Jahrgang 
14-26 (1877)
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nach ihr die Arme aus. 3

Die junge Frau erhob ſich und trat einen Schritt zurück. Es war ihr unmöglich, in der Nähe ihres Mannes zu bleiben; ſie empfand plötzlich gegen ihn eine Abneigung, die ſie vergeblich zu be⸗ herrſchen ſuchte..

Du wendeſt Dich von mir?! O, verlaſſe mich nicht, wenn ich nicht völlig verzweifeln ſoll! bebte es von ſeinen zitternden Lippen.

Dies Wort rief ſie zu ihrer Pflicht zurück. Sie konnte ihn nicht mehr achten, aber ſie durfte ihn jetzt nicht verlaſſen, jetzt, wo er hoffnungslos und verzweifelnd nach ihr die Arme ausſtreckte.

Und iſt Dir gar nicht mehr zu helfen? Iſt nicht die Summe auf irgend eine Weiſe zu ſchaffen? fragte ſie langſam und zögernd.

Nein, nein, ſie iſt zu groß, es fehlen neuntauſend Mark, ſtieß er heftig heraus.Heute iſt die Reviſion, Hartung wird glücklich ſein, mich vernichten zu können, und mit einem düſteren Lächeln ſetzte er hinzu:Wie wird er ſich freuen, daß er ſich jetzt an dem glücklichen Nebenbuhler endlich rächen kann.

Trauſt Du ihm wirklich eine ſo unedle Geſinnung zu?

Ich müßte die Menſchen nicht kennen, war ſeine Antwort, indem er bitter auflachte.Der hat längſt auf eine ſolche Gelegenheit gelauert, und nun muß mich das heimtückiſche Schickſal ſo verfolgen, daß ich ihm in die Hände falle.

Ottilie mochte ihrem Manne nicht ſagen, daß er ſich ja ſein Schickſal ſelbſt geſchaffen habe, und ſie fragte nur:Liegt denn die Reviſion allein in Hartung's Händen?

Das gerade nicht, war die Antwort,aber er iſt der Einzige, der es damit genau nimmt. Die Anderen würden gar nichts merken, davon bin ich überzeugt, denn die ſind viel zu oberflächlich.

Wann iſt die Kaſſenreviſion? fragte ſie nach kurzem Sinnen weiter.

Um zwölf Uhr iſt ſie angeſagt.

Und willſt Du heute nicht in's Bureau gehen?

Was kann es helfen?! Doch Du haſt Recht! rief er plötzlich. Ich will nicht feige fortbleiben, mag auch das Schlimmſte über mich zuſammenbrechen. Er erhob ſich mit einem raſchen Entſchluſſe und kleidete ſich an.

Zu ſeiner Verwunderung verließ Ottilie das Zimmer, ohne ein Wort zu entgegnen. Ihr froſtiges Benehmen erſchütterte ihn tief.Ich habe auch Ottilie verloren, dachte er ſchmerzlich ergriffen,denn ſie wird es mir nie verzeihen, daß ich fremde Gelder veruntreut habe, und doch iſt es nur um ihretwillen geſchehen. Seine Frau kam bald darauf mit dem Frühſtück; aber ſie blieb ſchweigſam und hatte kein tröſtendes, beruhigendes Wort für ſeine namenloſe Qual. Er fragte nach ſeinem Kinde.Es ſchläft noch, war ihre Antwort, und doch wußte er, daß ſie nicht die Wahrheit ſagte, daß ſie ihn nur von ſeinem Kinde fern halten wollte und ihn nicht mehr für würdig hielt, es zu ſehen und an ſeine Bruſt zu drücken... In wilder Verzweiflung ſtürzte er fort, ohne das Frühſtück zu berühren. 3

An der Thüre wandte er ſich noch einmal um, einen flehenden Blick auf ſeine Gattin werfend.

Sie verharrte regungslos in ihrem blaſſen Antlitz war nicht die geringſte Spur von Mitleid und Theilnahme zu bemerken.

