Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
226
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Blicken darbot. Unten am Boden des Einſchnittes lag ein Reiſe⸗ wagen umgeſtürzt, die Laternen deſſelben brannten noch, die Pferde ſtanden zitternd an der gebrochenen Deichſel, die Fenſter waren zer⸗ ſplittert und das Glas rings umhergeſtreut. Der Kutſcher mußte eine harte Verletzung erlitten haben, denn er war einige Schritte weit vom Bocke herab auf die Erde geſchleudert worden und ſchien bewußt⸗ los. An dem ſandigen Abhange der Schlucht gewahrte Katharina zwei Männer. Einer derſelben war der Hilferufende, in ſeinem Schoße lag, ebenfalls bewußtlos, ein zweiter, deſſen Haupt jener zu ſtützen ſuchte. Der Wagen mußte in dem Zwielichte verunglückt und von dem Rande der Schlucht in die Tiefe geſtürzt ſein. Sobald der Mann Katharinas Geſtalt erblickte, rief er:Um Gottes willen helft, wir haben ein grand malheur gehabt. Ich ſchreie ſchon ſeit einer Viertelſtunde um Beiſtand. Das Mädchen eilte herbei.Ein Mädchen? ſagte der Mann.Mein Kind, wir bedürfen ſtarker Arme, dieſer Sieur iſt ohnmächtig vom Sturze.Wir wollen ihm ſchon helfen, verſetzte Katharina.Ich werde eine Laterne des Wagens hieherbringen, damit wir ſehen, wo er verletzt iſt. Sie eilte zum Wagen und hob eine der Laternen heraus, beim Scheine derſelben ſah ſie einen ſchönen Mann im Schoße ſeines Helfers liegen. Das Geſicht war mit Blut überſtrömt und die Kleidung in großer Unord⸗ nung.Was beginnen wir? ſagte der Freund.Ich weiß nur einen Rath, entgegnete das Mädchen.Der Herr muß hinüber⸗ geſchafft werden an das Ufer hier iſt kein Ort für ihn. Katha⸗ rina überlegte ſchnell. Sie hätte noch ein Mal in das Haus Zwollers zurückkehren müſſen, ſie wollte es durchaus nicht.Ueberſetzen? rief der Mann.Wer ſetzt über? Es iſt kein Fährmann da, ich rief ſchon drei oder vier Mal.Ich bin da, verſetzte Katharina ruhig. Ich fahre Sie mit dem Verwundeten über den Strom bis zu dem Hauſe meiner Eltern.Du wollteſt?Gewiß. Helfen Sie den Herrn in mein Boot tragen. In dieſem Augenblicke ſtöhnte der Verwundete leiſe und ſchlug die Augen auf.Wo ſind wir, Guſtav? ſagte er leiſe.Gerettet, gnädiger Herr gerettet. Der Sturz ging glücklich vorüber, wie iſt Ihnen?Ich fühle einen gewaltigen Druck im Kopfe. Katharina war an das Ufer geeilt. Sie hatte ihr weißes Tuch von den Schultern genommen, tauchte es in die Wellen und kehrte dann mit dem kühlenden Umſchlage zurück, den ſie auf des Verwundeten Haupt legte.Ah das iſt erquickend, ſagte der Blutende.Wer iſt der Helfer? Der Begleiter hatte die brennende Laterne in die Hand genommen und ließ den Schein auf das Geſicht des Mädchens fallen.Es iſt eine junge Dirne von drüben her, ſagte er. Der Verwundete erblickte Katharinas Antlitz dicht über dem ſeinigen.Ein ſchönes Mädchen, murmelte er.Ein Engel, der Hilfe bringt. Haben Sie tauſend Dank, mein Kind. Allmählich kehrte die Beſinnung des Geſtürzten zurück, Katharina ſah, daß die Verwundung nicht gefährlich war, der heftige Stoß und die Blutung hatten die Betäubung des Cavaliers herbeigeführt.

