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Illuſtrirte Chronit der Zeit.
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hatte von dem Lärm im Hauſe nichts vernommen und hielt es auch für unnöthig, von ihrem Manne Abſchied zu nehmen, von dem ſie ja doch nur erwarten durfte, daß er gegen dieſe Ueber⸗ ſiedelung proteſtiren würde.
Die nöthigen Vorkehrungen waren raſch getroffen, Bertha nahm nur ihre Schmuckſchatulle mit, die Garderobe ſollte Jeanette ſpäter holen.
Von ihrem Vater und der Zofe begleitet, verließ ſie das Haus faſt in derſelben Minute, in der die Beamten des Gerichts es betraten, um die Siegel anzulegen.
Neunundzwanzigſtes Kapitel.
. Haus Plettenberg.
Der plötzliche Tod des reichen Herrn Ackermann und die Ver⸗ haftung des Sekretärs beſchäftigten Wochen lang alle Kreiſe der Stadt.
Es konnte nicht ausbleiben, daß dieſe beiden Ereigniſſe zu einer Menge einander widerſprechender Gerüchte Veranlaſſung gaben, bis die Zeitungen den Thatbeſtand feſtſtellten.
Paul Bitterlein hatte vor dem Unterſuchungsrichter ein offenes Bekenntniß abgelegt, in der Hoffnung, daß er dadurch ſein Geld retten werde, aber in dieſer Hoffnung wurde er getäuſcht: das Ge⸗ richt betrachtete dieſes Geld als zum Nachlaſſe Ackermann's gehörig und ſchickte den entſprungenen Sträfling in's Zuchthaus zurück.
Eine direkte Betheiligung an den Verbrechen Ackermann's konnte ihm nicht bewieſen werden, und als er auf dem Transport zum Zuchthauſe dem Gensd'arm entſpringen wollte und von dieſem ohne Weiteres niedergeſchoſſen wurde, waren die Akten über ihn für alle Zeiten geſchloſſen.
Valentin Krumm ergab ſich ruhiger in ſein Schickſal; von den Geſchworenen ſchuldig unter erſchwerenden Umſtänden erklärt, ver⸗ urtheilte das Gericht ihn zum Tode, doch wurde dieſes Urtheil in lebenslängliche Zuchthausſtrafe umgewandelt.
Die meiſte Arbeit und Mühe verurſachte dem Gericht die Aus⸗ einanderſetzung der Ackermann'ſchen Hinterlaſſenſchaft. Die ruſſiſche Fürſtin reklamirte ihre Brillanten, Robert Bogen forderte die Summen zurück, die er ſeinem Schwiegerſohne gegeben hatte.
Die Forderung des Letzteren wurde durch die Werthpapiere ge⸗ deckt, die ſich in der Reiſetaſche vorfanden, dagegen mußte Bertha den Brillantſchmuck zurückgeben, und mit dieſem Schadenerſatz er⸗ klärte die Ruſſin ſich zufrieden, obgleich noch eine namhafte Zahl der entwendeten Brillanten fehlte.
Auf das, was nun noch übrig blieb, und es war immerhin ein bedeutendes Kapital, hatte die Rechnungsräthin Freimuth den erſten und alleinigen Anſpruch.
Sie war entſchloſſen, darauf zu verzichten, von dem Gelde, an das ſo manches Verbrechen ſich knüpfte, wollte ſie keinen Pfennig annehmen; aber der Juſtizrath Feldern ließ ihre Gründe nicht gelten, er fand an Otto Wurzer und Käthchen treue Verbündete, während Guſtav Bogen die Anſichten der alten Dame vertheidigte.
Einſtweilen nahm der Juſtizrath alle Gelder, die ihm für die Rechnungsräthin überwieſen wurden, in Empfang, er zweifelte nicht daran, daß er in dieſem Prinzipienſtreit den Sieg davontragen werde.
In Bezug auf ſeine Verlobung mit Käthchen war Guſtav noch um keinen Schritt ſeinem Ziele näher gekommen.
