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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 4³³
Nachttiſchchen geſtanden hatte, welche Vermuthungen mußte dieſe Entdeckung in ihm wecken!
Jedenfalls war es das Erſte, daß er die Zofe deshalb befragen wollte, und wenn man ihm nun ſagte, daß Jeanette ſchon ſeit einer Stunde ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt ſei, mußte dann nicht auf ſie ſein Verdacht fallen?
Nun, wie es auch kommen mochte, die Sache mußte jetzt zum Austrag gebracht werden, und der Gutzbeſitzer griff jedenfalls energiſch durch, es galt ja das Leben des eigenen Kindes.—
Kurz vor Plettenberg fuhr ein Wagen an dem Mädchen vorbei, und als dieſer Wagen vor dem Schloſſe hielt, ſtieg Guſtav aus demſelben und eilte in das Kabinet ſeines Vaters.
Robert Bogen empfing ſeinen Sohn ſehr kühl, aber der junge Mann bemerkte das nicht in ſeiner Erregung.
„Ich habe Deinen Brief geſtern Abend erhalten,“ ſagte er, „Du haſt mich hieher beſchieden—“
„Und da denkſt Du gleich, ich habe mich entſchloſſen, meine Weigerung zurückzunehmen?“ unterbrach der Gutsbeſitzer ihn.„Du würdeſt Dich in dieſer Hoffnung ſehr getäuſcht finden, es bleibt bei dem, was ich geſagt habe. Gegen Fräulein Freimuth ſelbſt will ich durchaus nichts einwenden, ich habe über ſie und ihre Mutter Erkundigungen eingezogen und gebe zu, daß ſie unter anderen Ver⸗ hältniſſen mir als Schwiegertochter willkommen ſein würde, aber reich und arm paßt nicht zuſammen, und unſere bisherige geſell⸗ ſchaftliche Stellung würde durch dieſe Verbindung zu ſehr in Frage geſtellt. Mit Deinem Aſſocié und Theodore iſt das etwas ganz Anderes, mein Bruder hat nie eine hervorragende Stellung in der Geſellſchaft beanſprucht.“
„Und ich thue das ebenfalls nicht,“ erwiederte Guſtav in bitterem Tone.
„Genug, Du haſt meine Antwort, richte Dich danach! Dein Schwager hat mir ein Rittergut angeboten, ich will es für Dich kaufen; ſobald der Kauf abgeſchloſſen iſt, wirſt Du hinreiſen, um es zu übernehmen.“
„Ein Rittergut?“ fragte der junge Mann überraſcht.„Was ſoll ich damit? Ich bin Kaufmann und—“
„Du wirſt dort eine große und ſehr werthvolle Bibliothek finden, die ja immer Dein Steckenpferd war—“
Weiter kam der Gutsbeſitzer nicht, denn in dieſem Augenblick trat Jeanette erhitzt und aufgeregt, mit einer ſo ungeſtümen Haſt ein, daß die beiden Herren erſchreckt ſie anblickten.
„Um Gottes willen, was iſt geſchehen?“ fragte Bogen mit zitternder Stimme.
„Laſſen Sie mich zu Athem kommen,“ erwiederte Jeanette, auf einen Stuhl niederſinkend,„Sie müſſen ohne Verzug mit mir in die Stadt fahren.“ 3
Und nun berichtete das Mädchen, was es entdeckt hatte, den ſrüheren Verdacht ſowohl, wie das Ereigniß der vergangenen Nacht, und ſtarr vor Beſtürzung hörten die Herren ihr zu.
Als die Zofe ſchwieg, ſtrich der Gutsbeſitzer mit der Hand über die Augen, und ein ſchwerer, tiefer Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen.
„Haben Sie darüber mit Niemand, außer mit uns geſ ſragte er, während er die Glocke in Bewegung ſetzte.
„Nein,“ erwiederte Jeanette,„ich wagte es nicht.“
„Meine Tochter weiß alſo auch nichts davon?“
„Mit keiner Silbe habe ich es ihr verrathen!“
„Deſto beſſer. Sie werden auch ferner ſchweigen.— Den Landauer!“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener.„In einer Viertelſtunde muß der Wagen bereit ſtehen!— Dieſes ſchreckliche Geheimniß darf außer uns und meinem Hausarzte Niemand erfahren. Steht Dein Wagen noch vor der Thüre, Guſtav?“
„Ich habe dem Kutſcher befohlen, zu warten!“
„Gut.— Sie wiſſen, wo mein Hausarzt wohnt, Jeanette?“
„Jawohl.“
„Nehmen Sie den Wagen und fahren Sie zu ihm, ich laſſe ihn bitten, ſofort nach Plettenberg zu kommen, und ſollte ich noch nicht aus der Stadt zurück ſein, mich hier zu erwarten, er kann denſelben Wagen wieder benutzen, die Rechnung mit dem Kutſcher ordne ich ſpäter. Sie gehen dann wieder in das Haus meines Schwiegerſohnes und warten dort auf mich; wahrſcheinlich ſind wir aber vor Ihnen dort. Und nun vorwärts, wir dürfen keine Minute verlieren!“
Die Zofe eilte hinaus; Guſtav ſah dem fieberhaft erregten Vater ernſt in's Auge.
„Das iſt der Segen einer Geldheirath,“ ſagte er.„Ich habe aus meiner Abneigung gegen Ackermann niemals Hehl gemacht, aber ihn umgab der Nimbus des Millionärs, und wie es damit in Wirklichkeit beſchaffen iſt, mag Gott wiſſen.“
prochen?“
ſollen! Er fühlte den Vorwurf, der für ihn in dieſen Worten lag, er mußte ihn hinnehmen.