Lebe wohl, ſagte er leiſe.

Lebe wohl... entgegnete ſie ruhig, ohne ſich von der Stelle zu rühren.

Wie ein Verzweifelter ſtürmte er hinaus.

Ottilie ſah ihrem Manne wie in geiſtiger Erſtarrung nach, plötzlich kam in ſie wieder Leben und Bewegung. Sie warf einen Mantel über und eilte nun ebenfalls aus dem Hauſe. Eine Droſchke trug ſie raſch an ihr Ziel. Sie hatte wie aus einem mächtigen dunklen Antriebe gehandelt; erſt jetzt, als ſie vor der Thüre ſtand, die ein Schild mit dem einfachen NamenHartung trug, kam ſie zur Beſinnung. Was wollte ſie denn eigentlich?!

Bei demjenigen um Gnade bitten, den ſie damals entſchieden zurückgewieſen. Sollte ſie ſich wirklich dieſer tiefſten Demüthigung ausſetzen? Aber durfte ſie zögern, wo es galt, ihren Mann, den Vater ihres Kindes, vor Schimpf und Schande, vor dem Zuchthauſe zu retten!?

Ohne Zögern zog ſie an der Klingel. Eine alte Frau öffnete, und auf ihre Frage nach dem Herrn Direktor wurde ſie in ein ſehr einfaches Zimmer mit dem Bedeuten geführt, Herr Hartung werde ſogleich erſcheinen.

Schon die Einrichtung dieſes Vorgemaches bewies, daß dem jetzigen Bankdirektor ſein Glück nicht zu Kopfe geſtiegen war. Hier herrſchte die größte Einfachheit, auch konnte er keine großen Räume

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bewohnen, denn er hatte nur die Hälfte des erſten Stockwerkes inne und das alterthümliche, unanſehnliche Haus war ziemlich ſchmal. Ach, waxum hatte ihr Mann ſich nicht ebenfalls damit begnügt, ir einfachen, ſchlichten Verhältniſſen zu bleiben?!

Jetzt ging ſchon die Thüre auf und Herr Hartung erſchien auf der Schwelle. Er hatte ſich nicht im Mindeſten verändert, ſeine Haltung, ſein ganzes Auftreten war noch immer ſo kühl und eckig wie ſonſt. War ſein Herz von ſeiner damaligen Schwärmerei für Ottilie längſt geheilt, oder wußte er ſich völlig zu beherrſchen? In ſeinem Antlitz zeigte ſich kaum die leiſeſte Bewegung und ihren Gruß höflich erwidernd, bat er ſie, ihm in ſein Empfangs⸗ zimmer zu folgen und fragte nach der Urſache ihres Beſuches. In der förmlichſten Weiſe erſuchte er ſie dann, Platz zu nehmen. Selbſt ihr langes Schweigen, ihre ſichtbar hervortretende Aufregung ſchien ihn nicht zu befremden.

Ruhig wiederholte er ſeine Einladung, Platz zu nehmen und ſetzte dann in ſeiner nüchternen, zurückhaltenden Weiſe hinzu:Wo⸗ mit kann ich dienen?

KOtttilie athmete noch einmal tief auf, dann begann ſie leiſe mit bebenden Lippen:Ich komme als Bittende zu Ihnen. Sie allein können uns retten. Ihre Augen ſuchten dabei die Hartung's, doch er ſenkte die ſeinen zu Boden, als wolle er doch ihren Blicken ängſtlich ausweichen.

Der Direktor war mitten im Zimmer ſtehen geblieben und

antwortete nicht. Auch ſein Geſicht blieb unverändert. In fliegender Haſt und kaum ihrer Thränen mächtig, bekannte ſie ihm jetzt Alles... Er hörte ihr ruhig mit untergeſchlagenen Armen zu und ſagte jetzt ſo kühl und nüchtern wie immer:Ja, das iſt ſchlimm. Da läßt ſich nichts thun!

