506
Illuſtrirte Chronik der Zeit.
reiche Erbſchaft habe Sie die alten Freunde vergeſſen laſſen. Seit dem Tage, an welchem Theobald freigeſprochen wurde, haben wir Sie hier nicht mehr geſehen.“
„Und glauben Sie mir, Herr Baron, daß— aber ich denke, Sie werden die Gründe, die mich fern hielten, anerkennen.“
„Und dieſe Gründe?“
„Sie werden ſie gewiß errathen. Ich komme von Plettenberg, Herr Bogen iſt bereit, mir das Gut abzutreten, übermorgen ſollen die Bedingungen feſtgeſetzt werden, und dann werde ich wieder wirk⸗ licher Herr von und zu Plettenberg ſein.“
Der Baron ſah ihn überraſcht an und reichte ihm beide Hände.
„Dazu gratulire ich Ihnen,“ ſagte er,„ſorgen Sie nun auch, daß Sie ein tüchtiger Landwirth werden, und wenn Sie bei mir in die Schule gehen wollen, mein Rath und meine thatkräftige Unterſtützung ſollen Ihnen nicht fehlen.“
„Ich nehme dieſes Anerbieten mit herzlichem Dank an,“ er⸗ wiederte Kurt, die Augen niederſchlagend,„aber nun geſtatten Sie mir auch, daß ich Ihnen ein Geſtändniß mache, zu dem ich nicht
den Muth beſaß, ſo lange ich nur allein auf meinen Sold ange⸗ wieſen war. Dieſes Geſtändniß ſollte erſt dann über meine Lippen kommen, wenn ich als Gutsbeſitzer vor Sie hintreten konnte, des⸗ halb auch kam ich in der letzten Zeit ſo ſelten.“
„Nun weiß ich ſchon, wohinaus Sie wollen,“ ſcherzte der Baron,„ich glaube, vieler Worte bedarf es nicht. Erlauben Sie mir, daß ich Thusnelda rufe.“
Er öffnete raſch die Thüre des anſtoßenden Zimmers, und in der nächſten Minute lag Thusnelda, über und über erglühend, an der Bruſt des Geliebten, der mit leuchtendem Blick in die uner⸗
gründlichen Tiefen ihrer wunderbar ſchönen Augen ſchaute. Es
hatte in der That keiner Worte bedurft; die Schranke, die bisher die Liebenden trennte, war gefallen, und ein einziger Blick genügte, ſie die Seligkeit erkennen zu laſſen, die ihrer wartete.
Theobald nahm an dem Glück der Schweſter und des Freundes den innigſten Antheil, und ſo feierte auch hier in Frankendorf ein Kreis glücklicher Menſchen einen Feſttag, der ſeinen ſtrahlenden Sonnenſchein weit in die Zukunft hineinwarf.
Ein
Is war im Juli des Jahres 1717, als Dresden, die
() ſchöne Hauptſtadt Sachſens, mehr überraſcht als er⸗
2 freut wurde durch das Gerücht, Kurfürſt Friedrich
3 Auguſt J., der Starke— als König von Polen
Auguſt II. genannt— werde nach längerer Abweſen⸗
2] heit in ſeine Reſidenzſtadt zurückkehren und daſelbſt òℳ Hof halten.
Die Stimmung der Bevölkerung über dieſe unverhoffte Kunde war eine ſehr getheilte. Viele, die von der Anweſenheit des Hofes Vortheil für ſich ſelber zu erlangen hofften, jubelten laut darüber, Andere aber ſchüttelten beſorgt die Köpfe, denn ſie ſahen voraus, daß jetzt das alte üppige Leben wieder beginnen, daß die Zeiten der Aurora v. Königsmark und der Gräfin Coſel mit ihren glän⸗ zenden Feſten, Bällen, Konzerten, Maskeraden und allen anderen zahlloſen Vergnügungen wiederkehren würden, die dieſer ver⸗ ſchwenderiſcheſte aller Fürſten ſo ſehr liebte, und die— Sachſen dem Ruin entgegen zu führen drohten. Und bald genug ſollte es ſich erweiſen, daß dieſe von ſo Vielen getheilten Befürchtungen nicht ohne Grund gehegt wurden, denn kaum in Dresden eingetroffen, veranſtaltete der König⸗Kurfürſt wieder ſeine koſtſpieligen Unter⸗ haltungen, wenn gleich der nunmehr in vorgerückteren Jahren ſtehende Herr jetzt im Vergleiche mit den früheren Beluſtigungen eine un⸗ gleich beſſere und edlere Auswahl traf.
