Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronil der Zeit. 507

fertigkeit. Dieſe allein aber vermag Marchand noch nicht zum vollkommenen Künſtler zu machen, ſo wenig als die Wahl der Stücke, die er zum Vortrag bringt, ihn als echten Künſtler, als gediegenen Muſiker erkennen läßt!

Friedrich Auguſt zog faſt unmerklich ſeine Augenbrauen zu⸗ ſammen und ſeine Züge nahmen unwillkürlich den Ausdruck des Unmuths an bei dieſer Kritik von Marchand's Spiel, die ſeiner eigenen Anſicht ſo ſehr zuwiderlief.Seine Stücke? ſprach er, was hat Er denn an dieſen auszuſetzen?

Es ſind immer und ewig ſeine eigenen Kompoſitionen, die er vorträgt, war Volumier's Antwort,und dieſe ſind, wie ſein Spiel ſelbſt, ſeicht und kraftlos, ohne Geiſt und Phantaſie.

Da ſchüttelte der König ärgerlich den Kopf und ſprach:Er iſt ungerecht, Volumier bei Gott, Er iſt ungerecht in ſeinem Urtheil! Er verleugnet heute ſeine vielgerühmte Unparteilichkeit, weil der Künſtler ein Franzoſe iſt, und ich weiß ja, Er mag die Franzoſen und ihre Kunſt nicht; hat Er doch kürzlich erſt be⸗ hauptet, die Franzoſen ſeien zu leichtlebig, ihr Charakter zu flatter⸗ haft, um Sinn und Verſtändniß für eine gedankentiefe, ernſte, echte Muſik aufkommen zu laſſen. Sagte Er nicht ſo, Volumier?

Der berühmte Kapellmeiſter verbeugte ſich zuſtimmend.Das habe ich allerdings behauptet, Majeſtät, entgegnete er wiederum mit ſeinem feinen Lächeln,und ich ſollte meinen, dieſer Marchand hier, der ſich ſo pomphaft ‚den erſten Orgel⸗ und Klavierſpieler der Welt' nennt, liefert heute den beſten Beweis für die Wahrheit meiner Worte! 4

Er geht zu weit, Volumier, rief da Friedrich Auguſt aus, wahrhaftig, Er geht zu weit in ſeiner Voreingenommenheit gegen die Franzoſen! Ich meinerſeits bleibe bei meiner Anſicht: Mar⸗ chand iſt der größte Künſtler auf dem Klavier, er iſt unübertreff⸗ lich einzig!

Da blitzte es ſeltſam auf in den Augen des kleinen mageren Muſikers, der mit ſo ungewöhnlicher Offenheit gewagt hatte, ſeines Königs Anſicht über den vielgerühmten Künſtler entgegen zu treten. Doch faſt im nämlichen Augenblick verſchwand dieſer Blitz des Un⸗ muthes wieder und ſeine Züge nahmen ihren früheren, ruhig lächeln⸗ den Ausdruck an.

Gnädigſter Herr, begann er jetzt,Eure Majeſtät geruhten mich einmal im Scherze höchſtihren unumſchränkten Meiſter im Reiche der Töne zu nennen

Ja, ja meinen Jupiter tonans! unterbrach ihn Friedrich Auguſt vergnügt lächelnd bei der Erinnerung an das von ihm her⸗ rührende Wortſpiel vielleicht das einzige, das er je gemacht hatte.

Nun denn, fuhr Volumier ſich verbeugend fort,als dieſer Jupiter tonans' bitke ich Eure Majeſtät um die Gnade, den Be⸗ weis liefern zu dürfen, daß Marchand der größte Künſtler auf dem Klavier nicht iſt!.

Der König ſah ſeinen Kapellmeiſter überraſcht und etwas un⸗ gläubig an.Er, Volumier, ſprach er,Er wollte dieſen Be⸗ weis liefern?

