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Geschichte der mundartlichen Literatur in Hessen und Nassau
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Im folgenden ſoll nun der Dialekt nicht als eine un⸗ willkürliche Folge des gewöhnlichen Lebens und Verkehrs

betrachtet werden, ſondern als frei gewählter Ausdruck

und als abſichtliches Kunſtmittel, als künſtleriſche Schöpfung alſo. Da iſt es denn klar, daß die einzelnen Dialektdichter, und wenn ſie aus demſelben Hauſe ſtammen, nicht ein und dieſelbe Mundart ſchreiben können, ebenſowenig wie die hochdeutſchen Dichter ein und denſelben Stil haben. Wie der Maler einem Bildnis von ſeiner eigenen Perſönlichkeit gibt, wenn er wirklich ein Künſtler iſt, ſo verfährt der Dichter auch. Die Sprache iſt ein Ausdruck ſeines Geblütes, ſie muß, wie Alfred Bock dem Verfaſſer einmal ſchrieb, durch die Filter ſeines künſtleriſchen Temperamentes hin⸗ durchgehen. Er formt um, wird ſchöpferiſch und bringt oft ganz neues zur Wortgeſtaltung, das im Tiefſten dann doch zum Weſenselement der Mundart wird. So iſt es ein viel⸗ verbreiteter Irrtum, daß Niebergall genau die Darmſtädter Mundart nachgeahmt habe. Das iſt nicht der Fall, wie ſpäter noch zu zeigen iſt. Geht man dem Darmſtädter Dialekt auf den Grund, ſo findet man unſchwer, wieviel er umgeſtaltet und ſelbſt erfunden hat. Daß er dabei trotz⸗ dem dem Geiſt ſeiner Mundart treu blieb, das iſt nicht ſein geringſtes Verdienſt, und dennoch eigentlich ſelbſt⸗ verſtändlich, denn die Sprache iſt, was die ſog. Expreſſio⸗ niſten nicht wiſſen, ein lebendes Weſen. Aber ſie lebt nur im Menſchen, und ſo iſt denn ihr Werden und ihr Wandel abhängig vom Einzelnen. Jeder, der ſpricht oder ſchreibt,

arbeitet an der Umbildung der Sprache. Wie alſo nicht

der Dichter, deſſen vornehmſtes Werkzeug ſie iſt. Sollte man ihm dieſes Recht verkümmern wollen, weil er ſich der Mundart bedient, ſo nähme man ihm ſein Beſtes. Denn allein der Dichter hat die lebendige Fülle der Sprache, der Mundart, und nicht die, die ſie mit ängſtlicher Ge⸗ wiſſenhaftigkeit vom Munde des einfachen Mannes ab⸗ ſchreiben, deſſen Wortſchatz ſo eng begrenzt iſt wie ſein Ge⸗ ſichtskreis. Dürftiger iſt die Mundart auf dem Lande, wo ſich alles nur um Gedeih und Verderb der Früchte dreht, wo alles in der Enge beiſammen lebt und im engſten ſein Genügge findet, als in der Stadt, wo Handel und Verkehr, Gewerbe und Handwerk ſich mannigfaltig veräſteln und be⸗ fruchten. Das gilt aber nur für den Wortſchatz, allenfalls auch noch für die Lautgeſtaltung, in der Satzbildung ſtimmen ſie ziemlich genau überein. Aber dieſe Freiheit hat ihre Grenzen, und ihnen hat ſich auch die mundartliche Dichtung zu fügen. Es erhebt

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ſich alſo die Frage, was von einer guten Dialektdichtung

zu verlangen iſt und wo ſie ihre Grenzen findet. Da empfiehlt es ſich zunächſt, die Anſichten der be⸗ deutendſten Dialektdichter und Mundartforſcher feſtzuſtellen. Das bäuerliche Tun mit ſeinen Freuden und Leiden,

ſagt Karl Stieler(a. a. O. S. 9),die Wageſtücke der Jagd, die Schelmenſtücke der Verliebten, farbenreichſte Feſte

und mitunter wohl der Konflikt der Untergebenen mit ihren Honoratioren, das ſind ſo die nächſtliegenden und oft

die einzigen Motive; allein ſie werden erweitert zu tauſend

farbigen Nuanceen durch die Auffaſſung, welche Phantaſie und Witz des Volkes an dieſe ſpärlichen Begebenheiten

knüpft.

Es ſins ſeiner Meinung nach alſo lediglich Witz und Humor, die die mundartliche Dichtung beſtimmen, und es fehlt, wie ſein Herausgeber zutreffend bemerkt, das eigent⸗ lich Lyriſche faſt ganz. In ſeinem Aufſatz über die ober⸗

bayriſche Mundart(V. 95) zieht er die Grenzen weiter

Jedes Hinausgehen über das, was im Bereiche unſerer Mundart geiſtig und kulturgeſchichtlich möglich iſt, würde den Stoff nur auf Koſten der Echtheit erweitern und damit das Wertvollſte verlieren, um etwas minder Wertvolles zu gewinnen.

Karl Gottfried Nadler legt den größten Wert auf das Charakterbild des Volksſtammes. In der Ein⸗ leitung zu ſeinerFröhlich Palz ſagt er:Ich bin der Meinung, daß, wenn man ſich einmal einer von der

Schriftſprache abweichenden Mundart bedient, der Leſer mit

Fug und Recht erwarten darf, ein Charakterbild des be⸗ treffenden Volksſtammes mit der Mühe des Verſtändniſſes zu erkaufen; Charakterzeichnungen, bei denen die Sub⸗ jektivität des Dichters beſcheiden im Hintergrunde bleiben muß. Denn gerade die Darſtellung des Volkes in ſeinem Denken, ſeinem Leben, ſeiner Ausdrucksweiſe, wie alles dies nun einmal iſt, war mein Ziel.

Ganz weit zieht Kl aus Groth die Grenzen, wenn er in ſeinen vielfach veralteten und mitunter recht ein⸗ ſeitigen Briefen über Hochdeutſch und Plattdeutſch(Quick⸗ bornbücher VI, 42) die Behauptung aufſtellt, daß eine Sprache nur das nicht ausdrücken könne, was ſie noch nicht ausgedrückt habe. Dieſe dehnbare und ganz unzutreffende Behauptung ſchränkt er aber gelegentlich auch wieder ein. So, wenn er(S. 2W0) feſtſtellt, daßFirmenichs viel⸗ gelobtes Buch Germaniens Völkerſtimmen gar keinen Wert habe, weil den Aufzeichnern ihre hochdeutſche Bildung Feſ⸗

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