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heftiger und ſchlug mit dem Wiſchlappen auf die Steinkrüge, daß dieſe laut klapperten, wobei die kleine Baſe ſo fuchtelte, als hätte ſie den verhaßten Oelven unter ihren Streichen.„Ich werd' es auch thun,“ fuhr Henning fort.„Mir recht,“ eiferte Chriſtine,„aber komme dann der Herr nicht wieder zu mir und verſuche mir vorzu⸗ ſchwatzen, daß ich ſein Alles, ſeine Chloe oder Daphnis ſei— oder wie all das dumme Zeug heißen mag. Ich will nichts mehr davon hören— laß er mich ein für alle Mal in Ruhe, und morgen ſag ich es dem Oheim rund heraus, daß dem jungen Herrn ſein Freund Oelven, der lüderliche Schreiber, ich wiederhole es, der liebſte Um⸗ gang auf Erden iſt.“ Chriſtine hatte bei dieſen Worten mit dem Stiele des Borſtwiſches ſo heftig auf den Tiſch geſchlagen, daß Henning erſchreckt emporfuhr, dann wendeete ſie ſich ſchnell, warf ſich in einen Seſſel, verſchränkte die Arme in einander, kreuzte ihre aller⸗ liebſten Füße und ſenkte zornig das Haupt, während ihre Augen leicht in Thränen ſchwammen. Henning war allerdings ſchon an dergleichen Scenen gewöhnt, Oelven ſein Freund, gab ſtets die Ver⸗ anlaſſung zum Streite, aber heut Abend war die hübſche Baſe doch ganz beſonders zornig— und in ihrem Zorn ſah ſie reizend aus. Henning näherte ſich dem Seſſel, auf welchem Tina ſaß. Der junge Mann hatte ſich ſo ſehr auf den Abend gefreut, er wollte mit der Baſe durch die Stadt ſchlendern, es war heute ſehr bewegt in den Straßen und nun— mit einem Schlage ſollte das anders werden. „Chriſtine— Tina— Tinchen,“ ſagte er, ſich über die Lehne beugend und den Arm ſtreichelnd,„ſei wieder gut!“—„Laß mich,“ fuhr Chriſtine auf, ſeine Hand mit dem Ellenbogen zurückſtoßend, „geh zu Deinem Herrn Oelven— es liegt Dir nichts an mir— ich mag Dich auch nicht mehr— ich bin ein Mal ſo närriſch ge⸗ weſen, Dich zu lieben— wenn Du Freunde findeſt— ich finde ſchon einen, der mich heirathet— ohne eine Hausplage mitzubringen.“ „Alſo, ſo leicht gibſt Du mich auf?“ rief Henning.„Ganz leicht— ganz und gar,“ ſagte Chriſtine mit zitternder Stimme, die Henning natürlich nicht auffiel.„Ich gehe, Tina,“ rief er, einige Schritte gegen die Thür machend.„Geh, geh!— Ich halte Dich nicht.“ „Du läßt mich fort? rufſt mich nicht zurück?“—„Wie ſollte ich denn?“—„Ah— das iſt zu ſtark, das iſt zu viel. Du biſt ſehr— ſehr hübſch, Tina, biſt ein treffliches Mädel, aber das laſſe ich mir doch nicht bieten, das iſt Tyrannei— ich will meinen Freund ſehen, der uns nützlich iſt im Geſchäfte, nützlich durch ſeine vielen Be⸗ kanntſchaften. Wenn Du gegen ihn etwas haſt, ſage es in Sanft⸗ muth, aber ſo mich coramiren laſſen, ärger als ein Schüler vom
Joachimsthalſchen oder Berliner Gymnaſium im grauen Kloſter,
das will ich nicht länger dulden. Ich gehe meiner Wege und werde mich nicht wieder herbeilaſſen, Dir noch ein gutes Wort zu geben. Gehab Dich wohl.“
Er eilte zum Zimmer hinaus, deſſen Thüre er heftig hinter ſich zuſchlug. Chriſtine erhob ſich ſchnell. Mit Hennings Entgegnung war auch ihr Zorn geſchwunden, denn ſie hatte ſich allzuheftig ge⸗ zeigt, doch glaubte ſie nicht an ſein Fortbleiben. Wie oft war er ſchon ſo hinausgerannt und wie oft jedes Mal danach wiederge⸗ kommen. Sie blieb im Zimmer ſtehen— horchte. Heute ging er wirklich die Treppe hinab.—„Er macht eine ganz neue Finte, mich zu ängſtigen,“ ſagte ſie leiſe— aber die Tritte verhallten, der be⸗ leidigte Henning kehrte nicht zurück— ſie wartete wieder einige Minuten, dann konnte ſie nicht länger ihre Unruhe bemeiſtern, ſie öffnete die Thüre und rief laut:„Henning! Henning!“ aber niemand antwortete.„Der junge Herr hat das Haus verlaſſen, Jungfer,“ rief die Stimme der Magd, von unten herauf. Das war zu viel — Chriſtine ſetzte ſich an den Tiſch, ſtützte den Kopf in beide Hände und weinte.
