Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
207
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Bank von England verfügt hatte. Die Aufregung in dem Comptoir war unbeſchreiblich; die Commis zitterten vor Angſt, als ob ſie ſelbſt ſchuldig wären; die Compagnons blickten mitleidig auf den Arreſtanten; zufällig an⸗ weſende Fremde waren voller Entſetzen und dachten, auch ihr ganzes Ver⸗ mögen ſei verloren. Um die feinen, weißen Hände des Bankiers legten ſich die grimmen, glänzendſtählernen Handſchellen, aber ihr Eigenthümer, der ſein Schreibepult beim Eintritte des unangenehmen Beſuches noch bedächtig ver⸗ ſchloſſen hatte, ſchien ganz ruhig alledem zuzuſehen. Auf dem Polizeibureau

wurden ihm die Schlüſſel abgenommen, die dann ſpäter zu höchſt wichtigen

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Entdeckungen leiteten, in welche ein großer Theil der Londoner Kaufmanns⸗ welt mitverwickelt war.

Welch ein Entſetzen verbreitete ſich deshalb über die Inhaber zahlreicher Bankgeſchäfte, ja über die ganze City, als ſie am nächſten Morgen ſorglos die noch feuchten Blätter der Times auseinanderſchlugen, und ihre Augen auf einen fettgedruckten Artikel fielen, deſſen Titel lautete:

Arretirung des großen Bankiers, Mr. Fanntleroy wegen Fälſchung!

Die ungeheure Aufregung dauerte fort und wuchs noch während der langwierigen Vorunterſuchung, da täglich neue Entdeckungen an den Tag kamen. Das Endergebniß derſelben ſtellte heraus, daß Fauntleroy ungefähr 400,000 Pfd.(über 2 ½ Mill. Thaler) veruntreut habe, aber die Bank von England ſchritt nur wegen 170,000 Pfd. gegen ihn ein, die er durch gefälſchte Vollmachten in den Jahren 1814 und 1815 erlangt hatte.

Am 30. October 1824 ſollte die öffentliche Verhandlung ſtattfinden. Um eine Ueberhäufung des Gerichtsſaales zu vermeiden, hatten die Sheriffs be⸗ ſchloſſen, den Eintritt auf Perſonen zu beſchränken, die mit Billeten, von ihnen unterzeichnet, verſehen wären. Die Galerien, welche als Privateigenthum unter der Controlle beſtimmter Beamter der Corporation galten, wurden für eine Guinea der Sitz mit großem Eifer vermiethet.

Um 10 Uhr trat der Gerichtshof in Begleitung des Lord Mayors ein. Gleichzeitig erſchien der Angeklagte. Sein Haar war zierlich gepudert, ſein Anzug ganz ſchwarz, aber elegant und tadellos wie immer. Indes ſeine frühere Feſtigkeit ſchien ihn verlaſſen zu haben, er ſtand da blaß und tief be⸗ wegt ſein Schuldbewußtſein ſchien ihn in den Staub zu beugen, niemals erhob er ſeinen Kopf, ſtützte ſich auf ſeine Hände und ſtand wie gebrochen da, während die ſieben verſchiedenen Anklagen auf Fälſchung verleſen wurden. Es war eine lange, traurige Reihe von geſchickt angelegten und ausgeführten Betrügereien, deren Aufzählung 20 Minuten dauerte.

Des Angeklagten Vater war ein Theilnehmer in der Bank von ihrer Gründung an geweſen und war es bis zu ſeinem Tode im Jahre 1807 ge⸗ blieben, wo ſein Sohn an ſeine Stelle trat und bald das thätigſte Mitglied der Firma wurde. Acht Jahre ſpäter vertraute eine Dame aus Chiceſter der Bank eine Vollmacht auf die Dividenden von 5450 Pfd. 3 proc. Conſols an. Die Dividenden wurden regelmäßig eingenommen; aber bald wurde der Bank eine nene Vollmacht präſentirt, die den Angeklagten autorifirte, jenes Papier zu verkaufen, und er verkaufte es. Es ſtellte ſich jetzt heraus, daß er den Namen jener Dame aus Ch. gefälſcht hatte und ebenſo die Namen der zwei erforderlichen Zeugen. Mit dieſem Betruge hatte die abſchüſſige Bahn des Verbrechers ihren Anfang genommen.

