Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 475

ſich dem ehemaligen Freunde entdeckte, ihm zuflüſterte, welche Schuld er auf ſich geladen? Vielleicht bemühte ſich dann Hartung, ihn zu retten? Aber von dieſem kühlen, gleichgiltigen Geſicht war eine ſolche Großmuth nicht zu erwarten. Wie ſorgſam prüfte der Mann Alles. Jedes Päckchen Banknoten wurde aufmerkſam ge⸗ zählt, jede Geldrolle in der Hand gewogen und dann angebrochen, um zu prüfen, ob ſie auch wirklich Gold enthielt.

Hartung nickte mehrmals befriedigt mit dem Kopfe, dann wandte er ſich plötzlich an Tannberg und ſagte in ſeiner leiſen, gedämpften Stimme:Es iſt Alles in Ordnung bis auf neuntauſend Mark, und ſeine grauen Augen ruhten dabei fragend auf dem ehe⸗ maligen Collegen, als erwarte er hierüber Aufſchluß.

Dem jungen Kaſſirer wirbelte es vor den Augen; er wollte ſprechen und konnte nicht, er fühlte nur die forſchenden Blicke des Anderen auf ſich gerichtet und es war ihm, als bohrten ſie ſich in ſeine innerſte Seele... Die Kniee drohten ihm zuſammenzubrechen; er wollte laut aufſchreien und doch kam kein Laut über ſeine be⸗ benden Lippen...

Ach, entſchuldige, lieber Tannberg, ſagte Hartung plötzlich. Er hatte eine Bewegung nach dem eiſernen Geldſchrank gemacht und kam mit einem kleinen Päckchen in der Hand zurück.Da ſind ja die neuntauſend Mark, ich habe ſie vorhin liegen laſſen das iſt mir auch noch nicht begegnet. Es werden richtig neuntauſend Mark ſein. Er riß das Päckchen auf und begann eifrig zu zäh⸗ len, ohne auf ſeinen ehemaligen Freund noch einen Blick zu werfen.

Tannberg glaubte zu träumen. War denn das Wirklichkeit oder ſpielte ihm ſeine erhitzte Phantaſie einen Streich und gaukelte ihm trügeriſch eine Rettung vor, die ja ganz unmöglich war?! Aber Hartung hielt die fehlenden Bankſcheine in den Händen und zählte eifrig weiter. Wie war dieſe Summe plötzlich in den Geld⸗ ſchrank gekommen?

Hatte ſie eine gütige Fee dahin gezaubert? War denn ein ſolches Wunder möglich und ſollte er wirklich in dem Augenblicke gerettet werden, wo ſich ihm ſchon der ſichere Abgrund geöffnet hatte?! 5Ich hätte Dir bald ein Defizit von neuntauſend Mark auf⸗ gebürdet, ſagte Hartung und jetzt huſchte doch etwas wie ein Lächeln über ſein Geſicht.Nicht wahr, das wäre kein Freund⸗ ſchaftsſtück geweſen? Du mußt mir mein Verſehen ſchon verzeihen, und er reichte Tannberg die Hand hin.

Verwirrt, keines Wortes mächtig, ergriff ſeine fiebernde Rechte die kalte Hand des Direktors.

Nun, ich hoffe, wir bleiben deshalb Freunde, begann Har⸗

ögen jene vom Abendlande veranſtalteten Heeresfahrten, a Kum die Stätten von den Ungläubigen wieder zu erobern, wo einſt der Weltheiland geboren war und gewirkt hatte, die ſogenannten Kreuzzüge, auch Millionen Menſchenleben n und ungeheure Reichthümer verſchlungen haben, ſo bilden 8 ſie doch den wichtigſten Faktor, welcher das in Ge⸗ ſittung, Wiſſenſchaft, Kunſt und Gewerbe weit zurück⸗

