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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 479
machen. Für den Adel ſeines Geiſtes und Herzens ſpricht es, daß er dieſe herben Erfahrungen zum Stoffe gelungener Humoresken aus dem Soldatenleben objektiviren konnte. Nach beendigter Dienſtzeit kehrte König zum Kaufmannsſtand zurück, nahm eine Commisſtelle in Elberfeld an, und bald wandten ſich ſeine Verhältniſſe zum Beſſern. Im Frühling 1858 verlobte er ſich mit einer jungen Elberfelderin, allein die Mobilmachung von 1859 rief ihn vorübergehend wieder unter die Fahne und geſtattete ihm erſt im Herbſt 1859 ſeinen Hausſtand zu gründen. Im eigenen Heim und an der Wiege ſeines älteſten Kindes machte er ſeine erſten ſchriftſtelleriſchen Verſuche, deren günſtige Aufnahme ihm Selbſtvertrauen gaben und Muth und Kraft ſtärkten, ſo daß er ſeinen Humoresken und Skizzen bald Novellen und auf die Novellen Romane folgen ließ und der beliebte Erzähler wurde, dem alle Feuilletons ſich öffneten und den die geleſenſten Journale zum Mitarbeiter gewannen, ſo daß ſein Erfolg auch ein materiell lohnender wurde und ihm erlaubte, 1868 den kaufmänniſchen Beruf ganz aufzugeben und ſich ausſchließlich der Schriftſtellerei zu widmen. 1869 errang er mit dem Roman„Durch Kampf zum Frieden“ den Preis von tauſend Dollars, welchen das Lexow'ſche belletriſtiſche Journal in New⸗York für den beſten deutſchen Originalroman ausgeſetzt hatte, und erwarb ſich durch deſſen Veröffentlichung auch in Deutſchland die verdiente Anerkennung. Nun folgten verſchiedene andere beifällig aufgenommene Romane, zu welchen ihn die Verleger H. Schönlein in Stuttgart und H. Coſtenoble in Jena aufgemuntert hatten, und durch die ſich ſeine materielle Situation ſo angenehm geſtaltete, daß er ſeit 1871 im eigenen freundlichen Beſitzthum zu Neuwied a. Rh. mit ſeiner Frau und ſeinen drei Töchtern das arbeitſame, friedliche, ſegensreiche und auregende Daſein eines beliebten Volksſchriftſtellers im beſten Sinne des Wortes führen konnte, durch welches er ſich die allgemeinſte Achtung und Anerkennung und— was die Haupt⸗ ſache iſt— die innere Genugthuung des Bewußtſeins redlich erfüllter Pflicht erworben hat.
Der Dom in Erfurt. (Mit Bild auf S. 464.)
Erfurt darf den Ruhm beanſpruchen, nicht nur die größte und älteſte Stadt Thüringens zu ſein, ſondern auch eine der herrlichſten und intereſ⸗ ſanteſten Kirchen dieſes Landes zu beſitzen in ſeinem großartigen und ſchönen Dom, von dem wir auf S. 464 eine Anſicht geben. Schon um die Mitte des 8. Jahrhunderts erbaute Bonifacius oder Winfrid, der Apoſtel der Deutſchen, als er hieher kam, das erſte Kirchlein auf dem Marienberge, auf der Stelle, wo der heutige Dom ſteht, machte ſeinen Begleiter Adolar zum Biſchof und unterſtellte die Stadt und die ganze Landſchaft Thüringen kirchlich unter das Erzſtift zu Mainz, das er jelbſt als Erzbiſchof verwaltete, woher denn auch Erfurt gleich Mainz noch heute das Rad als Stadtwappen führt. Der Dom iſt die Hauptſehenswürdig⸗ keit der Stadt Erfurt und die Pfarrkirche der katholiſchen Propſtei, welche das uralte Bisthum erſetzte. Auf gewaltigen Unterbauten erhebt ſich der Dom maleriſch als ein herrliches Baudenkmal, welches in ſeinen älteſten Theilen noch der romaniſchen Periode, in dem hohen, ſchlanken, fünſſeitig abſchließenden Chore und in ſeinem Dreieckportal(von 1349—53) dem Uebergang zwiſchen Früh⸗ und Spät⸗Gothik, in ſeinem Schiffe dagegen dem Ende des 15. Jahrhunderts angehört. Das Kirchlein des Bonifacius zerfiel ſchon im 12. Jahrhundert, und ſtatt ſeiner wurden auf dem natür⸗ lichen Hügel des Marienbergs die beiden dreigethürmten ſtolzen Kirchen: Dom und St. Severi— die letztere auf unſerer