Das Zeugenverhör brachte die volle Schuld des Fälſchers ans Licht. In⸗ des bedurfte es des nicht einmal, denn das in der Blechſchachtel vorgefundene, Eingangs erwähnte Schriftſtück enthielt merkwürdigerweiſe ein vollſtändiges Bekenntniß des Angeklagten, eine Aufzählung der Namen der Betrogenen und der ihnen geraubten Summen und ſchloß mit der folgenden Erklärung:Um den Credit unſeres Hauſes aufrecht zu erhalten, habe ich Vollmachten für die obengenannten Summen und Namen gefälſcht und zu dem angegebenen Be⸗ trage verkauft, und zwar ohne Wiſſen meiner Compagnons. Ich ſetzte die Bezahlung der Dividenden fort, aber trug die Beträge derſelben nie in unſere Bücher ein. Die Bank von England verweigerte es zu⸗ erſt, unſere Accepte zu discontiren, und vernichtete ſo den Creditunſeres Hauſes; die Bank ſoll dafür büßen(The Bank shall smart for it).

In ähnlicher Weiſe vertheidigte ſich der Angeklagte dann auch mündlich, indem er behauptete, daß er alle Fälſchungen nur ausgeführt habe, um die Firma aus verſchiedenen drohenden Verlegenheiten zu retten, daß er ſehr mäßig gelebt und niemals einen Schilling veruntreut habe. Darauf ſetzte er ſich hin und weinte laut in großer Aufregung.

Eine lange Reihe, zum Theil hochgeſtellter, Zeugen(mehr als 16) träten nun vor und ſprachen ſich dahin aus, daß ſie den Angeklagten ſeit zwanzig und mehr Jahren als einen durchaus ehrenhaften, lautern, gütigge⸗ ſinnten, wohlthätigen Mann gekannt hätten. Das tiefſinnig ironiſche Wort: Brutus iſt ein ehrenwerther Mann! ſchien ſich hier in vielfachem Echo zu wiederholen.

1 Die Jury zog fich zurück. Der Gerichtshof und das Publicum ſaßen in höchſter Spannung und Erregung da. Kalter Schweiß lagert auf der Stirn des Angeklagten und krampfhaft hält er ſich an der Barriere vor ihm feſt, als könnte er ſo ſein Leben retten. Todtenſtille herrſcht im ganzen Hauſe.

So vergehen zwanzig Minuten. Endlich hört man das Geräuſch nahender Fußtritte. Die Jury tritt wieder ein, ernſt und feierlich. Der Richter ſucht in ihren Blicken zu leſen, und der Obmann der Jury tritt vor, um auf die feierlichen Fragen, die an ihn gerichtet werden ſollen, zu antworten. Der Angeklagte harrt mit geſteigerter Angſt auf das Wort der Entſcheidung. Das Urtheil der Jury wird geſprochen; es lautet:Schuldig, das gefälſchte Document ausgegeben zu haben, von dem er wußte, daß es gefälſchtwar. In Folge des ward die Unterſuchung der anderen Fälle nicht weiter verfolgt, aber dem Angeklagten bedeutet, daß ſeiner am Ende der Gerichtsſeſſion das Todesurtheil warte. Fauntleroy brach in ein con⸗ vulſwiſches Schluchzen aus, ſank kraftlos zuſammen und mußte weggeführt werden.

Des elenden Mannes Tage waren gezählt.