Durch einen Dritten, Mafjeſtät, erwiederte Volumier, durch den in Wahrheit größten Klavier⸗ und Orgelvirtuoſen der Welt, den einzigen Unübertrefflichen einen Deutſchen!

Durch einen Deutſchen? ſprach da der König ſichtlich er⸗ ſtaunt;gäbe es wirklich einen deutſchen Virtuoſen, der Marchand überträfe? Ich habe nie von einem ſolchen gehört!

Daran, entgegnete Volumier eifrig,iſt nur ſeine eigene Beſcheidenheit ſchuld, die ihm nicht geſtattet, mit ſolcher Arroganz vor die Welt zu treten, wie dieſer Franzoſe. Er iſt nur ein ſchlich⸗ ter Organiſt, der noch niemals in einem Konzerte ſich hören ließ.

Friedrich Auguſt zog die Augenbrauen in die Höhe.Ein gewöhnlicher Kirchenorgler alſo? frug er mit geringſchätzigem Tone. Ein Kirchenorgler, ja, ſprach Volumier,doch kein gewöhn⸗ licher, Majeſtät. Er iſt ein eminenter, reichbegabter Muſiker und Komponiſt, dabei auf ſeinem Inſtrumente der größte Virtuoſe, der je lebte und leben wird!

Oho! rief da der König,das iſt viel geſagt! Wie heißt denn dieſer Wundermenſch?

Johann Sebaſtian Bach.

Bach Bach? ſprach Friedrich Auguſt nachſinnend,ein⸗

mir gänzlich unbekannter Name.

Majeſtät hatten eben Wichtigeres zu thun, als ſich um einen armen Organiſten zu kümmern! entgegnete Volumier verbindlich.

Freilich, freilich! ſtimmte der König bei,die polniſche Angelegenheit, der Krieg mit Schweden nahm Unſere ganze Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch. Wo rauſcht denn dieſer Bach ſeine melo⸗ diſchen Weiſen? fuhr er hierauf, den eigenen Witz ſelbſtgefällig belachend, zu fragen fort.

Bach lebt zu Weimar als herzoglicher Hoforganiſt, erklärte Volumier.

Bei Unſerem Vetter Wilhelm Ernſt? Er hätte einen ſo be⸗ deutenden Virtuoſen in ſeinen Dienſten?

Den größten der Welt! entgegnete der Kapellmeiſter be⸗ ſtimmt,Marchand iſt im Vergleich mit ihm ein Stümper, und deshalb, um den eitlen Franzoſen ſelbſt hievon zu überzeugen, um der deutſchen Kunſt zu einem Siege über die welſche Anmaßung zu verhelfen, wiederhole ich meine Bitte: Eure Majeſtät möge für das nächſte Konzert Bach hieher berufen, um ihn neben Marchand ſpielen zu laſſen, ich ſtehe für den Erfolg ein!

Volumier hatte die letzten Worte mit erhobener Stimme und triumphirenden Blicken geſprochen, als wäre der Sieg über den übermüthigen Franzoſen bereits errungen, als lägeder größte Klavier⸗ und Orgelvirtuoſe der Welt ſammt ſeinem geſtohlenen Ruhme ſchon im Staube, niedergeſchmettert durch die Gewalt der Kunſt des deutſchen Orgelſpielers. Friedrich Auguſt aber ſann einen Augenblick nach, dann nickte er ſeinem Kapellmeiſter freund⸗ lich zu und ſprach:Wir wollen morgen über dieſe Angelegenheit reden, mein lieber Jupiter, der heutige Abend gehört noch dem Franzoſen!

Der König winkte Volumier als Zeichen der Entlaſſung gnädig mit der Hand zu und lehnte ſich in ſeinen Armſtuhl zurück, denn eben ſchlug Marchand als Einleitung für ſeinen Vortrag einige präludirende Akkorde an. Aufmerkſam lauſchte er dem hierauf be⸗ ginnenden Spiele des gefeierten Künſtlers, doch zum Erſtaunen des Hofes war er am Schluſſe deſſelben mit dem Spenden ſeines Bei⸗ falls etwas zurückhaltender.

