Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeilt.

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nungslos vor Wuth.Ottilie, das kannſt Du ſagen? Du kannſt mir die tiefſte Demüthigung gönnen, die mir in meinem Leben widerfahren iſt, daß ein ſolcher Einfaltspinſel mir plötzlich als mein hoher Chef vorgeſtellt wird! O, Du haſt mich nie geliebt, ſonſt würdeſt Du bei dem härteſten Schlage, der mich betroffen hat, nicht ſo ruhig ſein!

Max, ich erkenne Dich nicht wieder, entgegnete die junge Frau erſchrocken.Ich glaubte Dein harmloſes Kindergemüth von jedem Neid frei, und jetzt gewahre ich zu meinem Schmerz

Ach, ſprich doch nicht von Neid! unterbrach er ſie heftig. Davon iſt gar keine Rede! Aber begreifſt Du nicht, wie furcht⸗ bar das ſchmerzt, wenn uns plötzlich ein Menſch vorgezogen wird, der an Talent und Kenntniſſen ſich gar nicht mit uns meſſen kann, und den wir nun als hohen Chef demüthig verehren ſollen!? Das gräbt ſich mit tauſend Meſſern in die Bruſt und ich fürchte, ich werde noch wahnſinnig darüber.

Ottilie bemühte ſich noch einmal, eine Aufregung zu beſänf⸗ tigen, die ihr beinahe unverſtändlich war. Es mußte ihrem Gatten etwas empfindlich ſein, daß er plötzlich ſeinen früheren Collegen hoch über ſich ſah das wollte ſie ja gern zugeſtehen aber darüber ſo furchibar zu grollen und zu verzweifeln, hatte er kein Recht.

Lieber, einziger Max, willſt Du mich ruhig anhören? bat ſie und ſchmiegte ſich zärtlich an ihn an.

Er nickte ihr nur mit verſtörter Miene zu, ſein ganzes Weſen verrieth deutlich, daß er ihren Wunſch nicht zu erfüllen vermochte. Denke doch daran, wie glücklich Du geworden biſt, daß Du die Kaſſierſtelle erhalten haſt, und laſſe Dein eigenes Glück durch den Gedanken nicht trüben, daß auch Anderen plötzlich ein überraſchend beſſeres Loos geworden. Und weißt Du denn, ob Hartung trotz alledem glücklich iſt? Mir ſcheint er nicht beneidenswerth.

Nicht? preßte ihr Mann mit wuthzitternden Lippen hervor, indem bei dieſen Worten der ſo lange verhaltene Groll von Neuem losbrach.Weil Du gar keine Ahnung haſt, was er als Direktor für Gehalt bezieht. Du wirſt anders ſprechen, wenn ich Dir ſage, er bekommt rund dreißigtauſend Mark, und mit ſeiner Tantième als Direktor hat er mindeſtens eine jährliche Einnahme von achtzigtau⸗ ſend Mark. Hörſt Du, achtzigtauſend Mark!

Er wiederholte die Summe mit eigenthümlicher Betonung.

Und wenn er noch mehr bekäme, entgegnete Ottilie ruhig, glücklich, wahrhaft glücklich iſt er dennoch nicht, und glaube mir, Max, daß er Dich trotz alledem beneidet, obwohl er jetzt Direktor und Du nur Kaſſirer biſt.

Er ſah ſie mit einem verwunderten, zerſtreuten Blick an, und da ſie nun ein wenig erröthend ihre Augen zu Boden ſenkte, ohne noch etwas zu ſagen, ſchien ihm eine Erinnerung zu kommen:Ach, Du denkſt, weil er damals von Dir einen Korb bekommen hat? fragte er mit bitterem Auflachen.Glaub' nur, Ottilie, das hat ihm nicht das Herz gebrochen, denn er hat immer nur ein Konto⸗ buch in ſeiner Bruſt getragen und er kennt jetzt gewiß keine andere Seligkeit, als eine Million zuſammenzuſcharren, und bei dem fabel⸗ haften blinden Glück, das dieſen Menſchen überall verfolgt, wird es ihm leicht gelingen. 5