Mein Herr! ſagte Katharina,vermöchten Sie nicht, ſich zu erheben? Wenn Sie ſich auf mich und Ihren Freund ſtützen könnten, ſo würden wir bald das Ufer erreicht haben, dann nehme ich Sie in mein Boot auf. Der Verwundete erhob ſich mit Anſtrengung. Ich bin wie gelähmt! ſtöhnte er.Aber verſuchen wir, zu gehen. Er ſchlug ſeinen linken Arm um den Nacken des Freundes, den Rechten um die ſchlanke Hüfte Katharinas und ſo zwiſchen beiden, halb ge⸗ tragen, halb gezogen, wankte er dem Ufer entgegen.Was wird mit dem Wagen, Guſtav? ſagte er.Was mit dem Kutſcher?Ma foi! gnädiger Herr. Laſſen wir den Kutſcher liegen, er mag ſich er⸗ holen.Es iſt ein Menſch, wir müſſen ihm helfen! warf Katharina ſchnell ein.Erſt hier den gnädigen Herrn, mein Kind, dann den Diener. Ich habe die Geldtaſche und das Portefeuille zu mir ge⸗ nommen, das iſt das Nothwendigſte; wenn man den Wagen plündern will nun gut. Der Kutſcher wird ſich ſchon erholen. Die drei waren bei dem Boote angelangt.Jetzt verſuchen Sie, hineinzu⸗ ſteigen, gnädiger Herr! ſagte Katharina.So es iſt gut. Sie, Herr Guſtav, ſetzen ſich neben den Herrn und er mag ſein Haupt an Ihre Schulter lehnen. Nun ſitzen Sie feſt, denn der Kahn ſchwankt, wenn wir in den Strom kommen. Sie ſtieß ab vom Lande, und das Boot ſchoß in die Wogen. Ihr gegenüber ſaßen die Männer, aneinandergelehnt, Katharina ruderte mit aller Kraft. Auf den Wellen tanzte das Fahrzeug, und der Mond trat in voller Klarheit aus den Wolken, mit ſeinen Silberſtrahlen das bleiche, ſchöne Ange⸗ ſicht des Verwundeten beleuchtend.

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Endlich war das Fährhaus erreicht, die Schifferin legte das Boot an und ſchlang die Kette durch den Ring des Pfahles, dann eilte ſie die Treppe hinauf und pochte. Es währte eine geraume Zeit, bevor ſchlürfende Tritte ſich vernehmen ließen und eine Stimme ſagte:Biſt Du da, Katharina?Ich bin es, öffnet ſchnell. Ich habe einen verwundeten Cavalier im Boote, kommt heraus eilt Euch. Lichter glänzten im Hauſe, es ward lebendig, Stimmen er⸗ ſchallten, und bald ſtieg Ricker mit zwei Knechten die Stiege hinab, um den Verwundeten in das Haus zu ſchaffen. Katharina hatte unterdeſſen die Mägde geweckt, ein Zimmer ward in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt. Wenige Minuten ſpäter nahm ein weiches Bett den Verun⸗ glückten auf, der, von der Erregung überwältigt, in einen ohnmacht⸗ ähnlichen Schlaf verfiel.

Noch ſtanden Balthaſar Ricker, Katharina und die Dienſtleute vor dem Gemache. Sie erſchöpften ſich in Muthmaßungen, wer der Fremde ſei. Die reiche Kleidung deſſelben, die blitzenden Steine an ſeinen feinen, in koſtbaren Spitzenbeſätzen halbverborgenen Händen,

die edle Perſönlichkeit deuteten auf einen hohen Cavalier. Der Begleiter machte allen Fragen ein Ende. Er trat zu Ricker und ſagte:Eure Tochter hat ſich ein großes Verdienſt erworben. Sie