Abbildung zur Rechten des Beſchauers— erbaut; und um für den Prachtbau der Kathedrale einen geräumigen Platz auf der Höhe des Hügels zu gewinnen, ließ das reiche Domkapitel mit unerhörter Kühnheit am Oſtabhang des Hügels einen Tieſigen achtzig Fuß hohen, auf zehn mächtigen Bogenwölbungen geſtützten Unterbau, die ſogenannte Cavate(Höhlendeckung) erbauen, die eine den ganzen Chor umgebende Plattſorm trägt, zu welcher eine breite Freitreppe emporführt. Das reich mit Bildnerei geſchmückte Haupt⸗ portal liegt an der Nordſeite oben an dieſer Freitreppe zwiſchen Chor und Schiff und iſt nun trefflich reſtaurirt. Das Innere des Domes bringt, wenn man es vom weeſtlichen Ende des Hauptſchiffes betrachtet, einen impoſanten Eindruck hervor, denn hier überſchaut man einen Raum von 291 Fuß Länge bis zu den Chorfenſtern; iſt doch das Schiff 136 Fuß lang, 90 Fuß breit und 58 Fuß hoch, der Zwiſchenbau 45 Fuß lang, der Chor 110 Fuß lang, 44 Fuß breit und 80 Fuß hoch— ganz ungewoöhn⸗ liche Proportionen. Da aber alle drei Schiffe unter demſelben Dache ſtehen und die Seitenſchiffe unverhältnißmäßig breit ſind, ſo fehlt dem Hauptſchiff das wirkſame Oberlicht, was jenes in ein geheimnißvolles Dunkel hüllt. Das Innere iſt reich an älteren Malereien und Bild⸗ werken, unter denen ſich eine metallene Votivtafel von Peter Viſcher befindet, an Grabſteinen, Chorſtühlen, Holzſchnitzereien, Glasgemälden, Bronzefiguren u. ſ. w.; auf dem dreifachen Thurme hängt neben elf anderen größeren und kleineren Glocken auch die berühmte, 275 Zentner ſchwere Glocke„Maria gloriosa“, und die Thurmgallerie gewährt eine weile, lachende Rundſchau. Die an den Dom anſtoßende Severi⸗ oder Stiftskirche enthält einen prachtvollen Taufſtein aus dem 15. Jahrhundert
und werthvolle Gemälde. 2
Uach den Flitterwochen. (Mit Bild auf S. 465.)
Im bunten Wechſelſpiele des Lebens zieht wohl keine Zeit ſchneller vorüber, als die der Flitterwochen; ſie iſt dem ſüßen Wohlbehagen gewid⸗ met nach den unruhevollen Vorbereitungen zur Hochzeit, nach den troubulöſen Tagen des Feſtes ſelbſt, und bildet den Uebergang in das neue Leben,
das die jungen Eheleute nun beginnen. Sind dieſe ſtillen Wochen des Glückes vorüber, ſo treten auch ſchon die erſten Sorgen an das junge Paar heran, aber ſüße Sorgen ſind es vorläufig noch, die nicht drücken, ſondern mit frohen, beſeligenden Hoffnungen gepaart ſind. Unſer anmuthiges Bild auf S. 465, gezeichnet von dem talentvollen Maler Knut Etkwall, führt uns ein ſolch' junges Ehepaar vor, das ſoeben die Flitterwochen abgeſchloſſen hat und nun bereits an die demnächſtige Ver⸗ größerung ſeines Hausſtandes denkt. Prüfend iſt es vor dem Schaufenſter eines eleganten Ladens ſtehen geblieben, in welchem ſich eine gefällige Wiege, vollſtändig mit allen Bettchen und Decken ausgeſtattet, präſentirt, und überlegt wahrſcheinlich, ob es dieſes verlockend hübſche Möbel, deſſen Anſchaffung in einiger Zeit nöthig werden wird, ſchon jetzt käuflich erwerben ſoll. Daß das Bettchen überaus einladend iſt, beweist der kleine Burſche, der von ſeiner Schweſter auf die Schutzſtange vor dem
Schaufenſter geſetzt worden iſt und verlangend die Aermchen ausſtreckt;
der arme Kleine hat wohl noch nie ſein Köpfchen in ſo ſchöne weiche Pfühle gedrückt, um ſo lebhafter überkommt ihn das Verlangen und die Luſt, ſich einmal in dieſe Kiſſen hineinzuſtürzen. Doch das wird wohl immer nur ein Wunſch bleiben, während das junge Ehepaar, geht es vielleicht auch heute noch einmal an dem Laden vorüber, doch ſchon in der nächſten Zeit in denſelben eintreten wird, um dem jungen Weltbürger, den es erwartet, ein weiches warmes Neſtchen zu bereiten. L. S.
Gottfried Wilhelm Freiherr v. Leibniz. (Mit Bild auf S. 468.)
