Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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Hennigs von Treffenfeld, der kühne Prinz von Holſtein Alexander von Sparn und andere, zur Zeit der Kriege, welche der große Kurfürſt mit ſeiner kleinen Armee ſiegreich gegen den mächtigen Feind beſtand, mit hohem Ruhme genannt alles erprobte, treue und wohlgeſchickte Männer.

Sobald der Kurfürſt die Saalthüre hinter ſich hatte, gab er ein Zeichen. Die Poſauniſten ſchwiegen und die Herren und Damen drängten ſich langſam von beiden Seiten heran, um die Hände des Herrſchers und ſeiner Gattin zu küſſen. Der Kurfürſt richtete an jeden zwar ernſte, aber freundliche Worte, und ſo durch die Condo⸗ lenzverſammlung bis zum Audienzſaale ſchreitend, blieb er plötzlich wenige Schritte vor dem Eingange ſtehen. Seine Augen hefteten ſich auf einen Punkt in der Verſammlung. Dorthin wendeten ſich die Blicke aller ebenfalls, man war begierig, den Gegenſtand kennen zu lernen, den der Kurfürſt geſpannt betrachtete, und bald genug hatte man erfahren, daß es der Freiherr von Kolbe⸗Wartenberg war, den die Augen des Kurfürſten ſuchten. Die Neugierde und Spannung erreichte jetzt den höchſten Grad. Von dem Freiherrn hinweg flogen die Blicke zu Danckelmann hinüber, der unbeweglich wie eine Statue in der Füllung der ungeheuren, gleich Thorflügeln gähnenden, offnen Saalpforte ſtand von welcher Art wird die Begrüßung ſein, welche der Herrſcher dem neuen Zuwachs des Hofes angedeihen läßt? Die Worte, welche Kurfürſt Friedrich ſpricht, müſſen entſcheidend ſein für den Freiherrn, und man fürchtet, daß Danckelmann triumphiren werde, denn der ſtolze Rath verzieht keine Miene, er ſcheint ſeines Sieges gewiß.

Der Kurfürſt erhob ſeine Hand und winkte dem Freiherrn leicht und herablaſſend zu. Kolbe trat mit graziöſer, ehrfurchtsvoller Ver⸗ beugung näher. Aller Augen bohrten ſich feſt an beiden, die Hälſe

reckten ſich, und einige der weiter Zurückſtehenden machten ſogar mit der hohlen Hand eine Muſchel an ihren Ohren, um die Worte ver⸗ nehmen zu können, welche der Kurfürſt und der Freiherr mit einander wechſelten. Friedrich reichte dem Freiherrn die Hand, welche dieſer an ſeine Lippen führte. 8

Schon längere Zeit in Berlin, Herr Freiherr? fragte der Kurfürſt.

Kurfürſtliche Durchlaucht halten zu Gnaden. Ich kam gerade am Abend des Todestages unſeres Höchſtſeligen Herrn in die kur⸗ fürſtliche Reſidenz zurück.

Haben eine Ordre, die noch unſer Herr Vater unterzeichnet, erhalten?

Zu Befehl.Der gnädigſte Vater hat Ihre Meriten wohl anerkannt, und Sie wiſſen, daß die Opinion Seiner kurfürſtlichen Gnaden über Sie auch die Unſrige geweſen. Wir heißen Sie will⸗ kommen in Berlin und wollen Sie fortan, wie es beſtimmt, hier ſehen.Durchlauchtigſter, gnädigſter Herr Kurfürſt machen mich unendlich glücklich. Ich kam voll froher Hoffnung und ſehe mich nicht verachtet, noch verſtoßen. Wenn es nicht allzukühn iſt, wage ich, um die Gnade zu bitten, der heutigen Audienz im Saale beiwohnen zu dürfen.Sie ſollten ſchon darinnen ſein.Man hat mir als einem nicht Geladenen den Entree verweigert.Das war nicht mein e, ſagte der Kurfürſt einen Blick voll Vorwurf auf Danckel⸗ mann richtend.Sie gehören von jetzt an zu meinem Hofe treten 38 den Saal.

Ein Gemurmel des Erſtaunens, ein Ziſcheln von Hohn und

boshafter Befriedigung ging durch den Saal, und die Verſammlung erholte ſich, wie nach einem Traume, der den Schlafenden ängſtigte, man erhob die Köpfe freier, der Kurfürſt hatte entſchieden, Danckel⸗ manns Härte und Hochmuth hatten einen Stoß erhalten, der elegante,

ſchöne Kolbe blieb bei Hofe. Während der Kurfürſt und der ihn geleitende Zug in den Saal ſchritten, blieſen die Poſauniſten wieder, die Verſammlung ſchloß ſich an, und Kolbe in die erſte Reihe nehmend, ſchritten alle bei Danckelmann vorüber, der mit einem verächtlichen Lächeln was man ſelten genug an ihm bemerkte, denn er lachte ſelbſt im Zorne faſt nie auf das Gewimmel herabſchaute. Als Kolbe an ihm vorüberkam, trafen die Blicke der neuen Gegner auf einander.Ich gehe heute in den Audienzſaal, Herr Kammerrath, ſagte der Freiherr,trotz Ihrer Gegenanſtalten. Ich werde Ihnen aber den heutigen Auftritt nicht vergeſſen.

Merken Sie ſich nur alles genau, Herr von Kolbe, ſagte Danckelmann,machen Sie ſich Notizen, denn die Neulinge ſind ſchwach

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von Gedächtniß.Das meine iſt ſtark, Herr Kammerrath Sie ſollen darin haften bleiben.