ſtehende Abendland mit der Intelligenz des Morgenlandes in Verbindung

brachte. Die Einwirkungen der Kreuzzüge auf den geſellſchaftlichen Zuſtand der weſtlichen Welt entſprachen einer gründlichen Umge⸗ ſtaltung. Die Veränderung des Grundbeſitzes, die vollendete Aus⸗ bildung des Ritterweſens, die wachſende Macht der geiſtlichen Herr⸗ ſchaft und Stiftung der geiſtlichen Ritterorden, die Bekanntſchaft der Völker unter einander, das raſche Aufblühen der Städte und eines immer mehr an Umfang und Bedeutung gewinnenden Han⸗ dels, Verbeſſerung des Zuſtandes der niederen Volksklaſſen, na⸗ mentlich des Bauernſtandes, die Verbreitung neuer Kenntniſſe und Beförderung allgemeiner Bildung, dies waren die Errungenſchaften einer Blutſaat, deren Jahrhunderte reifende Ernte für das Abend⸗ land ausreichte, um das Gewonnene zu feſtigen und zu verwerthen, und in mancher Beziehung auch das Stammland der feineren Kul⸗ tur, aus welchem man geſchöpft, zu überflügeln.

Eine eigenthümliche Folge der Kreuzzüge war die Fortentwicke⸗ lung des Wandertriebes, der ſeit ſo vielen Jahrhunderten die Pilger nach dem gelobten Lande geführt hatte und welcher ſchließlich zu einem abenteuernden Vagabundenthume hinleitete, das ſich zu geiſtlichen und weltlichen Zwecken in aller Herren Länder herumtrieb. Hiezu zählten in erſter Linie auch die ſogenannten

fahrenden Sänger, die bereits im 12. Jahrhundert eine erkleckliche Zunft bildeten. Der feine, ritterliche Sänger der Pro⸗

vence und der lockere, dichteriſche Herumtreiber Deutſchlands, ſie waren urſprünglich auf gleichem Boden gewachſen. Letzteren gehörte

tung von Neuem.Grüße Deine Frau und ſag' ihr, ich hätte meine Pflicht gethan. Ein mildes, faſt verklärtes Lächeln ver⸗ ſchönte jetzt ſein ſonſt ſo ſtrenges, ernſtes Antlitz. Raſch em⸗ pfahl ſich der Direktor, als wolle er jeder weiteren Erörterung ausweichen.

Tannberg war Alles noch immer wie ein Traum. Die unterſchlagenen neuntauſend Mark hatten ſich plötzlich gefunden. Sein Verbrechen war nicht entdeckt. Er konnte noch einmal aufathmen. Es litt ihn nicht länger im Kaſſenzimmer.

Unter einem ſchicklichen Vorwande ſuchte er ſich zu entfernen und eilte nach Hauſe. Jubelnd, unter heißen hervorbrechenden Thränen ſtürzte er in die Arme ſeiner Frau.Ich bin gerettet! O, mein Gott, ich kann das Wunder noch nicht begreifen!

Auch Ottilie war völlig faſſungslos. Die Wandlung aus dem tiefſten Elend, dem grenzenloſeſten Jammer kam zu unerwartet... Sie fragte mit bebenden Lippen, wie das möglich geworden? Er mußte Alles erzählen und dabei fiel ihm erſt jetzt das ſeltſame Wort Hartung's auf und der Gruß, den er ihm an ſeine Frau aufgetragen.

Ottilie hörte ihm aufmerkſam zu, dann ſagte ſie tief ergriffen: Ja, Max, der Edle hat ſeine Pflicht gethan... Er allein hat Dich gerettet. Als er ſeine Gattin verwundert anblickte, berichtete ſie ihm von ihrem Schritte, den ſie unternommen.Und während er mir kühl und ruhig aus einander ſetzte, daß er Dir nicht helfen könne, hat er Dich doch gerettet... O, das vergelte ihm Gott!

