Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 4387

Das könnte auffallend erſcheinen, iſt es aber keineswegs, er⸗ wiederte Ackermann lächelnd.Ich weiß voraus, daß meine Frau und deren Eltern mit dem Verkauf nicht einverſtanden ſein werden, trotzdem ich mich mit ſchwerem Herzen nur deshalb dazu entſchließe, weil meine leidende Frau fortan in einem ſüdlichen Klima wohnen ſoll.

Nun, dagegen läßt ſich allerdings nichts einwenden!

Und für die richtige Uebergabe an dem beſtimmten Tage wird

mein Sekretär ſorgen. Ich ſtelle Ihnen ſogar frei, ſofort nach der Auszahlung der Kaufſumme ein Zimmer in dieſem Hauſe zu be⸗ ziehen, damit 1Verzeihen Sie, ein Mißtrauen ſollte nicht in meiner Frage iegen. Ich würde Ihnen dieſes Mißtrauen nicht übel nehmen, Jeder ſtellt ſich gerne ſicher, und ich bin bereit, Ihnen jede Sicherheit zu bieten, die Sie verlangen.

Der Polizeirath verbeugte ſich dankend.

Ich bin leider nicht in der glücklichen Lage, für mich ſelbſt dieſes Geſchäft abſchließen zu können, ſagte er in kühlem Geſchäfts⸗ tone,ein Freund hat mich beauftragt, dieſes oder ein ähnliches Beſitzthum für ihn zu erwerben, und um mit dieſem Freunde raſcher und beſſer berathen zu können, möchte ich Sie bitten, mir die Be⸗ dingungen kurz und bündig aufzuſchreiben.

Weshalb das? fragte Ackermann befremdet.Sie kennen dieſe Bedingungen ja

Ich gebe das zu, aber unter den beſten Freunden iſt das Mißtrauen in der Regel am größten. Mein Freund könnte arg⸗ wöhnen, daß ich bei dieſem Geſchäft Vortheile für mich beanſpruchen wolle, das möchte ich für jetzt und auch für ſpäter vermeiden, und es geſchieht wohl am beſten dadurch, daß ich die Bedingungen ihm ſchriftlich vorlege. Nennung des Objekts und Namensunterſchrift ſind dabei nicht nöthig, es genügt, wenn Sie die Bedingungen niederſchreiben.

Ackermann hatte mechaniſch die Feder ergriffen, er fand in dieſem Verlangen nichts, was ſeinen Argwohn hätte wecken können, die Gründe, auf die daſſelbe ſich ſtützte, mußten ja Jedem ein⸗ leuchten.

Und wann könnte das Geſchäft abgeſchloſſen werden? fragte er, während er haſtig einige Zeilen niederſchrieb..

Eilen Sie ſehr damit?

Wenn ich einmal einen Entſchluß gefaßt habe, ſo ſtrebe ich auch nach raſcher Ausführung! Ueberdies will ich heute Abend eine Reiſe antreten

So könnten wir ja warten, bis Sie von dieſer Reiſe zurück⸗ gekehrt ſind, unterbrach der Rath ihn, während er das Papier aus der Hand Ackermann's nahm und einen prüfenden Blick auf die Zeilen warf.Meinem Freunde eilt es ſo ſehr nicht, er wird ſich gerne einige Tage gedulden.

Ich weiß nicht, wie lange ich draußen bleiben werde, es hängt davon ab, ob meine Geſchäfte raſch erledigt ſind. Ihr Freund wohnt nicht hier?

Nein, er wohfnt in S., erwiederte der Polizeirath, und ſein Blick ſtreifte dabei lauernd das Geſicht Ackermann's, in deſſen Zügen ein heftiges Erſchrecken ſich kundgab,vielleicht ſind Sie in jener Stadt bekannt

Ich? rief Ackermann, von ſeinem Seſſel emporſpringend. Wie kommen Sie dazu? Ich bin nie in S. geweſen..

Und doch meine ich, Sie früher einmal dort geſehen zu haben!

Das muß ein Irrthum ſein. Ich bin kein Freund von Ver⸗ muthungen, verſchonen Sie mich damtit, zudem drängt die Zeit, ich habe vor der Reiſe noch Manches zu beſorgen. Mein Sekretär wird Ihnen Haus und Mobiliar zeigen, ich habe ihm Generalvollmacht gegeben, Sie können alſo mit ihm den Kauf abſchließen.

Jetzt erſt fiel der Blick Ackermann's auf das fahle Geſicht des Sekretärs; die furchtbare Angſt, die in dieſen verzerrten Zügen ſich kundgab, erſchreckte ihn im höchſten Grade. Im erſten Augen⸗ blick hatte Becler den Polizeirath, der heute eine ſuchſige Perrücke und einen rothen Bart trug, nicht erkannt, obſchon eine dunkle Ahnung in ihm dämmerte, daß er dieſes Geſicht ſchon früher geſehen haben müſſe. Aber als jetzt der Name der Stadt genannt wurde, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und ſein erſter Gedanke war, die Flucht zu ergreifen, ahnte er doch inſtinktiv, daß jetzt der Boden unter ihnen einſtürzen mußte. Auch er hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, nur einen raſchen aber bedeutſamen Blick wechſelte er mit ſeinem Herrn, dann ſchritt er haſtig auf die Thüre zu.