„Und was ſoll nun geſchehen?“ fragte Guſtav nach einer peinlichen Pauſe.„Wirſt Du Ackermann verhaften laſſen?“ Robert Bogen fuhr aus ſeinem Brüten empor, wie Jemand, der aus einem beängſtigenden Traume erwacht.
„Soll ich mir ſelbſt die Naſe aus dem Geſicht ſchneiden?“ erwiederte er.„Recht geſchähe ihm, wenn er im Zuchthauſe für dieſes Verbrechen büßen müßte, aber die Schande würde auf uns Alle zurückfallen, und wir haben Feinde genug, die das gern benützten, um über uns zu triumphiren.“
„Alſo ſoll gar nichts geſchehen?“
„Gar nichts? Das denke ich doch! Ackermann ſoll Alles herausgeben, was er von mir erhalten hat und ſodann die Stadt für immer verlaſſen. Bertha kehrt in mein Haus zurück, und ich überlaſſe es ihr, ob ſie ſpäter, nach ihrer Geneſung, auch gerichtlich ſich von dem Manne ſcheiden laſſen will.“
„Der Wagen iſt vorgefahren!“ meldete Joſeph.
„Na, dann fort!“ ſagte der Gutsbeſitzer, der mit Hut und Stock ſchon bereit ſtand.„Du begleiteſt mich, Guſtav, es wäre ja möglich, daß wir Gewalt anwenden müßten.“
„Und Mama ſoll nichts erfahren?“ fragte der junge Mann zögernd. „Jetzt noch nicht— na, warte einmal,— Joſeph, Sie können der gnädigen Frau melden, ich ſei zur Stadt gefahren, um Madame Ackermann zu holen, ſie möge ihre Vorbereitungen zum Empfang der kranken Dame treffen. So, dann weiß auch der Hausarzt, weshalb er hieher beſchieden worden iſt.“.
Er ſtand bei den letzten Worten ſchon vor dem Wagen, der gleich darauf mit den beiden Herren von dannen vollte.
Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Kataſtrophe.
Der Unterſuchungsrichter blickte erſtaunt auf, als der Kom⸗ miſſär Wittich ihm den Polizeirath Stern vorſtellte und die Vor⸗ legung des Briefes forderte, den man bei dem verhafteten Müller gefunden hatte.
Er kam, nachdem er einige Worte mit dem Rath gewechſelt hatte, der Forderung nach, Stern holte den Vertrag aus dem Portefeuille und verglich die beiden Handſchriften.
„Kein Zweifel,“ ſagte er,„es iſt dieſelbe Hand. Darf ich um Ihr Urtheil bitten, Herr Gerichtsrath?“
„Ich pflichte Ihnen bei,“ erwiederte der Unterſuchungsrichter, „es bedarf keines Sachverſtändigen, um dieſes Urtheil zu fällen. Aber haben Sie dadurch einen Schritt weiter gethan?“
„Ganz gewiß; ich weiß nun, daß Woldemar Kramer in dieſer Stadt weilt.“
„Das möchte ich ſo ſicher nicht behaupten!“ ſagte der Richter kopfſchüttelnd.„Der Herr Kommiſſär hat feſtgeſtellt, daß der Sekretär des Herrn Ackermann dem Müller den Brief übergeben hat. Nun wohl, kann nicht dieſer Sekretär ihn auch geſchrieben haben? Man findet unter dieſer Sorte von Menſchen häufig einen, der darin eine beſondere Geſchicklichkeit beſitzt, und im Allgemeinen iſt dieſe Handſchrift leicht nachzuahmen.“
Der Kommiſſär zuckte die Achſeln.
„Sie vergeſſen dabei nur Eins, Herr Gerichtsrath,“ erwiederte er.„Wo ſoll der Sekretär dieſe Handſchrift geſehen haben, und welches Intereſſe hatte er für ſeine Perſon an der Fälſchung?“
„Das kann ich freilich nicht wiſſen, aber ſollte ein ſolches Intereſſe nicht in der Möglichkeit liegen?“
Der Polizeirath hatte die Photographie aus ſeinem Portefeuille genommen, er hielt ſie jetzt dem Richter vor die Augen.
„Kennen Sie dieſen Mann?“ fragte er.
Der Unterſuchungsrichter hielt den Blick lange auf das Por⸗ trät geheftet.
„Bekannt ſind mir die Züge allerdings,“ ſagte er ſinnend, „namentlich der Blick, aber—“
„Aber es liegt doch etwas Fremdes darin, nicht wahr?“ erwiederte Wittich.„Nun denken Sie ſich einmal dieſes Geſicht von einem Bart umrahmt, finden Sie dann vielleicht eine Aehnlichkeit mit einer Ihnen bekannten Perſon?“
„Der Bart läßt ſich eben ſchwer hinzudenken!“
„Gut, betrachten wir's von der anderen Seite. Wir ſprachen eben von einem Herrn, der einen wirklich prachtvollen Bart beſitzt, Herr Ackermann—“
„Warten Sie!“ ſagte der Richter lebhaft.„Ganz recht, dieſes
Porträt hat unverkennbare Aehnlichkeit mit den Geſichtszügen des Herrn Ackermann.“ 5 „Nun, das genügt,“ erwiederte der Kommiſſär, während der
Der Gutsbeſitzer ſchwieg, was hätte er auch darauf erwiedern
Polizeirath ſein Portefeuille ſchloß und in die Taſche ſchob.„Sie


