Jahrgang 
14-26 (1877)
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ihn morgen hier, um das Diadem in Empfang zu nehmen. Jeanette entfernte ſich, in ihren Shawl gehüllt verließ ſie einige Minuten ſpäter das Haus.

Der Weg führte an dem Hauſe des Rentners Roller vorbei, ſie hatte daſſelbe eben erreicht, als Dore aus dem Hauſe heraustrat.

Sie wollen doch nicht zu dem Sekretär? fragte Dore, die ſofort die Zofe erkannte.

Bewahre! ſpottete Jeanette.Dem bleibe ich am liebſten drei Schritte vom Leibe! Wohin wollen Sie denn noch ſo ſpät?

Habe noch etwas auszurichten. So ſpät iſt es auch noch nicht, wir werden in der Küche nie vor neun Uhr Abends fertig.

Na, dafür würde ich danken!

Was wollen Sie? Man muß zufrieden ſein mit dem, was man hat.

Sie freilich! ſpottete Jeanette.Ich kann andere Anſprüche machen.

9 Mag ſein; aber ob Sie glücklich und zufrieden dabei ſind, iſt auch noch die Frage.

Hm, es wird nicht lange mehr dauern, ich habe die längſte Zeit das Brod fremder Leute gegeſſen.

Sie wollen heirathen?

Und zwar ſchon bald.

Ich wünſche Ihnen viel Glück dazu, aber in der Ehe findet man auch nicht immer, was man ſucht.

Jeanette zuckte die Achſeln.

Es kommt immer darauf an, ob die Ehe auf Liebe gegründet iſt, ſagte ſie,iſt ſie das nicht, dann ſieht es allerdings ſchlimm aus, mit Geld läßt ſich das Glück nicht erzwingen.

Sie waren vor dem Schaufenſter des Juweliers angekommen, Jeanette zeigte auf das Diadem.

Wie gefällt Ihnen das? fragte ſie.

Was kann es mir nützen, ob es mir gefällt! ſeufzte Dore, ich werde in meinem ganzen Leben nicht ſo reich werden, daß ich einen ſolchen Schmuck tragen kann.

Bah, und wenn Sie ihn beſäßen und wären nicht glücklich dabei, was hätten Sie dann? Der Schmuck gehört meiner Herrin, aber ich möchte trotz alledem nicht mit ihr tauſchen.

Iſt ſie nicht glücklich?

Nein; aber ſagen Sie es Niemand wieder. Die arme Frau thut mir wirklich leid, aber ſo geht's in der Regel, wenn man nur auf das Geld ſieht.

Und was haben Sie noch bei dem Juwelier zu thun? fragte Dore erſtaunt, als die Zofe Miene machte, in den Laden zu treten. Sie werden doch nicht die Brillanten holen ſollen? Dazu wäre ich zu ängſtlich.

Ich würde das auch nicht übernehmen, erwiederte Jeanette, der Juwelier ſoll morgen früh ſelbſt das Diadem bringen, unſer Herr iſt wüthend darüber, daß es im Schaufenſter liegt.

Damit ging ſie in das Haus, und nachdem ſie den Auftrag ausgerichtet hatte, trat ſie den Rückweg an.

Sie hatte jedes Wort der Unterredung Ackermann's mit ſeiner Gattin gehört, ſie hatte auch den Herrn geſehen, als er das Bou⸗ doir verließ, und den Ausdruck glühenden Haſſes in ſeinem ver⸗ zerrten Geſicht bemerkt.

Eine dunkle Ahnung, über die ſie ſelbſt ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte, ſagte ihr, daß es ſich nun in den nächſten Stunden entſcheiden müſſe, ob ihr furchtbarer Verdacht begründet ſei oder nicht, und ſie war entſchloſſen, Alles aufzubieten, um das Ver⸗ brechen zu verhindern und das Leben der unglücklichen Frau zu retten.

Ihr graute ſelbſt vor dieſem Verdacht, aber es war ihr nicht möglich, ihn zurückzudrängen, es lag eben zu Vieles vor, was ihm zur Beſtätigung dienen mußte..

Ackermann war auch ein Anderer geworden, ſeitdem der ſo plötzlich vom Himmel geſchneite Sekretär ſein Vertrauen gewonnen hatte, ſeit dieſem Tage beſtand der Riß zwiſchen den jungen Ehe⸗ leuten, der immer breiter und tiefer wurde, und über den nach dem Auftritt dieſes Abends keine Brücke mehr hinüberführte.

Und daß die Sache nun, ſo oder ſo, zu Ende gebracht werden ſollte, das hatte Jeanette deutlich in dem finſteren, glühenden Blick des Herrn geleſen, und ſie war entſchloſſen, in dieſer Nacht über das Leben der jungen Frau zu wachen, morgen aber nicht zu ruhen, bis die Ueberſiedelung nach Plettenberg in's Werk geſetzt wurde.

Bertha war, als Jeanette zurückkehrte, bereits zu Bett gegangen, die Zofe ſchloß die Thüre des Schlafgemachs, die auf den Korridor hinaus führte und trat durch die Portière leiſe in das Boudoir zurück.

Sie löſchte auch hier das Licht, im Schlafgemach brannte nur noch die kleine Nachtlampe, die neben der Arzneiflaſche auf dem Tiſchchen vor dem Bette ſtand.

Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Der Weg in dieſes Gemach führte jetzt nur noch durch das Boudoir, und hier, in einer dunklen Ecke hinter dem Blumentiſch ſaß Jeanette und wartete.