Im Kerker mochte wohl von

ſeinen eigenen Augen die Larve ſeiner eingebildeten Ehrenhaftigkeit fallen; da mochte er ſich erinnern, wie er durch leichtſinniges Spielen, durch einen thörichten Luxus ſein Vermögen untergraben und aus Furcht vor wirk⸗ lichehrenhafter Armuth angefangen hatte zu betrügen und zu ſtehlen. Oder hatte ſein Gewiſſen ſchon in den langen neun Jahren dieſes traurigen Lebens ihn gepeinigt? Wir können kaum daran zweifeln, obſchon jenes mit feſter Geſchäftshand geſchriebene Geſtändniß, durch das er ſich ſelbſt zu be⸗ lügen geſucht, von einer ſeltenen Verblendung und Verſtockung zu zeugen ſcheint. Welche Tortur mußte der ernſte, würdige Mann ausſtehen, wenn er am Dividendentage in ſein Geſchäft ging und Jedermann vor ihm ſich beugte, während der geringfügigſte Umſtand ihn als Betrüger entlarven konnte!

An einem neblicht kalten, düſtern Novembermorgen deſſelben Jahres ſtrömten ungeheure Volksmaſſen zuſammen, um den großen Bankier hängen zu ſehen. Er war der drittletzte, der in England die Todes⸗ ſtrafe für ein ſolches Verbrechen erlitten; im J. 1837 wurde ſie für derartige Fälle abgeſchafft.

Wir verweilen nicht bei ſeinen letzten Augenblicken; nur ein ſchauerlich characteriſtiſcher Zug für die Aufrichtigkeit der Tiſchfreundſchaften ſei zum Schluß noch erwähnt. Fauntleroys Diners waren beſonders berühmt geweſen wegen eines vorzüglichen und unvergleichlichen Curagao, eines feinen weſt⸗ indiſchen Pomeranzenliqueurs. Niemals wollte er verra hen, wo er denſelben her bezöge. Kurz vor ſeinem Tode ſuchten ihn drei ſeiner Freunde iun ſeiner Zelle auf. Nach einigen allgemeinen, oberflächlichen Redensarten, wandte ſich einer an ihn und ſagte:Fauntleroy, Du ſtehſt am Rande des Grabes, und die Ewigkeit erwartet Dich. Wir haben nichts in die Welt gebracht, und können ſicherlich nichts mit herausnehmen. Haſt Du in einem ſolchen Augenblicke noch etwas dawider, uns zu ſagen, wie und von wem Du jenen Curagao bezogen haſt?

Wir wiſſen nicht, ob der unglückliche Mann die treuen Freunde zufrieden⸗ geſtellt hat, bald darauf aber wurde er aufs Schaffot geführt. Ch. D.

Löwenjagden in Nordafrika.

Der Reiſende, der die ſchönen Seeſtädte Algier oder Philippeville be⸗ ſucht, vertauſcht mit innigem Behagen ſeine dumpfe Schiffscabine mit einem eleganten Salon des europäiſchen Quartiers. Hat ſich ihm in der Vorſtadt Bal⸗Azoun oder in der Kaiſerſtraße ein gaſtfreundliches Haus geöffnet, ſo ruft er fröhlich aus:Hier iſt gut wohnen; hier finde ich ja mein Daheim wieder!

Da fällt ſein Blick auf ſtattliche Jagdtrophäen, die ihn daran erinnern, daß er den Boden des alten Numidiens betreten hat. Schimmernde Mu⸗ ſcheln und Korallenbäumchen ſchmücken das Kamin; ein prächtiger Panther⸗ pelz bedeckt das Ruhebett, zu deſſen Füßen ein Löwenfell ſich weithin über die rothen Backſteine ausdehnt. Beſonders die Caids(Häuptlinge) und die Officiere der bureaux arabes ſuchen ſich ſolche Beute anzueignen.

