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Geschichte der mundartlichen Literatur in Hessen und Nassau
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ſehr ſorgfältig angegeben hat. Viele Dichter minderen Ranges konnte ich zuſammenfaſſend beſprechen, weil ſie nichts anderes wollen, als ihren Mitbürgern einen Spaß

machen, und weder äſthetiſch noch ſprachlich von Belang

ſind. Heute bedienen ſich viele der Mundart angeblich zu

poetiſchen Zwecken, die nicht die geringſte dichteriſche Be⸗ gabung haben. Sehr richtig weiſt A. von Eye in einem

Aufſatz über den Kampf der Dialekte gegen die Schrift⸗ ſprache, der in Frommans Deutſchen Mundarten(II, 101, ff.) abgedruckt iſt, darauf hin, daß vor allem die Urheber ſchlechter Verſe dieſe in das Gewand der Mundart kleiden, um ſich darinvor den kritiſchen Schlachtbänken einen

heilen Hals zu erbetteln. Aber im ganzen betrachtet iſt

in der Dialektliteratur die Zahl der talentloſen Reimer nicht größer, als in der Schriftſprache. Richtig gewertet

iſt die Mundart und die mundartliche Literatur ein

wahrer Jungbrunnen; unſere beſten Dichter, die alle in der Mundart groß geworden ſind, haben viel landſchaft⸗ liches Sprachgut ins Hochdeutſche gebracht.Nur der kann das Volk in ſeinen Tiefen erkennen, ſo führt Behaghel in der Einleitung zu ſeiner Hebelausgabe an(XYI), ſein Weſen in der dichteriſchen Schöpfung verklären, der ſelbſt im Volke erwachſen iſt, mit dem Volke fühlt, ſeine Sprache denkt und redet.

Und das iſt denn auch das weſentlichſte, daß der Dialektdichter mundartlich denkt, wie das Anzengruber 3. B. durchaus vorbildlich tut, und wie wir es ſpäter bei manchem anderen finden werden. Das verlangt auch Karl Stieler, der ja zu unſeren bedeutendſten Dialektdichtern gehört, in einem tief eindringenden Aufſatz über die ober⸗ bayriſche Mundart, der in ſeinen von Karl Quenzel her⸗

ausgegebenen Werken unter die Hochlandsbilder(S. 82)

eingereiht iſt. Trotzdem finden wir in Stielers Anfängen vielfach ein bedenkliches Hinausgehen über die Mundart,

ſo daß der Dialekt nicht anders erſcheint als eine will⸗

kürliche Form. Zudem iſt in den meiſten mundartlichen Gedichten die Schilderung, der Bericht, nicht um ſeiner ſelbſt willen da, ſondern das Ganze ſteht im Dienſte eines Witzes, iſt nur Vorbereitung auf die in den Schlußzeilen enthaltene Spitze. Biel reicher erſchließt ſich der reiche Schatz der Mundarten, wenn das Bild, wie Behaghel in ſeiner Abhandlung über die Karlsruher Mundart(Badiſche Heimat, 3. Jahr, 1. Heft) ausführt, hervorwächſt aus der Hingebung an das kleine Leben, aus der liebevollen Beob⸗

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achtung ſeines Sonderbaren und Schrullenhaften, ſeines Verdruſſes und ſeiner Freuden, wenn alſo die volkstümliche Rede ſich von ſelber als die notwendige Form der Dar⸗

ſtellung aufdrängt.

Allerdings: die mundartlichen Dichtungen geben ſelten die reine Mundart wieder. Selbſt bei den beſten miſchen

ſiich hin und wieder ſchriftſprachliche Wendungen und Wörter eein, wozu Hans Reis(Die deutſche Mundartdichtung, S. 11) meint, daß ſie das mit der echten Mundart, der lebendigen Sprache gemeinſam habe, aber er überſieht in dieſer wenig gründlichen Darſtellung, daß Mundart und Umgangsſprache ſcharf auseinander zu halten ſind. Es gibt eben gar manches, was ſich der getreuen Wieder⸗ gabe durch die Nundart entzieht, denn vor der Mundart

zeichnet ſich, wie Friedrich Kluge zutreffend bemerkt(Unſer

Deutſch, S. 48/49), die Schriftſprache aus durch umfäng⸗

lichere Begriffe und Wortkreiſe, die eigentlich nur in der

Literatur und den ihr zunächſt ſtehenden Volksſchichten leben. Was Kunſt und Wiſſenſchaft an Wortmaterialien

verlangen, was für Anforderungen die geiſtigen Intereſſen der Gebildeten und die verfeinerten Lebensbedürfniſſe in den großen Mittelpunkten des Verkehrs an die Schrift⸗ ſprache ſtellen, dem kann die Mundart nur in den ſel⸗ tenſten Fällen dienen: meiſtens verſagt ſie.

Aber auch die Wiedergabe der Mundart ſelbſt ſtößt

auf mancherlei Hinderniſſe, ſelbſt wenn es ſich um einen

eng geſchloſſenen Sprachkreis handelt, eine ſcharf begrenzte Sprachſchicht. Da ſind zunächſt die Forderungen des Verſes.

des Reimes, die ihren Einfluß geltend machen und zu Ent⸗

ſtellungen verleiten. Beſonders in den ſüddeutſchen Mund⸗ arten. Hier ſind, wie auch Behaghel in ſeiner Abhandlung über die bereits erwähnte Karlsruher Mundart hervor⸗

hebt, die Vokale der Nebenſilben in großer Zahl verloren

gegangen;ja, ganze ſelbſtändige Wörter ſind auf einen einzelnen konſonantiſchen Laut zuſammengeſchrumpft. In⸗ folgedeſſen fehlen unſeren Mundarten vielfach die unbeton⸗ ten Silben, was ſchon Hebel bei ſeinen mundartlichen Hexa⸗ metern recht unangenehm empfunden hat. Um die Sen⸗ kungen der Verſe zu füllen, werden dann vielfach ſchrift⸗ ſprachliche Formen herangezogen; unter derGewalt des Augenblickes entſteht dann eine Miſchſprache, die ſpäter noch beſonders zu betrachten iſt, und die ich als Papier⸗ dialekt bezeichnen möchte. Ihr hervorragendſter Vertreter iſt Friedrich Stoltze, bei dem kaum ein einziger Vers zu finden iſt, der die Mundart einwandfrei wiedergibt.

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