nach dem„Schlage“ gehen wollte.
ich wäre?—“„Zu nachſichtig gegen ihn! wiederhole ich noch ein Mal. Ihr ſeht ihm gar nicht auf die Finger. Weil er Euch zur Hand in der Druckerei, das Verbeſſern— wie nennt man es doch gleich?“—„Corrigiren, liebes Kind!“—„Alſo das Corrigiren gut verſteht und dabei ein ganz tüchtiger Setzer iſt, weil er gute Titel erfinden kann für die Leichenreden und Hochzeitswünſche, die hier ge⸗ druckt werden, meint Ihr, liebſter Ohm, Henning müſſe man immer die fünf gerade ſein laſſen, und daher ſchlägt der Musje über den Strang. Ich ſehe alles, ich— mir macht keiner X für U; ich bin ein ſo rechtes, echtes und wohlbelobtes Berliner Kind, als nur irgend eines hier in den Straßen kurfürſtlicher Reſidenz umherwandelt. Mir iſt nichts unbekannt, was ſich vor mir aufthut und nicht ein Ge⸗ ſpenſt oder ein Schemen— ſondern von Fleiſch und Bein iſt. Henning iſt auf dem beſten Wege, ein Bruder Liederlich zu werden. Weshalb hängt er ſich an den ſchlimmen, großmäuligen und verrufenen Burſchen, der überall für den unlauterſten Geſellen gilt, an den böſen Schreiber, den Oelven?“ d
„Aha!— will's dahinaus!“ ſagte Ringwald, ſich ſchnell um⸗ wendend,„mag ſein, Du kannſt ſchon Recht haben, der Oelven iſt ein toller Burſche, aber es hat ſein Gutes, wenn Henning mit ihm ver⸗ kehrt. Kommt ein Hochzeitscarmen zu machen— Oelven reimt es in wenig Zeit zuſammen. Iſt ein Mord geſchehen, ein Unglück in der Stadt, auf dem Waſſer paſſirt und wir wollen ein fliegendes Blatt drucken laſſen— Oelven weiß den ganzen Hergang ſo trefflich zu ſetzen, daß neben der Relatio auch noch den Leſern ein Schauer über den Rücken läuft. Wie Anno ſechszehnhundert und ſechs und achtzig die Henne in Frankfurt an der Oder das ſchreckliche Sternenei gelegt hat, worauf die ganze Himmelskugel mit feuerrothen Punkten dargeſtellt geweſen, hat Oelven eine Erklärung für uns dazu ge⸗
ſchrieben, wie ſie nur gewünſcht werden konnte, und ſo nützet er noch
vielerlei— freilich wenn Henning ihm nicht ganz in die Hände fiele, wär's beſſer.“
„Weil Henning ſich zu wenig ſelbſt vertraut und nebenbei gern den Beſchützer ſpielt!“ eiferte Chriſtine.„Der Oelven iſt nur ein Schreibersſohn, weiter nichts. Henning kann ſo gut ſchreiben, Verſe machen, wie er—.“ Hierbei erröthete ſie bis an die Wurzeln ihrer
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blonden Haare.„Verſe, wie ſie nicht beſſer im Paſtor Fido zu treffen ſind, das muß ich doch wiſſen!“„Ha— Du Tauſendſapper⸗ menter!“ lachte Ringwald,„ſeine Verſe nimmſt Du an— ſo iſt er Dir doch nicht gleichgültig?“—„Je nun!“ verſetzte Chriſtine ſchalk⸗ hafte„Man muß doch auch etwas für des Oheims Geſchäft thun. Ich bin, wie er ſagt, ſeine Muſe, ſeine Göttin, die ihn begeiſtert, und ſo laſſe ich mir denn die Verſemacherei gefallen, er ſoll ſich üben, das iſt vortheilhaft für ſein Geſchäft— er ſoll nicht immer den Oelven ſchreiben laſſen— er kann es eben ſo gut und braucht nachher den Schlemmer nicht noch im Bierhaus freizuhalten!“
„Kann ſein, daß es nicht gut iſt. Ich werde mich auf die Lauer legen— indeſſen, wenn Henning auch eines oder das andere kann— alles kann er doch nicht. Bei einem Scribenten ſind, wie überall auch, die Gaben verſchieden ausgetheilt— das verſtehen die Weiber nicht ſo, nun— leb wohl! Sei freundlich zum Henning und hör ihn an. Ich gehe!“ Er küßte Chriſtine auf die Wange und trat durch die offene Stubenthür in den Hausflur. Chriſtine folgte ihm. Zum Erſtaunen beider ſtanden ſie hier einem Manne gegenüber, der durch die Hausthür auf den Flur getreten war und ohne Zweifel ihre Unterredung vollſtändig mit angehört hatte.