Es war für ſie eine peinlich unangenehme und daneben auch gefahrvolle Situation; die geringſte Bewegung konnte ſie verrathen und es war möglich, daß ſie hier bis zum Morgen ſitzen mußle, ohne dabei ihren Zweck zu erreichen.

Die Minuten ſchlichen langſam dahin, der Schlaf, der ſeine Rechte geltend machen wollte, mußte bewältigt werden und außer dem eintönigen Pendelſchlag der Stutzuhr und den regelmäßigen Athemzügen der Schlafenden unterbrach kein Geräuſch die Stille, die das wachende Mädchen umgab. Einmal ſprach die Schlafende im Traum einige Worte, dann wurde es wieder ſtill, und jetzt ſchlug es auf dem ſilbernen Glöckchen der Uhr Mitternacht.

Da plötzlich bewegte ſich die Portière, die das Bondoir mit dem Empfangsſalon verband, eine hohe Geſtalt trat geräuſchlos in das Zimmer, blieb einen Augenblick ſtehen und verſchwand dann hinter der Portière des Schlafgemachs.

Die Pulſe Jeanettens klopften hörbar, ſie meinte, die Adern müßten ihr zerſpringen, ſie preßte die Lippen feſt auf einander, damit kein verrätheriſcher Athemzug ihr entſchlüpfte.

Von ihrem Sitz aus konnte ſie Alles beobachten, was vor dem Bett ihrer Herrin geſchah, ſie hatte die Portiére des Schlaf⸗ zimmers nicht zugezogen, und Ackermann that dies jetzt auch nicht. Sie ſah, daß er ſich auf den Fußſpitzen zu dem Bett hinſchlich, er zog ein kleines Flacon aus der Taſche und goß daraus eine helle Flüſſigkeit in die Arzneiflaſche, die er dann leiſe wieder hinſtellte.

Die Kranke machte eine Bewegung, haſtig trat Ackermann zurück, eine Minute ſpäter durchſchritt er wieder das Boudoir, Jeanette hatte die Gefahr überſtanden.

Sie preßte die Hand auf das ſtürmiſch pochende Herz, in einem lauten Aufſchrei hätte ſie ſich Luft machen mögen, aber ſie wagte es nicht, die Furcht, daß Ackermann zurückkehren und ſie entdecken könne, hielt ſie noch immer gebannt.

Das Furchtbare war geſchehen, der Verdacht alſo begründet, und jeder Augenblick Verzug konnte der unglücklichen Frau das Leben koſten.

Was nun thun? Sollte ſie ihrer Herrin oder dem Arzte berichten, was ſie entdeckt hatte?

That ſie es, ſo gab's Lärm, das war unvermeidlich, und wer konnte voraus wiſſen, was dann geſchah!

Gegenüber dieſer furchtbaren Anklage ließ Ackermann ſich viel⸗ leicht zu einem Gewaltakt hinreißen, möglicherweiſe war er auch darauf vorbereitet, und gelang es ihm, den Arzt auf ſeine Seite zu bringen, dann zerfiel die Anklage überhaupt in nichts.

Dieſem Arzte aber ſchenkte Jeanette kein Vertrauen und das Endreſultat ihres Grübelns war der Entſchluß, nach Plettenberg zu eilen und dem Rittergutsbeſitzer Bericht zu erſtatten, der mußte dann wiſſen, was zur Rettung ſeines Kindes geſchehen ſollte.

Sie holte die Arzneiflaſche aus dem Schlafgemach und eilte in ihr eigenes Zimmer; ſobald der Tag angebrochen war, wollte ſie den Weg antreten.

Aber ſo raſch ſollte ſie zur Ausführung ihres Entſchluſſes nicht kommen. In aller Frühe rief die Glocke ſie in das Schlaf⸗ zimmer ihrer Herrin, ſie mußte dem Ruf Folge leiſten. Bertha

vermißte ihre Arznei daran hatte Jeanette leider nicht gedacht,

aber ſie verlor die Faſſung nicht.

Es ſtanden noch einige halbgefüllte Medicinflaſchen auf der Marmorplatte der Kommode, Jeanette ſtieß eine derſelben um. daß ſie zerbrach, und entſchuldigte ſich darauf wegen ihrer Unvor⸗ ſichtigkeit.

Bertha erwiederte ärgerlich, die Flaſche habe auf dem Nacht⸗ tiſchchen geſtanden, die Zofe erklärte darauf, ſie ſelbſt habe ſie, als ſie vom Juwelier zurückgekehrt ſei, auf die Kommode geſtellt, um ſie vor einem Unglück zu bewahren.

Jeanette wollte ſofort in die Apotheke eilen, um die Arznei erneuern zu laſſen, ſie bat ſo lange, bis die junge Frau ihr ver⸗ ſprach, das Zerbrechen der Flaſche dem Arzt ſowohl wie dem Gatten zu verheimlichen.

Aber auch jetzt kam die Zofe noch nicht fort, ſie mußte ihre Herrin friſiren und ankleiden, für das Frühſtück ſorgen und die Zimmer in Ordnung bringen, und als ſie endlich das Haus verließ, war die Sonne ſchon hoch geſtiegen. Was mochte jetzt, während ihrer Abweſenheit, in dieſem Hauſe geſchehen?

Vielleicht rechnete Ackermann mit Sicherheit darauf, in dem Schlafzimmer ſeiner Gattin eine Leiche zu finden, vielleicht zwang er in ſeiner Gereiztheit die junge Frau zu dem Bekenntniß, daß die Flaſche zerbrochen war.

Dann kam es heraus, daß dieſe Flaſche nicht mehr auf dem

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