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Geschichte der mundartlichen Literatur in Hessen und Nassau
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Was Soein in ſeinem umfangreichen Werke über Schriftſprache und Dialekte im Deutſchen(Seite 501) vom Niederdeutſchen ſagt, daß überhaupt von Tag zu Tag mehr hd. Ausdrücke ins Niederdeutſche dringen und daß die, welche nur ndd. denken, nicht zu ſchreiben pflegen. das gilt für alle Dialekte. Wer ſchreibt, der denkt meiſt nicht in der Mundart, ſondern in der Schriftſprache, und gebraucht dann den Dialekt wie eine fremde Sprache nach äußeren Regeln, diemit Bewußtſein mehr oder minder gewiſſenhaft beobachtet werden, während die Regeln der Mutterſprache und namentlich das Stiliſtiſche eine innere Macht ſind, die unbewußt ſchafft und wirkt.(Ebda.)

Wir ſind, wie Soein weiter ausführt,teils durch Geburt, teils durch Erziehung, teils durch die Schule, jedenfalls aber durch unſer Schwimmen in der großen literariſchen hd. Strömung unſeres Zeitalters ſo hd. infi⸗ ziert, daß wir entweder unvermerkt oder aus Unfähigkeit oder aus Ratloſigkeit zu ganz oder halb hd. Ausdrücken greifen.

Ueberhaupt gehen ja die Dialekte ihrem Untergang entgegen, und alle künſtlichen Nährverſuche werden auf die Dauer ebenſo zwecklos ſein, wie die Bemühungen um die Erhaltung der Volkstrachten. Der durch die erleichterten Reiſebedingungen geſteigerte Handel und Verkehr, die Freizügigkeit, Schule, Kirche und Preſſe, die Fabriken wie ehedem der Milltärdienſt, arbeiten unausgeſetzt an der Untergrabung des Dialektes. Wie ein Kreis ſtrahlt es von den größeren Städten auf das Land aus, ſo daß die eigentliche Mundart immer mehr zurück⸗ weicht und ihren Erſatz in einem gewiſſen Patois findet. Das dringt natürlich auch wieder in die mundartliche Dichtung ein, wie es Borchling in ſeinem Aufſatz Sprach⸗ charakter und literariſche Verwendung des ſog.Miſſingſch (Wiſſ. Beihefte 37, S. 212) insbeſondere für das Nieder⸗ deutſche nachweiſt. 3

Es bilden ſich ſo zunächſt verſchiedene Sprachſchichten, die vielleicht die geſchichtliche Entwickelung der ſtädtiſchen Dialekte wiederſpiegeln, jedenfalls aber beweiſen, daß wir heute in jedem Sprachgebiet eine ganze Reihe ſtändi⸗ ſcher Mundarten beſitzen. Schon Moritz Rapp unter⸗ ſcheidet in ſeiner Phyſiologie der Sprache Mundarten des Landes, der Stadt und der Gebildeten, was aber nicht genügend gegliedert ſein dürfte, denn letzten Endes hat jeder Stand ſeine beſondere Sprache, ſeine eigene Mundart.

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Aber auch die einzelnen Generationen reden verſchie⸗ den. Die heutigen Mundarten ſtehen der Schriftſprache ſchon wieder weſentlich näher als die der ſiebziger Jahre, und bei vielen Dialektdichtern, die um 1830 ſchrieben, finden ſich Wörter und Formen, die heute ausgeſtorben ſind. Andere wieder haben ſich faſt völlig der Schrift⸗ ſprache angeſchloſſen: wie im Heſſiſchen Schdurrend, das heute durchweg Schtudend heißt, oder Märrercher, das zu Mädercher und Modcher geworden iſt. Soweit geht aber die Angleichung an die Schriftſprache ſelbſt in gebildeten heſſiſchen Kreiſen nicht, daß der Hauchlaut T in deutſchen Wörtern gebraucht würde. So heißt es denn: Dod, Daler,

Diſch, aber Theater, Taß, Tee. Ebenſo bleibt K in Fremd⸗

wörtern durchgängig G. Es heißt alſo: Afriga, Ameriga. Muſigande. Sch und ch ſind nicht weſentlich unterſchie⸗ den. Kirſche wird ausgeſprochen wie Kirche, Tiſch wie dich. Hier mag auch gleich erwähnt ſein, daß Nominativ und Akkuſativ des unbeſtimmten Artikels ebenſowenig mehr unterſchieden werden wie die des beſtimmten. Dem Kon⸗ junktiv begegnet man faſt nur bei den Hilfszeitwörtern, ſonſt ſteht faſt immer der Indikativ. Kommt er aber doch einmal vor, ſo iſt es der Einfluß der Schriftſprache; da nimmt er dann mitunter ſeltſame Formen an, wie: ſie gingte, ſie braichte, ſie kémte.

Die komiſchen Wirkungen, die ſich aus dem Einfluß der Schriftſprache ergeben, hat Niebergall in ſeinen beiden Luſt⸗ ſpielen Des Burſchen Heimkehr und Datterich ganz vorzüg⸗ lich verwendet. Im Datterich vermiſcht Dumbach die an⸗ geleſenen Redefloskeln des Zeitungsdeutſchen ebenſo luſtig als bezeichnend mit der herzhaften Sachlichkeit der Mund⸗ art, und in des Burſchen Heimkehr redet Bärbel in einem Dialekt, der durch die Lektüre ſüßlicher Romane beeinflußt iſt und dadurch außerordentlich komiſch wirkt. Dieſe Wir⸗ kungen verſtehen vor allem die Mainzer Karnevalsdichter trefflich auszunutzen; ein Meiſter darin iſt Jean Dremmel, Der Stoltze vom Rhein. Zu einer faſt klaſſiſchen Verwen⸗ dung hat der Oberſachſe Guſtav Schumann dieſe Art ge⸗ bracht, der in ſeinemBliemchen gleichſam den Helden eines komiſchen Zeitromans ins Leben ſtellte.

Gegen dieſen Gebrauch der Mundart iſt natürlich nichts einzuwenden. Das darf nur nicht ſo weit gehen, daß die Syntax der Schriftſprache benutzt wird, wie das beiſpiels⸗ weiſe Friedrich Stoltze in ſeinen proſaiſchen Schriften faſt ausnahmslos, oft bis zur Unerträglichkeit getan hat.

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