ſeln anlege, weil ſie nicht im Dialekt denken könnten und ihre Gewiſſenhaftigkeit ſie zu Uebertreibungen in den Eigen⸗ tümlichkeiten ihrer Mundart verführe. Dann ſagt er ein⸗ mal, daß das Plattdeutſche„der Uebung in der Abſtraktion entbehre“(S. 53), was natürlich von allen Mundarten gilt, weil der gemeine Mann nur rein dinglich denkt und weil die Mundarten das Glück hatten, von der philo⸗ ſophiſchen Invaſion der lateiniſchen und franzöſiſchen Sprache verſchont zu bleiben..
Aber nicht nur abſtrakte Begriffe überhaupt fehlen den Mundarten, ſondern auch im Beſonderen überſinnliche, ſoweit ſie nicht durch Gottesdienſt und Kultgebräuche be⸗ kannt geworden ſind, wie Gott, Teufel, Jenſeits u. a. Ebenſo ſcheut ſich das bäuerliche Seelenleben gemeinhin vor Ausdrücken der Zärtlichkeit, und ſo fehlen ihm auch dafür die Worte. Ein Drama, das bäuerliches Seelenleben dar⸗ ſtellen ſoll, iſt deshalb ein Unding; der bäuerliche Menſch iſt niemals ein dramatiſcher Menſch, und deshalb finden wir in der Dialektliteratur ſo ſelten ein gutes Drama. Weder Schönherr noch Hauptmann haben ohne Fälſchungen des Volkscharakters auskommen können, wie ich das für Schön⸗ herr im Gieß. Anz. vom 25. 1. 1911 nachgewieſen habe, und Kurt Wagner in ſeiner Schrift über Schleſiens mund⸗ artliche Dichtung für Gerhart Hauptmann(S. 61— 66).
Die Dialektdichtung muß ſich alſo notwendigerweiſe im Weſentlichen auf die Welt der äußeren Erſcheinungen be⸗ ſchränken. Hier kann ſie ſich farbenreich und kraftvoll ent⸗ falten. Hier fühlen wir nach Stielers treffendem Wort (a. a. O. S. 92) den Puls der Sprache und das Blut, das in den Pulſen pocht.„Welche Fülle der Vergleiche und der Bilder bietet uns nun die Mundart dar in ihrem ſprudelnden Uebermut, welch feine Beobachtung und Charakteriſtik liegt in dieſen Adjektiven, welche Stamm⸗ kraft in dieſen Verbis, die der Dialekt ſich geſtaltet hat. Daneben erſcheint uns die hochdeutſche Sprache gleichſam matt und farblos.“—
Und doch kommen die wenigſten Dialektdichter ohne Anleihen bei ihr aus.
Wie weit das gehen dürfe, erörtert Lübben im Korreſpondenzblatt des Vereins für ndd. Sprachforſchung vom Jahre 1881(S. 65 ff.), im Anſchluß an den von Groth gebildeten Ausdruck moderſprake ſtatt des rein mund⸗ artlichen landesſprak. Seine Meinung, daß dieſe Ent⸗ lehnung in manchen Fällen unumgänglich notwendig ſei, kann höchſtens für das Niederdeutſche ſtimmen, das bis
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in die gebildetſten Kreiſe geſprochen wird, nicht aber für die anderen deutſchen Mundarten, die ſich Stufe um Stufe mehr abſchleifen. Aber das traf ſchon vor einem Menſchen⸗ alter auch für das Plattdeutſche zu, denn Soein ſtellt (a. a. O. S. 500 f.) feſt, daß dieſe Gewohnheit„in neuerer Zeit ſo mißbraucht werde, daß nicht nur einzelne Wörter, ſondern auch ganze Phraſen und Redewendungen wörtlich überſetzt ſind, allerdings oft richtig nach den Regeln der Lautgeſetze, aber unrichtig nach dem Geiſte des Dialekts“. Das kommt daher, daß die meiſten Dialektdichter aus dem Hochdeutſchen in die⸗Mundart überſetzen, weil ſie nicht mundartlich denken können. Der Sprachkünſtler aber muß ungehemmt aus dem Vollen ſchöpfen können. Das iſt auch
. Behaghels Anſicht. In der Einleitung zu ſeiner Hebel⸗ Ausgabe(S. XV) äußert er:„In einer Sprache kann nur
das mit Leichtigkeit dargeſtellt werden, wofür ſie Ausdrucks⸗ mittel beſitzt. Aber nur diejenigen Wörter ſind lebendige Glieder der Sprache, die immer wieder zur Anwendung kommen. Folglich kann nur das ohne weiteres in einer Sprache Ausdruck finden, was ihn ſchon öfter in derſelben gefunden hat. Daher, je gewaltſamer ein Dichter der be⸗ ſtehenden poetiſchen Welt gegenübertritt, deſto mächtiger wird ſein Ringen nach neuen Ausdrucksmitteln, deſto eigen⸗ artiger ſeine Sprache ſein.
Der Umfang deſſen, was in einer Sprache zur Dar⸗ ſtellung kommt, wird nach Zeit und Volk verſchieden ſein. Im allgemeinen kann man ſagen: dieſer Umfang iſt ſo weit. ſo weit das Intereſſe reicht und der gute Ton.“
Hermann Fiſcher ſieht in ſeiner Geſchichte der ſchwäbiſchen Dialektliteratur(S. 136) die großen Schwierig⸗
keiten der ſprachlichen Form darin,„daß nur wenige Ge⸗ bildete— und anderen fällt es doch nicht ein, etwas derart
zu ſchreiben— den Dialekt genug beherrſchen, um ihn nicht
nur fehlerlos, ſondern auch mit der nötigen Fülle und
Prägnanz des Ausdrucks ſchreiben zu können“. Und in ſeinen Beiträgen zur Literaturgeſchichte Schwabens (S. 238)„Der Dialekt als Literaturſprache kann nur zur Charakteriſtik fremder Denk⸗ und Redeweiſe, nicht als direkte Lebensäußerung des Redenden dienen.“ Und aber⸗ mals(S. 235):„Nur der ganz an die Scholle gebundene, von der Weltkultur losgelöſte Menſch ſagt in ſeinem Dia⸗ lekt mehr als in ſchriftſprachlicher Form: dem Gebildeten iſt der Dialekt ein Hemmſchuh, ſobald er ihn ſchreiben will, denn er denkt ſchriftdeutſch dem Gehalt nach. Je weiter wir uns alſo aus den Kreiſen der Bildung ent⸗
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