leiſtete ihre wirkſame Hilfe dem kurfürſtlich brandenburgiſchen Kammer⸗ herrn und geheimen Rathe, Freiherrn von Kolbe⸗Wartenberg. Sein Dank wird nicht gering ſein. Ricker verbeugte ſich tief. Katharina blieb an dem Lager des Verwundeten ſitzen, bis der Morgen graute. Sie dachte der letzten Stunden, der Prophezeiung, des liebenden David Zwoller, der, um ſie zu erringen, die Heimat verließ, dann blickte ſie auf den verwundeten Freiherrn, der, ſeine Augen öffnend, das ſchöne Mädchen anſtarrte, als ſei eine Erſcheinung an ſein Lager geſchwebt. Matt hob er den Arm und faßte die Hand Katharinas.Sie ſind noch hier? lispelte er.Ich bin erfreut, Sie zu ſehen bleiben Sie bei mir. Nach einer Pauſe fuhr er fort, als ob ein Fieber⸗ wahn ihn umſtricke, zu ſprechen:Sie müſſen dieſes Haus verlaſſen, Sie ſind zu ſchön für den harten Beruf Sie verdienen ein glän⸗ zendes Loos eine Fürſtenkrone!Man hat ſie mir ſchon ein Mal verheißen! ſagte Katharina.Aber ich glaube nicht dran. Es iſt ein Blendwerk.

Freiherr von Wartenbergs Wunde erklärte der Arzt nicht für gefährlich. Der Kranke genas bald von den Folgen des Sturzes. Kaum hatte er ſeine Kräfte wieder erlangt, als er die Abreiſe von Emmerich beſchleunigte. Ein Befehl des Churfürſten rief ihn nach Berlin. Das leutſelige Weſen des Freiherrn, ſeine glänzende Er⸗ ſcheinung, die Freigebigkeit hatten auf alle in Rickers Hauſe den gün⸗ ſtigſten Eindruck gemacht, und als der Tag der Abreiſe herbeikam, füllten ſich die Augen der weiblichen Inſaſſen mit Thränen.

Freiherr von Wartenberg aber zog Katharina auf den Altan des Hauſes und ſteckte an ihren Finger einen prachtvollen Reif, den ein großer Diamant ſchmückte:Gedenke mein, Katharina! ſagte er. Ich ſehe Dich wieder. Das Mädchen ſchaute auf den blitzenden Stein, dann in die Augen des Freiherrn.Ich werde an Euch denken, Herr! verſetzte ſie,wenn ich vernehme, daß Ihr unter den glänzen⸗ den Damen im Schloſſe zu Berlin die Schiffertochter Katharina Ricker nur als einer Perſon erwähnet, mit der Euch ein ſeltſames Reiſe⸗ benteuer zuſammenführte!Ich will aller Welt erzählen, wie lieb Du mir geworden! rief Wartenberg feurig.Ich will Dich nie vergeſſen nie Katharina ſchöne, liebe Katharina. Er drückte ſeine Lippen auf die Wange des Mädchens. Sie ſchob ihn ſanft zurück.Sehet dorthin! ſagte ſie, über den Fluß deutend. Dort liegt die Stelle, wo ich Euch fand, dann blicket nach links. Aus den alten Bäumen ragt ein Hausdach empor, ſeht Ihr es? dort iſt mein Gelübde, dort werde ich einſt erſcheinen und Abſchied von der Heimat nehmen. Leben Sie wohl ich gehöre in jenes Haus.Was iſt es? wer weilt dort? rief Wartenberg.Fragen Sie nicht, bewahren Sie das, was ich Ihnen ſagte, es iſt ein Ge⸗ heimniß.Die Wagen ſind bereit, gnädiger Herr! meldete Guſtav. Wir müſſen ſcheiden, Katharina!Auf ewig.Nein, nein, Du darfſt nicht zum letzten Male an meiner Seite geſtanden, Deine Hand in die meinige gelegt haben. Katharina drückte die Hand des Freiherrn noch ein Mal, dann eilte ſie von dem Altane, den Warten⸗ berg, ſchmerzlich bewegt, verließ.

Kurze Zeit darauf befand der Freiherr ſich in ſeinem Reiſe⸗ wagen. Als er an der Biegung der Landſtraße noch einen Blick zu⸗