Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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die Aſche.

Samenkörner in die Flammen, welche hoch auf wirbelten, dazu mur⸗ melte ſie Sprüche und Beſchwörungen. Das Feuer des Kamines beleuchtete zuckend die Geſichter und Geſtalten der Anweſenden. Das bleiche Antlitz der Alten ſtrahlte in der röthlichen Glut, und Katharinas Augen blitzten gleich funkelnden Steinen. Die Hexe ergriff nun einen Haken, ſtieß die Holzſcheite auseinander und breitete die glühende Lohe auf dem Steinherde aus, dann nahte ſie ſich der Schiffertochter und machte eine der langen Flechten von Katharinas ſchwarzem Haare los, zog eine Scheere hervor und ſchnitt eine Locke aus der Flechte, welche ſie auf die Glut warf.

In dem von Aſche faſt überdeckten, glimmenden Feuer bildeten ſich plötzlich ſeltſame, dunkelrothe Linien. Sie gingen unſymmetriſch durcheinander, liefen gleich beweglichen Netzfäden über die Aſche dahin, kniſterten laut und bildeten an gewiſſen Stellen kleine, ſprühende Hügel, endlich beruhigte ſich das Geräuſch in dem Aſchenhaufen, die Feuerlinien ſchienen erſtarrt und hatten gewiſſe Formen angenommen, welche die Hexe aufmerkſam betrachtete.

Nach einer Pauſe faßte ſie die Hand Katharinas und zog das Mädchen zum Feuer.Ich will Euch verkünden, flüſterte ſie,was in der Glut, in den Feuerſtreifen zu leſen iſt. Seht, wie dort gleich einer kleinen Schlange die Funken dahingleiten, das iſt Eure Lebens⸗ bahn hui ſie ſchlängelt ſich wunderbar durch die Maſſen, bald

zackig, bald rund, nun iſt ſie fort, nun wieder ſichtbar, jetzt leuchtet ſie

hell ſeht Ihr das Gebilde? es iſt ein Diadem, und jetzt läuft es auseinander und nimmt Geſtalt an wie Demanten glühen die Punkte, immer weiter bildet es ſich aus, nun iſt eine Krone zu ſehen, eine königliche Krone, ringsherum Strahlen wie eine Sonne auf dem matten Grunde. Katharina hatte ſich über das Zauberwerk gebeugt und ſtarrte die Zeichen an, welche ſich vor ihrem Blicke hoben und ſenkten, ſie richtete das Haupt empor und deutete mit dem Finger auf Ich ſehe eine dunkle Maſſe ſich heranwälzen, ſie umzieht die Krone ſie verhüllt das königliche Zeichen, ſagte ſie.So iſt es, entgegnete die Hexe.Hütet Euch vor dem Hochmuthe, ſeid kind⸗ lich, und wenn Ihr ſelbſt auf ſchwindelnde Höhe gehoben werdet, wahret Euch vor dem Hochmuthe! rufe ich noch einmal, und Ihr werdet im fürſtlichen Schloſſe Euer Haupt zur Ruhe legen. David Zwoller trat an den Kamin.Katharina, ſagte er,haſt Du die Prophezeiung vernommen? was denkſt Du davon? Katharina hatte in tiefes Sinnen verloren geſtanden, ſie fuhr empor und blickte dem jungen Mann ernſt in das Antlitz.Ich vernahm alles, ſagte ſie.Schau hin, David es iſt erloſchen, verwiſcht. Die glän⸗ zenden Funken haben ihre Macht verloren, zu glimmen eitles Blendwerk iſt alles geweſen. Ich möchte ſchon einen Platz haben in der Welt des Glanzes, aber mit Dir will ich ihn theilen.Mit dem Sohne des Scharfrichters? mit dem Henker von Weſel? rief

