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haben Sie Recht!“— Aber ohne daß ich der liebenswürdigen Frau Clara zu nahe trete— denn ſie ſtimmt darin mit mir überein, muß ich in dieſer Beziehung den allmächtigen Branntwein noch höher ſtellen. In der Gluthhitze des Sommers rühmt man von ihm: „Er kühlt mich.“ In der Eiskälte des Winters heißt es:„Er wärmt mich.“ Er ſtärkt den Schwachen, ermuthigt den Feigling, erhebt den Gedrückten, beſänftigt den Gekränkten, löſt dem Unmuthi⸗ gen die Zunge und verhilft der furchtbarſten Leidenſchaft zum Aus⸗ bruch. Die Wunder, welche der Branntwein bei dem gemeinen Mann nicht fertig bringt, ſind überhaupt nicht möglich.
So gewann auch die Verzweiflung des Schneiderphilipp wieder ihren Halt an dem empfindſamen Buſen der Frau Clara. Das Uebrige that der Branntwein. Er tobte und trank und trank und tobte und ſchwor und fluchte und fluchte und ſchwor zur lebhafteſten Unterhaltung und Erheiterung ſämmtlicher Gäſte, bis er alles ver⸗ gaß, Bürgermeiſter und Gemeinderath, Frau Schmitt und Maria Schippel und Frau Clara und das Schnapsglas und ſchnarchend auf die Bank hinſank.
Als er des andern Morgeus erwachte, wußte er nicht, wie er in ſein Bett gekommen war, aber ſein Kopf ſchmerzte ihn zum Zer⸗ ſpringen und war ihm ſo ſchwer, daß er ihn ſeufzend wieder auf das Kopfkiſſen ſinken ließ. Allmählig tagte die Erinnerung. Damit brauſte jedoch auch jäher Zorn in ihm auf. So ſchnell, als es ihm ſeine Beine erlaubten, ſprang er aus dem Bett, und nur nothdürftig bekleidet, begann er ein furchtbares Zerſtörungswerk. Mit der Axt in der Haud zerſchmiß er alles, was ihm vor die Augen kam: Tiſche und Bänke, Stühle und Schränke, ſelbſt das Bildniß ſeiner Geliebten ward nicht verſchont. Erſt vor ſeinem Bett machte er Halt. Er ſah aus wie ein Kobold mit ſeiner kleinen Geſtalt, ſeinem ſchneeweißen Geſicht, ſeinen ſchwarzfunkelnden Augen, ſeinem ungeordneten Haar und ſeinen verwachſenen Beinchen.
Mitten hinein in die wilde Wüſtenei leuchtete ſo wonnig die Frühlingsſonne, als müßten ihre milden Strahlen auch das verbit⸗ tertſte Gemüth erwärmen und aufthauen. Vor dem geöffneten Fenſter duftete ein weißblühender Kirſchbaum; der Morgenwind rauſchte ſo erquickend durch die Zweige und Blätter; die Bienen ſummten ſo behaglich und ein Diſtelfink zwitſcherte ſein Morgenlied.
Aber konnte es denn für ihn noch einen Frühling geben? Sein Lebensfrühling war ja ſchon geweſen; da hatte ſich auch alles geregt und bewegt wie ein plätſchernder Quell im Wieſengrund; da hatte es auch gegrünt und geblüht, wie das junge Veilchen und das duftige Maiglöcklein im Walde; da hutte auch alles gejubelt und geſungen, wie die Lerche jubelt und die Finken ſingen.„Es kam ein Reif in der Frühlingsnacht und fiel auf die zarten Blaublümelein. Sie ſind verwelkt, verdorret.“
Was ſollte ihm die Sonne? Er brauchte keine Sonne. Bei ihm war alles vorbei, Hochzeit und Feiertag. Seine Lebensſonne war untergegangen. Es war Nacht, finſtere Nacht in ſeinem Herzen. Aehnliche Gedanken mögen durch ſein Gemüth gegangen ſein, als er mit erhobener Axt vor ſeinem Bette ſtand und in den Frühlings⸗
morgen hineinſchaute, denn die Axt entſank ſeiner Hand, und indem
er ſeinen Kopf in den Kiſſen barg, ſchluchzte er laut. Dann zog er raſch ſeine Sonntagskleider an, ſteckte den Beutel mit ſeinem ſämmt⸗ lichen erſparten Gelde zu ſich und wanderte der nahen Amtsſtadt zu. Der Advocat ſollte ihm ein Geſuch an die Regierung machen. Des Abends ſpät fuhr noch eine Chaiſe am„Wirthshaus zum Stern“ vor.
