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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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zwei Jahrhunderte zuvor ein Straßburger Pfarrer ſich das eigenthümliche Vergnügen gemacht, auf der Brüſtung der Gallerie umher zu ſpazieren, wollte dies nachmachen und wettete mit einigen Freunden, daß er dreimal die gefahrvolle Runde machen würde. Der Thürmer wurde mit vielem Gelde beſtochen und die Unternehmung dann in's Werk geſetzt. Zweimal gelang dem kecken Wagehals der Rundmarſch auf der ſchmalen Stein⸗ brüſtung, beim dritten Male aber übermannte ihn der Schwindel und er ſtürzte rettungslos in die ſchauerliche Tiefe, wo er ganz zerſchmettert als Leiche vor dem Portal liegen blieb. Sein kleiner Hund, der mit auf⸗ merkſamen Augen allen Bewegungen des Gebieters gefolgt war, indem er unten auf der Plattform nebenher lief, ſprang mit einem Satze auf die Brüſtung und dann ohne Beſinnen ebenfalls in die Tiefe, wo das treue Thier einen Augenblick ſpäter mit zermalmten Knochen bei ſeinem toll⸗ köpfigen Herrn lag. F. L.
Als der große engliſche Schauſpieler Garrick, der in der Darſtellung Shakeſpeare'ſcher Charaktere kaum übertroffen worden iſt, Paris beſuchte, wohnte er u. a. auch einer Vorſtellung der Racine'ſchen Tragödie „Bajazet“ im Théaàtre Français bei. Fräulein Dubois ſpielte darin die weibliche Hauptrolle, die Roxane. Nach einer Tirade, die ſie in der heftigſten Leidenſchaft vorgetragen, nahm ſie plötzlich wieder eine ganz ruhige, heitere Miene an.
Als der Gaſt aus London gefragt wurde, wie ihm das Spiel der Dubois gefalle, antwortete er ironiſch:„Sie iſt gewiß eine vortreffliche Perſon; denn überwältigt ſie auch der Zorn, ſo hegt ſie doch keinen Groll!“ R. Die abgeführte Deputation.— Als König Friedrich II. von Preußen einſt durch das pommer'ſche Städtchen Wölpke kam, ſtellte ſich ihm, während die Pferde gewechſelt wurden, der Bürgermeiſter nebſt dem Stadtſekretär als die Spitze der Bürgerſchaft und deren Deputirte vor. „Iſt Er der Bürgermeiſter?“ fragte der König das etwas ſchwerhörige Stadt⸗ oberhaupt.—„Wie? Jawohl, Ew. Majeſtät!“ war die Antwort.—„Habt Ihr hier Fabriken?“ fragte der König weiter.—„Jawohl, Ew. Majeſtät, drei. Aber ich habe nur die zu Hauſe, welche ich auf dem Kopfe trage, die Zopf⸗ perrücke. In der Stutzperrücke iſt der Herr Steuereinnehmer verreist, und
in der guten Beutelperrücke ſteht der Herr Accisinſpektor heute Gevatter.“ —„Ich meine ja keine Perrücken, ſondern Fabriken!“ ſuhr der König
Anſere Goethe's Vater und Mutter.
(Mit 2 Porträts auf S. 481.)
Während Schiller, der Dichter des Volkes und der Jugend, aus einer armen kleinbürgerlichen Familie von Bäckern und Weingärtnern in ſchwä⸗ biſchen Landſtädtchen und Dörfern entſtammte, waren zwar Goethe's Vor⸗ fahren väterlicherſeits auch nur gewöhnliche Handwerker, ſein Urgroßvater Hans Chriſtian Goethe ein Huſſchmied in dem ſächſiſch⸗thüringiſchen Städt⸗ chen Artern, ſein Großvater Friedrich Georg ein Schneidergeſelle, welcher zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankfurk a. M. einwanderte, ſich daſelbſt zweimal verheirathete, durch ſeine zweite Heirath mit Cornelia Schellhorn, geborenen Walther, Gaſtwirth im„Weidenhof“ und wohlhabend genug wurde, um ſeinen Sohn Johann Kaſpar(1710— 1782) die Rechte ſtudiren und darnach eine Reiſe nach Italien machen zu laſſen. Dieſer Johann Kaſpar nun ward Goethe's Vater. Als derſelbe von ſeinen Reiſen heim⸗ gekehrt war und im Bewußtſein ſeiner Tüchtigkeit ſich um ein ſtädtiſches Amt bewarb, ward er in Folge des herrſchenden Nepotismus der Frank⸗ furter Patrizierfamilien zurückgewieſen und faßte jetzt den Entſchluß, über⸗ haupt kein