Dieſer Eindringling war ein junger Mann in der Mitte der zwanziger Jahre, von ſchlankem, aber kräftigem Körperbau. Er hatte hochblonde Haare, die ihm in natürlichen Locken um den Kopf hingen, einen röthlichen Kinn⸗ und Knebelbart. Sein Geſicht zeigte eine Miſchung von Geiſt und Frechheit. Er trug ſchwarze Kleidung, an ſeinem Gürtel einen Federbecher und ein Dintenfaß, ſowie ein kurzes Rappier mit ſtählerner Glocke. Als Ringwald und Chriſtine ihm gegenüberſtanden, verbeugte er ſich mit einem ſpöttiſchen Lächeln ſehr tief nach Cavaliersmode und ſagte dann:„Ich ſpreche meinen ergebenſten Dank Euer Ehren aus, daß Sie meine geringen Meriten alſo aner⸗ kennen, desgleichen danke ich der Jungfer Chriſtine für ihr offenes Bekenntniß über mich— ich bin durchaus nicht böſe, ſondern gedenke, mich zu beſſern, weshalb ich auch heute am Tage in die Dienſte des würdigen Geheimenrathes, Herrn von Danckelmann, getreten bin!“
(Fortſetzung folgt.)
Kus allen deutſchen Gauen.
XII.
Mein Federl aufm Huat Do's thut ſi ſchön neig'n Und wer koan Holzknecht nit kennt, Dem will i oan jetzt zeig'n. Altes Lied.
In nachfolgenden Zeilen will ich den Leſer mit einem Stück Leben bekannt machen, von welchem ich ſagen darf, daß es den Kreiſen, welche zu leſen pflegen, bis heute ein verſchloſſenes Land iſt. Die beſonderen Schwierigkeiten, welche es der Natur der Sache nach hat, ſich in dieſe Verhältniſſe und Menſchen einzudrängen, das ſcheinbar Handwerksmäßige und Proſaiſche der Hantirung mögen das in der Hauptſache verſchulden. Wenigſtens habe ich bei der Umſchau in den zahlloſen Büchern über unſere Alpen immer bemerkt, daß die Reiſe⸗ ſchriftſteller, bei dieſem Punkt angelangt, nie über allgemeine Redens⸗ arten hinauskommen. Man muß nicht wähnen, daß man nur einen Spaziergang in die Literatur zu unternehmen brauche, um in einer Camera Obſcura zu ſtehen, in welcher ſich die geſammte wirkliche Welt malt. So weit ſind wir noch nicht. Ich bemühe mich, eine genaue Darſtellung der Einzelnheiten aus dem Treiben dieſer Männer zu geben. Ich werde, unmittelbar nach der lebendigen Bewegung aufgenommen, zeigen, wie ſie leben, arbeiten und ſich erholen.
Die Holzſtube, auf dem Gebirge gelegen, iſt für den Holzknecht daſſelbe, was für den Soldaten die Kaſerne. Dort oben wohnt er Monate lang, um ſich den weiten Weg nach dem Thale zu erſparen, welchen er täglich zurücklegen müßte, wenn er von ſeinem Nachtlager Solches geſchieht nur einmal wöchentlich: am Montag in aller Frühe, wo er von den Erholungen des Sonntags unten wieder in ſeine Berge zurückkehrt. An dieſem Tage kann man dem Holzknecht begegnen, wie er in der Dämmerung
den Bergpfad anſteigt, mit ſeinem ledernen„Ruckſack“ beladen, der
Die Holzknechte in den deutſchen Alpen.
ihm an einem Riemen über dem Rücken hängt. In vielen Gegenden
nennt man denſelben Sack auch„Wochenſack“, weil der Knecht in ihm
das mitnimmt, was er die Woche über braucht, Mehl, Brot, Schmalz und wer von ihnen beſonders üppig leben will, wohl auch manchmal ein Stückchen„Geſelchtes“(geräuchertes Schweinefleiſch). Endlich iſt die Hütte erreicht, und jetzt entwickelt ſich ein eigenthümliches Bild vor unſeren Augen.
Mitten in der geräumigen„Stube“, an deren Wänden Bretter hinlaufen, die Schlafſtätten der Knechte, erhebt ſich der lange Herd, auf welchem bereits gewaltige Feuer praſſeln, über denen Häfen mit ſiedendem Waſſer ſtehen. So viel Knechte in der Hütte wohnen(die Genoſſenſchaft heißt ein„Paß“), ſo viel Häfen ſieden da. Das alles hat, der„Gäumel“ gethan. Mit der Eigenſchaft des Gäumel beginnt und endet in den meiſten Fällen das Holzknechtleben. Es iſt entweder ein ganz junger Burſche, oder ein alter, ausgedienter Knecht, welcher dem„Paß“ ſein Hausweſen führt— Holz ſpaltet, Feuer macht und ihnen das Waſſer ſiedet. Wehe ihm, wenn er vergeſſen hat, einem die Geſchirre herzurichten! Die fünf Finger des Vernach⸗ läſſigten ſenken ſich auf ſein lockiges Haupt und wühlen im Scheitel, daß ſeltſame Rufe dem Zaun der Zähne entfliehen!.
Wenn der Knecht in die Holzſtube tritt, nimmt er ſeinen Spitz⸗ hut ab— er würde mit ihm überall an die Decke ſtoßen, und bedeckt ſein Haupt mit der landesüblichen Zipfelhaube. Der Anführer des Paß, der Meiſterknecht oder Rottmeiſter, betet vor— und nun geht es an den flammenden Herd zum Bereiten der„Nocken“.
Der Teig liegt auf einem Haufen in der Schüſſel von Zirben⸗ holz. Jetzt erhebt der Knecht ſeinen„Muaßa“— einen langen Holzſtiel, deſſen eines Ende zu einem tief ausgehöhlten Kochlöffel ver⸗
arbeitet iſt, während das andere Ende
flach und breit ausgeht—
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