Als Henning das Haus ſeines Vaters verlaſſen hatte, ging er heftig geſticulirend durch den kleinen Vorgarten in die ſpärlich er⸗ leuchtete Gaſſe, dann wendete er ſich rechts und ging bis zur Brücke. Hier blieb er einen Augenblick, ſich an das Holzgeländer lehnend, ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Die Unterredung mit Chriſtine hatte ihn mächtig erregt, ſeine Schläfen pulſirten, ſeine Wangen waren röther als ſonſt. Henning Ringwald war ein hübſcher Mann. Seine dunklen Haare trug er ſchlicht herabhängend, ein dunkler Schnurrbart umſchattete leicht ſeine Oberlippe, er hatte einen Wuchs, deſſen Ebenmaß und Kraft zugleich dem beſten Officiere der kurfürſtlichen Leibwache willkommen geweſen wären. Er trug feine, braune
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Kleidung, einen runden, ſeidnen Hut und hatte prächtige Bandroſen auf ſeinen Schuhen, was immer das Zeichen eines Stutzers war. „Daß ſie mich fortwährend quälen muß,“ ſeufzte er.„Undbin ich nicht ein Thor— bin ich's nicht? aber die kleine, liebe Chriſtine— ach, wenn ſie nicht gar ſo reizend wäre, vielleicht hat ſie auch ſo Un⸗ recht nicht, aber—“ Sein Selbſtgeſpräch ward durch das Heran⸗ nahen eines Mannes unterbrochen, der von der Roßſtraße her auf die Brücke kam und gegen Henning zuſchritt.„Biſt Du's? ja wahr⸗ haftig,“ rief er.„Henning! und ſo träumeriſch? ha! ha! ha! es hat gewiß wieder etwas mit der Kleinen gegeben— ich wette.“„Nun, ja doch,“ ſagte Henning verdrießlich,„es iſt ſo.“—„Und ich war wieder die Veranlaſſung,“ lachte Oelven, denn es war der Ange⸗ kommene.„Alle Hagel, was ich den Weibern immer im Wege bin. Du biſt ein Narr, Henning, daß Du Dir ſolche Bevormundung gefallen läßt— oder gib mich auf— wenn Dir die Kleine ſo ſehr ans Herz gewachſen iſt.“—„Laß doch die Grillen, Chriſtoph,“ be⸗ gann Henning und ließ nun in einer langen Auseinanderſetzung die Beſorgniſſe die Reihe paſſiren, welche Chriſtine gegen das Freund⸗ ſchaftsbündniß zwiſchen Henning und Oelven hegte.