Amt mehr in ſeiner Vaterſtadt anzunehmen, erwarb ſich dagegen während des öſterreichiſchen Erbfolgekrieges vom Kaiſer Karl VII. die Würde eines kaiſerlichen Rathes, die ihn an Rang den Häuptern des Frankfurter Senats gleichſtellte und ſomit ſeinem perſönlichen Ehrgeiz genügte. Dieſer kaiſerliche Rath lebte fortan in ſorgenfreiem Behagen und ungetrübter Muße als privatiſirender Juriſt in ſeinem elterlichen Hauſe am Hirſchgraben zu Frankfurt(das gegenwärtig Eigenthum des „Freien deutſchen Hochſtifts“ iſt), ſchmückte dies Haus mit den Erwer⸗ bungen, Sammlungen und Erinnerungen, welche er von ſeinen Reiſen mitgebracht hatte, insbeſondere mit Kunſtſammlungen, darunter einigen guten Gemälden von Meiſtern jener Zeit, einer umfangreichen Bibliothek und werthvollen Merkwürdigkeiten aller Art. Johann Kaſpar Goethe war ein Mann von vielſeitiger Bildung, von geradem und rechtſchaffenem, aber ſtörriſchem und eigenſinnigem Charakter, der ſich in ſeiner Zurück⸗ gezogenheit von der Welt immer ſchroffer und pedantiſcher entwickelte. Dieſer etwas ſonderlich geartete Mann nun hatte ſich 1748 mit der acht⸗ zehnjährigen Tochter des Frankfurter Schultheißen Johann Wolfgang Textor, Katharina Eliſabetha, vermählt und ſeine junge Frau in ſein ſtilles Heimweſen eingeführt, deſſen Lebensführung eine glück⸗ liche Mitte hielt zwiſchen ſtreng⸗bürgerlicher Einfachheit und patriziſcher Behaglichkeit. Goethe's Vater, der Welt und beſonders Vornehmen gegenüber ſtolz und zurückhaltend, feſt in ſeinen Grundſätzen, ausdauernd in Neigung und Abneigung, kühl, klar, ernſt und ſteif, ordnungsliebend, geregelt und folgerecht in ſeinem ganzen Sein und Thun, erhob ſich durch ſeine furchtloſe Mannhaftigkeit und unbeſtechliche Wahrheitsliebe wie durch unermüdlichen Bildungsdrang weit über die Maſſe ſeiner reichsſtädtiſchen Mitbürger, und war, wenn auch nicht gerade eine anmuthige und liebens⸗ würdige, ſo doch eine durchaus gediegene, achtungswerthe und darum auch geachtete Perſönlichkeit. In ſeiner jungen Gattin hatte er das direkte Gegentheil ſeines eigenen Temperamentes gefunden, denn die„Frau Rath“, welche noch bis in ihr hohes Alter der Gegenſtand einer ſo innigen und
heraus.—„Fabriken? Nein, die gibt es hier nicht!“ verſetzte verblüfft der Bürgermeiſter.—„So geh' Er zum Teufel!“ replicirte der König. —„Sehr wohl, Ew. Majeſtät!“— Auf der anderen Seite des Wagens ſtand der Stadtſekretär, ein kleines überaus eingebildetes Männchen, Na⸗ mens Haaſe, das unaufhörlich wunderliche Grimaſſen ſchnitt und am Buſen⸗
ſtreifen und an den Manſchetten zupfte.
Dieſen fragte der König:„Was
iſt Er und wie heißt Er?“—„Sekretär Haaſe, Ew. Majeſtät.“—„Das ſehe ich— mache Er, daß Er hinter den Wagen kommt!“— Bürger⸗ meiſter und Stadtſekrelär machten tiefe Verbeugungen und konnten nachher in Geſellſchaft nicht genug rühmen, wie herablaſſend ſich der König mit
ihnen unterhalten habe.
O. Mſr.
Eine eigenthümliche Art„Sport“ hatten die engliſchen
Großen des 16. und 17. Jahrhunderts vor dem jetzigen voraus; ſie hatten nämlich Hunde, die harmoniſch bellen konnten; nur ſehr wenige der
geſchickteſten Hundeabrichter verſtanden die ſchwere Kunſt, von einer Koppel
Jagdhunde einige der Hunde in tieferen, andere in mittleren, und
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Millionen.
noch andere in hohen Tönen bellen zu lehren; derartig eingelernte Hunde wurden denn auch ſehr theuer bezahlt; die Kunſt des Abrichtens zu ſolchem Bellen ging aber im Laufe der Zeit verloren, und wenn heute ein engliſcher Edelmann auf die Jagd ſprengt, ſo begleitet ihn keine Koppel Hunde mehr„mit Bellen in melodiſcher Verwirrung ſammt Wieder⸗ hall“, wie Shakeſpeare im„Sommernachtstraum“ ſagt, in den Wald.
