begleitet, Schlag auf Schlag, bis endlich zur großen Befriedigung des Freiherrn der Wagen vorwärts rückte und ſich unter dem Portale des Schloſſes befand; von hier aus ſtieg man die Treppe empor zu dem Audienzſaale. Die Treppenſtufen waren mit ſchwarzgekleideten Hat⸗ ſchieren beſetzt, welche Flor um ihre Hellebarden trugen, außerdem wimmelten die Höfe, die Treppen, die Flure von Menſchen aller Stände in Feſttags⸗ oder Gallakleidern, die Aufgänge zu den Sälen glichen den Wegen, welche von einem Ameiſenhaufen in den Wald führen, ſo drängte ſich alles durch einander. Der Freiherr ward bei ſeinem Ausſteigen von Jedermann angeſtaunt. Trotz des durch die Landestrauer gebotenen ſchwarzen Anzuges machte Kolbe dennoch einen ganz beſonders günſtigen Eindruck auf jeden Beſchauer. Seine hohe ſchlanke Geſtalt war mit einem Kleidrocke nach neueſtem, fran⸗ zöſiſchem Schnitte angethan. Dieſer Rock war aus ſchwerem Utrechter Sammet gefertigt, zeigte ein geblümtes Muſter, deſſen tiefer liegende Stellen von Goldfäden durchzogen waren. Aehnliche Beinkleider weitgebauſcht und mit ſeidenen Kniegürteln gebunden, ſeidene Strümpfe mit Zwickeln von erhabener Seidenarbeit umſchloſſen ſeine ſchönge⸗ formten Beine. Seine Spitzenhalsbinde hielt eine koſtbare Diamant⸗ agraffe und an den feinen Lederſchuhen blitzten Schnallen, von eben ſolchen Steinen zuſammengeſetzt, wie auch der Griff ſeines Degens mit köſtlichen Juwelen bedeckt war. Der Freiherr ſchien ſich um das Aufſehen, welches er erregte, nicht zu kümmern, ſondern ſchritt lang⸗ ſam die Stufen hinan.
Unterdeſſen hatte ſich in den Vorzimmern alles zuſammen⸗ gefunden, was ſich bereits als zum neuen Hofe gehörig betrachtete. Jüngere und ältere Cavaliere ſtanden in Gruppen umher, alle dunkel und ernſt in der äußeren Erſcheinung, aber auf ihren Geſichtern jene Erregung zeigend, welche die Erwartung mit ſich bringt und die durch eine befohlne Trauer nicht verdrängt werden kann. Den jün⸗ geren Leuten war der große Entſchlafene in der letzten Zeit weit eher ein Hemmniß geweſen. Es hatte während ſeines langen Leidens kein Feſt ſtattgefunden, keine laute Irbhlichkeit durfte ſich geltend machen, und aller großen Thaten des gewaltigen Mannes dachte in dieſem Augenblicke die leichtfertige Jugend nicht mehr, ſie ſah in dem Verſcheiden nur den Moment der Erlöſung von dem Joche, welches auf ihr gelaſtet hatte, und den Beginn einer beſſeren Zeit.
Neben und zwiſchen dieſen Gruppen wandelten die Damen des Hofes auf und nieder. Sie waren im Gegenſatze zu den dunkel ge⸗ kleideten Herren nach Sitte der damaligen Zeit in lange, weiße Gewänder gehüllt. Dies war die Farbe der Trauer bei Hofe, und nur einige ſchwarze Schleifen oder Roſetten machten ſich an den ſteifen Miedern bemerkbar. Es war eine große Anzahl guter Namen von edlen, alten Geſchlechtern hier beiſſammen. Da ſtanden die Kameckes und die von Printzen, Hartefeld und Finkenſtein, die Dönhoffs, Waldburgs und Grumbkows, Damnitz und Sonnsfeld, Bredow und Schwerin, Bülow, Brand und noch viele andere. Da hier die Unter⸗ haltung ohne Störung der ſich vorbereitenden Ceremonie geführt werden konnte, ließen die Herren ihre Bemerkungen und Anſichten, Hoffnungen und Vermuthungen ebenſo frei umherſchießen, als dies unten auf dem Schloßplatze von Seiten der verſammelten Volks⸗ menge geſchah.