Mit beſonderer Vorliebe pflegte er jetzt an ſeinem Hofe die Muſik. In jeder Woche fand mindeſtens einmal Hofkonzert ſtatt, und Friedrich Auguſt ſetzte dabei einen beſonderen Stolz darein, die hervorragendſten Künſtler aller Nationen um ſich zu verſammeln. Er ſelbſt war gerade kein großer Kunſtkenner, aber er gab ſich den Anſchein eines bedeutenden Kunſtverſtändniſſes und liebte es be⸗ ſonders, ſelbſt die Auswahl der Künſtler zu treffen, welche an den Konzertabenden vor ihm und dem ganzen glänzenden Hofe ihre Vorträge halten ſollten. Dadurch aber geſchah es nicht ſelten, daß auch Perſönlichkeiten dieſer Ehre gewürdigt wurden, die gerade nicht zu den Künſtlern erſten Ranges zu zählen waren, und zwar nur deshalb, weil ſie von irgend einem Günſtling empfohlen wurden, oder durch ihr arrogantes Auftreten dem König zu imponiren verſtanden.
Dies letztere gelang auch einem Franzoſen, Jean Louis Mar⸗ chand, der im Mai deſſelben Jahres nach Dresden gekommen war. Vordem Organiſt zu Verſailles und Paris, hatte er es durch ſein anmaßendes Benehmen dahin gebracht, daß er aus Frankreich ver⸗ wieſen wurde. Nun trat der von unglaublicher Eitelkeit erfüllte Franzoſe eine Kunſtreiſe an, konzertirte in den hervorragendſten Städten Deutſchlands und wußte durch eine gewiſſe Fertigkeit, hauptſächlich aber durch den Vortrag einiger eingelernter Paradeſtücke der großen Menge Sand in die Augen zu ſtreuen, ſo daß er wirk⸗ lich für einen ganz vorzüglichen Muſiker und Virtuoſen galt. Dieſen durchaus unverdienten Ruf vergrößerte Marchand ſelbſt auf jede mögliche Weiſe und nannte ſich bei Ankündigung ſeiner in Dresden ſtattfindenden Konzerte keck„den größten Orgel⸗ und Klavier⸗ Virtuoſen der Welt“. Zum Theil nun durch den wirklich ſchönen und beſtechenden Vortrag ſeiner Paradeſtücke, hauptſächlich aber durch ſein zuverſichtliches Auftreten wußte er auch das Dresdener große Publikum für ſich einzunehmen, ſo daß Aller Mund voll ſeines Lobes war und die Einſprachen von Sachverſtändigen und Kennern nur für Aeußerungen blaſſen Neides angeſehen wurden.
kampfloſer Lieg.
Hiſtoriſche Skizze von M. ZBarack.
(Nachdruck verboten.) Unter ſolchen Umſtänden konnte es nicht fehlen, daß der ſo
plötzlich am Dresdener Kunſthimmel aufgetauchte Stern erſter Größe
auch an den Hof berufen wurde, um einige der anberaumten Kon⸗ zerte durch ſeine„eminente Kunſt“ zu verherrlichen. Und was den Dresdenern im Allgemeinen begegnet war, widerfuhr auch dem König⸗Kurfürſten: er war entzückt von den Vorträgen Marchand's, hingeriſſen, begeiſtert, ohne den Sand in ſeinen Augen zu ſpüren.