In dem Atlasgebirge, beſonders auf den Bergen Filfila, Edugh, Mahuna und Babor, trifft man häufig den König der Thierwelt an. Auf meinen Reiſen beſuchte ich dort zwei Dörfer, welche bedeutſam genug Enſchir⸗Said und Ain⸗Lubba heißen(Löwenhöhle; Quelle der Löwinnen). Doch fand ich auch deutſche Koloniſten, welche vom Ochſenwagen herunter einen Löwen mit Peitſchenhieben verjagten, beherzte Araber, die wie der jugendliche Held David ihr Schaf aus dem Rachen des Räuberfürſten riſſen. In nächt⸗ licher Stille verkündet oft das Bellen der Kabylenhunde, daß ein gefährlicher Feind das Douar bedrohe. Alſobald durchtönt der Ruf: Said!(Löwe) das ganze Lager; aus allen Zelten, aus allen Schilfhütten ſtürzen Männer und Weiber, die ſich in einer langen Reihe aufſtellen und den ungebetenen Gaſt: carotti Kelb ben Kelb(Dieb! Hund und Sohn eines Hundes!) heißen. Vor dieſen gellenden Stimmen weicht das Raubthier erſtaunt oder großmüthig zurück und ſucht unter den Scharen der Wildſchweine und der Schakale eine leichtere Beute.

Algerien nennt mit Stolz die gewaltigen Jäger Jules Gerard, Chaſſaing und Bombonnel, die mit ihren vortrefflichen Büchſen und explodirenden Ku⸗ geln ſich manche spolia opima erkämpft haben. Bald ziehen die kecken Schützen einzeln von Berg zu Berg, mit einer Ziege, die als lebendige Lockſpeiſe dienen muß. Bald leiten ſie große Treibjagden, an welchen auch adelige Nimrode aus Ungarn und Rußland Antheil nehmen dürfen. Weni⸗ ger bekannt iſt der Araber Abdallah, welcher, ein würdiger Nachkomme Jugurthas, mit einer alten Flinte ſchon vierzig Löwen bei Sukharras an der tuniſiſchen Grenze erlegt hat.

Die Araber überlaſſen gerne den europäiſchen Schützen die gefährliche Ehre des Kampfes mit dieſen gewaltigen Raubthieren. Sie ſuchen lieber ihre Feinde in Gruben zu fangen, welche ſie in der Nähe des Lagers vor einem Pferche anlegen. So kenne ich einen Araber im Bezirk Penthiévre, der auf dieſe Weiſe nach und nach vierzig Löwen gefangen hat. Bei ſolchen Gelegenheiten rief er die franzöſiſchen Jagdliebhaber von Bone und Guelma herbei, um die Beſtien in der engen Arena erſchießen zu laſſen.

Die Regierung bezahlt für die Erlegung dieſer Thiere bedeutende Prä⸗ mien. Das Fleiſch wird begierig zuſammengekauft und ſchmeckt wie vortreff⸗ liches Kalbfleiſch. Der zubereitete Pelz koſtet 2 bis 500 Franken. Oft ſah ich, wie ein Mauleſel keuchend und ſchaudernd einen erlegten Löwen vor das bu⸗ reau arabe ſchleppen mußte. Einſt bemerkte ich einen franzöſiſchen Solda⸗ ten, der wie der Athlet Milo einen Löwen auf den Schultern herumtrug. In manchen algeriſchen Kaſernen dürfen gezähmte Löwen im Hofe des Com mandanten frei herumlaufen.

Aus den Berichten des Miſſionars Livingſtone, der ſelbſt unter den Klauen eines angeſchoſſenen Löwen geweſen iſt, weiß man, daß die Opfer die⸗ ſes Raubthieres ihren Mörder betäubt anſtarren, ohne Augſtgefühl, ohne Schmerzen, wie wenn ihnen die gütige Vorſehung des Todes Bitterkeit ver⸗ treiben wollte. K. Siegfried.

Ein Zug aus dem Leben der Schwalben. Im Sommer des Jahres 1860 wurde mein Wohnhaus durchgebaut. Das einzige Schwalbenpaar, an welchem ich meine Freude hatte, büßte