„Ich wette darauf, wir haben bald Gelegenheit uns zu zeigen,“ rief der junge Herr von Dequéde, welcher in den letzten Jahren des großen Kurfürſten Kammerpage geweſen war und nun in die Leib⸗ garde einrangirt wurde.„Der neue Seigneur wird die Armee ganz beſonders protegiren.“—„Gemach, Herr von Dequéde,“ entgegnete ein älterer Herr,„gerade ſo denken die Künſtler und Gelehrten.“ „Neues kommt gewiß,“ ſagte Lucius von Rhaden, der Sohn des ehemaligen Vicekanzlers.„Wir haben ſchon tauſendfache Wetten darauf gemacht.“—„Sie ſind zu hitzig, Meſſieurs,“ riefen zehn oder zwölf Stimmen.„St! St!“ warnte der Freiherr von Wenſen, „bedenken Sie doch, Meſſieurs, daß Sie hier im Vorzimmer des Audienzſaales ſich befinden. Ich muß Sie um Ruhe bitten.“—„Keine Tyrannei,“ riefen die jungen Herren.„Dien,“ erwiderte Herr von Wenſen,„das iſt ja beinahe Revolution.“—„Wir leiden weder die grands, noch die petits Despotes,“ ſchallte es als Antwort.„Nur der gnädigſte Kurfürſt ſoll fortan unſer Gebieter ſein,“ fuhr der kecke Herr von Dequéde fort.„Wir haben keine Luſt, die Helmbüſche auf unſeren Wappen, die wir ſeit alten Zeiten präſentiren können, oder die Zierrathen vor dem Erſten— Beſten zu beugen, der ſich durch irgend eine Eigenſchaft, ein ſogenanntes Verdienſt, hier Stellung
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— Poſition— Charge— machen will.—„Sie vergeſſen wohl,
mein Herr, daß bereits eine ſolche Perſon an dem neuen Hofe exiſtirt,“ ſagte ein hochgewachſener Mann, plötzlich unter die Menge tretend.
„Und wer wäre dies, Graf Wittgenſtein?“ fragte der Freiherr
von Schlieben.„Sie können noch fragen?“ entgegnete Wittgenſtein näher tretend und die Herren an ſich ziehend.„Meine Herren,
glauben Sie etwa, daß der Herr von Danckelmann, der Men⸗
tor, der Freund des Kurprinzen nicht zu großer Würde und be⸗ deutendem Anſehen gelangen werde? und wenn dies geſchieht—
haben Sie etwa Ausſicht auf eine vergnügte Zeit?“—„Unmöglich,“ rief Herr von Münchhauſen heftig,„das kann der gnädige Kurfürſt Danckelmann iſt ein Menſch von neuem Adel——
nicht wollen. „Darüber läßt ſich ſtreiten,“ ſiel Wenſen ein.„Meinen Sie, weil er ein Familienwappen beſitzt, an welchem die alte Geſchichte haftet, wonach einer ſeiner Vorfahren dem Kaiſer einſt das Leben gerettet
und von dieſem zum Dank dafür den Ritterſchlag mit den Worten:
„Danke Mann,“ erhalten haben ſoll? Poſſen— ſage ich. Es wird
dem Neugebackenen nicht gelingen, uns, die Alten, bei Seite zu ſchie⸗ ben.“—„Ich will es Ihnen und uns allen wünſchen, meine Herren,“
ſagte Wittgenſtein.„Aber wir werden zu ſchwach ſein.“
In dieſem Augenblicke öffneten die Läufer die Thüren, welche zu 1
den Gemächern des Kurfürſten führten und aus dem anſtoßenden Zimmer traten ſechs Männer unter die Gruppen der Hofleute. Der
erſte dieſer ſechs Eintretenden war ein großer breitſchulteriger NRann, Er hatte plumpe