„Herr Jeſus! Wer kommt noch ſo ſpat?“ hatte die Frau Clara geſchrieen und ſchnell in die Hände geſpuckt und die Haare damit glatt geſtrichen, eine neue weiße Schürze vorgebunden und ſtand ſchon unten an der Treppe, um die Gäſte zu empfangen, noch ehe die Herrſchaften ausgeſtiegen waren. Ihr Mann, der Hanjoſt kam etwas ſpäter nach mit der großen Stalllaterne. Er war nicht ſo flugs, wie ſeine Gattin. Doch, wenn ſie vornehmen Beſuch er⸗ warteten, ſollten ihre Erwartungen ſehr herabgeſtimmt werden. Denn es wälzte ſich niemand anders aus der iefe des Wagens hervor, als der betrunkene Schneiderphilipp. Die geſparten Gulden und Thaler fingen ſchon an Beine zu bekommen.
Auch dieſen Tag kam er in ſein Bett und wußte nicht wie. Und ſo ging es noch manchen Tag und manche Woche, beſonders als auch das Geſuch an die Regierung abſchläglich kam. Schon mußte der erſte Acker dran.
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„Du haſt Recht, ganz Recht, Schneiderphilipp,“ ſagte die Frau Clara.„Was brauchſt Du Aecker, wenn ſie Dich doch nicht hei⸗ rathen laſſen!“ Und es gab auch der Männer und Baurſche genug, die ſich nicht ſchämten und ſich von ihm tractiren ließen und ihn dafür hänſelten und in ſeiner traurigen Verſtocktheit und Verblendung beſtärkten. Wenn ihm nur damals ein Wort der Liebe und der Mahnung zugerufen worden wäre,— ein wohlgemeintes Wort aus treuem Herzen heraus:„Halt, Philipp, Du biſt wie ein Raſen⸗ der, der noch auf die Pferde dreinpeitſcht, die ſchon in wilder Jagd Dich dem Abgrunde zuführen!“ Aber er hatte keine Mutter, keinen Freund. Statt ihn zurückzuhalten, ſtieß ihn alle Welt immer tiefer und tiefer hinein. Auch mit der Kirche war er zerfallen.„Der Pfaff iſt ebenſo ſchuld, wie der Gemeinderath,“ ſagte er,„ſie ſtecken alle unter einem Hut. Da iſt einer ſo ſchlecht wie der andere.“ Er hatte ſeitdem ein gründliches Mißtrauen gegen die ganze Geiſtlichkeit und iſt nie wieder in einer Kirche geſehen worden, obwohl er früher ein fleißiger Kirchgänger war. Dagegen waren die geſunkenſten Ge⸗ ſellen ſein tagtäglicher Umgang geworden und das Kartenſpiel ward in dem Maße ihm zur Leidenſchaft, daß er meinte, der Tag ſei ver⸗ loren, wo er kein Spielchen zu Wege gebracht hatte..