Zum offenen Bruch mit ſeinen Eltern wollte er es nicht kom⸗ men laſſen, Käthchen und ihre Mutter wünſchten das auch nicht, und ein ernſtes, vernünftiges Wort ließ ſich jetzt in Plettenberg nicht reden, das ſurchtbare Unglück hatte die ſtolzen Leute mit wuchtiger Schwere getroffen.
Das Gift hatte ſein Werk gethan, alle Kunſt der Aerzte ſchei⸗ terte an der bereits zu weit vorgeſchrittenen Zerſtörung der Organe; und wenn auch der Kranken ſelbſt die Hoffnung bis zum letzten Augenblick gelaſſen wurde, ihre Angehörigen hatten dieſe Hoffnung längſt verloren.
Es war ein ſchwerer Schlag für die Eltern Bertha’'s, um ſo ſchwerer, als ſie nun auch die Entdeckung machen mußten, daß ſie keine wahren Freunde beſaßen.
Die, welche früher das gaſtfreundliche Haus faſt täglich be⸗ treten hatten, ließen ſich jetzt nicht mehr blicken, und wer ſich noch einfand, den trieb die Neugier nach Plettenberg.
Madame Bogen überließ es ihrem Gatten, die wenigen Beſucher zu empfangen, und der Rittergutsbeſitzer entdeckte in den Worten ſcheinbarer Theilnahme manchen verſteckten Vorwurf, den er ſehr wohl verſtand, dem aber entgegenzutreten er nicht mehr der Mühe werth hielt.
Nur einmal übermannte ihn der Zorn, als Frau Eugenie Bitterlein ihn beſuchte unter dem Vorwande, ihm das Ende ihres Schwagers berichten zu wollen.—
Er wußte, daß nur Neugierde und Klatſchſucht hinter dieſem
Vorwurfe ſich verbarg, aber er hörte ſie dennoch geduldig an, als ſie ihm berichtete, daß das Anſehen ihres Mannes durch die Ver⸗ haftung ſeines Bruders einen ſchweren Stoß erlitten, ſie aber nicht geruht habe, bis die volle Wahrheit an den Tag gekommen ſei.
Johannes Bitterlein, fuhr ſie fort, genieße jetzt wieder die volle Hochachtung und das Vertrauen ſeiner Mitbürger, die ganze Stadt wiſſe, daß ſein Bruder ſchon in früherer Zeit das Opfer Acker⸗ mann's geweſen ſei; für die Verbrechen Ackermann's habe er den Kopf in's Loch halten müſſen, und das würde ihm jetzt wieder paſ⸗ ſirt ſein, wenn nicht ſo viele überzeugende Beweiſe gegen dieſen Woldemar Kramer vorgelegen hätten.
Ueberhaupt begreife man nicht, daß eine der erſten Familien mit dieſem raffinirten Gauner in ſo nahe Verbindung habe treten können, in ſolchen Fällen müſſe man doch Erkundigungen einziehen, — dieſe Erkundigungen würden jedenfalls die Wahrheit ergeben
aben.
So lange hatte Robert Bogen ruhig zugehört, ohne ihren Rede⸗ fluß zu unterbrechen, jetzt aber riß ihm die Geduld, und mit dürren Worten erklärte er ihr, es ſei ihm gleichgiltig, wie die Klatſchbaſen über ihn dächten und urtheilten, fortan möge ſie ihn mit ſolchem boshaften Gewäſch verſchonen.
Tödtlich beleidigt entfernte Frau Eugenie ſich, um daheim die ganze Schale ihres Zornes über das ſchuldloſe Haupt ihres Gemahls auszugießen, der ſeit der Entlarvung ſeines Bruders in ſeinem Hauſe ſelten noch eine ruhige Stunde hatte.
Etwas Gutes aber hatte das Unglück doch im Gefolge, zwiſchen den Brüdern und ihren Familien befeſtigten die gelockerten Bande ſich wieder.