von nichts weniger als einnehmendem Aeußeren. Manieren, ging mit feſtem, dröhnenden Tritte und zeigte ein finſteres, faſt melancholiſches Antlitz. Das Haupt dieſes Mannes bedeckte eine jener Haarfriſuren, welche aus Frankreich nach Deutſchland gekommen waren und die den Uebergang zu den ungeheuren Perrücken bildeten. Die Haare wurden über der Stirn in zwei Buckeln oder Toupets ge⸗ tragen und fielen an den Seiten theils glatt, theils gelockt hernieder. Dieſe Haartracht gab dem finſteren Manne ein noch unheim⸗ licheres Ausſehen, es war, als trage er zwei große Spitzen oder Hörner auf ſeinem breiten Kopfe, um die Gegner ſogleich damit in den Sand zu rennen. Als er eintrat, legte ſich das Geſpräch, die laute Unterhaltung verſtummte, jedes Lachen erſtarb, die Geſichter ver⸗
finſterten ſich, die Augen blickten ernſt und ſchauten auf den Boden
nieder, und einige Fäuſte ballten ſich verſtohlen, als der Mann, ſich auf einen koſtbar verzierten Stock ſtützend, mit düſterem Lächeln die
Menge überblickte und dann kaum mit dem Haupte nickend vor der
Thür des Zimmers ſtehen blieb.
„Danckelmann,“ flüſterten alle leiſe mit dem Ausdrucke des Zornes, dann erhoben die Männer von Geſchlecht und Namen ihre Häupter faſt drohend und blickten den Kammerrath trotzig an, als er⸗ warteten ſie den Beginn eines Streites mit Sehnſucht.
Danckelmann ſchloß halb ſeine Augenlider und beſchaute die vor ihm Stehenden, deren Bewegungen vollſtändig aufgehört hatten. Er wußte, daß er ebenſo viel Feinde vor ſich hatte, als Leute hier im Gemache waren. Das Antlitz des Rathes drückte dieſes Bewußtſein vollkommen aus, und wenn man die ehernen Züge genauer be⸗ trachtete, ſo mußte ſich jeder ſagen, daß der Gehaßte das Gepräge von Kraft und Intelligenz, von Härte und Ausdauer auf dieſem Antlitze zur Schau trug.
„Sie haben die Liſte der Angemeldeten, Herr von Beſſer,“ ſagte
Danckelmann, leicht das Haupt wendend und hinter ſich ſprechend,„die Liſte der Herrſchaften, welche der gnädigſte Herr Kurfürſt nach der
großen Audienz in den Privatgemächern ganz en famille empfangen die Beſtimmten, den Eintritt zu den petits appartements erhalte.“ Herr von Beſſer
wollen. Sorgen Sie dafür, daß niemand, als nur
verneigte ſich und trat einen Schritt zurück.
„Monſieur Ilgen,“ fuhr Danckelmann fort, einem feinge⸗
wachſenen Mann heranwinkend.„Sie werden mit dem Herrn von Damnitz zuſammen die Protocolle der Vorſtellung aufnehmen. Ich habe, im Auftrage Seiner durchlauchtigen, kurfürſtlichen Hoheit, die Stelle, wo Sie ihr Placement im Pfeilerſaale zu nehmen haben, durch einen Tiſch mit grünſeidener Decke bezeichnen laſſen. von ſechs Hatſchieren wird in Ihrer Nähe bleiben, damit Sie ni durch unzeitiges Geplauder geſtört werden.“ Er warf bei dieſ Worten einen ſtechenden Blick auf die Verſammlung. Länger hielt jedoch die jungen Männer nicht an ſich. Dem Mißmuthe der Ver ſammelten Worte gebend, junger, ſchöner Herr, .
Eine Wache
trat der Graf von Schlippenbach, ein zem vor den Kammerrath von Danckelmann und
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