Die Unterredung mit dem Kritiker Volumier hatte bereits be⸗ gonnen, ihre Früchte zu tragen.

Freudeſtrahlend kehrte der Kapellmeiſter Volumier am nächſt⸗ folgenden Tage aus einer bei dem Könige gehabten Audienz nach ſeiner Wohnung zurück: Friedrich Auguſt hatte die Genehmigung ertheilt, den Weimarer Hoforganiſten zu berufen, damit er Mar⸗ chand die falſchen Lorbeeren von der frechen Stirne reiße. Un⸗ geſäumt ſchrieb deshalb Volumier an Bach und lud ihn ein, nach Dresden zu kommen, um in einem muſikaliſchen Wettſtreite mit dem arroganten Franzoſen die Ehre der deutſchen Kunſt aufrecht zu halten.

Zwei Tage ſpäter traf die Antwort Bach's ein; ſie lautete folgendermaßen:

Hoch Edler, Veſt⸗ und Hochgelahrter Inſonders HochgeEhrteſter Herr!

Vor die gantz ſonderbahre Hochgeneigteſte confidence Ew. Hoch Edl. bin höchſtens verbunden; und wie ich mir das größte plaisir mache, dem allergnädigſten und durchlauchtigſten Herrn Herrn König wie auch Ew. Hoch Cdl. ſelbſt iederzeit mit gefälligſten dienſten aufzuwarten, ſo werde ich auch itzo bemühet leben, Ew. Hoch Edl. zu beſtimmter Zeit meine auf Wartung zu machen, und dann nach möglichkeit in dem Verlangten certamine satistaction zu geben.

Bitte demnach dieſe meine gefaßte resolution dem allergnädig⸗ ſten und durchleuchtigſten Herrn Herrn König ſonder mühe zu ver⸗ melden anbey auch meine gantz gehorſambſte submission abzuſtatten und ihne vor das gar beſondere Vertrauen meines ſchuldigſten respects zu verſichern.

Da auch Ew. Hoch Edl. ſich ſchon vielfältige mühe nicht allein vor itzo, ſondern auch ehedem vor mich geben wollen, ſolches er⸗ kenne mit gehorſahmem danck, und verſichere, daß ich mir die größeſte Freude machen werde, mich lebenslang zu ernennen

Ew. Hochdl. Meines inſonders HochgeEhrteſten Herrn ergebenſter Diener Joh. Seb. Bach, Weimar, den 5. Auguſt 1717. Hof⸗Organiſt.

Was Bach in dieſem Briefe zugeſichert hatte, hielt er getreu⸗ lich. Faſt gleichzeitig mit dem Schreiben ging er ſelbſt von Weimar ab und begab ſich zu Fuße auf die nach damaligen Begriffen weite und beſchwerliche Reiſe nach Dresden. Die Entfernung von etwa fünfundzwanzig deutſchen Meilen ſchreckte ihn nicht, denn er war ein vortrefflicher und rüſtiger Fußgänger; zudem war eine Wan⸗ derung durch die ſchönen Sachſenlande ſo recht nach ſeinem Sinn und Herzen und mindeſtens um zwei Dritttheile billiger, als die Reiſe per Poſt, was Bach als die Hauptſache anſah, denn er war ein ſparſamer Hausvater und mußte ſeine paar Thaler gehörig zu⸗ ſammenhalten. Darum gab er ſeiner getreuen Barbara, der kleinen Dorothee und ſeinen drei Buben einen herzlichen Kuß zum Ab⸗ ſchied und machte ſich, ſein Ränzel auf dem Rücken, das ſein Sonn⸗ tagsgewand, etwas Leibwäſche und eine große Geraer Rauchwurſt enthielt, munter auf den Weg nach der ſächſiſchen Hauptſtadt.

Am erſten Tage wanderte er über Jena nach Eiſenberg, wo er bei dem ihm befreundeten Organiſten Huber freundliche Auf⸗

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