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Geschichte der mundartlichen Literatur in Hessen und Nassau
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fernen, um ſo adäquater iſt die Dialektform dem Aus⸗ druck der Gedanken.

Aus allen dieſen, mitunter recht widerſpruchsvollen Meinungen erhellt, daß der Dialektdichter aus dem Volke ſelbſt ſtammen muß und daß unbedingte Wahrhaftigkeit ſeine Hauptaufgabe iſt. Er muß ſeine Phantaſie und ſein Wiſſen zu einem guten Teil ausſchalten und mundartlich denken können. Dabei iſt daran feſtzuhalten, daß die⸗ jenigen Schöpfungen die beſten ſind, die keinen Reim haben und nicht auf einen Kernwitz hinauslaufen. Vor allem aber dürfen ſie nicht ohne weiteres ins Hochdeutſche übertragbar ſein. Jene alſo, die nach Jean Pauls be⸗ geiſterter Hebelkritikunter Verachtung der Pointe Bilder geben, die ſich in den Rahmen verlieren.

Wie ſehr der Reim hindert, beweiſen die vielen Bei⸗ ſpiele für Reimentlehnung. So hat beiſpielsweiſe die nieder⸗ deutſche Uebertragung von Konrads von Würzburg Gol⸗ dener Schmiede, die Wilhelm Grimm herausgegeben hat, faſt durchgängig die hochdeutſchen Reime beibehalten, was Seedorf in einer beſonderen Abhandlung belegen wird.

Wie wenig man ſich im allgemeinen über die Grenzen der mundartlichen Dichtung klar iſt, wird im Laufe dieſer Darſtellung mehrfach zu erörtern ſein. Am auffälligſten iſt es, daß ſelbſt philologiſch geſchulte Dialektdichter der Mei⸗ nung ſind, es genüge die getreue Wiedergabe des Laut⸗ beſtandes. Da dieſer aber nicht ſelten von Dorf zu Dorf wechſelt, iſt er das geringfügigſte, und iſt das um ſo mehr, als die Rechtſchreibung doch kein genaues Lautbild geben kann. Am wenigſten bei poetiſchen Darſtellungen, die auf einen großen Leſerkreis berechnet ſind und ſich deshalb in der Schreibung möglichſt dem Schriftdeutſchen anſchließen müſſen. Es iſt deshalb nichts dagegen einzuwenden, wenn

im Rheinfränkiſchen Rhein geſchrieben wird oder Wein, Nas

oder Andau(für wei, nas, Adau], denn nur der Ein⸗ heimiſche wird den eigentümlichen Zwitterlaut richtig aus⸗ ſprechen können. Die Bezeichnung der Raſalierung allein genügt hier ganz und gar nicht. Falſch aber iſt es, wenn dann Nas auf Gras gereimt wird, Stadt und hat, Rhein und klein, wie es vielfach vorkommt, denn ſie ſind im Klang durchaus verſchieden und erſcheinen nur dem Auge als regelrecht. Ich nenne ſie deshalb Augenreime. Neben dieſen formalen Erſcheinungen begegnet man in der heſſi⸗ ſchen Dialektliteratur auch vielfachen Sprachmiſchungen, wie ſie aus dem Niederdeutſchen als Miſſingſch, aus dem Schwei⸗ zeriſchen als Großratsdeutſch bekannt ſind. Der Kölner

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nennt dasHochdeutſch mit Knubbeln. Im deſſtſchen iſt es allerdings ſo, wenigſtens in der Dialektliteratur,

daß es ſich nicht um ein mundartlich durchſetztes Hoch⸗

deutſch handelt, ſondern um eine mit hochdeutſchen Flos⸗ keln durchwirkte Mundart, die ich mit Salondialekt be⸗ zeichnen möchte. Er bringt gewöhnlich das mundartliche Lautbild, ſchließt ſich aber im übrigen recht eng an die hochdeutſche Schulgrammatik an. Da finden ſich denn meiſt auch alle anderen Verſtöße gegen den Geiſt der Mundart. Mitunter iſt dieſe Erſcheinung auch für komiſche Wirkungen

ausgebeutet, ſo von Nadler für ſeine böſtlichen Nähders⸗

mädle, von Niebergall und von den Mainzer Faſtnachts⸗ dichtern. Da kommt denn häufig ein höchſt vergnügliches Hyperhochdeutſch zutage, von dem ſpäterhin noch wei⸗ teres zu ſagen iſt.

Für meine Arbeit, die am 24. Juli 1919 von dem Prüfungsausſchuß der Univerſität Gießen(Berichterſtatter: Dr. Behaghel) als Diſſertation zur Erlangung der Doktor⸗ würde der philoſophiſchen Fakultät genehmigt wurde, waren faſt keine Vorarbeiten vorhanden, die wiſſenſchaftlichen An⸗ ſprüchen genügen konnten, außer Askenaſys bereits erwähn⸗ ter Schrift über die Frankfurter Mundart und ihre Lite⸗ ratur, über die Behaghels Rezenſion im Literaturblatt für germ. und rom. Phil., Bd. 28, Seite 149, zu ver⸗ gleichen iſt. Die von Friedrich Schön als Geſchichte der rheinfränkiſchen Mundartdichtung ausgegebene Bro⸗ ſchüre iſt eine ungemein oberflächliche und äußerſt lücken⸗ hafte Zuſammenſtellung einiger biographiſcher und biblio⸗ graphiſcher Notizen, die völlig unzuverläſſig ſind. Das⸗ ſelbe gilt für Alexander Burgers Bibliographie der ſchönen Literatur Heſſens, deren wahren Wert ſchon Alfred Roſenbaum im Euphorion, 9. Erg.⸗Heft, S. 14, feſtgeſtellt hat. Die Angaben beider mußte ich Zeile um Zeile nach⸗ prüſen. Vielfache Anregungen und mancherlei wertvolle Hinweiſe habe ich brieflich erhalten. Beſonderen Dank ſchulde ich meinem verehrten ehemaligen Lehrer, Herrn Ge⸗ heimerat Prof. Dr. Otto Behaghel, für die Anregung der Arbeit und für die vielen wertvollen Finger⸗ zeige, die er mir mündlich und ſchriftlich zuteil werden ließ. Weiter habe ich zu danken dem Direktor der Bremer Stadtbibliothek, Herrn Prof. Dr. Heinrich Seedorf, der mich bei der oft recht ſchwierigen Beſchaffung der

umfangreichen Literatur in der liebenswürdigſten Weiſe

unterſtützte, Herrn Geheimen Archivrat H. Grotefend in Schwerin, Prof. Dr. John Meier in Freiburg, Prof. Dr.

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