Nun erſt begriff Tannberg Alles, und ſein im Grunde weiches, dankbares Herz wurde tief erſchüttert.Wie habe ich dieſen be⸗ wundernswürdigen Menſchen verkannt! rief er lebhaft aus,fortan will ich mit wahrer Verehrung zu ihm aufblicken, und Dir, meine einzige theure Ottilie, ſchwöre ich nicht mehr, mich zu beſſern, aber mein ganzes Leben ſoll Dir den Beweis liefern, daß ich von jetzt ab ebenfalls meine Pflicht kenne und ſie gewiſſenhaft erfüllen werde.

Tannberg hielt Wort. Nachdem er Alles auf das Spiel ge⸗ ſetzt und verloren hatte, fand er ſeine frühere Zufriedenheit wieder und damit kehrte auch für ihn und die Seinen Glück und Frieden zurück. Durch ernſteſte Thätigkeit und Sparſamkeit beſſerten ſich auch ſeine pekuniären Verhältniſſe nach und nach wieder, ſo daß er ſchließlich auch im Stande war, ſeinem Freunde Hartung die geliehenen neuntauſend Mark zurückzuerſtatten. Dieſer wollte das Geld jedoch durchaus nicht nehmen und vermachte es ſchließlich dem Töchterchen Tannberg's, der es an ihrem vierundzwanzigſten Ge⸗ burtstage ausgezahlt werden wird.

Der Tannhäuſer.

Kulturhiſtoriſche Skizze von Otto Moſer.

(Nachdruck verboten.)

auch der Tannhäuſer an, welcher neuerdings durch Richard Wagner's gefeierte Tondichtung einen weltberühmten Namen er⸗ langt hat, den aber von allen bekannten fahrenden Sängern des Mittelalters gerade Niemand weniger verdiene, als er. Jeden⸗ falls hat dieſer luſtige, leichtlebige, in ewiger Geldnoth befindliche Wanderſänger bei Lebzeiten ſich nicht träumen laſſen, daß er län⸗ ger als ein halbes Jahrtauſend nach ſeinem Tode dazu auserſehen werden ſollte, eine ſo große Rolle zu ſpielen. Es iſt die Sage von der Frau Venus im Hörſelberge und dem von ihr bezauberten Tannhäuſer, in Verbindung gebracht mit der Sage vom Sänger⸗ kriege auf der Wartburg, durch das Wagner'ſche Tongemälde zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden, und deshalb dürfte es wohl von Intereſſe ſein, zu erfahren, wie weit die dichteriſche Freiheit hier von der hiſtoriſchen Wahrheit abgewichen iſt.

Er war kein Mann gewöhnlichen Schlages, der Tannhäuſer, ſondern von rittermäßiger Geburt, wie Einige wollen aus dem öſterreichiſchen Geſchlecht der edlen Herren von Tannenhuſen, und nach anderen Anſchauungen vom fränkiſchen Stamme der Freiherren von der Thanne. Schon in jungen Jahren hatte er das abenteuer⸗ liche Leben eines herumziehenden Sängers und Dichters gewählt, doch ließ er ſeine Kunſt nicht vor gemeinen Leuten hören, ſondern ſuchte nur Fürſtenhöfe und Herrenburgen auf. Zuerſt taucht der Tannhäuſer um das Jahr 1238 am Hofe des Herzogs Friedrich von Oeſterreich auf, bei welchem Fürſten er in hoher Gunſt ſtand. Durch verſchiedene Loblieder, die er auf denſelben dichtete, geſchmei⸗ chelt, beſchenkte der Herzog den Tannhäuſer mit einigen Lehens⸗ gütern, die dieſer jedoch durch Schwelgerei und wüſtes Leben bald verpraßte. Faſt bei allen fahrenden Sängern jener Zeit, und ſo auch beim Tannhäuſer, bilden Klagen über ihre Armuth und die große Sparſamkeit der Fürſten den hauptſächlichen Stoff ihrer ziemlich gedankenarmen Dichtungen, abwechſelnd mit widerwärtigen, kriechenden Lobhudeleien und Verherrlichungen, wie ſie in unſerer