Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Stimmen durch Säle und Gemächer, hier ſchlummern die Geiſter geſchwundener Jahrhunderte im Schoße der kommenden Zeiten und am Sarge der Vergangenheit ſinnt die Zukunft. Die ſtolze Kaiſer⸗ burg der Hohenſtaufen, die einſt ſo trotzige Habsburg, längſt ſchon ſchützt beide kein Dach mehr, ſie liegen in Trümmern. Doch die Wartburg, die erhabene Wiege von Thüringens erſtem, edlem Fürſten⸗ ſtamme, ſteht noch feſt und ſtolz auf ihrem Berge, und faſt wieder in alter Herrlichkeit, wie vor neun Jahrhunderten, ſchaut ſie nieder auf die Tauſende von Wallern, welche alljährlich durch ihre Thore einziehen. Die Wartburg iſt wieder ein prangendes Fürſtenſchloß geworden, ſeit ein Urenkel der alten Landgrafen ſie mit frommer Pietät reſtauriren ließ, und faſt hat die Kunſt ſich erſchöpft, um das Hausder heiligen Eliſabeth in neues Prachtgewand zu klei⸗ den. Weithin, wie zur Zeit des Sängerkrieges, leuchten wieder ihre ſtattlichen Thürme mit dem Löwenbanner. Um ihren greiſen Fuß aber blühen die Blumen der Gegenwart und um ihr graues Haupt flattern die Träume einer vielleicht bedeutſamen Zukunft.

Wart Berg, Du ſollſt mir eine Burg werden! hatte Graf Ludwig von Thüringen, mit dem Zunamen der Springer, aus⸗ gerufen, als er bei einer Jagd die waldige Höhe, welche jetzt die Wartburg trägt, erſtiegen hatte. Viele Jahre ſpäter flüchtete Lud⸗ wig, gleich ſeiner durch Mord errungenen Adelheid, gebrochenen Herzens in die heiligen Mauern des Kloſters, ſeine liebe Wartburg dem Sohne hinterlaſſend, welchen der Kaiſer 1120 zum erſten thüringiſchen Landgrafen erhob. Ludwig der Eiſerne, des Springers Enkel, war es, der die trotzigen Edelherren bei der Neuenburg, un⸗ weit Freiburg, in den Pflug ſpannte und mit Geißelhieben zwang, eine Furche zu ziehen. Nachdem er geſtorben war, trugen ihn, ſeinem letzten Befehle gehorchend, die gedemüthigten Ritter auf ihren Schultern dreißig Stunden weit nach der Fürſtengruft im Kloſter Rein⸗ hardsbrunn. Noch hervorragender aber als der Eiſerne Landgraf iſt ſein Sohn Hermann, an deſſen Hofe Sangeskunſt und Poeſie in hohen Ehren ſtand. Er iſt es, welcher auf ſeiner Wartburg die berühmteſten Meiſterſänger aufnahm, um ſich an ihrer Kunſt zu ergötzen. Von ihm wurde auch, angeblich im Jahre 1208, das Wettſingen veranſtaltet, welches unter der Bezeichnungder Sänger⸗ krieg auf der Wartburg Richard Wagner in ſeinem Tannhäuſer verherrlicht hat.