Heinrich Bogen brachte jetzt manche Stunde in Plettenberg zu, um den Bruder zu tröſten und zu ermuthigen, Theodore und ihre Mutter kamen täglich, und das ſinnige, gemüthreiche Walten dieſer Beiden übte auf die früher ſo ſtolze Frau des Gutsbeſitzers einen beſänftigenden Einfluß, der ihre bisherigen Anſchauungen und Ur⸗ theile weſentlich umgeſtaltete. Otto Wurzer kam dann auch wohl heraus, um ſeine Braut abzuholen, und das heitere Temperament des jungen Mannes warf manchen dankenswerthen Lichtſtrahl in die Nacht, die das Gemüth des Gutsbeſitzers umgab.
Die längſt erwartete und gefürchtete Stunde kam, ein ſanfter, ſchmerzloſer Tod machte den Leiden der unglücklichen Frau ein Ende, ſie ſtarb in völliger Unkenntniß über die Verbrechen und den jähen Tod ihres Gatten.
Am Tage nach dem Begräbniß forderten Jeanette und Joſeph zugleich ihren Abſchied, und als die Eltern Bertha's jetzt erfuhren, daß die Beiden den eigenen Herd gründen wollten, vergaßen ſie den Dank nicht, den ſie der treuen Zofe ſchuldeten. Robert Bogen richtete mit ſeinem Gelde ihnen das Geſchäft ein und verſprach, mit Nath und That ſie auch ferner unterſtützen zu wollen, ein Ver⸗ ſprechen, welches er gewiſſenhaft erfüllte.
Der Hochzeitstag Theodorens war ſchon vor der Kataſtrophe feſtgeſetzt geweſen, verſchiedene Gründe ließen einen Aufſchub nicht wünſchenswerth erſcheinen, man traf aber im Hinblick auf das Un⸗ glück, welches die Familie Bogen betroffen hatte, die Aenderung, daß das Feſt nur im engſten Familienkreiſe und in aller Stille ge⸗ feiert werden ſolle.
Man ſchwankte lange, ob auch die Braut Guſtavs und deren Mutter eingeladen werden dürften, man fürchtete, der Gutsbeſitzer werde in dieſem Falle mit ſeiner Frau nicht erſcheinen. Käthchen hatte trotz ihrer innigen Freundſchaft mit Theodore auf die Ein⸗ ladung verzichtet, ſie wollte nicht zwiſchen Vater und Sohn treten, ſondern geduldig abwarten, bis der Erſtere aus freien Stücken ſeine Einwilligung gab, und geſchah dies im Laufe der nächſten Zeit nicht, dann war es ja immer noch früh genug, zwiſchen dem Bruch und der Entſagung zu wählen..
Theodore war unglücklich darüber, daß an dem ſchönſten Tage ihres Lebens die beſte Freundin nicht an ihrer Seite ſein ſolle, Guſtav hielt es nicht für rathſam, mit dem Vater darüber zu reden, und Heinrich Bogen fürchtete, den Bruder zu erzürnen, zumal die Stimmung deſſelben noch immer umdüſtert war.
Da entſchloß Otto Wurzer ſich, ein freies Wort mit dem Rittergutsbeſitzer zu reden.
Zu ſeiner größten Ueberraſchung kam der alte Herr ihm auf halbem Wege entgegen; er hatte nicht nur gegen die Einladung Käthchens nichts einzuwenden, er wünſchte ſie ſogar, weil ſie, wie er offen erklärte, ihm Gelegenheit bot, die beiden Damen kennen zu lernen. 3
Und als Wurzer ſein Erſtaunen darüber äußerte, beſchwerte Robert Bogen ſich bitter darüber, daß er das Vertrauen ſeines Sohnes verkoren habe; Guſtav habe doch nicht erwarten können, daß ſeine Eltern den erſten Schritt thun und ihre Einwilligung ihm anbieten ſollten.


