Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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BꝛjBͦB.

ja unſer alter, blinder Hans, der hat das Privilegium, eines natür⸗ lichen Todes zu ſterben! und es war wieder nichts mit dem erſten Hirſche.

Vor dem Portale des Schloſſes halten zwei kunſtvoll in Kupfer getriebene Wölfe Wache. Durch die reichgeſchnitzte Thür trete ich in eine weite, alterthümlich geſchmückte Halle. An den Seiten ſtehen Tiſche mit Rügenſchen Alterthümern, meiſtens in Hünengräbern ge⸗ funden. Eine ſtattliche Sammlung von Hirſchgeweihen iſt an den Wänden befeſtigt. Unter jedem Geweih ſteht der Name des glück⸗ lichen Schützen und die beſten Namen des preußiſchen hohen Adels fehlen nicht. Zwei ſelten ſtarke Achtzehnender erinnern wehmüthig an den jungen Grafen Hermann Deodot Häſeler, der ſie einſt an frohen Tagen ſchoß und dann ſelber bei Chlum von einer grauſigen Schrapnelkugel zerriſſen wurde. Zwei ſchöne Geweihe erzählen von der feſten Hand und dem ſicheren Auge der Fürſtin Wanda Putbus. Ein Sechzehnender lehnt unbefeſtigt an der Wand; er ragte noch jüngſt ſtolz unter den grünen Waldbäumen empor. Ein Zettel hängt daran:Miniſterpräſident Graf Bismark October 1866.

Aus der Halle führt eine Thür in einen intereſſanten Waffen⸗ ſaal zugleich das behaglichſte Arbeits⸗ und Rauchzimmer. An den Wänden reiht ſich in künſtleriſcher Decoration eine koſtbare Waffe an die andere eine Geſchichte der Schießwaffen in Beiſpielen, von der Arquebuſe bis zum Zündnadelgewehr!

Eine breite, mit Teppichen belegte Marmortreppe führt mich in das zweite Geſchoß und in den großen Empfangſalon. Er iſt noch leer. Ich habe Muße, mich umzuſehen. Drei rieſige Oelge⸗ mälde aus Rügens Geſchichte ſchmücken die Wände: Taufe des erſten Herrn zu Putbus Gründung der erſten chriſtlichen Kirche auf Rügen durch einen Putbus Tod des letzten Herzogs von Pommern. Das Prachtſtück des hohen weiten Saales iſt jedoch der Marmorkamin. Er iſt in Rom gearbeitet und ſtellt in vielen Figuren eine Eberjagd dar. Ein herrlicher Amor von Biſſen, einem talentvollen Schüler Thorwaldſens, erzählt von einer ſchaurigen Decembernacht voll Sturm und Feuerswuth: Der Amor des Schülers kam mit einem Brand⸗ fleck am Fuße davon Venus, Bacchus, Amor und Pſyche des Meiſters gingen für immer in den Flammen unter.

Ein Blick durch die hohen Bogenfenſter und ein wunder⸗ reiches Bild, reicher als alle Kunſtwerke der Welt, iſt wie mit einem Zauberſchlage vor mir aufgerollt: eine Mondſcheinlandſchaft, wie ich ſie noch nie geſehen! Ueber leiſe wogende Baumwipfel ſchau ich in die Ebene hinab, wo die weißen Dörfer mit einzelnen blinkenden Licht⸗ lein wie im Traume daliegen dort blitzt mein lieber Selliner See hinter dem Baumgrün hervor und drüber hinaus dehnt ſich weit, weit das flimmernde Meer! Doch was leuchtet da aus dem Meere plötzlich ſo grell auf? jetzt iſt es ein großes, rothes Licht jetzt ein gelbes... und nun verſchwindet es auf Augenblicke ganz...

Das iſt der Leuchthurm der kleinen Inſel Oie!

Ich denke an die zwei Dutzend Menſchlein, die auf jenem Fleck⸗ chen Erde im Meere ſtill dahinleben und nicht von den Welten⸗, nur von den Meereswogen umrauſcht werden.... und ſchaue und ſinne und träume....

Da öffnet ſich hinter mir die Thür ich wende mich um einige Herren treten in den Salon. Das offene Geſicht meines gütigen und liebenswürdigen fürſtlichen Wirthes zeigt, wie immer, Heiterkeit und Wohlwollen. Da fällt mein Auge auf den Herrn an ſeiner Seite und bleibt wie gebannt haften. Ich erkenne ihn auf den erſten Blick, ich ſah ihn aber noch nie ſo nah. Es iſt ein hoher, ſtattlicher Mann, ſchlank und doch kraftvoll gebaut. Die Haltung iſt militäriſch ſtraff, aber noch immer voll jugendlicher Eleganz, ob⸗ gleich ſich ſchon dreiundfünfzig Jahre auf ſie niederſenkten. Die Be⸗ wegung iſt vornehm, kühn, und doch leicht und ungezwungen. Und auf dieſer ritterlichen Figur ſitzt ein Kopf, nicht ſehr groß, nicht eben ſchön, ein Kopf, der ſich ſchwer beſchreiben läßt, ein Kopf, den man aber nie müde wird, anzuſchauen und den man ſein Lebenlang nicht wieder vergißt! Die gedankenreich gewölbte Stirn wird von ſpär⸗ lichem, dunkelblondem Haar, ſchon grau gemiſcht, leicht umſchattet. Ein ſtarker Schnurrbart gibt dem ſonſt glatt raſirten Geſichte einen militäriſchen Beigeſchmack. Das, wenn ich ſo ſagen darf, etwas vor⸗

gebaute Auge iſt klar und lebhaft, häufig von einem hellen Blitz durch⸗ zuckt, ſo daß es ſchwer fällt, ſeine Farbe zu erkennen. Die Geſichts⸗ farbe iſt matt und von jener eigenthümlichen Bläſſe, die auf körper⸗

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liche Leiden und arbeitsvoll durchwachte Nächte, Tage voll zehrender Gedanken und geiſtiger Anſpannung ſchließen läßt. ie ſchmalen Lippen umſpielt ein geiſtreiches Lächeln, in dieſem ein liebenswürdiges, harmlos heiteres Lächeln, aber ein Lächeln, dem man es anſieht, daß es nur eines leichten Zuckens bedarf, um es zu einem ironiſch vernichtenden zu machen. 4

Und dies Geſicht ſieht älter aus bedeutend älter, wie die Figur, zu der es gehört!