Der Sage nach war bei dem Sängerkampfe auf der Wartburg die barbariſche Bedingung feſtgeſtellt worden, daß der Beſiegte durch Henkers Hand ſein Haupt verlieren ſollte. Die Sänger, welche den bedenklichen Wettkampf annahmen, waren Walter von der Vogel⸗ weide, Wolfram v. Eſchenbach, Heinrich v. Ofterdingen, Reinmar v. Zweter, Biterolf und Heinrich der Schreiber. Es iſt in der aus dem 14. Jahrhundert ſtammenden Maneſſe'ſchen Handſchrift, deren Verfaſſer über zweihundert Dichtungen jener Zeiten ſammelte, unter anderen Abbildungen auch eine Darſtellung dieſes Wettſanges auf unſere Tage gekommen, auf welcher der Landgraf den beſiegten Sänger, Heinrich v. Ofterdingen, der nur ein ſchlichter Bürger war, dem Scharfrichter überweist, während der Verurtheilte vor der Landgräfin Sophie ſchutzſuchend niedergeſunken iſt, und dieſer ihn mit dem Gnadenſchleier bedeckt. Dieſes alte Bild hat der be⸗ rühmte Maler Schwind als Vorlage zur Darſtellung des Sängerkampfes in demſelben Saale der Wartburg benutzt, wo derſelbe ſtattgefunden haben muß. Der Kampf gipfelte in den Vorträgen Wolframs v. Eſchenbach und Heinrichs v. Ofterdingen, von welchen Jener ſich dem romaniſch⸗chriſtlichen und Dieſer dem altnordiſchen Sagenkreiſe angeſchloſſen hatte. Heinrich v. Ofterdingen beſchuldigte die übrigen Sänger, welchen das Richteramt zugeſtanden, der Parteilichkeit und verlangte, daß als Schiedsmann der berühmte Sangesmeiſter Klinſor aus dem Ungarlande herbeigerufen werden ſollte. Der ſangeskun⸗ dige Klinſor war des Ungarkönigs Andreas Bergwerkshauptmann und auch ſonſt ein vielbeſchäftigter Mann, aber er ſcheute auf den Ruf von der Wartburg die weite Reiſe nicht, was ihm freilich wohl auch weniger Beſchwerlichkeiten verurſachen mochte, indem er angeblich ein Schwarzkünſtler war und einen dienenden Geiſt zur Ver⸗ fügung hatte. Er kam, und nachdem er durch Scharfſinn, Spott und Satyre Wolfram in die Enge getrieben undum all ſein Singen gebracht hatte, wurde der Streit auf friedlichem Wege beigelegt. Daß aber der berühmte ungariſche Meiſterſänger und Bergwerks⸗ kundige Klinſor wirklich auf der Wartburg geweſen iſt und mit dieſem Beſuche ſich zugleich diplomatiſche Gründe verbanden,

Maunigfaltiges.

Ein Dienſtmädchen als Groſtmutter zweier Königinnen.

Unter der Regierung Karl I, von England kam ein Landmädchen nach

London, um einen Dienſt zu ſuchen. Sie verdingte ſich dort bei einemt

Brauer, der ſie, da ſie hübſch war und vielen Verſtand beſaß, nach demt

Tode ſeiner erſten Frau heirathete. Er ſtarb bald darauf und hinterließ Chronik ꝛc. 1877.

läßt ſich wohl daraus ſchließen, daß der Landgraf Hermann bald nachher an den König Andreas von Ungarn eine Geſandtſchaft ſchickte, mit dem Auftrage, für ſeinen damals elfjährigen Sohn Ludwig um die Prinzeſſin Eliſabeth zu werben. Nach einigen Wochen langte auch die kleine, erſt vierjährige Braut mit einer ſilbernen Wiege und tauſend Mark Silbers, um deutſche Erziehung zu erhalten, auf der Wartburg an. In Wartburgs Geſchichte und Sage aber ſtrahlt dieſe nachmalige Landgräfin Eliſabeth als deren herrlichſter Stern.