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ſchmerzlich David.Nein, Katharina. Ich weiß, daß Dein Loos einſt glänzend ſein wird, Du biſt zu klug, zu muthig, zu ſchön, un hier in dem kleinen Städtchen zu verkümmern i Dich gerufen, gebeten, in unſer Haus zu kommen, weil Du Deine Zukunft wiſſen wollteſt, um Dir zu ſagen: Laß ab von mir; Deine Liebe machte eine Zeit lang das Glück meines Lebens, niemand ahnt ſie, ſonſt wäreſt Du verachtet wie ich, deſſen Hand Dich berührte ich kann nicht Dein werden, dort die Schwerter, die Folterzangen, die Brandmarken verbieten es ich habe Dich heut Nacht ſehen wollen, um Dir Lebewohl zu ſagen.Haſt Du nicht vorhin noch betheuert: wenn ich Dir treu bleibe, ſolle Dich der Menſchen Geſchwätz nicht kümmern?Ich kenne mich, Katharina, aber ich kenne auch das Herz, den Sinn der Frauen. Du wirſt nicht die Gewalt haben, dem Hohne, der Verachtung zu trotzen, die Dich ereilen muß, wenn Du des Henkers Weib geworden biſt. Ich würde Deine ſchönen Wangen erbleichen, Deine üppigen Haare grau werden ſehen Dein ſtolzes, muthiges Herz würde ſtill, ergeben vielleicht das Schrecklichſte tragen ich könnte es nicht dulden. Bedenke wenn ich einſt zurückkommen ſollte, in den rothen Mantel gehüllt, von einem Gerichte, wenn ich Dir die Hand reichte nach der blutigen Arbeit, Du müßteſt zittern vor mir Du könnteſt mich nicht lieben. Ich habe das alles wohl überlegt nimm Dein Wort zurück. Katharina kämpfte lebhaft, man ſah auf ihrem ſchönen Geſichte dieſen Kampf ſich ſpiegeln, der in ihrem Herzen vorging. Sie legte die Hand an die Stirne und ſuchte ihre Gedanken zu ſammeln.Vielleicht haſt Du recht, David, vielleicht würde ich nicht ſo ſtark ſein, dem Hohne zu trotzen, der eine Waffe gegen mich haben würde, ſagte ſie.Aber weshalb haſt Du das nicht eher bedacht? Du haſt mir die Liebe zu Dir nicht verboten; als wir uns bei dem Tanze im Dorfe dort unten ſahen, wo Du einſam, entfernt von den Fröhlichen ſtehen mußteſt, als Dein ſchmerzerfüllter Blick mich traf, regte ſich hier etwas, dem ich nicht zu widerſtehen vermochte, ich ging Dir nach, ich faßte Deine Hand und fragte Dich: Weshalb ſiehſt Du ſo ſinſter? Du haſt mir die Schmerzen offen⸗ baret, die Du empfunden, Du dankteſt für mein Mitgefühl, und von dieſem Augenblicke an gehörte Dir mein Herz weshalb willſt Du nicht die Probe wagen, David 3Wel ich ein Hemmniß ſein würde für den kühnen Flug, den Du nehmen wirſt. Sieh, ich bin keiner von den Rohen, ich habe gelernt in der Einſamkeit aus Büchern, ich habe die Heilkunſt, die Bereitung köſtlicher Tränke mir zu eigen gemacht, ich könnte ſtehen neben manchem, und doch bleibe ich der Sohn des Henkers. Ein altes, verdammtes Geſetz befiehlt, daß die Söhne dieſes Handwerk von den Vätern erben ich bin dem Geſetz verfallen deshalb muß ich Dich laſſen.

(Fortſetzung folgt.)

Lin Diner beim Fürſten Putbus auf Rügen.

Von Arnold Wellmer.

Ich war ſo glücklich, einige Sommer⸗ und Herbſtmonate des meine Dorfkinder, die in muntren Scharen der Schule im Nachbar⸗

jüngſtverfloſſenen Jahres auf der ſchönen Inſel Rügen zu verleben. Mein guter Stern, in der Uniform eines königlich preußiſchen Gens⸗

darmen, führte mich nach dem Fiſcherdörfchen Sellin, zwei Meilen

von Putbus an einem großen Landſee reizend gelegen, von den herr⸗ lichen Waldbergen der Granitz umkränzt ein faſt traumhaft ſtilles, grünes Neſtchen. Ein kühler halbſtündiger Waldweg führt an den Oſtſeeſtrand hinab.

Wenn ich gegen Abend, Handtuch und Strohhut in der Hand, durchs Dorf dem grünen Strandwege zuſchlenderte, riefen die Fiſcher⸗ kinder in ihrer wichtig geſchäftigen Weiſe einander zu:Dei Baar⸗ herr kümmt!

Mit dem Kommen des Badeherrn war wirklich alles geſagt, ja, ich war in Sellin der Badegaſt der einzige Hochdeutſche, und das war ja gerade das Allerſchönſte an meinem wald⸗ und meer⸗ umrauſchten Neſte.

Wenn ich dann wieder morgens an dem offenen Fenſter meines niedriggegiebelten Erkerſtübchens ſaß und meinen Blick über den ſonn⸗ beglänzten See mit dem weißen Fiſcherdörfchen am Ufer und über die fröhlich grünen Wälder ſchweifen ließ und zwiſchendurch nieder⸗ ſchrieb, wovon Herz und Feder mir überfloſſen da hörte ich

dorfe zuwanderten und mir zutraulich ihren Morgengruß hinaufriefen, in ihrer platten Frau Mutterſprache einander laut zuflüſtern:Hei ſchrifft Bäuker!.

Da weiß der Leſer nun mit einem Mal alles, was er für heute von mir zu wiſſen braucht. Ich wiegte mich mit Entzücken in den kühlen Wellen der Oſtſee, trank nebenbei in vollen Zügen den ſüßen Duft von Wald, Meer und goldner Freiheit und ſchrieb Bücher!

Mitte October fror mein Baden ein. Ich konnte mich aber

immer noch nicht von meinem Fiſcheridyll trennen, obgleich ſich im Dorfe ein gewiſſer Zug zum warmen Ofen geltend machte. Auch ich ſpürte dieſen Zug, aber meinem Stübchen fehlte der Ofen. Mein freundlicher Wirth borgte mir mächtige Pelzſtiefeln, und darin ſaß ich während meiner Arbeitsſtunden wohlaufgehoben. In der übrigen Zeit lief ich viel im Walde und an der See umher, der Herbſt holte durch Klarheit und Beſtändigkeit nach, was der Sommer verſäumt hatte, und ſo vermißte ich die Berliner Oefen kaum.

Ich ſollte für dieſe Ausdauer überreich belohnt werden. Aus dem Eiſe des nordiſchen Octobers erwuchs mir auf Rügen ein ſchim⸗ merndes Immergrün für das Herbarium meines Herzens, eine unver⸗ geßliche Erinnerung an einige ſelten ſchöne Stunden meines Lebens.