Aus ſeinem einförmigen Säuferleben, das nun ſchon Jahre lang andauerte, wurde er plötzlich herausgerüttelt durch ein Ereigniß, das auch andere im höchſten Grade auffallend finden mochten. Sein jüngerer Stiefbruder, den er ſchon ſeit ſeiner Kindheit nicht viel leiden mochte und auf den er geringſchätzend herabblickte, denn er war gut noch einen halben Schuh kleiner als er, und nur ein armer Pfuſcher in dem Schuſterhandwerk; auch beſaß er ſo zu ſagen gar kein Ver⸗ mögen, hatte vom Gemeinderath die Heirathserlaubniß erlangt, und zwar hatte dieſer Glücksvogel merkwürdigerweiſe die größte und man kann wohl ſagen: auch die ſchönſte Frau im ganzen Dorfe erobert. Natürlich war ſie blutarm und darum von jedermann ſonſt ver⸗ ſchmäht. Der Schneiderphilipp aber wurde grün und gelb vor Aerger und Neid, und die alte Heirathsluſt erwachte aufs neue bei ihmn, und ſtärker als vorher.
„Jetzt müſſen Sie es auch mir erlauben, nicht ob Sie wollen,“ ſagte er. A
Er ging wieder ſtark auf Freiersfüßen. Und wieder kam das Lachen im Dorfe ſtark in Schwang. Er war auch um Vieles lächer⸗ licher. Denn in ſeinem Auftreten vergaß er ganz, daß er der alte Schneiderphilipp nicht mehr war, daß ſein Gütchen arg zuſammen⸗ geſchmolzen, daß auf ſeinem Hauſe eine ſchwere Hypothek ruhte, und er eine böſe, böſe Gewohnheit an ſich hatte. Auch war ſeine äußer⸗ liche Liebenswürdigkeit nicht gewachſen, daß ſie hätte jemand beſtechen mögen. Er bekam überall, wo er anfragte, Körbe; aber dieſe ſchnöden Abweiſungen vermehrten nur ſeine Hartnäckigkeit. Er glaubte, es I einmal zwingen zu müſſen. Endlich hatte er wieder eine wirkliche I Braut. Sie gehörte allerdings nicht zu den holdeſten Erſcheinungen ihres Geſchlechts, denn ſie hatte fuchsrothe Haare, einige wenige 1 Sommerſproſſen, und wenn ſie ging, ſchien immer die eine Fußſpitze die andere treten zu wollen. Die einzige Mitgabe in die Ehe ſollte ein echtes Ebenbild der Mutter ſein, ein Sprößling eines früheren, nicht ganz geſetzmäßigen Verhältniſſes. Aber auch dieſen Schatz mißgönnte der Gemeinderath dem armen Schneiderphilipp. Aber dies Mal kam das Wüthen und Toben deſſelben nicht wieder ſo zum Ausbruch, wie das erſte Mal, denn mitten hinein fiel ein Brief aus Amerika, worin ein älterer Bruder, der in früheren Jahren dorthin ausgewandert war, ihn einlud, zu ihm zu kommen. Er habe von ſeinen zerrütteten Vermögensverhältniſſen und ſeiner Verſpottung gehört und böte ihm ein Aſyl in ſeinem Hauſe in St. Louis, obwohl
es ihm gerade nicht zum beſten ginge, da er ſelbſt ein Haus voll Kinder habe. Aber der Schneiderphilipp, bankerott an Vermögen, an Ehre V und an Liebe, kennt kein Bedenken; er erfaßt dieſe Einladung als letzten Rettungsanker. 8 „Nach Amerika!“ ruft er,„und dann wieder geheirathet, und wenn es eine Negerin wäre, ſo ſchwarz wie die Nacht!“
Und er iſt wirklich nach Amerika ausgewandert. Der Reſt
ſeines Vermögens konnte ihn höchſtens nach New⸗York bringen. D rt will er ſich Geld verdienen, um nach St. Louis zu reiſen. Wie wird Dir es ergehen, armer Schneiderphilipp, mit Deinen lahmen Beinen, Deinem ſtammelnden Mund, Deiner böſen Gewohnheit und Deinen
leichtgläubigen Herzen in dem großen Amerika! Auch die Bruderliebe iſt kein Fels, worauf man Häuſer bauen könnt lbſt wobl