B.⸗A. Als der ſehr gelehrte Bürgermeiſter Lipſtorf von Ham⸗
burg in hohem Alter ein junges Weid gefreit und nach kurzer Ehe ge⸗
ſtorben war, ward die noch nicht dreißigjährige Wittwe Erbin von drei Da ſprach der arme, in Hamburg überall bekannte Poet Dreyer den verſificirten Wunſch aus:
„Da euer Lipſtorf ſtirbt, ſo möcht' bei ſeinem Sterben
Der Rath die Wiſſenſchaft und ich— die Wittwe erben.“ Dem Rath kam das Epigramm zu Ohren, und da es in der Stadt viel beifälliges Lachen erregt hatte, wünſchten die Herren, eine ſchlagende Ant⸗ wort zu geben. Im Syndicus fand ſich der kluge Kopf, der dem Dichter Dreyer Folgendes erwiederte:
„Bei unſeres Lipſtorf Gruft iſt Deiner Wünſche Ziel
Zu wenig für den Rath und für Dich, Narr, zu viel!“ R.
Bilder.
liebreichen Verehrung und Bewunderung für Alle war, die ihr nahe traten, gewann ſich die Herzen der Menſchen durch ihr heiteres munteres Weſen, ihre Herzensgüte und warme Mittheilſamkeit, ihren Mutterwitz, Bildungs⸗ trieb und ihre leichte Aneignung alles deſſen, was ſie intereſſirte, durch ihre unverwelkliche Friſche und ihre unverkünſtelte naive Tüchtigkeit. Die „Frau Rath“ hatte keine allzu gründliche und vielſeitige Bildung erhal⸗ ten, denn dazu fehlten in dem damaligen Frankfurt die Mittel und ihrem vielbeſchäftigten Vater die Zeit und vielleicht auch das Geſchick, die Lücken der Bildung ſeines Kindes ſelbſt auszufüllen. Allein der angeborene tüchtige Sinn und ihre natürliche Anſtelligkeit ſetzten Goethe's Mutter in den Stand, in der Ehe das Verſäumte reichlich nachzuholen ſowohl durch die nachträgliche Ausbildung, die ihr in den erſten Jahren nach ihrer Ver⸗ heirathung durch ihren Gatten, durch Lektüre und Theaterbeſuch zu Theil wurde, als auch durch die anregende feinere geiſtige Geſelligkeit, welche ſich allmählig in ihrem engeren und weiteren Familienkreiſe und Umgang ihr eröffnete, zumal aber durch die gemeinſame Entwickelung mit ihrem genialen Sohne, deſſen lebhafte Theilnahme an Literatur und literariſchem Verkehr, an Kunſt und Wiſſenſchaft ſie ſich ſelbſt zu eigen machte. An äußeren Schickſalen und Wendungen war das Leben der Frau Rath nicht gar reich; ihre häuslichen Pflichten erfüllten ihr Daſein, welches mit ihrer Vaterſtadt ſo innig verwachſen war, daß ſie ſogar in ihrem Wittwenſtand ſich nicht von Frankfurt trennen und ihrem Sohne nach Weimar folgen wollte und erſt dreizehn Jahre nach dem Tode ihres Gatten, 1795, das Haus am Hirſchgraben verkaufte und verließ, um bis zu ihrem Tode (13. September 1808) ein ſchöneres und unterhaltenderes Quartier am Roßmarkt, der heutigen Hauptwache gegenüber, zu beziehen. Allein ihr Weſen war ſo klar, ſicher und innerlich gefeſtigt, ihr Geiſt ſo reich, ge⸗ bildet und frei, daß ſie in ſpäteren Jahren, wo der Dichterruhm ihres Sohnes ſchon die halbe Welt erfüllte und ſie als die Mutter des berühm⸗ ten Dichters in den Brennpunkt der öffentlichen Aufmerkſamkeit rückte, gewandt, unbefangen. maßvoll und anregend ſogar mit fürſtlichen Per⸗ ſonen und mit Schöngeiſtern aller Art zu verkehren wußte und einer der gefeiertſten Frauencharaktere ihrer Zeit ward. Am intereſſanteſten iſt die kurze prägnante Schilderung, durch welche Goethe ſelbſt in ſpäteren Jah⸗ ren ſeine eigenen geiſtigen Eigenſchaften von denjenigen ſeines Elternpaares, deſſen Porträts wir dieſem Hefte auf S. 481 voranſtellen, ableitete in den bekannten Verſen:
„Vom Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernſtes Führen;
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Luſt zu fabuliren.“
Ein geſtörtes Stelldichein. (Mit Bild auf S. 484.) Lampe, wie unſere Jägerſprache und Thierfabel den Feldhaſen nennen, iſt ein ſehr galanter Geſell, aber auch die Frau Häſin zeigt ſich nicht
etwa unempfindlich, ſo daß es wohl vorkommt, daß Beide bei dergleichen