Widerlegſt Du Dich damit nicht ſelbſt? fragte Ottilie, und als Tannberg ſeine Gattin nur verwundert anſah, fuhr ſie ruhig fort:Iſt es denn ein ſolches Glück, einmal eine Million zu be⸗ jitzen und darüber auf Alles zu verzichten, was das Herz allein mit tauſend Seligkeiten ausfüllt und in die Bruſt den tiefſten Frieden gießt?!... Denke, Max, was wir Alles haben uns felbſt, unſere ewig junge Liebe, unſer theures Kind. Du haſt ja früher ſtets geſagt, daß Du mit Niemandem tauſchen mögeſt, und warum ſoll nun plötzlich Alles anders ſein, weil das launenhafte Schickſal einem armen ehemaligen Freunde, der nichts beſitzt, als ſich ſelber und den Traum eines künftigen Reichthums, eine beſſere Stellung geſchenkt, als Du inne haſt.

Ach, Du verſtehſt mich nicht, entgegnete Tannberg doch ein wenig beſänftigt.Es iſt mir ja gar nicht um mich zu thun, aber ich bin außer mir darüber, daß Du jetzt nur die Frau eines armen Kaſſirers biſt und Hartung hochmüthig auf uns herabſehen kann.

Thut er das?

Ich könnte das gerade nicht ſagen, nur hat er ein ſo über⸗ müthiges Lächeln, wenn er mit mir ſpricht, als wollte er mir zu wneten geben, Du haſt zwar damals gewonnen, aber jetzt doch ver⸗ pielt.

Laß Dich das nicht anfechten, Max, entgegnete ſeine Frau, wir ſind dennoch glücklicher, als er es werden kann.

Ihr Gatte ſchüttelte finſter den Kopf, und Ottilie gewahrte wohl, daß all' ihr Zuſpruch vergeblich ſei. Er kam immer wieder darauf zurück, daß ihm das Schickſal einen heimtückiſchen Streich geſpielt habe, und da ihm ſeine Frau nicht zuſtimmte, verſchloß er

ſich völlig, und ſie ſah mit tiefem Schmerz, daß er nicht mehr wie

früher in ſeiner ſtillen Häuslichkeit Glück und Frieden fand. Er kam nicht wie ſonſt ſogleich nach Schluß der Bureauſtunden heim, ſondern erſt mehrere Stunden ſpäter, ja er blieb jetzt ſchon bis Mitternacht aus und zuletzt geſchah es oft, daß er erſt am frühen Morgen in ſeiner Wohnung erſchien.

Anfangs hatte Tannberg ſich noch verpflichtet gehalten, ſein längeres Ausbleiben durch überhäufte Arbeit zu entſchuldigen, doch bald hielt er auch dies nicht mehr für nöthig und zum Entſetzen der jungen Frau gewahrte ſie, daß er ſeinen Schwur nicht gehalten hatte und nur zu oft berauſcht nach Hauſe kam.

Wohl ſtellte ſich Ottilie ſchlafend, wenn ſie hörte, daß er leiſe die Thüre zu öffnen ſuchte; aber ſein Gang, ſein ganzes Auftreten war das eines Betrunkenen.

Trotzdem mochte ſie es anfangs nicht glauben; es war ja nicht möglich, daß er plötzlich wieder ſich ſo tief verirren konnte. Sie mußte Gewißheit darüber haben und eines Morgens, als er auch wieder ſehr ſpät nach Hauſe gekommen war, ſtand ſie leiſe auf beugte ſich über ihn hinweg und der widerliche Weindunſt, den er ausathmete, bewies ihr, daß ſie um eine bittere Täuſchung reicher ſei.

Nun kannte die unglückliche Frau ihr Schickſal;... ſie wußte, daß ihr Mann den Abgrund vollends hinunterrollen würde und ſie nicht die Kraft hatte, ihn zurückzuhalten. Ach, damals war ſie ſo ſtolz und glücklich in dem Gedanken geweſen, daß ihre Liebe allein ihn vom ſicheren Verderben zurückreißen könne. Er hatte ihr den feierlichſten Eid geleiſtet, auf ſeine Leidenſchaft zu verzichten und dem Trunk zu entſagen. Jetzt, wo er ſeinen Schwur einmal ge⸗ brochen, gab es für ihn kein Zurück. So hatte Hartung mit ſeiner Warnung doch Recht gehabt!