In der Sage vom Sängerkriege auf der Wartburg Geſchichte und Fabel vollſtändig zu ſichten iſt nicht möglich. Es ſind Bruch⸗ ſtücke einer großen Dichtung unter der Bennung desSängerkrieges auf der Wartburg auf unſere Zeit gekommen, die zweifellos be⸗ zeugen, daß ein ſolcher ſtattgefunden hat. Der Form nach iſt dieſe Dichtung dramatiſch; wenn ſie aber die improviſirten Geſänge der Wettkämpfer unverändert wiedergibt, ſo war jener Sängerſtreit weniger ein gegenſeitiges Meſſen in der Kunſt des Singens, als vielmehr ein gegenſeitiges Ueberbieten und Auskramen von aller⸗ hand Kenntniſſen. Vielleicht rührt dieſe Dichtung von nur einem Verfaſſer her und es iſt als ſolcher auch ſchon Wolfram v. Eſchen⸗ bach genannt worden, indem dieſer darin außerordentlich verherr⸗ licht wird. Bedenkt man den Eigendünkel und die Selbſtüber⸗ ſchätzung, welche den meiſten dieſer Sänger innewohnten, ſo gewinnt dieſe Annahme viel an Wahrſcheinlichkeit. Auch dem Meiſterſänger Frauenlob hat man die Autorſchaft der Dichtung zugeſchrieben, und es haben ſich ſogar Forſcher gefunden, welche aus dem Charakter des Gedichts und den darin enthaltenen allegoriſch dunklen Fragen und Antworten, ſowie aus der wunderlichen fremdländiſchen Er⸗ ſcheinung Klinſor's das Ganze auf morgenländiſchen Urſprung zurückführen wollen. Soviel ſteht jedoch unter allen Umſtänden feſt, daß der Tannhäuſer mit dem Sängerkriege auf der Wart⸗ burg nichts zu thun hatte, wenn er auch wirklich, und dies iſt faſt für gewiß anzunehmen und wohl auch durch ſein Hörſelberg⸗ Abenteuer bewieſen, die Gaſtlichkeit der Landgrafen auf der Wart⸗ burg zeitweilig genoſſen haben mag. Meiſtern, wie Walter von der Vogelweide und Wolfram v. Eſchenbach gegenüber, würde Tann⸗ häuſer eine klägliche Rolle geſpielt und ſicher dem angedrohten Schwerte verfallen ſein. Ueberhaupt kann man den Tannhäuſer im Vergleiche mit anderen zeitgenöſſiſchen Meiſtern der Sangeskunſt, für nicht viel mehr als einen beſſeren Bänkelſänger anſehen, der ſich ſogar bis zum fürſtlichen Hanswurſt herabwürdigte, indem er in Bezug auf ſeinen freigebigen Gönner, den Herzog Friedrich von Oeſterreich und ſich ſelbſt, in einem ſeiner Gedichte ausruft:Wer hält noch Thoren, wie Er's that!

Im Allgemeinen war Tannhäuſer nicht ungeſchickt. Er ver⸗ ſtand es meiſterhaft, eigene wie fremde Gedanken nach Möglichkeit auszubeuten und in vielgeſtaltigem Formenwechſel wiederzugeben. Zu den Dichtern der Fürſtenhöfe gehörig, die von den Volksdichtern in jeder Beziehung verſchieden waren, beſtand ſein hauptſächlichſtes Streben darin, den hohen Herren, die ihn mit den Nothwendigkeiten des täglichen Lebens verſahen, Vergnügen zu bereiten, in ſeine Vor⸗ träge feine Form und Höflichkeit zu bringen und alles Anſtößige, oder was der fürſtlichen Gönnerſchaft fern lag, zu vermeiden. So machte er größtentheils das Landleben und deſſen Reize zu Gegen⸗ ſtänden ſeiner Dichtungen; aber unmöglich war es ihm gleich an⸗ deren Sangesmeiſtern den Sinn und den Geiſt des Volksliedes zu erfaſſen. Bei den Verſuchen, welche er darin unternahm, macht ſich überall der Hofjunker bemerkbar. Will er eine Bauerndirne ſchildern, ſo wird daraus ein Edelfräulein in ländlichen Kleidern, und ſeine Naturburſchen ſind lockere Edelleute, wie er ſelbſt einer war. In ſolchen engen Grenzen konnte ſich aber genau wie bei den Hofpoeten ſpäterer Jahrhunderte, ein ſelbſt bedeutendes Talent nicht ſoweit entwickeln, um etwas Tüchtiges zu ſchaffen. Der Geiſt erſtickte in der ihn umhüllenden engen Form, und ſo beſtand der einzige Nutzen und wohlthätige Einfluß des Minneſängerthums allein in der Bereicherung und Veredlung der Sprache und Vollendung des Ausdrucks. Mit dem Untergange der Hohenſtaufen der letzte ſtarb 1268 in Neapel auf dem Blutgerüſt verſtummte auch bald der Minneſang, und von den Fürſtenhöfen und Herrenburgen hinweg wanderten Dichtung und Sang in die Mauern der Städte und die Werkſtätten der Handwerker, um hier eine zünftige Geſtalt anzunehmen und Gemeingut aller Volksklaſſen zu werden.

(Nachdruck verboten,)

der jungen Wittwe ein großes Vermögen. Der Verwalter dieſes Ver⸗

mögens, ein junger Advokat, Herr Hyde, bewarh ſich um ihre Hand und

erhielt ſie; Herr Hyde ward nachmals Graf von Clarendon und eine ſeiner

Töchter ward die Gemahlin Jakobs II, von England; deſſen Töchter

Maria und Anna aelangten beide auf den königlichen Thron und ſo 72