Die Kleidung iſt überaus ſchmucklos: ein dunkler Buckskinrock, eine gleiche Weſte, graue Beinkleider, ſie paßt aber zu der ganzen Erſcheinung ſo gut, ja gibt der Figur etwas ſo jugendlich Friſches, faſt burſchikos Keckes, daß ich mir einbilde, der leichtfertige Frack an Stelle des derben Buckskinrocks würde meinem Auge wehe thun.

Und jetzt erſchließt ſich dies liebenswürdige Lächeln zu einem hellen, fröhlichen Lachen nichts kann wohlthuender klingen... o, wie mich das freut, ihn den Meiſter ſeiner Zeit, der aber an dieſer Zeit ſchwer, wie der arme verzauberte Atlas am Himmelsge⸗ wölbe zu tragen hat, in dieſem Augenblicke fröhlich zu ſehen, ihn, der über ſeiner Rieſenarbeit alle Rückſicht auf ſein körperliches Wohl vergaß, der durch ſeinen Feuergeiſt den um ſein Recht betrogenen Leib aufrecht erhielt und ihm erſt nach errungenem Ziele erlaubte, müde und krank zu ſein und in Rügens geſegneter Waldluft Ge⸗ neſung zu ſuchen, ihn, den Frankreich nicht ohne Neid den preu⸗ ßiſchen Richelieu nennt... Graf Otto von Bismarck.

Auf Einladung des Fürſten Putbus iſt Graf Bismarck am erſten October nebſt Familie nach Putbus übergeſiedelt und bewohnt dort ein reizend am Park gelegenes, fürſtliches Gartenhaus, von deſſen Terraſſe man eine wunderbar ſchöne Ausſicht auf das Meer und den üppigen Urwald der Inſel Vilm hat. Dies Panorama erinnert lebhaft an den Blick auf den Golf von Neapel.

In dieſer friſchen Natur und grünen Einſamkeit lebt der Graf mit Frau und Tochter ſtill und zurückgezogen, einfach wie ein ſchlichter Privatmann. Seine beiden Söhne, friſche Gymnaſiaſten, ſind am Schluſſe der Herbſtferien nach Berlin zurückgekehrt, Cicero und Horaz winkten gebieteriſch.

Der Graf iſt Patient, er bedarf der Ruhe. Er empfängt weder Corporationen, noch Deputationen, noch Ergebenheitsbeſuche; die Gräfin vertritt den Vielgeſuchten in liebenswürdigſter Weiſe. In freundſchaftlich geſelligem Verkehr ſteht der Graf nur mit dem Fürſten und der Fürſtin Putbus, die das nahe Jagdſchloß bewohnen und alles aufbieten, ihrem Gaſte den Aufenthalt auf Rügen ſo angenehm und wohlthuend als möglich zu machen.

An ſchönen Tagen ſieht man den Grafen im ſchmuckloſeſten Koſtüme, den hiſtoriſchen, gelbbraunen, vielbeuligen Kalabreſer tief in die Stirn gedrückt, allein oder mit Frau und Tochter weite Spazier⸗ gänge durch den Park und ans Meer hinab machen.

... Und jetzt werde ich dem Grafen Bismarck vorgeſtellt. Seine Verbeugung iſt vornehm und höflich, ſein Geſicht freundlich ernſt. Ein ſchneller, ſcharfer Blick aus den blitzenden Augen überfliegt mich, mir iſt zu Muth, als bliebe dieſem Augenblitz keine Falte meines Inneren verſchloſſen.

Der Graf redet mich an, ſeine Stimme klingt tief und ruhig und...

Spricht mit Ihnen vom norddeutſchen Parlament von ſeinen Plänen in Bezug auf die innige Verſchmelzung der neuerwor⸗

benen Provinzen mit dem Stammlande, von Mexico und Italien,

von Napoleon und dem Abgeordnetenhauſe, von einem ruſſiſch⸗preu⸗ ßiſchen Vertrage und Herrn von Beuſt... o, Sie glücklichſter aller

Federmenſchen, und natürlich werden Sie uns all dieſe koſtbaren

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Dinge nun doch brühwarm wiedererzählen?..

Es thut mir unendlich leid, aber der Wahrheit die Ehre: Graf Bismarck ſagt mir in der höflichſten Weiſe, daß er am Morgen auf dem Schloßteiche im Putbuſſer Parke ſchon fingerdickes Eis ge⸗ ſehen habe!

Und was antworte ich auf das fingerdicke Putbuſſer Eis?

Ich will ebenſo offenherzig ſein, wie Heinrich Heine, der über ſeinen Beſuch bei Goethe erzählt, daß er, durch Goethes imponirende Perſönlichkeit und klare Ruhe ſo erbärmlich klein zuſammengeſchrumpft,

nur ein weniges über die vielen, reich mit Früchten beladenen Pflau⸗

menbäume, die er auf dem Wege von Jena nach Weimar angetroffen, zu ſtottern vermochte und Blödigkeit und Beſcheidenheit war doch ei gentlich nicht Heines ſchwache Seite!

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