„Bravo— bravissimo!“ rief Friedrich Auguſt aus, als der kecke Franzoſe in rauſchendem Fortiſſimo das erſte ſeiner Parade⸗ ſtücke beendet hatte. Und„bravo— bravissimo!“ echote der ganze Chor der Schranzen pflichtſchuldigſt dem Herrn und Meiſter nach, der mit ſeinem geſpendeten königlichen Beifall das Signal zu donnerndem Applaus gegeben hatte. Ganz daſſelbe Schauſpiel wiederholte ſich noch dreimal, immer wenn der König nach Be⸗ endigung eines Vortrags dem ſüß lächelnden glatten Franzoſen Beifall ſpendete. 8
Nur ein einziger Zuhörer ſpendete beharrlich keinen Beifall; zum Unglück für Marchand aber war dieſer Eine ein Mann, deſſen Urtheil ein durchaus kompetentes war, denn er nannte ſich Jean Baptiſt Volumier und war Kapell⸗ und Konzertmeiſter der königlichen Kapelle, einer der trefflichſten Muſiker ſeiner Zeit. Ohne bei dem allgemeinen Applaus auch nur eine Hand zu rühren, ſtand er in nächſter Nähe des Königs, mit einem ſarkaſtiſchen, faſt ver⸗ ächtlichen Lächeln auf den Lippen, das ebenſo gut den Spendern als dem Empfänger des Beifalls gelten konnte.
Befremdet ſah Friedrich Auguſt dies vollſtändig apathiſche Ver⸗ halten ſeines Kapellmeiſters, deſſen feines Kunſtverſtändniß ihm ebenſo wohl bekannt war, wie ſeine durchaus unparteiiſche, gerechte Kritik über Kunſtleiſtungen. Er winkte ihn während einer Pauſe zu ſich her und ſprach ihm unverhohlen ſeine Verwunderung aus, daß er ihn nicht in gleichem Maße entzückt ſehe, wie alle anderen Anweſenden.
Volumier verbeugte ſich und erwiederte, leicht die Achſeln zuckend:„Majeſtät— ich bitte unterthänigſt, mir zu verzeihen, doch ich bin gewohnt, mit meinem Entzücken ſparſam umzugehen und es nur ſolchen künſtleriſchen Leiſtungen zu zollen, die mir vollkommen und beſonders echt zu ſein ſcheinen!“
„Nun denn, Volumier,“ ſprach da der König,„dann ſollte iche meinen, Er hätte allen Grund, heute nicht damit zu geizen, denn wahrhaftig, dieſer Marchand iſt der vollkommenſte und echteſte Künſtler, den ich jemals zu hören bekam!“
Wiederum verbeugte ſich der hartnäckige Muſiker mit ſeinem früheren ſarkaſtiſchen Lächeln.„Ich muß nochmals um Verzeihung bitten,“ ſprach er ohne jegliche Verlegenheit,„daß ich die gnädige Anſicht Eurer Majeſtät nicht theilen kann, denn ich halte Marchand weder für einen vollkommenen noch für einen echten Künſtler!“
Erſtaunt, als ob er nicht richtig gehört hätte, blickte Friedrich Auguſt bei dieſem harten Urtheil in Volumier's Antlitz.„Nicht?“ ſprach er gedehnt,„was hat Er denn an den eben gehörten Vor⸗ trägen auszuſetzen?“
„Gnädigſter Herr,“ erwiederte Volumier im Tone beſtimmteſter Ueberzeugung,„bei aller Zierlichkeit, Sauberkeit und Eleganz in Marchand's Spiel vermiſſe ich nur Eines, den Adel der Em⸗ pfindung. Seine Vorträge ſind ohne Seele, ohne jegliche geiſtige Größe. Seine einzige Gewalt, mit welcher er zu wirken verſteht, iſt ſeine allerdings ſehr bedeutende Technik, ſeine brillante Finger⸗
4
—
————
Fammen ſunnuih
iſt ung Urtheil weil— die Fr hauptet haft, u Muſik 3 habe ich mit ſein hier, de Welt⸗ meiner
Mufiker König⸗ Doch f
Auguj rühren
Klavie
7 gläubig weis l „durch der We
6 ſtaunt, übertri
denn d
mir armen Anger neth diſche belad Valu
1


