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wärts. Seit einigen Augenblicken war indes die Spitze des von Eipel noch erwarteten zweiten Bataillons den hart bedrängten Ver⸗ theidigern ſichtbar geworden, und durch die Kunde von der heran⸗ nahenden Unterſtützung neu entflammt, gelang es ihnen für einen Augenblick, in einem kräftigen Anſturm den ſchon verlornen Boden nochmals zurückzugewinnen.
„Ich bin getroffen! ich kann nicht mehr!“ Der die Fahne des preußiſchen Bataillons tragende Fähnrich von Schenk war mit der⸗ ſelben, von einer Kugel durch beide Schenkel getroffen, zuſammenge⸗ brochen. Ein Jubelgeſchrei ertönte auf feindlicher Seite, und ein ganzer Trupp ſtürzte ſich vorwärts nach der Richtung, wo das preußiſche Panier eben niedergeſunken war.
„Halt! Steht bei eurer Fahne!“ Einer der Fahnenunter⸗ officiere hatte dieſe aus den Händen des Verwundeten aufgegriffen und hielt ſie hoch empor.„Vorwärts!“
Die Angreifer hatten unter dem furchtbaren Gegenſtoß den Ver⸗ ſuch, ſich des alten, ſchon in ſo vielen Schlachten ruhmvoll geführten preußiſchen Feldzeichens zu bemächtigen, meiſt mit dem Leben büßen müſſen. Doch eine neue Woge drängte heran, und beinahe im gleichen Moment wurde die Stange der nur noch aus dieſer und der mit dem eiſernen Kreuz geſchmückten Spitze nebſt den Fahnenſchnüren und dem Fahnenbande beſtehenden Fahne von einer Kugel zerſchmettert und deren Träger hielt nur noch den ſeines Ehrenſchmucks beraubten Schaft derſelben in Händen.
Ein Grenadier hatte die abgeſchoſſene Spitze von der Erde auf⸗ gegriffen und ein Tambour ſie ihm aus der Hand geriſſen. Wieder mahnte, von dieſem hoch emporgeſtreckt, das in dieſelbe gefaßte ernſte Zeichen des eiſernen Kreuzes die Grenadiere an Sieg oder Tod. Indes ſchon nach wenigen Augenblicken brach auch dieſer dritte oder eigentlich vierte Träger des alten Ruhmes und Siegeszeichens, von einer Kugel getroffen, zuſammen.
Ein junger Lieutenant war noch gerade im letzten Moment bis zu dem Verwundeten durchgedrungen. Nach allen Richtungen bil⸗ dete der Kampf nur noch ein verwirrtes Getümmel.„Seht hier Eure Fahne!“ ſammelte der Zuruf des tapferen Ofſiciers die Seinen um ſich. Er hatte die Spitze auf ein Bajonnet geſteckt und ſchwenkte ſie, in der Rechten den Degen, mit der linken über den Kopf.„Wer zu dieſer geſchworen hat, der halte ſich zu mir! Hurrah!“
„Hurrah! Hurrah!“ Dem kühnen Führer nach ſtürmt preu⸗ ßiſcherſeits alles wieder vorwärts, was noch Athem und Leben hat, und der Feind ſieht ſich, was er in der letzten Viertelſtunde mühſam erſtritten, in einem Augenblick wieder entriſſen.
„Faß mit an, Junge!“ Bald hier, bald dort von einem oder dem andern Grenadier angerufen, ihm zu helfen, einen verwundeten Kameraden mit zu dem unmittelbar vor dem Ausgang des Dorfes errichteten Verbandplatz zurückzuführen oder zu tragen, hatte Karl Lehmann wohl ſchon zehn Verwundeten den gleichen Liebesdienſt ge⸗ leiſtet. Das Stöhnen der blutigen Opfer des heißen Streites, wie deren Gejammer und der laute Ruf der Aerzte nach Waſſer riefen ihm jedoch plötzlich die Erinnerung in das Gedächtniß zurück, daß ihm die Oeſterreicher bei ſeiner vorigen Gefangennahme die von ihm getragenen Kochgeſchirre und Flaſchen entriſſen hatten. Das Gehöft, wo ihm zuvor dieſer Unfall begegnet war, lag keine zwei oder drei⸗ hundert Schritte von dieſer Stelle entfernt, und richtig, die Flügel des in den Hofraum deſſelben führenden Thorwegs ſtanden jetzt, halb aus den Angeln geſprengt, weit offen. Die Idee war ihm aufge⸗ ſtiegen, ob er ſich unter dieſen günſtigen Umſtänden nicht vielleicht noch in den Beſitz des ihm geraubten, anvertrauten Guts zurückzuver⸗ ſetzen vermöchte, und wie der Pfeil von der Sehne ſchoß er davon, den Verſuch dazu auszuführen.
Wirklich lagen die Kochgeſchirre noch über den ganzen Hofraum zerſtreut. Auch ein Paar Feldflaſchen waren achtlos zu denſelben fortgeworfen worden, im übrigen aber beſaßen die drei oder vier bei ihrer Flucht von den in das Haus eingedrungenen Preußen todt niedergeſtreckten Oeſterreicher auch weit beſſere und größere Feld⸗ flaſchen, als er ſie vorhin geführt hatte.
Er raffte die ihm entriſſenen Stücke, und als einen Erſatz des Fehlenden, die öſterreichiſchen Flaſchen an ſich. Leider waren indes der Wagebalken und Schöpfeimer von dem Ziehbrunnen des Gehöfts entfernt worden, und derſelbe gab deshalb kein Waſſer mehr. Auch in dem nächſten und drittnächſten Gehöft, wohin er über die Gärten trennenden Hecken und Zäune übergeſtiegen war, fand es
ſich nicht anders. Erſt beinahe am jenſeitigen Ausgang des Dorfes bemerkte er einen Brunnen, aus welchem eben ein halbes Dutzend öſterreichiſcher Jäger und Infanteriſren ihren Durſt löſchten.