Tannberg bemerkte wohl zuweilen die verweinten Augen ſeiner Frau, den tiefen verſchwiegenen Gram in ihrem blaſſen Antlitz; aber er ſuchte dann ſo raſch wie möglich am Morgen fortzukommen und beim Mittageſſen klagte er über Kopfſchmerz oder über Verdrießlich⸗ keiten im Geſchäft.

Wenn ſich Ottilie dann doch bemühte, ihn durch ein zärtliches Entgegenkommen wieder an's Haus zu feſſeln, ſagte er ſtets aus⸗ weichend:Ich habe den Kopf ſo voll, liebes Kind, und muß mich ein bischen zerſtreuen; aber das wird Alles bald ganz anders werden. Du ſollſt Augen machen! Du wirſt am längſten die Frau eines lumpigen Kaſſirers geweſen ſein, weiter ſag' ich nichts und mit dieſen geheimnißvollen Andeutungen eilte er raſch hinweg.

Max kam beſtändig auf dieſe Reden zurück, ohne ſich näher darüber auszuſprechen. Bald zeigte er ſich dabei übermüthig, ſich wie ein Emporkömmling blähend, bald unruhig und zerſtreut.

Ottilie wußte nicht, was ſie von all' dem denken ſollte. Wenn er, wie im Fieber, von dem glänzenden Leben ſprach, das ſie noch einmal führen würden, dann erfüllte eine unerklärliche Unruhe ihre Bruſt, als ſtände ihr noch was Schrecklicheres bevor. Ach, ſie hatte keine Sehnſucht nach einem noch prächtigeren Daſein, ſondern nach der ſtillen, beſcheidenen Vergangenheit, wo ſie mit Wenigem ſo glücklich geweſen waren!

Mit welchen Plänen trug ſich ihr Mann herum? Suchte er jetzt auch, wie ſo Viele, an der Börſe ein Vermögen zu erjagen?

Wie eingezogen auch die junge Frau lebte, die wilde Jagd nach dem Glück, die ſich jetzt plötzlich der Welt bemächtigt hatte, war ihr doch nicht völlig entgangen. Dafür ſorgt ſchon der Aufenthalt in einer großen Stadt, daß uns, ſelbſt bei der größten Abgeſchloſſenheit, die Zeitſtrömungen nicht gänzlich verborgen bleiben. Aber Max konnte ja unmöglich ſich ebenfalls an die Börſe wagen, er hatte ja kein Vermögen, und ſeitdem er ſo viel außer dem Hauſe lebte, ſah ſich die junge Frau trotz ſeines jetzt weit höheren Gehaltes ſehr oft in ihren Ausgaben beſchränkt und Max vermochte kaum für das Nothwendigſte das erforderliche Geld herzugeben.

In letzter Zeit ſchwand bei ihrem Gatten immer mehr die fröhliche kecke Zuverſicht, mit der er von einer glänzenden Zukunft geſprochen hatte; er zeugte ſich zerſtreuter, unruhiger denn je, aber er wich ihren zärtlichen, beſorgten Fragen ſtets mit den Worten aus: Ich werde ſchon heraufkommen, laß das nur meine Sorge ſein. Sie mochte dann immer entgegnen, daß ſie ja niemals glücklicher geweſen ſeien, als damals, wo ſie mit dem dürftigſten Gehalt aus⸗ kommen gemußt; er hatte dafür kein Verſtändniß und entwickelte dann mit um ſo größerem Eifer ſeine Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft. Ach, und er gewahrte nicht das trübe, ſchmerzliche Lächeln ſeiner armen Frau, die nur unter dem Druck der düſteren Gegen⸗ wart ſeufzte, und die mit tieferem Schmerz erkannte, daß ihr Ehe⸗ glück auf immer in Scherben lag... Das kam nicht wieder auch wenn es wirklich ihrem Manne gelang, die kühnen Zukunftsträume zu verwirklichen, die beſtändig vor ſeinen brennenden Augen fun⸗ kelten.

Eines Tages kehrte Max noch ſpäter als ſonſt nach Hauſe und