinanderſetzung des Kammerrathes ſchon ſeine Gedanken umherſchweifen laſſen und nun, als Danckelmann die Miſſion, zunächſt die Auffindung des Paters als eine ſchwierige Sache bezeichnete, richtete er ſich kerzen⸗ gerade empor.Der Herr Kammerrath werden es nicht ungnädig aufnehmen, begann er,wenn ich mich erkühne, die Schwierigkeiten der Auffindung genannter gefährlicher Perſon als beſeitigt anzu⸗ ſehen. Danckelmann ſtutzte.Ihr habt mich wahrſcheinlich nicht recht verſtanden, mein Freund, erwiderte er, den Agenten mißtrauiſch anblickend.Ich bitte den Herrn Kammerrath, mich nicht der Eitelkeit oder der Großſprecherei zeihen zu wollen, wenn ich ſage: Ich

kenne den Pater Wolff bereits.Ihr kennt ihn? rief Danckel⸗

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