Die Lage war nach der ſchlinumen Erfahrung, welche Karl Lehmann erſt höchſtens dreiviertel Stunden zuvor gemacht hatte, entſchieden kritiſch; allein zum Glück erwies ſich entſprechend der⸗ ſelben ſein Kopf heute ganz beſonders fruchtbar an guten und zweck⸗ dienlichen Ideen.
„Ja, det kann jehen,“ murmelte er mit einem letzten Er⸗ kennungsblick hinüber zu dem Brunnen und rings um ſich in die Runde.„Uebrigens aber liegt da noch gerade een Dodter, und wenn ick mir den ſeine Mütze ufſetze und mir ſeinen Rock anziehe, halten mir die da am Ende ooch vor eenen Oeſterreicher.“
Der ihm ſo glücklich aufgeſtiegene Gedanke war von dem ſchlauen Politiker im Handumdrehen ins Werk geſetzt worden und im nächſten Augenblick befand er ſich mitten unter wohl zwanzig eben aus der Dorfgaſſe in das Gehöft geſtrömten Oeſterreichern eifrig beſchäftigt, ſeine Kochgeſchirre und Flaſchen mit dem erſehnten Naß zu füllen. Gerade die Menge und das bunte Durcheinander der Feinde mochten jedoch bewirken, daß von keinem derſelben auf den kecken Burſchen geachtet wurde. Der Weg durch die Dorfſtraße er⸗ ſchien ihm übrigens näher, und unbekümmert um den Hagelſchauer von Kugeln, welche ſich in dieſer kreuzten, wie um den heftigen Kampf nach allen Richtungen ſchlug er denſelben ein, um ſo nur ſchneller die freiwillig übernommene Aufgabe auszuführen.
Auch der junge Officier war verwundet an der Spitze der Seinen niedergeſunken, und die beiden Stücke des Feldzeichens wurden jetzt erneut wieder von dem Unteroffieier, welcher die Fahne zuvor dem verwundeten Fähnrich abgenommen hatte, dem kleinen noch ver⸗ wendungsfähigen Reſt der hier kämpfenden Tapfern vorgetragen. Von Hand zu Hand war das alte ruhmgekrönte Panier ſo zu dem zweiten und nunmehr ſechſten Träger zurückgewandert. In Trupps aufgelöſt, hier unter der Führung eines der wenigen noch übrigen Officiere, dort unter der eines Sergeanten oder Unterofficiers be⸗ hauptete das Bataillon noch immer die vordere Hälfte des Dorfes wider die nicht abreißenden Angriffe der Oeſterreicher. 1
Bereits nahte indes die Hilfe. Von dem erſten Bataillon des Regiments Kaiſer Franz war, um ihren bedrängten Kameraden beizuſpringen, die letzte Viertelmeile ſeines Marſches in vollem Trabe zurückgelegt worden, und bald nach deſſen Eingreifen in das Gefecht traf bei den tapferen Streitern die freudige Kunde ein, daß die ge⸗ ſammte zweite preußiſche Gardediviſion die Marſchrichtung auf Alt⸗Rognitz gewonnen habe, um die in und vor dieſem Dorfe kämpfende feindliche Abtheilung von ihrem Corps abzuſchneiden und wenn möglich völlig aufzureiben.
In der That hatte der Kampf genau die ihm vorgezeichnete Wendung genommen. Mit dem Eintreffen der erſten Unterſtützungs⸗ truppen von der zweiten preußiſchen Garde⸗Diviſion war die vor Alt⸗ Rognitz verwendete öſterreichiſche Brigade gegen Trautenau zurück⸗ geworfen und dort beinahe ganz vernichtet worden. Auch ſonſt hatte ſich überall der Vortheil des Tages für die preußiſchen Waffen ent⸗ ſchieden, und ein Haupttheil des Erfolges deſſelben mußte dem ſtand⸗ haften Ausharren der beiden preußiſchen Bataillone in dem vorge⸗ nannten Dorfe gegen eine beinahe vierfache Uebermacht und während eines mehr als dreiſtündigen Gefechtes zugeſchrieben werden.
Nahe an Trautenau, bis wohin die Reſte des zweiten Bataillons von Kaiſer Franz den Siegern in der Verfolgung des flüchtigen Fein⸗ des gefolgt waren, hatten dieſelben Halt gemacht, um die Leiche ihres bis dahin mitgeführten Commandeurs und der übrigen gefallenen Officiere zu beſtatten. Die letzten Salven donnerten über deren Gruft. Da ſprengte ein kleiner Reitertrupp die Landſtraße entlang. Es war der Kronprinz von Preußen mit ſeinem Stabe, unter deſſen Leitung die preußiſchen Garden dieſen erſten ſchönen Siegestag er⸗ fochten hatten, und wieder unter deſſen Führung ſie wenige Tage ſpäter den noch weit folgenſchwereren Sieg von Königgrätz entſchei⸗ den ſollten.“
Und abermals ging die zerſchoſſene und ſo ruhmvoll behauptete
Fahne von Hand zu Hand, doch diesmial nicht als der Leitſtern der Ehre in dunkler Schlacht und als das Vereinigungszeichen zu Sieg oder Tod, ſondern in bewundernder Anerkenntniß der bewieſenen
Ausdauer und Standhaftigkeit. Reiches Lob ward von ihrem künf⸗
tigen Kriegsherrn den Tapfern geſpendet, deren keiner, die Todten
wie die Le leer aus, u
dieſer eine
und ſiegge Wer auch an haben und nehmen. Kugelrege um den d