„Laß gut ſein,“ ſagte Oelven,„ich wette, ſie bittet es mir noch ab. Ich kann mich nicht ändern, und wer weiß, wie lange ich noch hier ſein werde.“ Henning ſprach dagegen, Oelven erwiderte ihm allerlei, und unter ſolchen Geſprächen waren ſie über den Markt beim Kölniſchen Rathhauſe vorbeiſchreitend durch die Breiteſtraße bis auf den Domplatz vor dem Schloſſe angekommen. Eine Menge Menſchen gingen oder ſtanden hier umher. In der Nähe des Doms hatte ſich eine zahlreiche Gruppe verſammelt, in welcher lebhaft dis⸗ cutirt ward, zuweilen bewegten ſich kleine Abtheilungen die Gaſſe entlang, welche zwiſchen den Schloßmühlen(heutzutage die Schloß⸗ freiheit) bis zum kurfürſtlichen Luſtgarten hinlief, deſſen Eingang zwiſchen einem Orangerie⸗ und einem Ballhauſe der Hundebrücke gegenüber lag.*) Man wollte hier irgend etwas auskundſchaften, denn bald genug kamen die Kundſchafter wieder zurück und theilten den Harrenden mit, daß ſie nichts erfahren hatten. Andere, unternehmendere Perſönlichkeiten waren auf die neue Auslage geeilt, um von dorther Nachrichten zu holen.—„Was iſt das für ein Zu⸗ ſammenlaufen in den Gaſſen?“ fragte Henning.„Ich glaube, es geht etwas Großes heut noch vor,“ antwortete Oelven,„wenn ich mich nicht ganz täuſche, ſo werden die Kurhüte bald hervorgeſucht werden, um auf dem Haupte des neuen Herrn Friedrich des Dritten zu prangen, und ich glaube, daß ich gerade zur rechten Zeit meinen Dienſt bei Herrn von Danckelmann angetreten habe— der wird hoch ſteigen, denn er iſt des neuen Kurfürſten Günſtling.“—„Ja, das iſt wahr— er hat ihm das Leben gerettet,“ flüſterte Henning. „Gewiß! und zwar, als die Stiefmutter ihn vergiften wollte,“ ſchrie Oelven überlaut.„Um Gottes Willen,“ ſagte Henning leiſe,„wie kannſt Du nur ſolche Dinge ſo laut ausſchreien. Sollen ſie Dich beim Kragen nehmen?“
„Ich dächte gar,“ lachte der kecke Schreiber.„Mir ſoll einer kommen. Es weiß ja die ganze Welt, daß die alte Dorothea eine Giftmiſcherin war und vielleicht noch iſt. Hat ſie denn nicht den Kurprinzen Carl Emil zu Straßburg vergiftet? ſie wollte durchaus ihre Kinder auf den Thron bringen— was iſt da zu verſchweigen?“
„Unbeſonnener Menſch, ich begreife Dich nicht, Du wirſt noch ein Mal ſchrecklich anlaufen.“—„Pah— ich werde es abwarten. Wofür wäre ich Berliner, wenn ich nicht meinen Mund brauchen wollte? aber ſieh, da ſcheint es was Neues zu geben, laßt uns eilen.“
Beide drängten ſich zwiſchen einen Menſchenknäuel, der über die Schleuſenbrücke bis zur Holzgartenſtraße ſich wälzte und, ſich hier durch allerlei Zulauf vermehrend, fächerartig auseinanderbreitete, zuletzt aber die Leipzigerſtraße hinunter ſich als ein einziger Menſchen⸗ ſtrom ergoß, um durch das Leipziger Thor zu kommen.**) Der junge Ringwald und Oelven drängten ſich durch die Maſſe, um auf die nach Potsdam führende Landſtraße zu gelangen. Die Geſpräche ſchwirrten hin und her, zuweilen mußte die Menge den ankommenden Wagen weichen, dann ſtopfte ſich die Strömung an einer engen Durch⸗
*) Alſo etwa da, wo jetzt das Trottoir des Luſtgartens anfängt, lag das Ballhaus. Das Orangeriehaus da, wo die Terraſſe des Schloſſes gegen die Freiheit hinausläuft, zwiſchen dieſen beiden Punkten war das Eingangs⸗ gitter. Die Hundebrücke war die heutige Schloßbrücke.
*) Die alte Leipzigerſtraße. Das Thor lag an der heutigen Nieder⸗ wallſtraße.
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