Jahrgang 
14-26 (1877)
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Zeit von den ſo Gefeierten wohl übel aufgenommen werden würden. Daß aber die Fürſten nicht allein Schuld trugen, wenn es den Meiſtern der edlen Sangeskunſt bisweilen ein wenig knapp ging, dafür ſpricht auch das Leben des Tannhäuſer's. Es gab der⸗ ſelbe ſeinen Genoſſen als leichter und windiger Geſell, gewöhnt aus der Hand in den Mund zu leben und ſofort in Ueppigkeit zu ſchwelgen, ſobald ſich die milde Hand eines fürſtlichen Gönners auf⸗

Illuſtrirte Chronik der Zeit.

gethan hatte, nichts nach.

Im Jahre 1246 ſtarb Herzog Friedrich von Oeſterreich, und Tannhäuſer verlor mit ihm ſeinen freigebigen Gönner, doch konnte dies den leichtlebigen Sänger nicht entmuthigen. Getroſt griff er zum Wanderſtabe, um ſich einen neuen Zufluchtsort zu ſuchen, und bald fand er auch einen ſolchen am Hofe des Herzogs Otto von Bayern. Tannhäuſer wurde von dieſem Fürſten als heiterer Lebe⸗ mann gaſtfreundlich aufgenommen. Hier trieb es der Tannhäuſer wieder eben ſo bunt wie in Oeſterreich, und die ſieben Jahre, welche er an Otto's Hofe zubrachte, dachte er keinen Augenblick daran, ſich vorſorglich für ſchlimme Zeiten einen Sparpfennig zurückzulegen. Herzog Otto ſtarb 1253, und der Mangel zwang den leichtſinnigen Sänger abermals zur Wanderſchaft. Wie es ſcheint, hat er an

keinem Fürſtenhofe wieder dauernde Auf⸗ nahme gefunden. Er erſcheint zwar wieder⸗ holt an Höfen und Herrenſitzen, doch iſt ſeines Bleibens daſelbſt nirgends lange, und allmählig entſchwindet er dem Auge des For⸗ ſchers, ohne daß es möglich wird, über ſein ſpäteres Leben und ſeinen Tod Aufſchlüſſe zu erlangen. Wäh⸗ rend dieſer Zeit nahm Tannhäuſer wahr⸗ ſcheinlich auch an einem Kreuzzuge Theil, denn er beſchreibt fremde Länder und erzählt allerhand Abenteuer, die er erlebt haben will. Ebenſo ſcheint er ſich auch in Frank⸗ reich herumgetrieben zu haben, wo die von dem ſpaniſchen hoch⸗ gebildeten Arabervolk

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lehrſamkeit die germaniſche Frau Holla in die klaſſiſche Frau Venus; dagegen läßt ſich aber auch die Möglichkeit annehmen, daß die Sage vom Hörſelberge vom Tannhäuſer ſelbſt erfunden und ver⸗ breitet worden iſt. Er war ganz der Mann dazu, eine ſolche un⸗ geheuerliche Geſchichte zuſammen zu ſtellen und für ſich zu ver⸗ werthen. Wie ſeine Dichtungen bezeugen, fühlte er in ſpäteren Jahren über ſein lockeres Leben Gewiſſensbiſſe und durch Erfindung der Geſchichte, daß er im Hörſelberge von der Zauberin gefangen gehalten und erſt nach Jahren aus deren Umſtrickung frei geworden ſei, ließ ſich ganz gut ſein Plan einer Pilgerfahrt nach Rom recht⸗ fertigen, wodurch die Sage zum guten Abſchluſſe gedieh und er allgemeine Theilnahme erlangte. Die Folge war, daß in allen deutſchen Landen ſich eine förmliche Schwärmerei für Frau Venus geltend machte und manch' edler Ritter auszog, um ſich von dem Zauber der holden Bewohnerin des Hörſelberges umſtricken zu laſſen. Dieſer Wahn kühlte ſich jedoch bald ab und verwandelte ſich ſogar mit der Zeit in gröbliches Urtheil und Verhöhnung, vielleicht durch die Abenteurer ſelbſt hervorgerufen, welche vergeblich Auf⸗ nahme im Feenpalaſte der Heidengöttin erwartet hatten. Noch im 16. Jahrhundert ge⸗ dachte man bisweilen der Frau Venus im Hörſelberge, ſo auch der biedere Schuhmacher und Meiſterſinger Hans Sachs in Nürn⸗ berg, der jedoch in höchſt kernigen und nichts weniger als Achtung verrathenden Ausdrücken von ihr ſpricht.