Die Antwort Danckelmanns ging in dem lauten Geräuſche unter, welches nun entſtand, als ſämmtliche Thüren des Saales geöffnet wurden und die harrende Menge von allen Seiten herzu⸗ ſtrömte, aber Wittgenſtein näherte ſein Haupt dem Ohre des Freiherrn und flüſt ſterte:Sie ſind mit einem Fuße im Bügel. Glauben Sie mir. Ich kenne die Geſichter, die Blicke der hohen Herren. Schwin⸗ gen Sie ſich kühn in den Sattel, und wenn Sie darin feſtſitzen, ſpor⸗ nen Sie das Glückspferd tüchtig an und rennen Sie den finſtern Geſellen, der Ihnen heute die Thüre des Audienzſaales verſchließen wollte, in den Sand des Kampfplatzes.

Sorgen Sie nicht, Herr Graf, flüſterte Kolbe.Ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden ſein. Wenn das Glück mir günſtig iſt dann ſoll der Adel dieſes Hofes bald befreit werden von dem Sohne des Landrichters zu Lingen..

Sie ſchritten an die kleine, etwa drei Fuß hohe, aus vergoldeten Säulen gebildete Gallerie, welche ſich quer durch den Audienzſaal zog und den Raum, in welchem der Thronſeſſel des Kurfürſten auf Stufen, von einem Baldachine überwölbt, ſtand, von dem übrigen Theile des großen Saales trennte.

Nach dem Frieden von Saint Germain hatte der große Kurfürſt dieſen Saal erbauen laſſen. Er war mit korinthiſchen Wandſäulen verziert, in den Niſchen ſtanden lebensgroße Statuen; die gewölbte Decke zeigte reiche Stuckaturarbeit, welche mit Vergoldung halb überdeckt und in deren Feldern vortreffliche Malerei ſichtbar war. Große Fenſter gingen bis auf den Boden hinab. An der Hauptwand befand ſich eine Erhöhung von ſechs breiten Stufen. Auf dieſen ſtand der Thronſeſſel, hinter welchem eine ſehr reiche Decoration von Waffen, Symbolen des Herrſchers und des Friedens, ſich erhob. Inmitten aller dieſer Embleme prangte das brandenburgiſche Wappen.

Der Kurfürſt ſchritt an der Seite ſeiner Gattin grüßend die Stufen hinan und nahm Platz auf dem Seſſel. Ihm zur Rechten ließ ſich Sophie Charlotte nieder. Die Miniſter von Fuchs und von Meinders, ſowie Herr von Grumbkow, die Feldmarſchälle und Generale ſtanden zu beiden Seiten der hohen Herrſchaften.

Unten am Fuße ber Stufen hatte ſich das diplomatiſche Corps verſammelt, hinter dieſem die Deputationen der Städte Berlin und Potsdam, Spandau und Brandenburg. Die ganze Ceremonie war ſehr einfach. Nachdem der Herold vorgetreten war und die Nachricht verleſen hatte, daß der Durchlauchtigſte Kurfürſt von Brandenburg, Herr Friedrich der Dritte, nach erfolgtem Ableben Seines in Gott ruhenden Herrn Vaters, nunmehr die Beileidsbezeugungen der Ver⸗ ſammelten entgegennehmen wolle, ſchritten die Sprecher der Deputa⸗ tionen die Stufen hinan bis etwa fünf Schritte von dem Thronſeſſel des kurfürſtlichen Ehepaares und machten hier eine tiefe Verbeugung, worauf ſie die Trauer⸗ und Condolationsrede hielten. Nach den Deputationen traten die Geſandten heran. Zuerſt ſprach der fran⸗ zöſiſche Botſchafter Marquis de Gravelle, dann der polniſche, der Staroſt Bielinsky, hierauf kamen die übrigen. des Kaiſers von Oeſterreich ſich dem Thronſeſſel näherte, konnte man eine beſondere Bewegung des Kurfürſten bemerken. Er rückte ein wenig vorwärts, legte ſeinen Arm auf die Seitenlehnen des Seſſels und richtete das Haupt empor, wobei er den Geſandten, den Baron Freitag von Gödens, ſcharf anblickte, ohne eine gewiſſe Unruhe voll⸗ kommen bemeiſtern zu können.Haben Sie das Antlitz Seiner Durchlaucht betrachtet? fragte leiſe Danckelmann den Herrn von Beſſer.Ich that es zufällig, Herr Kammerrath, und muß geſtehen, daß mir die Geſichtszüge unſeres Kurfürſten einige Unruhe auszu⸗ drücken ſchienen.Vergeſſen und verſchweigen wir es! entgegnete Danckelmann.Still! der Kurfürſt erhebt ſich.

Kurfürſt Friedrich begann nun mit lauter und vernehmlicher Stimme ſeinen Dank für die Theilnahme auszuſprechen, welche ihm in Folge des Todes ſeines Vaters von allen Seiten gewidmet worden. Er wies auf die bald folgende feierliche Ceremonie der Huldigung und der Beerdigung des großen Kurfürſten hin, bat, bis nach der⸗ ſelben alle Feierlichkeiten und Solennitäten auszuſetzen, und entließ die Verſammlung mit einem gnädigen Abſchiede, ſo wie mit dem Ver⸗ ſprechen, daß er ein treues Gedächtniß allen denen bewahren wolle, die in ſolch en ernſten Tagen ihm theilnehmend zur Seite geſtanden.

Hierauf winkte der Herold mit ſeinem Stabe. Die Poſauniſten blieſen und der kurfürſtliche Zug verließ den Audienzſaal in derſelben

Als der Geſandte