Aus der unerquicklichen Dürre und Proſa deutſchen Lebens und deutſcher Wiſſenſchaft im 17. Jahrhundert ragt wie ein Fels aus dem Meere der gewaltige Genius des berühmteſten Leipziger Kindes Gott⸗ fried Wilhelm Leibniz auf, welcher ein wirkliches Univerſalgenie war, ähnlich dem alten Albertus Magnus ſein Licht faſt in allen Fächern des Wiſſens und als Quinteſſenz deſſelben ſeine Lehre von der Weltharmonie ſtrahlen ließ und auf deſſen mächtigem Geiſt und Einfluß ein weſentlicher Theil der Bildung des 18. Jahrhunderts beruhte. In ihm verehrt die Geſchichte einen der größten Gelehrten und ſcharfſinnigſten Denker aller Zeiten, Deutſchland einen der mächtigſten Förderer ſeiner Sprache und der geſammten W ſſenſchaft. Zwei Jahre vor Beendigung des verderb⸗ lichen dreißigjährigen Krieges, am 6. Juli 1646, erblickte Leibniz zu Leipzig, wo ſein Vater Profeſſor der Rechte war, das Licht der Welt. In jenem „Klein⸗Athen“ erhielt er an der Nikolaiſchule ſeine Vorbildung und ward im fünfzehnten Jahre an der Univerſität als Student der Rechtsgelehr⸗ ſamkeit eingeſchrieben, die er aber ſpäter aus Vorliebe mit philoſophiſchen Studien vertauſchte. Kaum ſiebenzehn Jahre alt, veröffentlichte er ſchon eine gelehrte lateiniſche Abhandlung:„Ueber den Anfang des Indivi⸗ duums“, ging dann nach Jena, wo er ſich an den Mathematiker und Philoſophen E. Weigel anſchloß und drei weitere gehaltvolle philoſophiſche Abhandlungen in lateiniſcher Sprache ſchrieb. 1666 nach Leipzig zurück⸗ gekehrt, mußte er erfahren, daß der Prophet in ſeinem Vaterlande nichts gilt, denn als er ſich um die juriſtiſche Doktorwürde bewarb, ward ihm dieſe„von wegen ſeiner Jugend“ verweigert, und er erwarb dieſelbe nun in Altorf. Er ſchloß ſich dem Baron v. Boyneburg an, als dieſer Miniſter in kurmainziſchen Dienſten wurde, arbeitete für denſelben zu Frankfurt verſchiedene publiziſtiſche Schriften aus, und ſchrieb u. A. auch eine Denk⸗ ſchrift über die Mittel, wie man Ludwigs X.V. ländergierigen Eroberungs⸗ plänen gegen Deutſchland begegnen könne. Zu dieſem Behuf ward er als vorgeblicher Führer des jungen Barons Boyneburg nach Paris geſchickt, wo er dem König die Eroberung Egyptens vorſchlagen und damit deſſen Eroberungsgelüſte von Deutſchland ablenken ſollte, was aber nicht gelang. Durch den Aufenthalt in Paris und London kam er in perſönliche Berührung mit den berühmteſten Mathematikern und Philoſophen jener Zeit: einem Huygens, Bayle und Newton ꝛc., ward dadurch zur Wieder⸗ aufnahme ſeiner mathematiſchen Studien angeregt und erfand die Differen⸗ tialrechnung, die ihm bei der Pariſer Akademie ein ſolches Anſehen ver⸗ ſchaffte, daß ſie ihn zu ihrem Penſionär annehmen wollte, falls er katholiſch werde. Leibniz lehnte dies ab und erhielt vom Herzog von Braunſchweig⸗ Lüneburg eine Penſion, den Rathstitel und die Erlaubniß, ſich beliebig lange im Ausland aufzuhalten, ward 1676 Bibliothekar in Hannover und fand einen ungemein vielſeitigen Wirkungskreis, der ihn 1687 nach Wien und Italien führte. Seine Mitwirkung an der im Jahr 1700 durch König Friedrich I. von Preußen gegründeten Akademie in Berlin, deren erſter Präſident er war, brachte ihn in perſönliche Berührung mit der ſogenannten„philoſophiſchen Königin“ Sophie Charlotte, Gemahlin Friedrichs IJ., einer hannover'ſchen Prinzeſſin, welche zuvor ſchon mit Leibniz korreſpondirt hatte und in deren Zirkel er nun bei ſeinen zeit⸗ weiligen Beſuchen in Berlin wiſſenſchaſtliche Vorträge der anregendſten Art hielt, wie unſer Bild S. 468 Leibniz während eines ſolchen Vortrags im Kreiſe der geiſtreichen Monarchin darſtellt, deren Gedankenſchärfe er durch das bekannte Wort charakteriſirte: ſie wolle das Warum des Warums ergründen. Auf die ihm vorgeſchlagene bleibende Ueberſiedelung nach Berlin ging Leibniz jedoch nicht ein, ſondern blieb in Hannover als Geheimer Juſtizrath und Hiſtoriograph, erhielt aber von Oeſterreich die Würde eines Freiherrn und Reichshofraths nebſt 2000 Gulden Penſion, und von Peter dem Großen, mit welchem er 1711 in Torgau eine Zu⸗ ſammenkunft hatte, den Titel eines Geheimen Raths und einen Gehalt von 1000 Rubeln. Nachdem ſein Lebensabend leider durch Streitigkeiten aller Art, namentlich mit Newton's Anhängern, getrübt worden war, ſtarb der große Denker und Gelehrte am 14. November 1716 zu Hannover, wo man noch ſeinen Grabſtein in der Neuſtädter Hofkirche und ſein Wohnhaus zeigt und ihm ein Denkmal auf dem Waterlooplatze errichtet