Wenn der Tann⸗ häuſer in enger Be⸗ ziehung zur Sage vom Hörſelberge ſteht, ſo iſt dies doch keines⸗ wegs der Fall bei der Sage vom Sänger⸗ kriege auf der Wart⸗ burg. In dieſe iſt der Abenteurer nur eingeführt worden, um beide poeſieenreiche Sa⸗ gen mit einander zu verſchmelzen, jeden⸗ falls ein höchſt glück⸗ licher Gedanke Richard Wagner's. Gerade die Wartburgſcenen ſind es ja, welche dem großartigen Tonge⸗

ſtammende Muſik und Sangeskunſt vom Ende des 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts die provencaliſche Dichtkunſt hervorge⸗ rufen hatten, aus wel⸗ cher die allmählige Ausbildung der neuen europäiſchen National⸗ ſprachen erwuchs. Die eigenen Dichtungen Tannhäuſer's überſteigen nirgends die Mittelmäßigkeit, und es würde wohl ſein Name ſchwerlich von der Nachwelt ſo häufig genannt worden ſein, als dies geſchah und noch geſchieht, wenn die Verknüpfung ſeiner Perſon mit der Frau Venus im Hörſelberge nicht ſtattgefunden hätte. Dieſer wunderlich ge⸗ ſtaltete, höhlenreiche Hörſelberg liegt in Thüringen, unfern der Wartburg. In dieſem Berge wohnte nach dem Volksglauben in prächtigem Zauberpalaſte Frau Venus, angethan mit allen Reizen, welche Erdenſöhne beſeligen können. Die Heidengöttin war nicht unempfindlich für ſtaubgeborene Männer; doch wenn ein ſolcher ſie anſchaute, war's um den Bethörten geſchehen. Mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt zog es ihn in die Arme der reizenden Zauberin, und mit teufliſchen Netzen hielt ſie ihn umfangen, ſo daß er Gott und die Welt vergaß. So erzählte ſich das Volk in Thüringen die Sage vom Hörſelberge ſchon im 14. Jahrhundert; aber ohne Zweifel iſt unter der Frau Venus eine altgermaniſche Gottheit, Holla oder Hulda, zu verſtehen, der man auf dieſem Berge Opfer brachte. Das chriſtliche Mönchsthum verwandelte vielleicht in ſeiner Ge⸗

Panzerſchiff im ſchmimmenden Doct.(S. 480.)

mälde einen erhöhten Reiz verleihen, denn an die alte Landgrafen⸗ burg knüpfen ſich Er⸗ innerungen, wie an kein zweites Fürſten⸗ ſchloß im deutſchen Lande. Beim Be⸗ ginne jener mittel⸗ alterlichen Zeit, welche im Kampfe, in der Minne und im Liede die Aufgabe des Lebens ſuchte, wo der Ritter für ſeinen Fürſten begeiſtert das Schwert zog und für die Erwählte ſeines Herzens in die Saiten der Harfe griff, wo das Lied Liebe und Streit, Wonne am Herzen der Geliebten, oder Tod auf dem Felde der Ehre mit den verherrlichenden Farben der Poeſie übergoß, wo die unbändige Kraft, in blutiger Schlacht bewährt, ſich liebewer⸗ bend zu den Füßen holder Weiblichkeit ſchmiegte und von bunten ſüßen Liederwogen getragen und verklärt wurde beim Erwachen dieſer jugendlichen Zeit erſcheint die Wartburg als Sitz eines der edelſten und tapferſten Fürſtengeſchlechter, als echter Minnehof, zu welchem die gefeiertſten ritterlichen Sänger zogen, um hier ihren Liederſtreit zu kämpfen. Sie war das furſtliche Dichterhaus, aus welchem der Sang weit über die nachfolgende Zeit hintönte, der prophetiſche Repräſentant der Jünglingszeit Deutſchlands, das Thor der Morgenröthe für die kommenden Jahrhunderte. Mögen wir Tauſende andere Burgen erſteigen, dort iſt Alles todt und dem unerbittlichen Spruche, der zum Grabe verdammt, verfallen; auf der Wartburg aber redet jeder Stein! Hier flüſtern geheimnißvolle

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