Als er ſie öffnete, ſtand der Kommiſſär Wittich in voller Uni⸗ don vor ihm, einize Polizeiſergeanten hatten Korridor und Treppe

eſetzt.

Ein Wuthſchrei entfuhr den Lippen des Sekretärs, er machte eine Bewegung, als ob er in die Bruſttaſche ſeines Rockes greifen wolle, aber im nächſten Moment hielt die Fauſt des Kommiſſärs ſein Handgelenk mit eiſernem Griffe umklammert.

Es hilft Euch nichts, Paul Bitterlein, ſagte Wittich ruhig, der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, ergebt Euch ruhig und geduldig in Euer Schickſal.

Was ſoll das? rief Ackermann mit ſcheinbarer Entrüſtung. Weshalb wird mein Sekretär verhaftet?

Weil er ein entſprungener Zuchthäusler iſt, den wir ſchon ſeit Jahren ſuchen! erwiederte der Kommiſſär.

Das iſt eine Lüge! fuhr der alte Mann auf.Ich bin ein ehrlicher Menſch, und vor einem ſolchen Verdacht ſollte mein graues Haar mich ſchützen!

Euer Haar iſt vor der Zeit im Zuchthauſe grau geworden, ſpottete Wittich, der inzwiſchen einem Sergeanten einen beſehlenden Wink gegeben hatte,und wenn Ihr ein ehrlicher Mann ſeid, wes⸗ halb tragt Ihr einen künſtlichen Buckel? Kennt Ihr dieſe Hand⸗ ſchrift?

Paul Bitterlein preßte die Lippen auf einander und ſchwieg, aber man hörte deutlich das Knirſchen ſeiner Zähne.

Er hatte die Handſchrift ſeines Bruders erkannt, er ahnte, daß dieſer unterſchlagene Brief eine Warnung enthielt, die ihn gerettet haben würde, wenn ſie rechtzeitig in ſeine Hände gekommen wäre.

Dieſen Brief hat Euer Bruder geſchrieben, fuhr Wittich fort, während der Sergeant dem Gefangenerk die Handſchellen an⸗ legte,er wollte Euch warnen

Und die Polizei hat durch ihre Spione ihn unterſchlagen laſſen! knirſchte Bitterlein.Ihr ſind alle Mittel recht

Liſt gegen Liſt! fiel der Kommiſſär ihm ſpöttiſch in's Wort. Ihr wolltet ja auch die Polizei irre führen, und es wäre Euch gelungen, wenn Valentin Krumm das Glück gehabt hätte, nach Amerika zu entkommen.

Der Makler hatte ſich, einem Wink des Polizeiraths gehorchend, entfernt, und der Letztere überwachte jede Bewegung Ackermann's, dem es jetzt gelungen war, ſeiner furchtbaren Erregung Herr zu werden und, wenn auch nur äußerlich, eine Ruhe zu heucheln, von der ſeine Seele nichts wußte.

Ich frage noch einmal, wie kommen Sie dazu, dieſen Mann in meinem Hauſe zu verhaften? ſagte Ackermann, ſich hoch auf⸗ richtend und das Haupt trotzig zurückwerfend.Das hätte ebenſo wohl in ſeiner eigenen Wohnung geſchehen können, und ich werde mich geeigneten Orts über dieſes unbefugte Eindringen in mein Haus beſchweren.

Der Kommiſſär hatte die Bewachung des Gefangenen dem Ser⸗ geanten anvertraut und ſich dem Schreibtiſch, an dem Ackermann ſtand, genähert.

Habe ich meine Befugniſſe überſchritten, ſo bin ich bereit, die Folgen zu tragen, erwiederte er,aber ich meine, Sie müßten ſchon errathen haben, daß die Verhaftung abſichtlich hier vorgenom⸗ men worden iſt. 7

Abſichtlich? fragte Ackermann entrüſtet.

Jawohl, nahm der Polizeirath das Wort,kennen Sie dieſes Schriftſtück?

Umſonſt ſuchte Ackermann ſeine Beſtürzung zu verbergen, als ſein Blick ſo plötzlich auf den Schatzgräber⸗Vertrag fiel, ſie ſpiegelte ſich in jedem Zug ſeines todesbleichen Geſichts.

Nein, ich kenne es nicht! ſagte er mit gepreßter Stimme.

Sie wollen alſo Ihre eigene Handſchrift verleugnen?

Beweiſen Sie mir, daß es meine Handſchrift iſt!

Hier iſt der Beweis! erwiederte der Rath, auf das Papier zeigend, welches die Verkaufsbedingungen enthielt,ein weiterer Be⸗ weis liegt im Bureau des Unterſuchungsrichters, es iſt der Brief, den Ihr Sekretär dem Müller Valentin Krumm zur Weiterbeför⸗ derung anvertraut hat.

Mein Herr, Sie werden beleidigend! rief Ackermann.Ich weiß nicht, wer Sie ſind

Polizeirath Stern aus S.!

Sehr wohl, was aber habe ich mit der Polizei in S. zu ſchaffen?

Das werde ich Ihnen ſehr bald klar gemacht haben. Kennen Sie dieſes Porträt?

Nein! erwiederte Ackermann, ſeine erzwungene Ruhe mühſam behauptend.

Und doch gibt es Leute hier, die behaupten wollen, es habe eine frappante Aehnlichkeit mit Ihnen!

Herr Rath!

(Fortſetzung folgt.)