O, Sie allein können meinen Mann retten, Max ſagte es mir. In Ihren Händen wäre ſein Schickſal.

Das wüßte ich nicht. Ich vermag gar nichts.

Ueben Sie Barmherzigkeit! Und wenn Sie je ein wärmeres Gefühl für mich gehabt, dann retten Sie jetzt meinen Mann, den Vater meines Kindes, vor Schimpf und ewiger Schande!

Sie wollte vor ihm auf die Kniee ſinken; aber er kam ihr mit

einer haſtigen Bewegung zuvor und in ſeine hagere, trockene Ge⸗ ſtalt trat ein wenig Leben.Ich bedaure wirklich doch ich veren

mag da nichts zu thun meine Pflicht, mein Amt*

Weiter kam er nicht:Nein, nein, Sie dürfen mich in meiner grenzenloſen Verzweiflung nicht zurückweiſen. Seien Sie groß⸗ müthig und erbarmen Sie ſich meiner und ich werde bis zum letzten Athemzuge Ihr Andenken ſegnen.

Ich muß als Reviſor meine Pflicht erfüllen, ſo traurig ſie iſt, entgegnete Hartung achſelzuckend.Aber wie hoch beläuft ſich die Summe?

Max ſagte, es fehlen neuntauſend Mark.

Hm, das iſt viel, murmelte Hartung.Es thut mir auf⸗ richtig leid. Sie werden hoffentlich meine Lage begreifen. Ich darf mich doch nicht zum Mitſchuldigen der Unterſchlagung ſtempeln?

Dies Wort verfehlte auf Ottilie nicht ſeine Wirkung. Daran hatte ſie noch gar nicht gedacht, und wie von einem heftigen Schlage berührt, zuckte ſie zuſammen:Sie haben Recht, ſagte ſie unter hervorbrechenden Thränen.Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen eine ſolche Zumuthung zu machen wagte, aber ich hatte nur den einen Gedanken, meinen Mann zu retten, und nun ſehe ich wohl, daß wir dem Untergange geweiht ſind. Leben Sie wohl!... Und völlig gebrochen eilte ſie hinweg.

Hartung ſah ihr mit trübem, ſchmerzlichem Lächeln nach, aber er machte nicht die leiſeſte Bewegung, ſie zurückzuhalten.

Wenige Stunden ſpäter erfolgte die Kaſſenreviſion. Tannberg hatte wenigſtens ſeine Faſſung ſo weit wieder gewonnen, daß er alles dazu vorbereiten konnte. Der Defekt war nicht zu verbergen das wußte er. Die peinliche Gewiſſenhaftigkeit Hartung's mußte ihn raſch und ſicher entdecken und jetzt erſchien ſchon der Herr Direktor mit ſeinen Collegen. Er war ſo kühl und nüchtern wie immer.

Dem Kaſſirer flirrte es vor den Augen; er wußte kaum noch, was er ſprach, was er that. War es nicht das Beſte hinaus⸗ zuſtürmen und ſich wenigſtens der augenblicklichen Verhaftung zu entziehen? In wenigen Minuten war ja Alles entdeckt! Aber was konnte ihm eine Flucht noch helfen? Er wollte auf ſeinem Platze verharren und ruhig ſeine Erklärung abgeben um den Becher bis auf die Hefe zu leeren... In völliger Klarheit ſtand es plötzlich vor ſeiner Seele, daß er ſein Schickſal verdient habe.

Die Bücher wurden vorgelegt und jetzt ging es an die Reviſion der Kaſſenbeſtände. Hartung allein unterzog ſich dieſer Aufgabe, ſein College wanderte müßig, gelangweilt durch das Zimmer und überließ Alles dem eifrigen Direktor, deſſen Umſicht und Scharfblick ja bekannt war. 1

Ein Gedanke blitzte durch das Hirn Tannberg's. Wenn er

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